Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1936-07-16 · Heft 29 (16.7.1936) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 29 (16.7.1936)
Date
1936-07-16
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450909-2450937--82257-2540200
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 29 1936 DerTempelbau zu Heikenbrunn« Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. (Fortsetzung.) Wie zum Schwur -hielt er des Vaters Hand. Ja, tausendmal recht hatte der Mann, ihm seine eigene Entrüstung als unwahr zu beleuchten. Zu einem solchen Werk gehört die Demut, nicht die Stärke der eigenen Willenskraft. Des Alten Geist, nun entleert von kleinen Sorgen des gewesenen Lebens, wurde leichter und freundlich. „Em Tempel zu Heikenbrunn — ein neues Zeichen jüdischen Glaubens, schade, daß ich die Erfüllung nicht mehr erlebe. Wie dem auch sei" —rsein Auge wurde groß und sehend — „Gefahr wird diesem Unternehmen drohen zu jeder Stunde. Es müßte das erste große Werk im Judentum sein, dem nicht Gefahr auflauert schon im Keime . . ." In seinem Innern stieg die Vision gewesener Herrlichkeiten auf, die zusammenkrachten und zerfielen zu Staub. Der Tempel zu Jerusalem wallte für Sekunden in ungeahnter Wunderbarkeit vor dem Sterbenden, versank in einer Welle und ein winziges G'tteshaus stand an seiner Stelle. Aus Stein gebaut, mit schlichter Kuppel — ein Häuslein eher denn ein Gebäude — der Tempel zu Heikenbrunn. Er lächelte und seine Hände haben sich auf. Sie sanken auf das gebeugte Haupt des Sohnes zum Segen zugleich für ihn und seine Tat. Keine Mahnung mehr, ein Sichversenken in den Wunschkreis eines frommen jungen Menschen, der sein eigenes Kind war, trat an deren Stelle und er segnete mit dem Blut von seinem Blut "auch dessen Gelübde ... Dann jedoch schweifte sein Geist ab. Das Irdische versank. Eine Türe, es war nicht die Türe seines Hauses, durch die er ein- und ausging in schweren und leichten Zeiten, mit Frohsinn und tiefer Trauer, es war irgend eine Tür in der Ewigkeit, durch die die Gattin trat und sich ihm nahte. Weit offen standen seine Augen im Staunen. Sie selbst kam, um ihn zu holen? Hold und milde, wie bei Lebzeiten, war sie geblieben und ihre Hand so sachte, mit der sie ihn aus dem Leben in die Seligkeit führte ... Zurück blieb der Sohn, und seine Züge glätteten sich vor dem tiefen Frieden, der aus dem Antlitz des Toten strahlte ... 4. David ben Joseph hatte auch Neider in der Gemeinde, doch selbst sie mußten anerkennen, daß kein trefflicherer Mensch das Wohl ihrer Gemeinde versorgen konnte als eben dieser junge Gelehrte. Deshalb war die Wahl in aller Stille auf David gefallen und ebenso selbstverständlich nahm der ijunge Mensch das verantwortungsreiche Amt auf seine Schultern. Er hatte es nicht besonders gut unter den Juden seiner Zeit. Sie verlangten von ihm alles Unmögliche eher ds das Mögliche. Sie waren ganz gewiß feeine Uebermenschen, diese Dorfjuden, gehetzt und in Aengsten vor dem Vergangenen und Kommenden; mit allen Schwächen beladen, als einzige Entschuldigung für ihr Wesen galt allein die gläubige Zähigkeit, mit der sie am Judentum hingen. Daraus schöpfte David stets seinen Mut, den sie ihm durch ewige Quengeleien zu nehmen versuchten. Ihm war es recht, wenn sie ihn plagten, es konnte dann eher vergessen, was ihm auf dem Herzen lastete und dort nagte und mahnte: den Tempelbau. Er schien eine Unmöglichkeit. Betrachtete David seine Zeit, in der er lebte mit der jüdischen Umwelt, so konnte er sich noch glücklich preisen, in einer Zeit der Besinnung zu leben, die den Juden ermöglichte, aufzuatmen, die verworrenen Verhältnisse zu ordnen und das Leben eines angstvollen, aber dennoch einigermaßen gesicherten Menschen führen zu können. Das Mittelalter war bereits im Absinken, eine neue Welt keimte auf, langsam zwar und noch eigentümlich in ihrer neuen Art gefärbt, aber sie war im Kommen. Man sah im Juden nicht länger den Zauberer und Verächter des Natürlichen, sondern den „armseligen Menschen mit eigenen Neigungen", die man zwar nicht respektierte, so doch anerkannte. Heikenbrunn besaß im Besonderen für die Juden einen Vorteil, deshalb zogen sie von nah und fern herbei, um hier Heimatstatt zu finden. Nicht jeder fand die Tore für sich offen. Es war eine strenge Auswahl vonnöten unter David, der kein wüstes Element hier auftauchen ließ. Das fühlte er sich schuldig, diesem gastfreundlichen Erdenflecken und der Gemeinde selbst Auswüchse fernzuhalten. Aus den zwanzig Familien wurden bereits Monate nach Davids Amtsantritt dreißig, sie brachten Geld und Menschen genug mit, um die Gasse zu beleben. Was sie aber nicht mit sich brachten, war die Erfüllung des heißen Wunsches des jungen Vorstehers. Der Vorteil, der die Juden zur Einwanderung nach Heikenbrunn veranlaßte, ließ sich in der Burgherrschaft finden. Ein