Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1936)
- Date
- 1936-07-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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23. Juli 1936 üer Israelit Nr. 30 Seite 3 Golus, Gallith und Golah, (Fortsetzung von Seite 1.) Mohammedaner auffaßten; es war auch nicht nur das in die Tradition und Dogmatik fest eingebaute heilige Land; sondern dieser nackte Boden war Heimat und Mutter Erde des jüdischen Volke s." (Aus einem Essai über Jehuda Halevi in dem eben bei Schocken erschienenen Buche „Galut" von Izohak Fritz Baer). Golus oder Galuth sprechen wir das hebräische m^Ä aus. Und dennoch ist in unserem Sprachempfinden das neue 'Galuth nicht gleichbedeutend mit dem alten Golus. Galuth ist Wunsch und Hoffnung, eine Parole, eine Verpflichtung, ein Wort, das man mit Stolz und einigem Kämpfermut ausspricht, Golus ist ein Schicksal, das man still und geduldig trägt. Jeremias und Jecheskel leiteten und trösteten das Volk in der Golah, deren Zeitgebundenheit sie wußten und kündeten. Jehuda Halevi, der große Zionssänger, der in der kastilischen Blütezeit kein Golus kannte, sang aus dem Zittern des „Galuth" heraus seine Lieder der Zionssehnsucht. Die deutschen Selichothdichter, in Nacht und Not des Mittelalters, verklären das G o 1 u s 1 e i d , ganz wie wir es kennen. Vom G a 1 u f h spricht man. Golus hat und trägt man. Der Jude des Ostens hat sein . Golus; mit den schlechten Geschäften; mit den Kindern, die nicht nach seinem Geiste handeln: mit dem „Pristaw", der die Gesetze stets zu seinen Ungunsten deutet und anwendet. Galutih kann man verneinen oder bejahen, man kann in geistvollen oder fruchtlosen Auseinandersetzungen über die Ueb erwindung des Galuth diskutieren. Aber beide, die Bejaher wie die Verneiner des Galuth, befinden sich im Golus. Die arme jüdische Frau im litauischen oder galizischen Städtchen, die am Freitag vor dem „Lichtbemschen" ihren kleinen, vom (Munde abgesparten Obolus in die rote Büchse warf, ahnte, daß irgendwo im blauen Horizonte ein Wunderland blüht, das, egal, ob dort zur Zeit Juden leben oder nicht, das jüdische Land sei, das Land der heiligen Ruinen und der heiligen Gräber. Sie, das arme jüdische Weib, das unter Tränen ihre Woche mit Licht und Spende'vabschloß, war die Golah, und von dort, vielleicht vom heiligen Grabe des Wundermannes Rabbi M e i i r , winkte die Geullah, deren einen Hauch man schon mit dem gerade eintretenden Sabbat verspürte. Hier war Ueberwindung des Golus. Sie, das Weib am Sabbatlicht, und er,-der Mann, der sich zum Sabbatempfange rüstete, oder am 9. Aw barfüßig und gesenkten Hauptes zu Boden saß, sie konnten das Schicksal nicht wandeln, sie' ■. waren die Golah im G.o 1 u s , das in die Geullah wies. Galuth als stolzen Ruf kannte sie nicht. Als vor;,hundert Jahren Deutschlands Juden glaubten, ,,mit dem Auszug aus dem Ghetto zugleich aucii den: A. u s.z u g aus dem Golus vollführt^zjü,,haben, hörten sie damit mählich äüf, Golah zu, sein. Hinweis und Hoffnung auf die alte Heimat, auf Messias und Erlösung mußten aus. dem Gebetbuche schwinden. Mutter Zion trug es ihnen nicht nach. Hat man je gesehen, daß; eine Mutter, wenn ihre Kinder in Not;sind, ihnen; ihre unkindliche Leblosigkeit vorhält und;dje helfende Hand verwedjgert? Mutter Zion breitete ihre liebenden Hände aus und nahm auch diejenigen , schützend auf, die in all den Jahren?siej verleugneten und erst in der Not Schutz und Bergung bei ihr suchten. Bis — — ^-.^ ' Bis Muster Zion, unmittelbar nach dem Feste der ^Befreiung dieses Jahres, selber in Not und Drangsal'geriet,; bis schlagartig d a s G o 1 u s mit :all seiner Bitterkeit, all seine Gefahren auf die Heimat übergriff und Mutter Zion vorübergehend selber nichts zu geben hat, als Angst, Tränen und Trauer. Was nun? Mag sein, daß viele, die erst von den wogenden Stürmen in die Heimat zur Mutter getrieben wurden, verzagen und verzweifeln werden. Wir alle aber, die wir uns schon in all den Wandlungen der Zeiten als eine Golah empfanden, mit dem Blicke nach Zion, der Stadt, die auch in der Asche die Stadt der vollendeten Pracht *>3y bbSft bleibt, wir können nicht zagen noch zweifeln. In der zweitausendjährigen Trauer warm eingebettet, lebt die jüdische Hoffnung. Nicht aus Not und Drangsal heraus kommt der Sehnsuchtsschrei Jehuda Halevis nach Zion, sondern aus einer Periode von Glanz und Glück. Wir haben mit Halevi in glücklichen Zeiten wie mit den deutschen Paitanim in den schlimmsten Tagen um Zion gesungen und gerungen, gehofft und geharrt, geweint und gewartet. Wilde Wellen, die in der Geschichte aufbrausen und abebben, können der eisernen Messiasburg unserer Zionshoffnung nichts anhaben. Galuth legt uns- Verpflichtungen in und für Erez Jisroel