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Der Israelit · 1936-07-09 · Heft 28 (9.7.1936) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 28 (9.7.1936)
Date
1936-07-09
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
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Seite 14 Nr. 28 Der Israelit 9. Juli 1936 Der alte Scherenschleifer*)« Am Marktplatz von Satu-Mare hat ein jüdischer Scherenschleifer seinen Stand. Ein alter Mann. Der lange Kaftan ist zurückgeschlagen, damit der Fuß, •der das Rad dreht, Bewegungsfreiheit hat. Der Plüschhut ist in den Nacken gerückt, auf der gefurchten Stirn perlt der Schweiß, der Kopf ist tief geneigt, die dicke Brille berührt beinahe den Schleifstein. Ich komme ins Gespräch. „Wie geht es Euch?" — „Nicht gut." — „Schlechte Zeiten, wenig Arbeit?" — „Nein, ich verdiene, was ich brauche. Aber die Augen sind schon sehr schwach." — Ich verstehe, „Ihr könnt Euer Handwerk nicht mehr meistern. Ihr seht nicht gut genug, um das Messer richtig an den Stein zu legen und zu schärfen?" — „Nein. Ich hab' es im Gefühl, in den Fingern. Die Hände arbeiten von selbst und genau. Muß beim Schleifen die Augen nicht anstrengen. Aber ich kann am Abend bei der Lampe nicht mehr in der heiligen Schrift lesen." — Man sagt es besser mit seinen Worten: „Ich kenn kein Seifer leinen ..." Nicht jedes Volk hat Scherenschleifer, die unglücks lieh sind, weil sie sich des Nachts nicht der Lehre hingeben können. Und: Dieser einfache blut-arme Mann erfüllt eine Aufgabe in dieser Zeit des Ungeistes, da der Großstadtjude sich kaum mehr auf dem Niveau der Zeitungslektüre, hält. Höchstes Gut ist dem heiligen Kämpfer für den jüdischen Geist in der Zeit der Entfremdung das Buch, 'die Schrift. Die Trauer, die ihn bedrückt, weil ihm die hebräischen Lettern vor den Augen verschwimmen, ist die Trauer um alle, die Augen haben und nicht sehen. Er steht da, der Alte, auf dem Marktplatz von Satu=Mare, ein Patriarch, ein Vater, um uns alle bangt ihn. Aber hier in diesem schönen und gesegneten Lande hat die Erscheinung des Scherenschleifers ihre besondere Bedeutung. Hier stoßen sich die Gegensätze hart im Räume, Jüdischkeit und Entjudung sind eng benachbart. Transsyivanien mit dem Banat ist geradezu eine Vereinigung aller Spielarten, aller Farben, die das Judentum des Kontinents bis tief in den Osten aufweist und gelegentlich mengt sich noch das Temperament, .der Lebensstil des orientalischen Juden in diese Buntheit. Alle Schutzfarben präsentieren sich, welche die Juden der Verstreuung im Kampf ums Dasein angenommen haben, annehmen mußten. Meist ist die Deckfarbe dünn aufgetragen, das jüdische Herz pocht durch die Kruste. Manchmal freilich ist er hart und starr, der Ueberzug, welcher den Feind täu* sehen, ablenken soll; nach außen erfüllt er den Zweck des Panzers nicht, nach innen übte er .die dumpfe Wirkung von Kerkermauern, das arme Herz ist abgestumpft. Volljuden, Halbjuden, Vierteljuden und Israeliten; grobschlächtige Bauern und fromme Waldjuden, weniger starke, gar nicht gläubige, schmächtige, aber im "beste englische Stoffe gekleidete Stadtherren; Jeschiwah-Jünger, über dem Talmud gebeugt, Burschen mit Schläfenlocken und Kaftan auf ungesattelten Pferden; allereinfachste Kleinbürger, allernobeiste Klubmenschen, gesetzestreue Juden jeglicher Sondesrart. Ungläubige