gestrenger Mann war zwar dieser Ritter vom Sterenberg, seine erste Tugend jedoch Gerechtigkeit. Auf ihr ruhte seine Schirmherrschaft über Heikenbrunn. Der ganze Grund und Boden war ihm und seiner Sippe zu eigen. Weit ins Land erstreckten sich die blühenden Täler seines Besitzes. Der reiche Sterenberg, nannten, ihn 'die Leute der Gegend. Hofdienst verschmähend, verwandte er seit früher Jugend all seine Kraft zum Besten des ihm gehörigen Landes. Verträglich, verstand er es, mit Nachbarn zu verhandeln und während seiner Schirmherrschaft hatten' es die Bewohner Heikenbrunns und ihrer Umgebung wahrhaftig gut. Der letzte Krieg hatte auch Sterenberg manches Unheil gebracht. Ein junger Sohn blieb vor dem Feinde, das rechnete man ihm und seinem Lande hoch an und die Besatzungen rückten sofort nach Schluß der Friedensverhandlungen aus der Gegend. Wohl blieben viel Trümmer zurück, doch mit Mut machten sich Burgherr und Bevölkerung daran, die Schäden auszugleichen. - Den Juden stand Sterenberg mit der ihm eigenen Abweisung, aber mit ungeteilter Gerechtigkeit gegenüber. Er fand, ein Kind seiner Zeit, gar bald ihre Vorteile für ihn heraus und bedauerte die Abnahme ihrer Zahl während des Krieges. Um so williger ließ er neue Ansiedler in die Gasse, zumal er den jungen Vorsteher David wie vordem dessen Vater wohl zu schätzen wußte. Die Unbestechlichkeit des alten Joseph hatte sich auf dessen Sohn übertragen, was der Burgherr mit Behagen anhörte, trug man ihm die Neuigkeiten der Judengasse zu. „Lauter solche Juden," pflegte er zu sagen, „wie. dieser David —und wo bliebe der Judenhaß?" Die gute Meinung allerdings kam nicht allein von dieser Erkenntnis. Prosper, sein unmehr einziger Sohn, war trotz aller Einwände der Jugendfreund des David gewesen. Von ihm wußte der Burgherr mehr als durch den Mund anderer. Ein eigentümliches Verhältnis war in der Jugend Davids gewesen. Drei Knaben hatten sich zusammengefunden, jeder einer anderen Menschenschicht angehörend. Es war so gekommen: David war damals neun Jahre .alt gewesen und schlüpfte durchs Tor der Judengasse ins Freie. Ihn lockte nach langem ehrlichen Lernen und Studieren auch einmal die sumpfige Wiese, von der er wußte, daß es in ihr lebte und wirkte von Tausenden von Tierarten. Sein Interesse galt allem Lebenden. Zumal er ein Junge war und Neigungen hatte, die sonst in Judengassen nicht üblich waren. Stark an Körper und Sq^Is, war ihm zuweilen, als müßte er sich im Grase wälzen, schreien und toben vor Vergnügen, und daß er dies in der Judengasse unmöglich vollbringen konnte, wußte er ganz genau. Jüdische Kinder hatten still und demütig zu sein. Das Enge ihrer Behausungen duldete ein solches Wälzen nicht. Dazu brauchte David Stille und eine Wiese, wenngleich sie naß und sumpfig war. Deshalb stahl er sich an einem milden Tag durch das Tor ins Freie. Als er sich außerhalb der Sichtweite fühlte, rannte er offen durch die Felder und Wiesen warf sich nieder, raufte büschelweise Gras aus, es tat ihm dieser Barbarismus wieder leid, aber es riß ihn vorwärts wie mit tausend Händen. Endlich kam er an die sumpfige Wiese,, deren giftiger Odem wie ein Nebelschwaden über den Gräsern hing. Wie durch ein Wunder huschte der Knabe damals, bald hier, bald dort verharrend, um eine Blume, wassergedunsen und daher seltsam anzusehen, zu betrachten. Sorgsam tasteten seine Füße durch die Gefahr, ihrer kaum bewußt werdend. JBis er einen leichten Schrei hörte, den ein Lachen begleitete. Unachtsam fast rannte er vorwärts, in sich die Sucht, zu helfen. Hinter einem Busch war es, dort mußte der Verunglückte sein. Ein seltsames Bild bot sich seinen entsetzten Augen, als er vorsichtig die nassen Schilfe wegbog; Auf einer Art Insel stand ein Knabe in seinem Alter, dessen tückisches Gesicht augenblicklich Schadenfreude und Genußsucht ausdrückte, einen anderen in Not zu wissen. Er rieb die langen Finger und hieb sich zuweilen auf die Knie, während seine Augen sich an einem anderen Schauspiel weideten, bei dessen Anblick David alles Blut in die Wangen trat vor Entrüstung. Er hörte dessen Worte noch: „Wenn du bezahlst, helf ich, sonst sink' nur ein bißchen tiefer noch — dein Alter wird es schon geben, wenn nicht, dann nimm* es — Lebensrettling muß gut bezahlt werden, mein lieber Prosper . . Mitten in diese Worte trat David. Keinen Augenblick besann er sich, dem anderen Knaben, * der unter Aufwand aller Beherrschung aus dem ihn einsaugenden Sumpf strebte, um immer tiefer in ihn hinein zu geraten, zu helfen. Das hübsche Gesicht des Junkers, in dem sich Angst und Not spiegelte, war blaß, aber er bat nicht mehr diesen tückischen Gesellen, lieber ging er zugrunde, als noch einen Schrei laut werden zu lassen. Mit einem Satz sprang David auf den Grasflecken, dicht neben den sinkenden Knaben. {Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.