Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1936)
- Date
- 1936-07-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 29 Der Israelit 16. Juli 1936 Worte des Midrasch Tehillim über jene Liebe zur Stätte des Gebetes: ,,Aus Liebe zu G'tt, spricht die Gemeinschaft Israels, bin ich krank. Nicht krank durch ein Herzleiden und nicht krank durch einen Kopfschmerz, sondern nur aus Liebe zu G'tt und seinem Hause krank". Ist es wahr, daß ein gesundes Erwerbsleben und eine volle Entwicklung der Körperkraft irgendwann in Israel nicht aufkommen wollte? Hat sich eine einseitige Entwicklung unserer Berufsschichtung und unseres Habitus im Laufe der Geschichte ergeben? Sind wir aus überschwänglioher und diesseitsfremder G'ttversunkenheit heraus zu dieser unserer jüdischen Eigenart gelangt? Oder sind wir gar, wie man es jetzt wieder von uns meint, die unverbesserlichen Intellektualisten, die keinerlei Gemütswerte aufkommen lassen, selbst in der G'ttesverehrung nicht, und deshalb innerlich verdorren? Nein und abermals nein! Wir sind nicht am Herzen und nicht am denkenden Geiste erkrankt. Wenn uns, etwas vom Lebenswege der Menge trennte, dann war es immer nur unsere opferbereite Liebe zu G'tt und nichts Anderes. Und was aus unserer Liebe zu G'tt entstand, das nahmen wir allezeit wie a'm beglückendes Schicksal hin. Und darum sollen wir besonders die Liebe zu G'tt seinem Hause, der Stätte seiner Verehrung zuwenden. Diese Stätte ist ja allezeit ,,Schul", ist oft nur Nebeninstitut der Lehrstätte, ist also von einseitiger Gemütsbetonung so fern wie von fühllosem Kopfmenschentume, vom Leide des Kopfes so fern wie von dem des Herzens. Erfüllt ist solche Stätte einzig von der Liebe zu G'tt, und wenn sie uns wirklich das Leben erschweren oder die Lebenskraft schmälern, den Erwerb kürzen oder seine Mühen vervielfachen sollte, — ist iie dessen nicht würdig, daß wir ihr unsere ganze opferbereite G'ttesliebe bekunden? Wir müssen wieder den Mut finden, zu G'ttes Stätte in liebender Ehrerbietung aufzusehen und in ihr in Ruhe zu verweilen; das wird unserem Herzen und unserem Geiste in Wirklichkeit nicht Kräfte kosten, sondern unserem ganzen. einzelnen und gemeinschaftlichem Leben neue ungeahnte Kräfte verleihen, eben jene von keiner Wasserflut vernichtbare Kraft der Liebe zum Schöpfer und Lenker unserer Geschicke, und das in unvergleichlich höherem Maße als an den Stätten unseres sonstigen Zusammenwirkens. Und auch hierin fällt die Rolle des gewissenhaften^ Vorbildes täglich früh und spät denen zu, die das G'tteswort zu erforschen als ihren Lebensberuf ansehen. Gerade sie sollen durch ihr Beispiel lehren: Kraft in bösen, Festigkeit in frohen Tagen und Stunden spendet das Haus G'ttes mehr als alle -Orte der Welt, und tatfrohes Schaffen im Pflichtenleben beginnt hier zuhause, wo wir alle, der; . Gelehrte wie der Ungelehrte,; zuhause sind, vor dem Angesichte des Allgütigen. III. Kann auch die dritte Säule der Jüdischkeit, die Menschenliebe in Israel durch ein solches inneres Schaffen allein und ohne Aufwand aufrechterhalten werden? Darin haben wir uns doch die eigentliche Domäne der Vielgeschäftigkeit zu sehen gewöhnt und können uns jüdische Wohlfahtr nicht mehr gut ohne einen Aufwand an Organisation vorstellen, wie er auch anderwärts floriert. Und doch hat der letzte Prophet gesagt: ,,Ich liebe euch, spricht G'tt; und da fraget ihr: Womit hast du uns geliebt? Doch ist ja Esäv Jakobs Bruder, und ich liebte nur Jakob!". Eine große Auszeichnung wurde dem Charakter des Jakobsvolkes verliehen, welche uns niemand abgesprochen hat: „Er wird dir Erbarmen geben und sich deiner erbarmen"; die Kunst des nicht verletzenden Erbarmens, das nach Jesajas Worten zu erlernende (limdu heteb) Wohltun, — wer besitzt es und wem ist es geschenkt? Unterscheidet sich hierin mühelos der Wohltuende in Israel von dem in Esav? Ist das ein müheloses Erbe? Oder gibt es gar Bünde, die es in sich haben, daß