Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1936)
- Date
- 1936-07-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450909-2450937--82249-2540192- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
16. Juli 1936 D Israelit Nr. 29 Seite 3 Die „vier Fragen" von En Charod. (Fortsetzung von Seite 1.) Sonne schmelzen zu sehen. Es lag, ihrer Meinung nach, am Juden selbst, den Haß mit dem „Staube der Jahrhunderte" — darunter verstanden sie alle Tradition vom Sinai bis zum Ghetto — von sich abzuschütteln, -während die Kulturträger in der russischen Haßatmosphäre nur eine ,, innere iMission" betrieben und im übrigen vor dem D*?iy DXJW wie vor einem Naturgesetze standen, das nur d e r aufheben Jcann, 1fder mit Zeichen und Wundern die Naturgesetze wandelt ..." - Der jüdische Nationalismus, ein legitimes Kind der Haskalahbewegung — Sokolow war einer ihrer letzten Adepten — hat mit der Eisenbartkur der Assimilation aufgeräumt, hat aber nicht zugleich den Väterglauben — der Väter der Haskalah — an das Naturgesetz des nKJP ED^ISf übernommen. Der Mensch, der Jude, kann in dieses Gesetz eingreifen, mit dem tätigen Willen zum jüdischen Eigenheime, mit Schaufel und Spaten . . . Der Haß gilt den Heimlosen, den Wehrlosen, also schaffen wir das Dach und ebnen den Boden, und der Haß verschwindet wie ein böser Spuk ... So die Doktrin des jüdischen Nationalismus Herzischer Prägung. Diese Antwort erwartet, oder erwartete noch vor drei Monaten, En Charod auf die erste Frage seines Mahnischtanah. Der Prophet freilich gibt andere Antwort auf die damals schon aktuelle Frage: ■»fiSH'» übntf tfi'ftiaw OD^y Tij?sN p b$ naisn ninswa ^dö „Nur Euch haibe ich auserkoren von allen Geschlechtern der Erde, darum lasse ich Euch Eure Sünden büßen." Der Wächter trägt Licht durch die finsteren Gassen und kündet, wie viel die Glocke geschlagen und wird darum von den Schlafenden als Ruhestörer gehaßt und verdammt. In der Völkernacht das Galuth hatte und hat Israel eine ähnliche Aufgabe, steht auf der Warte, hat zu lehren und zu künden. Seine alten gütlichen Schriften sind das Weltgewissen. In einer Welt, in der man die Stimme des Gewissens nicht gern hören mochte, konnte man auch diejenigen nicht lieben, die dieses Weltgewissen nicht ruhen lassen und immer wieder zu Gehör bringen. 1 Und glaubt der Jude einmal, unter Preisgabe von Leuchte und Lehre die Warte verlassen und die Flucht in die Welt ergreifen zu können, so wird er doch unter Tausenden erkannt. Das Erbe in seinem Blut spricht auch, wenn der Mund schweigt, das Anderssein wirkt im bellen Lichte, gewiß nicht als Besse r s e i n, Im eigenen Kreise bat die gute gesunde Wurzel auch den zuweilen entblätterten Stamm vor dem Absterben bewahrt. Der üppigste Blatter- und Blütenschmuck der Kultur konnte aber über Wurzellosigkeit im Wesen nicht 'hinweghelfen und hinwegtäuschen. Manche der Entwurzelten gerieten in den leeren Raum zwischen Judentum und Welt und wurden von der Leere in sich auf Wege gewiesen, die uns erst recht nicht die Liebe der Welt einbrachten. Ein anderer Dichter der Haskalah, J. L. Gordon, singt wehmutsvoll:?nns; uma navtann?? no» noa rtw mv tu Hb oan?rpirw «an rnn iraai - - •-.. ,. -. awip nw mv craftnnun mm *7# "»fib ynw kV off» Dipa >k 'Vis ' E n C h a r o d ist ganz gewiß eine Absage an den letztgezeichneten Typus des würzellosen Juden im Lichte der Welt. Aber kann es dem Manischtanah seiner Haggada ein anderes