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Der Israelit · 1936-07-16 · Heft 29 (16.7.1936) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 29 (16.7.1936)
Date
1936-07-16
Page
– (sequence 12)
Language
German
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29 Der Israeli 16. Juli 1936 Drei Stunden in der Jerusalemer Altstadt* Ein Besuch im evakuierten Judenviertel. Ich kenne 'das alte Jerusalem mit seinen Bazaren, Gassen und Gäßchen wie meine Rocktasche. Ich kenne auch die dortigen Einwohner, die Juden sowohl wie die Araber, ihre Art und ihre Lebenshaltung. Ich bin Touristenführer von Beruf und mußte oft genug, sogar bis an die ersten Unruhetage hinein, Fremde durch dieses Labyrinth von verschlungenen Gassen und Gängen führen, obwohl dort schon die dicke Luft den Atem benahm. Aber wir stie* ßen zunächst auf keine Gefahr. Bekannte Araber grüßten wie immer, zum großen Erstaunen der Amerikaner, die glaubten, sich, mit Heldenmut in eine Gefahrzone begeben zu haben. Da wurde es auf einmal anders. Einmal hörte man Schüsse unmittelbar neben der Judengass-e. Ein unschuldiger jüdischer junger Mann wurde verhaftet. Wenige Stunden später fielen am hellen Tage zwei alte Juden, Thoragelehrte. Nun stellt« man den Verkehr mit der Altstadt ein. Selbst die Hauptstraße desarabischen Viertels wagte kein Jude mehr zu betreten. Alt-Jerusalem ist für uns eine fremde belagerte Stadt geworden. Wer anfänglich daran nicht glauben mochte, mußte es mit seinem .Leben büßen. Daran ändert auch nickt® der Autobus, der einmal täglich unter Begleitung einer englischen Polizei* eskorte sich von der neuen Stadt in das alte Viertel begibt. Aber dort in den alten Gassen wohnten und lebten noch, abgeschnitten von der Außenwelt, Juden, und ich verspürte starkes Heimweh nach diesen isolierten Brüdern, den Beshamidraschinsassen, den Greisen, den Kabbalisten. Wie liebte und liebe ich all diese von hohen Idealen getragenen Mensehen, die Chaluzim im Geiste. Ich mußte hin. Am Rüstetage zum Schwuausfeste begab ich mich zum Russischen Platz, um mit dem Autobus die Altstadt zu erreichen. Die meisten Reisenden waren orientalische Juden, es war nicht möglich, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Trauer und Niedergeschlagenheit herrschte im Wagen; verängstigte Gesichter, und der Mund war geschlossen. Es dauerte beinahe eine Stunde, bis sich der schwere Wagen in Bewegung setzte. Neben und hinter uns bewaffnete Polizisten. Wir fuhren durch das Jaffator in die Altstadt hinein. Die Läden waren alle geschlossen. ^In allen Ecken Arabengruppen wie aufgestörte Ameisenhaufen. Wir fuhren durch das armenische Viertel und waren bald in der Judengasse mitten drin. - Ich stieg aus dem Wagen und begab mich zunächst auf den Platz der „Bothe MachsV', der Häuser des Deutsch-holländischen Kolel. Hier ist das kleine 'bescheidene Häuschen, da® Rabbi Chajim Sonnedfeld V*si ein halbes Jahrhundert bewohnt hat. Es ist verlassen und verödet. Ich steige in die Kellerwohnung eines Handwerkers. Die Wohnung ist kahl, bar allen Mobiliars1. Der Meister hat Zeit, denn er hat lang? schon keine Beschäftigung mehr und kann mir ein ' Interview 'gewähren. Aber ich möchte doch mit ihm „Mameloschen" reden, bat er. Er lese und 'schreibe gut Hebräisch, aber das Sprechen sei ihm nicht''so geläufig. Die Wohnung hat er von