Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1936)
- Date
- 1936-07-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 29 Der Israelit 16. Juli 1936 Oesterreich. Der österreichische Bundespräsident und der Wiener Kardinalerzbischof zum Tode des Wiener Oberrabbiners, Wies ,12. Juli, Anläßlich des Ablebens des Wiener Oberrabbi* ners Dr. David Feuchtwang hat Bundespräsident Miklas an die Wiener Israelitische Kultusgemeinde ein Beileidsschreiben gerichtet, in dem es u, a. heißt: „In dem Dahingeschiedenen verliert die Wiener Jüdische Gemeinde eine durch hohe Geistesgaben und edle Gesinnung des Herzens ausgezeichnete Per* sönlichkeit, einen frommen, g'ttesfürchtigen Seelenführer und treuer Bekenner «eines Glaubens, der auch in hohem Maße die Achtung Andersgläubiger genoß." Der Kardinalerzbischof von Wien, Dr. Innitzer, schreibt in einer Beileidskundgebunig: „Der Dahingegangene war ein sittlich hochstehender, feingebildet ter Mann, dem niemand die Achtung versagen konnte, stets hilfsbereit und edel denkend. Sein Andenken wird immer in Ehren sein." Ungarn- Tagung des orthodoxen Zentralkomitees Ungarns, Budapest, 6. Juli. In Budapest fand eine von der Orthodoxen Landeskanzlei einberufene Tagung des orthodoxen Zentralausschusses statt, die neben laufenden Angelegenheiten auch den außergewöhnlich allgemeinen jüdischen Problemen dieser Zeit gewidmet war. An der vom Präsidenten Samuel Kahan-Frankl geleiteten Tagung nahmen der Ehrenpräsident der Landeskanzlei, Oberhausmitglied Adolf F ran kl, der Rechtskonsulent Dr. Emmerich Reiner und zahlreiche Mitglieder des Landesrabbinerkollegiums teil. Der Ausschuß beriet 'eingehend die schwierigen Fragen, die das Gesarntjudentum, die jüdische Konfession in Ungarn und insbesondere die ungarische gesetzestreue Judenheit in ihren Lebensinteressen berühren. Die künstlich angefachte judenfeindliche Bewegung, die Existenzgefährdunig der Juden und die Krise der Jeschiwot wurden einer eingehenden Erörterung unterzogen. Auch die Ereignisse in Palästina und die Möglichkeiten für eine Förderung der Palästinaarbeit wurden besprochen. Esi ist geplant, in «sämtlichen orthodoxen Gemeinden Ungarns einen später festzusetzenden Sabbat zur Werbearbeit für das Palästina werk zu bestimmen. Polen. Die antisemitischen Unruhen in Polen. Warschau, 12. Juli. Die jüdischen Händler in den kleineren Ortschaften sind infolge der hemmungslosen antijüdischen Propaganda nicht nur schärfstem Boykott ausgesetzt, sondern auch an Leib und Leben gefährdet. In den letzten Tagen sind zwei jüdische Dorfhändler grausam ermordet worden. Der 60jährige Mosche Sehe rm a n n wurde auf der Landstraße in der Nähe des Städtchens Zwolyn bei Radom erstochen aufgefunden. Schermann hinterläßt eine Witwe und fünf Kinder. Ein zweiter 60jähriger Jude Meir Neuberg wurde bei Odrzinol ermordet aufgefunden. Die Leiche zeigte Spuren schwerer Mißhandlungen, Während des Jahrmarktes in Drzesgub bei Prasznice wurden die jüdischen Händler überfallen. 25 Juden wurden durch Stednwürfe, Schläge mit eisernen Stäben und Messerstiche verletzt, viele von ihnen sehr schwer. Auch ein 18jähriges Mädchen ist durch Messerstiche schwer verwundet worden. Die Schwierigkeiten der Koscherfleischversorgung in Polen. Warschau, 8. Juli. Jüdische Parlamentarier haben beim Minister für Kultus und Unterricht, Prof, Szwientoslawski, vorgesprochen, um ihn auf die Schwierigkeiten aufmerk* sam zu machen, die durch die Ausführungsverordnung zum Schächtgesetz der Versorgung der jüdischen Bevölkerung Polens mit