EPTjST li«,*7 entgegensetzen, als es der Dichter der Aufklärung, geistiger Großvater der En Charoder, mit obigen Versen prägt? -.Man wendet sich voller Ekel von der Hassen, blutlosen Physiognomie der. Assimilation ab und schreitet , doch als Kibbuz (Kollektiv) so weit über den Geist der Geschichte und die Jdeale der Propheten hinweg, .. I daß man,; sogar neue Agenden für alte religiöse Feieranläfese schafft, Agenden, die nur Blumen; und Blätter letzterer Blüte2eit und keine Wurzel kennen, so wenig wie die Gebetbücher der in der individuellen Assimilation verankerten Reform von a&mo dazumal. Schreiber dieses hatte Gelegenheit, die Kolonie En.Gharod und ihre Menschen kennen zu lernen. Ein paar Jahre liegen dazwischen, aber der Eindruck im Guten wie im Bösen blieb unverwischt. Prächtige Menschen von reinstem Idealismus, mit der Erfahrung eines alten Wandervolkes in den klugen Augen, ringen um den Boden wie um die neue Form des Lebens. Sie könnten gleich Jakob von der „aufreibenden Arbeit in der Hitze des Tages und in der Kälte der Nacht sprechen." Heiß ist die Liebe, die die 'schmalen Finger dieser Intellektuellen zu Eisen- ' klammern schmiedet, wenn sie dem harten Boden den Ertrag abringen, die Sümpfe, jene Malariaquellen, trockenlegen:. Aber kalt, eisigkalt sind die Nächte, wenn sie in ihren Baracken, in ihrem Betham sich ihren Theorien und Ideologien hin-; geben.. Wie bei Tag Malariaquellen mit dem iEukalyptus ausgetrocknet werden, so werden in den Mußestunden des Abends und des Sabbat 'alte jüdische Quellen verstopft, daß sie ihnen und ihren heranblühenden Kindern keinen labenden Tropfen mehr hergeben werden. Eine Kälte weht uns von ihnen an, wenn sie uns auf unsere Fragen nach dem jüdischen Leben, über Küche und G'tteshaus, höflich, aber entschieden trockene negative Antwort geben. Aus dieser Herzenskälte der Nächte ist auch die neue Haggada von En Charod entstanden, die des ewig heiligen Feuers in unserer alten Haggada, welches uns Jahr für Jahr bis in das hohe Alter hinein kindlich jung macht, nicht einen Hauch hat. Es sind inzwischen böse Tage über Erez Jisroel und auch En Charod gegangen. Die Antwort auf die vier Fragen setzte prompt nach Pessach ein, und zwar mit dem alten 13"»TT Cm3$r. Sklaven im eigenen Lande noch! . . . Daß man uns nicht mißverstehe! Nicht etwa, daß wir nicht tiefstes Mitempfinden mit diesen wertvollen jüdischen Menschen verspürten! Wir wollen ehrlich und zuversichtlich hoffen, daß sie den sie beseelenden Mut nicht verloren haben. Zugleich aber wollen wir hoffen, daß der Midianiter senkende Scharen in ihnen einen Gideon erweckt haben, der, von einem Engel angerufen, seine Mannen ans Wasser führt, zurückführt zu den alten Quellen ... Haben sie es doch auch in En Charod erlebt, daß mit der Beantwortung der dritten Frage, die erste immer noch ungelöst bleibt. Sie haben das Land, soweit sie es ihr eigen nennen durften, wirklich zu einem blühenden Garten gemacht, und der Haß, nach dessen Grund das ■iKind zuerst fragt, loht unvermindert, im eigenen ■ Lande, und umdräutden blühenden Garten. Warum schickt G'tt , all das über das Volk Und das Land seiner Wahl?; Möge diese eine Frage uns das ganze Jahr 'ihmdurch beschäftigen/ Die Fragen des Seder '.lassen wir aber lieber, wie alles Andere in der!Haggadah, unangetastet in der alten Form, die für uns und unsere Kinder ewigen Wert behält. Wochenkalender. üji Vom 18. -rr 25. Juli 