seinem. Vater übernommen, der als ThoTagelehrter hier ein Domizil fand. Er selbst ist Schlosser von Beruf, und hat acht Seelen zu ernähren. In guten Zeiten verdient er durchschnittlich acht bis: zehn Pfund im Monat. Da! aber seine Arbeitsstätte in der Hebrongasse mitten im Herd der Unruhen liegt, kann er nicht mehr .zur Arbeit gehen. Seit den letzten Mordtaten, erzählt er, haben die Juden-diese Gasse vollkommen geräumt, und auch er mußte seine Werkstätte -schließen; ♦ - Er verdient nun nichts und empfängt eiö'e Unter* Stützung von einem halben bis zu. einem Pfund die Woche, was natürlich für die acht hungrigen Münder nicht ausreicht.' Ausziehen kann er nicht, weil er die teure Miete in den neueren Vierteln nicht aufbringen kann. Die Häuser der „Bothe Machse" liegen still und verängstigt da, zumeist mit verbarrikadierten Türen, so daß man nicht weiß, ob noch Menschen darin wohnen. In, anderen Wohnungen sah man etwas Le=* ben. Kinder, die seit Wochen die Schule nicht mehr besuchen können, spielten sorglos und vergnügt. Irgend jemand sprach jeden besser Gekleideten auf der Straße an und sammelte Geld für die Brotlosen der Altstadt. In der Nähe der Schul von Rabbi Joch a - n a n ben S a k k a i drang das E 1 i j a h u h a n a w i - Lied zu mir. Voller Verwunderung betrat ich den heiligen Raum und fand etwa 150 Männer und Frauen bei einer Beschneidungsfeier einer kurdischen Familie versammelt. Man sah unter den Kurden, Persern und Sephardim auch Aschkenasim. Die Scheidemauern 6Chienen gefallen, 'alle waren vereint in der Freude ob des neuen Juden, der in den Bund Abrahams eingeführt wurde. Ich hörte-Gebete, wie man sie bei uns bei solchem Anlasse nicht kannte. Gebete, wie •piaa av bv o'Jinn wn1? nv>v verwandelten zwischendurch den Jubel in Weheklagen. Nach der Feier sprach ich mit den Leuten. Die Lage sei bitter, .die Gefahr groß> die Unterstützung reiche nicht einmal ganz für Brot aus. .-Und dennoch wollen sie den Platz nicht verlassen, diss,.alte, .heilige Schul nicht der Plünderung preisgeben! Sie vertrauen auf die Heiligkeit des "Ortes, daß sier 'sie vor dem Schlimmsten schützen wird. Beim Spital „Misgaw' Ladach" traf ich etwa 20 kurdische Juden, die gekommen waren, um sich an der Bestattung eines kurdischen Kindes zu beteiligen. Ich setzte mich auf einen Stein und wollte etwas notieren. Das machte die Leute nervös. „Was zeichnet, was malt der Herr da? Willst wohl unsere Bilder verkaufen? Man hat Bilder kurdischer Juden in Europa als „Heiligenbilder" in Kirchen gebracht, und die Männer, die ihre Gesichter dazu hergaben, hatten im Jenseits keine Ruhe und keinen Be stand! , , ." Ich zeigte ihnen, daß ich nicht zeichnete und malte, sondern nur Buchstaben schrieb. Das. beruhigte sie aber nicht: „Seid uns gnädig, Herr, und beschreibt uns nicht. Das tut uns nicht gut." Ich riß die Blatt chen aus meinem Notizbuch und'zerpflückte sie. Ein paar kurdische Kinder hoben die Fetzen auf. „To dah Adon, danke, Herr!", quittierten sie meine Großmut, Im Hofe der sephardischen Jeschiwa „Porath Jo seph" traf ich einen sephardischen Chacham . mit langem, breitem weißen Barte. Er fragte mich miß trauisch auf arabisch, wen ich hier suche. Dann er zählte er mi*- etwas zutraulicher, daß sonst in diesem Hofe zwanzig, Familien wohnen, jetzt aber nur fünf, die von der kargen monatlichen