Koscherfleisch, bereitet werden. Durch diese Ausführungsbestimmungen, an deren Abfassung das Landwirtschaftsministerium jetzt arbeitet, werde Koscherfleisch so sehr verteuert werden, daß es geradezu ein Luxusartikel wer den wird. Die Abordnung bat, daß der Kultusminister für eine Abänderung der Durchführungsbestimmungen Sorge trage, die die Möglichkeit der Fleischver* sorgung der jüdischen Bevölkerung gewährleiste. Am selben Tage erstatteten die 'jüdischen Paria mentarier in einer Sitzung des Komitees zum Schutz der Schechita Bericht über ihre Intervention im Kul tusministerium. Es entwickelte sich eine lebhafte Aussprache, Viele Rabbiner und Komiteemitglieder traten für völligen Verzicht auf das ohnehin unerschwingliche Fleisch ein. Ein Beschluß kam nicht zustande. Jüdische Rechtsanwälte als Offizial-Verteidiger antisemitischer Exzedenten, Warschau, 8. Juli. Starkes Aufsehen erregte eine Verhandlung vor dem Warschauer Berufungsgericht, bei der zwei j ü - dlsche Rechtsanwälte als Offizial-Vertei - diger antisemitischer Exzedenten auf* traten. Der berüchtigte nationaldemo'kratistche Anwalt Kowals-ki, der die Verteidigung bei derVer3 handlung in erster Instanz geführt hatte, war zu der Berufungsverhandlung nicht erschienen. Die Angeklagten hatten im Februar d. J. in dem Dorf Lenezice bei Lodz drei jüdische Händler schwer mißhandelt und durch Messerstiche verletzt, weil sie am Sonntag ihrem Beruf nachgegangen waren. Das Lodzer Kreisgericht hatte einen der Täter zu drei Jahren, die beiden anderen zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Die jüdischen Offizialverteidiger sahen sich einer schwierigen Situation gegenüber. Sie machten geltend, daß die Angeklagten nur das Werkzeug sogenannter „patriotischer Führer" gewesen seien, die ihnen eingeredet hätten, Angriffe auf Juden würden straflos bleiben. Die Angeklagten hätten diesen Versicherungen Glauben geschenkt. Darum möge der Gerichtshof nur milde Strafen verhängen. Das Berufungsgericht hat das Urteil des Vordergerichts bestätigt. Litauen. Schulgesetz in Litauen. K o w n o , 3. Juli. Man schreibt uns aus Litauen; „Die durch die jüdischen Zeitungen gegangene Nachricht, daß nach einem neuen Gesetz in Litauen „die jüdischen Schulkinder nur noch jiddische oder hebräische Schulen besuchen dürfen, entspricht nicht ganz der Wirklichkeit. Das Gesetz lautet: „Schüler der Minderheiten können nur noch Schulen ihrer Minderheiten oder litauische .Staatsschulen besuchen." Demnach können jüdische Kinder nur jiddische, hebräische oder litauische Schulen, nicht aber Schulen anderer Minderheiten besuchen. Auch die ITA-Nachricht, daß in Litauen bei der letzten Wahl kein jüdischer Kandidat durchging, da die meisten nlchtjüdischen Wähler die Namen der jüdischen Wähler aus der Wahlliste gestrichen hatten, entspricht nicht ganz der Wahrheit. Bei dem Wahlakt erhielt jeder Wähler 18 Stimmzettel, wovon auch zwei die Namen jüdischer Kandidaten enthielten; von diesen 18 Zetteln hatte der Wähler sechs Zettel auszuwählen. Leider haben die nicht/jüdischen Wähler die jüdischen Kandidaten nicht gewählt. Von einem „Streichen" kann also keine Rede sein. Frankreich. Wissenschaftliche Betätigung ausgewanderter Gelehrter in Frankreich. Paris, 10. Juli. Die Nobelpreisträgerin Frau Joliot*Curie, Unterstaatssekretärin für wissenschaftliche Forschungen, hielt am 9. Juli eine Beratung mit Vertretern des Außens und des Innenministeriums*, des Ministeriums für nationale Erziehung und mit Persönlichkeiten aus den wissenschaftlichen Kreisen Frankreichs