1936./iVom*28. Tammus bis 6. Ab 5696 Samstag Sonntag Montag : Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag ' Samstag ■ ■, i >nv ip 18 ry rinn- 28 t 19 29 HP Juli 20 38 i 3* 21 2 3> 22 ■!';' ' 3 T 23 ■ Ihr' 4 1ü 24 5 TB 25 6 V •>?oö mtsn tnhn fsiaa Neumond: Sonntag früh 6 .Uhr :17V» Min. JtJj? 07' V1T\ »81 ptn ha» a^an Wochenrundschau. Unenglisches in England. Aus Anlaß der Budgetdebatte im englischen Unterhause brachte die Labour-Party wieder einmal den antisemitischen Terror gegen die Juden des East Ends zur Sprache. Fast alle Redner fanden scharfe Worte gegen das „passive Verhalten" der Polizei, das den Terror ermutige. Agitatoren, klagten die Redner, ergingen sich in schwersten Beschimpfungen gegen Juden, ihre Gefolgschaft schlage Fensterscheiben ein, mißhandle harmlose jüdische Passanten und die Polizei greife nicht energisch .ein. Selbst das Blutmärchen, das schon so viel Unheil in der Geschichte angerichtet hat, Werde von neuem aufgewärmt, um eine Pogromatmosphäre zu schaffen. Unter den ehemaligen Kriegsteilnehmern würde die Mär verbreitet, die Juden seien schuld am Kriege und arbeiteten auf einen neuen Völkerkrieg hin. Der Abgeordnete Sir Percy Harris sagte: „Judenhetze ist un e n g 1 i s c h „Die Unsicherheit im East End mutet so an, als gehöre dieser Teil der Metropole nicht zum englischen Imperium", meinte der frühere Arbeitsminister George L a n g b u r y. Man wird den Rednern Dank wissen, daß sie durch die Aussprache den Innenminister Sir John Simon zu einer Erklärung veranlaßten, die auf die englische Judenheit durchaus ' beruhigend wirken muß und auch der Welt zeigt, daß bei all diesen trüben Erscheinungen der Terror w i r <£ 1 i c b u n e n g 1 i s c h, ist, d. h. daß die englische Regierung nicht gesonnen sei, Bürger oder auch Fremde, die ihrem Schutze anvertraut sind, einfach den von Unverantwortlichen entfesselten Leidenschaften auszusetzen. Innenminister Simon sagte u. a., der Polizei sei der Auftrag erteilt worden, nicht nur uniformierte Polizisten, sondern auch Geheimagenten für solche Anlässe bereitzustellen. Im übrigen sei aus den Berichten, die der Regierung auf Grund sorgfältiger Erhebungen zugegangen seien, zu ersehen, daß die Beschimpfung von Juden in gewissen Teilen von London ' gedämpft wurde (Zwischenruf: „Nicht in Ostlondon!") Es wäre wohlfeil, fuhr der Innenminister fort, den Leuten, die in Ostlondon diesem Unfug ausgesetzt sind, zu sagen, daß sie mehr Mut zeigen sollten; er glaube, daß in vielen Fällen der beste Rat der sei, sich von solchen Kundgebungen fernzuhalten. Solange organisierte Gegenkundgebungen gegen faschistische Versammlungen veranstaltet werden, habe die Polizei ein(en sehr schweren Stand. Man müsse diejenigen feststellen, die Gewalttaten verüben oder beschimpfende Aeußerungen tun, damit ein Beweisverfahren ermöglicht werde. Wenn dies geschehe, könne voller Schutz seitens der Polizei gewährt w e r d e n. Es sei unbedingt notwendig, daß das Publikum selbst alles tue, um eine Lösung dieses Problems zu ermöglichen. Die Tatsache, daß Vertreter der Labour-Party dem Minister nach seiner Rede Vertrauen aussprachen, läßt auch uns vertrauen, 'daß es nicht bei Worten bleiben wird. Und da wir auch keinen Augenblick an dem guten Willen der Polizei zweifeln, so können wir uns auch damit einverstanden erklären, daß der Antrag auf Kürzung des Budgetpostens für die Polizei mit großer Stimmenmehrheit abgelehnt wurde.