jeglicher Fasson, Mystiker und Abenteurer, Eiferer der Lehre und Fanatiker der Kartentische, wunderbar regsame, sonderbar matte Söhne des alten Volkes — alle sind sie in den Gassen Neurumäniens diesseits von Brassow anzutreffen, als hätte sie hier eine sorgliche Hand zusammengetragen, gleichsam in einem Naturpark vereinigt. In den Städten, Städtchen, Marktflecken und Dörfern von Sie* benbürgen, des Banat es, der Marmarosch und der Zips kann man im Mikrokosmos den Makrokosmos sehen. Das Judentum, durch eine grausame Entwicklung niedergehalten, zerschlagen, zersprengt und in unfaßlicher Vielfalt, Der alte Mann von Satu-Mare, begreift ihr, steht auf verlorenem Posten. Denn stärker ist die Macht der Entfremdung, die Mühle der Zeit mahlt prompt und rasch, in zwanzig, dreißig Jahren wird in Transsylvanien kein jüdischer Scherenschleifer seufzen, daß er de® Nachts mit seinen schwachen Augen nicht mehr einen Seifer leinen kann. Zi on-Impressi onen. Jerusalem, im Siwan. Stille, Schweigen. Noch lagert über Stadt und Land .das Dunkel der Nacht. Doch der Hahn sendet dem Morgen schon seinen Gruß. Wieder Stille, wieder Schweigen. Da steigt fahl und kühl die Dämmerung auf. Im gleichen Augenblick erwacht die Vogelwelt und er- *) Dem köstlichen bei R. Löwit, Wien und Jerusalem, erschienenen Buche „B e g e g n u n g mit Juden" von Otto Abel es entnommen. Das Buch enthält 40 Skizzen, die insgesamt das Antlitz des östlichen Juden aller Gegenden und Observanzen anschaulich zeigen. hebt zum Lobpreis ihres Schöpfers ein jubelndes Gezwitscher, Flöten und Trillern. Der Hymnus verstummt, und die Sänger wenden sich zum Morgenmahl, Der Mensch schläft noch, ein, zwei Stunden, wie es dem und jenem sein Geschick erlaubt. Das eine und das andere Fenster öffnet sich. Hier und dort knarrt eine Tür. Den stillen Frieden beendet die unruhige Geschäftigkeit des beginnenden menschlichen Tageswerk®. Plötzlich durchbricht das Geschrei der Zeitungsjungen die Luft. „Doar Hajom!" „Dawar!" „Haarez!" Was haben die letzten vierundzwanzig Stunden gebracht? Platzten wieder Bomben, flogen wieder Kugeln und zerstörten Menschenleben? Züngelten wieder heimtückisch angelegte Feuerbrände auf und vernichteten die Mühen des jüdischen Bauern? Du liest diese, liest jene Tartarennachricht, die auch deine Existenz, auch dein Leben angehen, — aber weißt nicht, wie nun das Gelesene in einen klaren, vernünftigen Gedankengang hineinzustellen. Was will man von dem humanen, friedlichen, arbeitsamen Volke der Juden? Die Politik der Diplomaten nach dem Weltkrieg öffnete auch den Juden die alte Heimat. Dort waren Jahrhunderte über Jahrhunderte in die Ewigkeit hinübergegangen und hatten Wälder, Felder und Weinberge in öde Wüsteneien verwandelt, zwischen denen in einer sengenden Sonne Sümpfe tötende® Fieber, brüteten. Jetzt brachte die Einladung zur Ruckkehr an die Juden das Wunder der Verwandlung der Wüsten und Sümpfe in grünende Fluren mit aufstrebenden Dörfern. Die Politik hatte die Tore geöffnet. Die Politik verfügte aber auch über die Kontrolle an den Toren und legte der freien Entwicklung im Lande selber Hemmungen auf. Denn die Politik rechnete mit gewissen politischen Führern der bisherigen Bevölkerung, trotzdem die jüdische Einwanderung deren Not und Elend immer mehr beseitigte. Es War für das jüdische Volk ein Wagnis gewesen, sich