jeder, der zu ihnen gehört, diese königliche Kunst besitzt? Nein! Erlernt im Beshamidrasch, erforscht will auch diese Kunst sein, und sie verlangt auch ihrerseits Kopf und Herz ihrer Jünger ingleichem gesundem Maße. Sie muß „zuhause beginnen" und deshalb setzt sie eine gemeinsame geistige Beheimatung aller ihrer Spender und Betreuten voraus. Diese wiederum erwächst uns aus dem gemeinsamen Orte unserer täglichen Gebete und aus der gemeinsamen Thora. * " ■ So weist uns der ganze Charakter unserer Zeit einen gar zu lange vernachlässigten Weg, den, der ins Innere der jüdischen Seele und der jüdischen Gemeinschaft führt. Und deutlich genug mehren sich die Stimmen und Anzeichen dafür, daß die Judenheit des Westens diesen Weg unter thorakundiger Leitung zu gehen wünscht. In den weltweiten Idealen der züendegegangenen Kulturepoche findet sich so mancher ebenso wenig mehr zurecht wie in der Verweltlichimg des heiligen Landes und Volkes und seiner Hoffnungen. Und mit einer inneren Aufrichtigkeit, die sie selber früher in dieser Glut sich nicht zutrauten, begrüßen jetzt Manche von diesen den gar nicht mehr floskelhaft empfundenen Drascha-Schluß: Möge der G'ttesstadt bald der Erlöser kommen! Palästinaunruhen u. Wenn auch die Palästinaunruhen infolge ihrer langen Dauer zu bemerkenswerten Stockungen in der palästinensischen Wirtschaft geführt haben, so herrscht doch in den jüdischen Wirtschaftskreisen allgemein die Ueberzeugung, daß unmittelbar nach Beendigung der Unruhen ein verstärkter Aufschwung von Handel und Industrie zu verzeichnen sein wird. Es wird bereits grundsätzlich die Frage erörtert, welche Wirtschaftszweige besonders berücksichtigt werden sollen, um die Gesamtposition der jüdischen Wirtschaft widerstandsfähiger und unabhängiger zu machen. Einmütigkeit herrscht darüber, daß alles das, was während der Unruhen vernichtet oder geschädigt wurde, möglichst schnell wieder aufgebaut werden muß. Bezüglich des weiteren Ausbaus der Wirtschaft vertreten die einen die Ansicht, daß in erster Reihe die landwirtschaftliche Basis verbreitert werden muß, während andere starke Berücksichtigung der Industrie verlangen. So fordert der Vorsitzende des Jüdischen Pflanzerverbandes, Mosche S<milansky, daß dem landwirtschaftlichen Sektor die größte Aufmerksamkeit geschenkt werde, wähtes von ihm selbst herausgegebene Werk av ">bnx handelt von nilüs? nnvisV ^tma 'l>> Am Freitag Abend, den 26. Tammus 5640, hauchte R. Schlomo seine reine Seele au®. Er hinterließ mehrere Handschriften, die bis heute der Oeffentlichkeit noch nicht übergeben wurden. E. H. in Jerusalem. Neue Schockenbücher. Unter dem Titel: „Die Stunde und die Erkenntnis" sind Reden und Aufsätze von Martin Buber {1933—1935) gesammelt. Daß in diesen entscheidungsreichen Jahren, in den Jahren des- Umbruches für das deutsche Judentum, Martin Buber etwas zu sagen hatte, war vorauszusetzen. So wird man mit Genuß und Gewinn, wenn man auch nicht in allem sich mit diesem Denker einig weiß, die Aufsätze über „Gericht und Erneuerung", „Geschehende Geschichte", „Der Jude in der Welt", „Worauf es ankommt", „Erkenntnis tut not", u. v. a. lesen. Im Anhang findet man Offene Briefe an Ernst Michel und an Gerhard Kittel. Ein Spruch des Madmuni, in dem Bub er das eigentliche Vermächtnis Maimunis an unsere Stunde sieht, deutet er etwa folgendermaßen: „G'tt lieben heißt die Wahrheit tun, weil sie die Wahrheit ist. In dem Maimunspruch wird uns. Abraham als Träger und Mose als Lehrer der G'ttesliebe gezeigt." Ferner kommt zur rechten Zeit ein Büchlein von Martin Buber unter dem Titel „Zion als Ziel und als Aufgabe". Der innere Gehalt dieser „Gedanken aus drei Jahrzehnten" erfordert eine eigene Würdigung, die demnächst erfolgen wird. Es ist ein Verdienst des Schocken-Verlages, daß er auch Perlen aus der halbvergessenen älteren Literatur, von jüdischen und nichtjüdAschen Autoren, ausgräbt und uns in der schon bekannten schönen