auf, denen sich heute gewiß keiner entziehen kann, so er zur Golah zählen will. Aber aus der Golah im Golus steigen Lieder am 9. Aw als Klage und Gelöbnis zu Ihm auf, der Zion uns und der Welt neuerbaut. mn« npio ]T>s orniv Allein bei der Heiligen Mauer. Im Jerusalemer „Haolam" scthildert eine Mitarbeiterin ihre Erlebnisse an der seit Monaten verödet dastehenden Heiligen Mauer. Am letzten Freitag 12.30 Uhr nachmittags stieg ich in die Altstadt hinunter, mit dem Ziele nach der Westmauer, Ich erkundigte mich erst auf dem Polizeirevier nach der Möglichkeit solchen Besuches, und man sagte mir, daß gerade um diese Zeit, da die Moslims aus dem Freitagsg'ttesdiensi; in der Omarmoschee strömen, es nicht ratsam sei, allein dahin zu gehen. Man gab mir einen arabischen Korporal mit, well man einem jüdischen oder britischen Polizisten diese Mission nicht zumuten mochte. ( Langsam stieg' ich die Stufen zur Altstadt hinunter. Der Ström des vollen Lebens, der hier sonst so hohe Wellen schlägt, ist vollkommen versiegt. Todesstille herrscht in den engen Gäßch-en. Hie und da sieht man arabische Kinder anj; Holztischchen, die süßen Kuchen verkaufen, auf-dem Schwärme von kleinen schwarzen Fliegen lagern. Der große Schuk in der Davidstraße ist vollkommen verödet, und in den leeren Körben miauen schwarze Katzen» Einige Irrsinnige, die wahrscheinlich in die Moschee nicht hineingelassen werden,; torkeln in vollkommen verwahrlostem Zustande mit wilden Gesten durch die*;Gassen. 'Blinde tappen an der Mauer entläng.; Nun bin iofc;an dem Gang,' der zur Mauer fültrt. Ich erkenne; den mir vertrauten Platz fast -nij^htHiüeder. Die;Laterne, die am Eingang den Betendjen um die (Mitternacht leuchtete und besonders! in der Nacht zum 9. Aw dem Platz d#e; jwieichtraurige; Stimmung gab, ist zerschmettert! Wo sind die; Scharen von Almosenheischen-r den, die in der Mauernische, hohlwangig mit flehenden Augen, die Hand ausstreckten? Man pflegte sich sonst über diese lästigen Störer zu ärgern, nun empfindet man starkes Heimweh nach diesen Gestalten, die zu den nackten Steinen so gehörten, als wären sie aus ihnen her- , ausgewachsen. „Wir haben den Platz den Wilden preisgegeben," ist der erste Gedanke, der uns hier überkommt. Auf der linken Seite der Mauer, dicht daneben befindet sich eine uralte kleine Synagoge, wo greise weise Menschen treu die Wacht hielten. Sie wohnten hier, um das Heiligtum zu bewachen, und am Sabbat und Feiertagen pflegten auch viele von der Betergemeinde an der Mauer in dieser nahen Schul ihr Gebet zu beenden. Ich trete in den Hof. An Stelle der alten sephardischen Juden, die da den ganzen Tag ihre Psalmen beteten und Sohar lernten, sitzen nun Dutzende von arabischen Müßiggängern, spielen Würfel -und schmauchen an ihren Nargilehpfeifen. Wie schlägt mein Herz in Liebe zu euch, alten Juden, die Ihr hier den letzten heiligen Funken aus jenem Mikdaschfeuer gehütet habt! Wie liebte ich es stets, in diesem altgeheiligten Raum auf die Lernmelodie zu lauschen und von da aus den Blick nach der sonnenvergoldeten Kuppel der gewaltigen .Moschee zu richten! Wie bedrückend: Auf der einen Seite der Prachtbau an der Stätte unseres Heiligtums und auf der anderen Seite die halbverfallene Schul der Alten! Hörte ich aber den vertrauten Singsang der Betenden und Lernenden, wußte ich, daß Israel nicht verloren, daß das Heiligtum aus seinen Trümmern wieder einmal erblühen wird. Hier die heilige Wache . . . Nun sind die treuen Wächter gegangen, um den heiligen Platz entmenschten Rotten zu überlassen, die bei Würfel und Nargileh Mordgedanken aushecken. Ich stehe vor der Mauer selbst. Wo sind die Menschen, Männer, Frauen und Kinder, die diesen Platz stets erfüllten und die alten Steine mit ihren Tränen erweichten? Wo sind die tausenden Lippen, die brennend an diesen Quadern hingen? Wo sind die „ewigen Lichter" in den Glasröhrchen auf dem Tische geblieben? Sind sie alle erloschen oder blinken sie anderswo? Wo ist der Tisch, dessen heilige Flämmchen wie unruhige jüdische Seelen zitterten, hingekommen?; Mein Auge schaut suchend aus, nichts wie Oede und Verwüstung. Spuren von Tieren und Unrat bedecken den ganzen Platz. Keine liebende Hand waltet mehr über dre-Xränenstätte. Unzählige jüdische Familien sahen darauf, allen Widerständen trotzend, gerade hier in. .der Nähe des Allerheiligsten zu wohnen. Und junge'- sowie alte Juden setzten ihren heiligen Ehrgeiz darein, den Platz tagtäglich rein .zu fegen, in Ordnung zu halten. Es war heiliger Dienst am Heiligtum, wie der der Leviten im Vörhof des Heiligsten. Ich kenne viele Greise aus den orientalischen Gemeinden, die des Talmuds nicht kundig sind und darum, gewissermaßen zum Ersatz für Lernen, den Platz vor der Mauer täglich fegten und den