über die Ermöglichung wissenschaftlicher B.etäti> gung ausländischer Gelehrter in Frankreich ab. Auf Grund dieser Beratungen, wurde ein Ausschuß gebildet, der die Aufnahme von Gelehrten^ die aus den Ländern ihrer früheren Tätigkeit ausgewandert sind oder ausgewiesen wurden, in Frankreich zwecks Fortsetzung ihrer wissenschaftlichen Arbeit vorbereiten soll. , Mohammedaner und Juden in Algerien« Paris, 8. Juli.' Der Führer der Delegation de® Departements Oran, Scheich Z a h d r i , der 'gegenwärtig mit den französischen Behörden Verhandlungen über die Zuerkennung des Wahlrechts an die Eingeborenen führt, äußerte sich in einem Gespräch mit dem ITA- Vertreter über die Beziehungen zwischen. Juden und. Mohammedanern in Algerien. Im Anschluß daran nahm er auch zu den Ereignissen in Palästina Stel* lung. Der Scheich verurteilte, entschieden die judenfeindlichen Ausschreitungen, zu denen es in letzter Zeit wieder in Oran und anderen algerischen Städten gekommen ist. Die mohammedanischen Organisationen des Landes, erklärte er, hätten einen Aufruf an alle Mohammedaner erlassen, sich von den jiidenf eindlichen Agitatoren fernzuhalten, die aus persönlichen Motiven ein zweites Massakre von Constantine herbeiführen wollen. Die Araber, erklärte er, wollen keinen Rassenkampf. Sie wollen mit den übrigen Gemeinschaften des Landes friedlich zusammenleben. Dagegen lehnte der Scheich es ab, einer Auslie* ferung der an dem Massakre in Constantine Schuldigen, die noch immer in Freiheit sind, an die Behörden zuzustimmen. Diese Menschen, sagte er, seien Armselige, Verleitete und nur das Werkzeug in der Hand von Ausländern gewesen, Sie hätten sich in Wirklichkeit keines Verbrechens schuldig gemacht. Sie seien bloß infolge ihrer Armut besonders reizbar. Auf die Frage nach der Meinung der algerischen Mohammedaner über die gegenwärtige Lage in P a- 1 ä s t i n a antwortete der Scheich, an den Reibungen zwischen Arabern und Juden sei der englische Imperialismus schuld. Wir werden fordern, sagte er, daß Frankreich beim Völkerbund die Einsetzung einer Untersuchungskommission verlange, die nach Palästina .geschickt werden soll. Ferner soll durch den Völkerbund erreicht werden, daß der Frieden im Lande wiederhergestellt werde durch ein Ab« kommen zwischen Juden und Arabern über eine Begrenzung der jüdischen Einwanderung, die, wenn sie in dem jetzigen Tempo weitergeht, zur Vorherrschaft der Juden führen würde. „Warum geben die Engländer den Juden nicht einen Teil ihrer ungeheuren Besitzungen, wo die Juden absolut Herren sein könnten?" Als der Scheich zum Schluß darauf aufmerksam gemacht wurde, daß die Juden in Palästina das ihnen von G'tt verheißene Land sehen, und ihm die Frage gestellt wurde, ob er sich einer 'g'ttlichen Verheißung entgegenstellen wolle, antwortete er: „Die Wege G'ttes sind unerforschlich; wir sind bloß menschliche Wesen," England. Kameradschaft und Brüderlichkeit der Religionen. London, 12. Juli. Der Chiefrabbi des Britischen Reiches, Dr. J. H. Hertz, führte den Vorsitz in einer der Sitzungen des in London tagenden Weltkongresses der Religionen und erörtert© bei dieser Gelegenheit Sinn und Aufgaben des Kongresses vom jüdischen Standpunkt aus. Ein Weltkongreß der Religionen, erklärte de|r Chiefrabbi, müßte von Menschen mit religiöser Ueberzetigung bekämpft werden, wenn sie glauben, daß ein solcher Kongreß Halbgebildeten ilen Eindruck vermitteln könnte, daß alle Religionen einander sehr ähnlich sind und daß man sie eigentlich zu einer Universalreligion vereinigen könnte. Anders