Unterstützung aus der Jeschiwakasse leben. „Sprechen Sie nicht hebräisch?" fragte ich Ihn „Was eine Frage," wunderte er sich, „Natürlich, hebräisch besser als arabisch." „Nun, warum sprachen Sie zu mir arabisch?" „Weiß loh warum? Wir sind alle in größter Verwirrung, tarn» 'n Möge sich G'tt meiner erbarmen/" Die Höfe zwischen der Rabbi Jochanan ben Sakkai-Schul und der B e k S c hu 1 fand ich verbarrikadiert. In einem Hause bekam ich aber doch nach langem Klopfen Einlaß. Zwei Greise und ein jüngerer, taubstummer Jude hausten da, alle ande ren waren geflüchtet. Diese drei wußten nicht, wohin sie gehen sollten,' Der Stumme deutete an, daß er Hunger hatte. Die alten marokkanischen Juden spras chen arabisch. Ich versprach ihnen, mich für sie bei den Komitees zu verwenden. Vor dem Hofe der Karaitenschul zeigte ein Schloß an der Türe, daß die Bewohner diese alte Stätte verlassen haben. Auch die Gäßchen auf der Nord- und Nordwestseite vom arabischen Viertel sind von Juden vollkommen geräumt. Selbst die wenigen Araber, die hier ihre Behausung hatten, sind gegangen. Ich fühlte mich wie auf einer einsamen Insel. In den Höfen fand ich keine lebende Seele, Iii einem Gemisch von Angst und Neugier wand ich mich weiter durch die schmalen Gassen, bis plötzlich ein Schrei von einem Dache her mir Halt gebot. Eine Frau gab Warnungszeichen. Ich möchte ja keinen Schritt weiter tun, wollte ich nicht mein Leben riskieren , . . Auf dem Rückweg stieß ich auf eine Gruppe Juden, die mich ganz verwundert anschauten, als sie erfuhren, daß ich mich in die 'gefährlichsten Gäßchen hineingewagt hatte, Sie*1 standen mit Tüchern unter dem Arm da und warteten auf einen Polizisten, der sie zum Taüchbade begleiten sollte. Es war ja der Rüstetag zum Feste . , , Plötzlich Geschrei und Auflauf. Die wenigen Läden wurden schnell geschlossen. Was war geschehen? Ein Araber hatte sich angeschickt, auf einen jüdischen Krämer zu schießen und dieser schrie um Hilfe, Ich sah noch gerade, wie zwei Araber in der Mitte von acht bewaffneten Polizisten abgeführt wurden. Auf der Südseite fand ich das Leben normal, die meisten Läden geöffnet, alles im lebhaften Vorfestbetrieb wie in den guten Zeiten. Das Fränkische Cafe war überfüllt. Junge Menschen rauchten Närgilehpfeifen' und spielten Domino, Die Räume' der Talmud Thora und der alten Schul „Menachem Zion", ebenso .den Hof der Chu.rba fand ich vollgefüllt mit; Flüchtlingen aus den gefährdeten Gassen, Alles war in Rüstung für dais nahende Schowuaüsf est!.' Ein Gutteil der Judengasse, der dicht an das arabische Viertel grenzt, bildete eine neutrale Zone. Hier sieht man weder Juden noch Araber, Die Häus«r sind fest verschlossen, die Läden heruntergelassen. Nur britische Polizei steht wachsam auf. ihrem Posten und langweilt sich, aus Mangel an Abwechslung. Einen Autobus für die Rückfahrt bekam ich nicht, so bat ich einen Polizisten, mich bis zum Jaffatore zu begleiten. Uns gesellten sich noch einige Kran* kenschwestern aus dem Hadassah-Spital.. Wir mußten an einem arabischen Cafe vorbei und die giftigen Blicke,: die-zu uns, drangen, wie Spießruten über uns ergehen, lassen. Aber unter der Begleitung des kriegsmäßig gewappneten englischen Polizisten konnten wir unbehelligt das Jaffator erreichen, durch das wir uns wieder ins jüdische Zentrum zum Feste der Thora begaben. (Aus dem „Dawar".) Kinderecke, Der Streit der Brüder. Von Rabbiner Dr, Robert Ziön. Es war am Schabbos im Frühling, Klein-David saß in einer der letzten Bänke der Synagoge und verfolgte die Thora-V orlesung. Plötzlich senke der Baal Kaure, der Thora - Vorleser,. seine Stimme und trug die Tauchocho, die Zurechtweisung, mit leiser Stimme vor, David bemühte sich, zuzuhören. Durch die Anstrengung des angespannten Hörens ermüdet, schloß er jedoch bald die Augen und schlief ein. Da träumte David einen wundersamen Traum. David verließ die Synagoge und betrat den Vorhof. Da kamen ihm fünf fröhliche Knaben entgegen und riefen ihm zu: „Höre, David, Du sollst unser Schiedsrichter sein. Wir sind fünf Brüder, und wir streiten gerade darüber, wer von uns der Schönste sei." „Das ist nicht so einfach, liebe Jungens!", antwortete David, „Ihr seid alle schmucke Kerls. Aber sagt mir .doch zuerst, wie Ihr eigentlich heißt." Da stellten sie sich nacheinander dem David vor: „Ich heiße Bereschith und ich heiße Schmauth. Ich Wajikro, ich heiße Bamidbor und ich heiße Deworim," ■; > „Ulkig," rief David, „Eure Eltern müssen ja spaßige Leute sein. Ihr heißt ja gerade so wie die fünf Bücher Moses. Ich heiß« übrigens David Ben Meir." „Das ist gar nicht ulkig," antworteten die fünf Brüder gemeinsam, „wir heißen ja gar nicht wie die fünf Büchel* Möses, wir 'sind ja selbst die fünf Bücher Moses, Wir wollen gern von Dir wissen, wer Von uns (Fünf der Schönste ist, wer von uns Dir am besten gefällt," „Das machen wir so'. Jeder von Euch erzählt mir, warum er glaubt, daß er der Schönste sei, und zum Schluß werde ich Euch meine Meinung sagen," meinte David, Als die fünf' Brüder be^ geistert zustimmten, kommandierte David:" „Also Bereschith, fange an! Und '•dann die ahd&reri hübsch der Reihe nach!";' „Es ist ja selbstverständlich,, daß iefe ' den Preis bekommen werde," begann, Bereschith, „Am allerliebsten hören doch die Menschen, junge und alte, immer meine Geschichten, Was ich auch alles zu berichten weiß! Von der Schöpfung erzähle ich, wie G'tt die Sonne, den Mond und die Sterne geschaffen, die Tiere, die Menschen und als allerschönstes den. Schabbos. Ich berichte vom Paradies, von der Schlange, von Kain Und Abel, von Nöah, von der Sintflut, voä der Arche mit den'' vielen ' Tieren drin und vöä der Taube mit dem Oelzweig; Ich erzähle, wie G'tt den Abraham erwählt und ihn nach Kanaan geführt hat. Ich erzähle von Loth, von Sodom Und Gomorrha -^ den Städten; die später von G'tt -zerstört würden, weil sie so böse waren. Woher weißt Dü; kl ehr David, daß Abraham die drei Engel bewirtete, daß Isaak auf dem Berge Moria fast von seinem Vater G'tt zum Opfer dargebracht worden wäre, woher weißt Du, wie- Elieser die Rebekka für Isaak holte, wenn nicht von mir? Und 'dabei ist das noch längst nicht alles. Ich erzähle, auch noch von Esau und Jaaköb, von dem Linsengericht und der Erstgeburt, von Isaaks Segen, von Jaakobs Flucht und. Traum — Du weißt doch: die Himmelsleiter, , vor* Lea und Rahel, von Laban und von : Jaakobs: zwölf Söhnen, Ich will mich nicht rühmen, aber das müßt ikt. doch alles zugeben; So etwas herrliches ■ wie <die Josephsgeschichte gibt es nicht '■■<■ noch einmal! Ihr, meine- Brüder, , braucht gar ,i nicht erst anzufangen. Der Preis ist mir sicher! n

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