den Versprechungen der Politiker anzuvertrauen und zu glauben, daß seine eigenen politischen Führer der auftauchenden Schwierigkeiten schon Herr werden würden. Doch trotz der trennenden zwei Jahr5 tausende lebte die Liebe zu der alten Heimat — wenn häufig auch nur im tiefsten Seelenwinkel — noch im jüdischen Volke; — Liebe aber ist optimistisch. Das jüdische Volk hätte optimistisch sein dürfen, wenn es nicht nur den Weg zur alten Heimat, sondern auch zu seinem alten G'tte genommen hätte. Soll Zion durch das Recht erlöst werden, dann muß von ihm die Lehre G'ttes wieder ausgehen. Diese einzige Politik sicheren Erfolges sind aber die jetzigen zionistischen Führer nicht gegangen. Sie waren und sind keine Makk'äbäer, nicht Diener am Licht des G'ttestempels'. Nur als Volk der Bibel läßt sich die Sympathie der Völker erwerben, eine Sympathie, die sich end^ lieh über Interessenpolitik hinwegsetzt. Nur als Volk der Bibel wird das Volk der Bibel über seine Feinde siegen. Moscheh, der Mann G'ttes, der größte Mensch und Jude aller Zeiten, der Führer, der begnadet war, das Volk aus der Sklaverei zur Offenbarung G'ttes zu führen, gab am Schluß seines Lebens den jüdischen Geschlechtern aller Zeiten das politische Testa* ment, daß nur die Wahrung der G'tteslehre die Weisheit und Größe des Volkes. Israel in den Augen der Völker ist. Die neue zionistische Bewegung hat diese einzige Richtlinie jüdischer Politik bis heute nicht kennen wollen. G'tte« Propheten und ihr •ethisches Pathos, das Erbgut des jüdischen Volke®, seine Traditionskette, seine Erhaltung in allem Wandel der Zeiten, sind auf den Tribünen der zionistischen Oeffentlichkeit verfehmt. Unser Wille wird über alle feindlichen Gewalten siegen, lautet der bleibende iRefrain der zionistischen Führerschaft . in kritischen Momenten. Die Großen des Volkes Israel hatten von Abraham an um das G'ttliche in ihrer Seele gerungen. Als Israel, als um das G'ttliche Ringende, trat das Volk Israel unter die Völker. Als Israel erlebte es alle Höhenperioden seiner Geschichte. Als Israel hat es im Altertum über kananitische und über hellenistische Naturvergötterung gesiegt, als Israel die Hölle des Mittelalters überstanden. Nur mit G'tt wird es auch jetzt aus allen Fährnissien siegreich hervorgehen. G'ttes Herrlichkeit spricht zum Menschen am gewaltigsten in der Stille des aufgehenden Morgens. Drum, Volk G'ttes, wecke den Morgen! Dann wird der Glanz des Morgens Zion verklären und Zion das Höhenziel auch der Völker werden, S a 1 y Geis. Bücherbesprechungen. Grundzüge der praktischen Seelenheilkunde. Von Fritz Kiink,el. Stuttgart. Hippokrates Verlag GmbH. Kart. Mk. 6.75, Ganzleinen Mk. 8.—. Die jüdische Lehre, die uns immer wieder darüber orientiert, was jüdisch und was unjüdistah ist, ist die Lehre des Lebens im einfachen und erhabenen Sinne. Wenn wir versuchen möchten, aus der Fülle der Ge- oder Verbote eins besonders herauszunehmen und zu betonen, so gelingt das uns' nicht, ohne mit den anderen Geboten oder Verboten in Konflikt zu ~konvmen. Immer müssen wir die eine uns vielleicht besonders (zusagende Mizwo mit den anderen konfrontieren, unsere Thora ist d a s Leben, das heißt Auseinandersetzung, um zur Harmonie zu gelangen. Die Wissenschaft von heute ist analytisch, zerlegt, zerfasert, zergliedert, um nach besten Kräften genau und scharf beobachten