Schocken'schen Aufmachung bietet. Dazu gehören die „Dichtungen aus der morgenländischen Sage" von Johann Gottfried H e r d e r (Jüdische Dichtungen und Fabeln) und eine Auswahl von Gedichten und Gedanken Heinrich Heines. Zum ersteren Buch schrieb Fritz;B amberger ein Nachwort. Das letztere Buch ist von Werner Kraft zusammengestellt. Aus der jüdischen G e schichte bietet uns der Verlag eine Darstellung' aus dem Haus e des H e - rodes nach Flavius Josep,hus, zusammengestellt und übersetzt von Emanuel bin Gorion. In schöner Form wird uns ein Einblick in das Haus dieses Mannes gewährt, der kein jüdischer König, sondern ein1; Herrscher im ■ Judenlande von Roms Gnaden war. Wir,;: sehen Herodes auf der Höhe der Macht und verfolgen sein Verhältnis zur Mariamne bis zu ihrer Hinrichtung. Das innere Gären der Zeit nach Herodes findet in kleinen lebendigen Geschichtsepisoden seinen Ausdruck, die den Weg zum Untergange bezeichnen. Somit eine höchst zeitgemäße Lektüre in. diesen Wochen der jüdischen Nationaltrauer, ' „Galut" nennt sich ein Werkchen von Jizchak Fritz B a e r, das Abhandlungen enthält über das Geschichtsbild des spätantiken Judentums*, die. Galutiehre der Kirchenväter, Kapitel über Jefouda Halevi, Mosche ben Maimon, Jizchak Abrawanel,, die: Marranen, Sabbatai Zwi u. v. a. Schon dieser •Aus*; zug 'aus der Inhaltsangabe zeigt,. welche weite Ziele sich der Verfasser gesteckt 'hat.. Ein«; kühne Linie; wird in der Darstellung bedeutsamer Geschichtsabschnitte gezogen. Einzelnes fordert zur Kritik heraus, die wir uns noch vorbehalten. .;, rend der bekannte Nationalökonom Fritz Naphtali mit besonderem Nachdruck auf die Möglichkeiten der Vergrößerung der Aufnahmefähigkeit des Landes durch den Ausbau der Industrie hinweist. Inzwischen gilt es, dem durch dreimonatigen arabischen Streik und Terror schwer betroffenen jüdischen Unternehmertum in Handel und Industrie das Durchhalten zu erleichtern. Die wirtschaftliche Stagnation ist schon an dem äußeren Bild des jetzt so ungemein still gewordenen „Kassatages'1 am Montag zu erkennen. Während die Bänken früher an solchen Tagen voll waren von einer dichten Menge der Beauftragten von Industrie und Handel, die kamen, um ihre Wechsel einzulösen, sieht man heute nur ein recht spärliches Publikum, das Wechsel nicht einlöst, sondern prolongiert. Die Anglo-Palestine-Bank versucht, der Wirtschaft durch Erteilung neuer Kredite an gewisse Kategorien des Hand eis und der Industrie frische Impulse zu geben. Die schwierige wirtschaftliche Situation beschäftigt sehr eingehend auch die Exekutive der Jewish Agency, Bekanntlich hat die Exekutive vor kurzem eine speziell Wirtschaftsfragen gewidmete Beratung mit den in Palästina ansässigen Mitgliedern des Aktionskomitees abgehalten. Lieber die Ergebnisse dieser Beratungen und die evtl. gefaßten Beschlüsse ist der Oeffentlichkeit nichts bekannt gegeben worden. Die allgemeine Wirtschaftslage spiegelt sich auch in dem letzten Monatsbericht der Barclay's Bank. Danach war der palästinensische Getreidemarkt im Monat Juni ruhig. Lebhaft war die Nachfrage nach Mehl, schwach dagegen die nach Zucker, Kaffee und Reis. Der Markt für Wolle, Seide und Textilwaren war sehr schwach. Auf dem Baustöffmarkt fanden überhaupt keine Umsätze statt. Die Erntelage wird als gut bezeichnet. Die Bestrebungen zur Stützung und Belebung der Wirtschaft finden ihren Ausdruck auch in verstärkten Bemühungen, die einheimische Konsumkraft der •Produktion des .Landes nutzbar zu machen. Die Bedeutung der Tozeret Haarez-Bewegung erschließt sich immer weiteren Kreisen. So hat soeben die etwa 200 (Mitglieder umfassende Gruppe der Gaststättenbesitzer im. Verband der Detailkäufmannschaft beschlossen, nur palästinensisches Bier statt 'Importbiers auszuschenken. Mitglieder des Verbandes, die diesem Beschluß zuwiderhandeln,, können, wie in einem Rundschreiben mitgeteilt wird, auf Interessenschutz durch den Verband nicht rechnen. Die