und erkennen zu können. Aber sie vergißt, sie denkt nicht daran, nach der analytischen Untersuchung wieder und nun zur wissenden und fruchtbaren Synthese zu gelängen. Die Tauroh steht nicht im Gegensatz zur Wissenschaft, sie ist die Erfüllung aller Wissenschaft, wie wir in beson* ders disponiertem Augenblick es ahnen. Fritz Künkel, ein Arzt in Berlin, versucht in seinem uns zur Besprechung vorliegenden Leitfaden der praktischen Seelenbeilkunde eine Synthese der heute maßgeblichen seelenheilkundlichen Methoden und Systeme zu geben. Es ist ihm in der Tat glücklich gelungen, die Freud'sche, Adler'sche und Jung'sche Methode dem Anzte, insbesondere dem Seelenarzte, dem Pädagogen und Juristen in einer dem praktischen Leben dienlichen Form nahezubringen. Im Leben kann man nicht nach einseitigen Systemen und Mes thoden arbeiten, der Mensch läßt sich nicht von nur einem Gesichtspunkt aus begreifen. Für das Leben, für die seelenärztliche Behandlung ist mit dem ganzen Leben, mit dem ganzen Menschen zu rechnen. Dafür gibt uns Künkel eine gute Einführung und zweckvolle praktische Winke. Als positiven Juden geben uns die heute bereits schönen Anfänge, die analytischen Methoden der Wissenschaft nicht mehr als das absolute Ziel und die ersehnte Glückserfüllung anzusehen, Genugtuung, Garrel, der amerikanische Arzt und Nobelpreisträger, macht in seinem jüngst erschienenen Buch „The Man, that unknown" gegen diese nur analytischen Methoden und ihre unglückliche Wirkung auf die Menschen unserer Zeit Front. Künkel fühlt ähnlich; seine Ausführungen sollten selbst vom gebildeten Laien gelesen werden, der am Weltbild unserer Zeit sein lebhaftes Interesse hat und ihm auch verpflichtet ist. Hermann Simons. Personalien. Frau Rektor Hoffmann n»y. - Berlin, 8. Juli. Die Kunde vom Ableben der Frau Rektor David Hoffmann wird in weiten Kreisen große Bestürzung auslösen. Die Matrone, die im hohen Alter von uns geht, war eine Tochter vom unvergeßlichen Rabbi Mendel R o s e n b a u m V"XT in Zell. Wie sie in einer Atmosphäre der Thoragelehrsamkeit und des nifn* erzogen wurde, so war sie später auch die ideale Frau des großen jüdischen Gelehrten, ihm ein H*» im Sinne von r-nry wie S. R. Hirsch S'Sr erklärt, -die ihm alle Lasten des Lebens, alle Mühen und Spr* gen um Haus und Wirtschaft abnahm, auf daß er ganz •ungestört in den Hallen der Thorawissenschaft weilen und wirken konnte. So hatte sie nicht gerin* gen Anteil an dem gewaltigen Lebenswerk von David Hoffmann ^"St- Wer aber dem Hause David Hoffmanns näher stand, kannte auch den Eigenwert dieser Frau, ihre Güte, ihre Liebe zu allem Schönen und Guten, ihre grenzenlose Gastfreundschaft, ihre mVffl J73HX, den Adel ihrer Gesinnung, wie sie ihn von großen Vätern geerbt und an der Seite eines großen Mannes so iganz und voll zur Entfaltung bringen konnte. Man wird in weiten Kreisen Frau Rektor Hoffmann, die am Freitag an der Seite ihres Gatten zur letzten Ruhe gebettet wurde, ein ehrendes und liebevolles Andenken bewahren, rrasan Wochenkalender. Vom 11. — 18. Juli 1936 / Vom 21. — 28. Tammus 5696 'ai' Samstag 11 21 1"9 . * < Sonntag 12 22 7 Montag Juli 13 23 n Dienstag H rinn 24 i Mittwoch 15 25 T Donnerstag 16 26 n Freitag 17 27 Ü Samstag 18 28 om's nnfin T>a-on Neumond: Sonntag früh 6 Uhr 17V» Min.

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