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Der Israelit · 1936-07-09 · Heft 28 (9.7.1936) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 28 (9.7.1936)
Date
1936-07-09
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Femlleton- Beliage Nummer 28 1936 Der Tempelbau zu Heikenbrunn. Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. ■(..; (Fortsetzung.) Ei horte sich fragen, als einzig Geretteten aus diesem Ueberfall, wo Vater und Mutter seien, die Geschwister — Weinen war seine Antwort. Noch ein Schwesterchen sei entkommen, aber weiß der Himmel, wo sie sich befand. (Später erst fanden die Geschwister wieder, als sie erwachsen waren.) ' . 1 Ueber das Schicksal der Eltern und &vx anderen erfuhr er erst um jene Zeit. Damals war ■, er schon lange in Heikenbrunn, ein Händler von auswärts brachte seine Frau mit. Es war Josephs einzige Schwester. Das Wiederfinden war seltsam genug , für all die umstehenden Menschen. Nur die beiden Beteiligten benahmen sich ruhig und gelassen. Sie reichten sich die Hände und boten sich einen frommen Gruß. Seitdem wohnte die Frau in seinem Hause, denn der Händler starb bald danach. Wenn die Schwester erzählte, klang es Wie ein Märchen. Sie war einige Jahre älter als er, damals selbst aus dem Greuel' entflohen zu guten Menschen anderen Glaubens. Sie wollten das Mädchen dem Glauben ihrer Väter zuwenden, aber es entglitt ihnen geschickt und blieb Jüdin, zäh an den Gebräuchen hängend, deren sie sich erinnern konnte. . Bis sie wieder zu Juden kam und offen jüdisch sein konnte: in die Famiiie ihres Mannes.' Sie^ hatte keine Kinder und war 2ufrieden. Sie sagte Joseph: Wie hätte ich sie mit dem Wenigen^ das ich von meinem Glauben damals kannte, befriedigen können! 'Nie vermochte sie das Hebräische derart fließend zu beherrsche^ wie die Juden jener , Zeiten; es für. die Pflicht anerkannten.' ■ Damals,'als sich die Geschwister wiederfanden, lag hinter Joseph schon.: das, größte Kämp-; fen um die Wissenschaft des jüdischen Glaubens. Er hatte Menschen in den alten» Verwandten der Magd gefunden, die ihm seinen Weg wiesen: in die Geheimnisse des jüdischen Glaubens^ eindringen, um sie als wundersame Lehren zu entdecken.: Jung wurde er der Versteher der-Heikenbrun-, ner Gemeinde. Doch überm Studium vergaß er? fast das Leben! In seinem vierzigsten Lebensjahre erst Jand, er die Gefährtin fürs Leben. Leiden-! schaftlioh liebte er die stille Schöne, die : man Rahel rief/ Alles Schöne wollte er ihr 'zusammentragen'auf dieser Erde. Ein Herzenswunsch jedoch blieb ihm versagt. Kinder. stellten sich nionjt ein. Rähel nahm es als; eine. Fügung, an der sie litt. Wae sehr die Freude; dieses Leid überwand,; wurde ihm erst bewußt, als der Himmel endlich ihr Flehen erhörte und Rahel sich Mutter fühlte. Das war, als er die Mitte der Fünfzig bereits nahen sah. Rahel jubelte, sie sang und freute sich. Sie starb mit einem Lächeln für 'dieses sKind,. dessen Leben, das ihre wegtrank,' , Zuerst hatte, ein leichter Groll den Unglücklichen erfassen wollen, ■• als er allein mit dem Knaben war ... Der Kranke öffnete gewaltsam die Augen. Er wußte, vor seinem Bett stand der Söhn-und sah ihn' sorgend an. "Beider Augen begegneten : sich und der Alte lächelte vor sich hin. Nun. mußte er als frömmer iMann. sein . Haus bestellen. Alle noch in ihm vorhandene; Kraft sammelte sich» noch 'einmal in dem starkenMen- | sehen, der sich vom vater- und mutterlosen Kind bis zum Vorsteher einer ganzen Gemeinde jüdischer Menschen emporarbeitete. Manche Sorge lastete auf dem Alten. Sie ließen ihn unruhiger werden. Mit Hilfe des Sohnes richtete er sich ein wenig in den Kissen auf und schüttelte dabei leise den Kopf. Das galt dem kleinen Groll, den er gegen diesen guten Sohn gehabt hatte, als er ihm die Gattin durch seine Geburt nahm. Mühsam ging sein Atem. Unwillig darüber suchte er wenigstens für die wenigen Minuten der Abrechnung noch einmal Herr seines Körpers zu werden. Seine Stimme klang fester als zuvor. „Nun werde ich dich allein lassen, David, die Stunde ist da ..." Das Zucken der ihn umfassenden Arme zeigte ihm die volle Liebe dieses Kindes. Aber er wollte keine Schwäche dulden, deshalb fuhr er sachlich fort: „Es ist kein leichtes Erbe, das dir nach meinem Tode zufällt. Du weißt, dich wird man zu meinem Nachfolger wählen. Du bist meinem Weg gefolgt und siehst in der heiligen Lehre den Gründstein des jüdischen Seins. Deshalb ist sie dir mit allem Dunklen und Lichten lieb geworden, daß du sie Tag und Nacht vor. Augen hast mit. ihren Gesetzen, Einen solchen Vorsteher hat man in jüdischen Gemeinden nötig . . Dankbar nahm er den erfrischenden Trank, den Githa David reichte und sich darauf wieder in den Winkel zurückzog. Leicht lächelte der Alte, als des Sohnes Hand ihn erquickte. „So war es früher auch, nur daß du der kleine Hilflose warst, den ich in meinen Armen hielt. Es fehlte doch die Mutter. Schade, daß du keinen Begriff von ihr hast. Wehe jedem jüdischen Kind, das seine Mutter früh verliert. Ihm mangelt das schönste im Dasein, die jüdische Frau als Mutter zu kennen ..." Sachte ließ David den Müden in die Kissen gleiten. So, vermochte er doch besser zu reden, er spürte es selbst^ „Sei gerecht den Deinen'gegenüber," begann der Sterbende erneut. „Gerechtigkeit heißt beim Juden jedoch nicht starre Vergeltung des Guten mit Gutem und Bösen mit Bösem. Gerechtigkeit heißt vor allem Verstehen der menschlichen Stärken und Schwächen. Und dann vergiß nicht, zuerst dir selbst strengste Gerechtigkeit' zuzumessen." Das Murmeln der Gebete, die aus dem Mund der alten Schwester des Mannes kamen, war wie eine Ausfüllung der Pausen, zu denen die Schwache den Alten zwang. „Vergiß' auch nicht, daß die Juden nicht m einem Maße mit den ändern Menschen zu vergleichen sind. Es sind gehetzte Menschen, deren Charakter sich nach dem Grad ihrer Leiden bog zu allen Zeiten. Verurteile auch nicht jene Juden, die starr und scheinbar . grausam sind. Denke immer daran: sie waren ,junge Menschen und sahen altes Leid. Ihr Gemüt erfaßte die jüdische Größe nicht gerade falsch, so aber doch weiitäb vom rechten Wege. :Jene sind die Aermsten unter den Juden, wenn sie .auch Reichtümer an irdischen Schätzen ihr Eigen nennen, denn vor dem Ewigen sind sie bar aller Beweise ihres lebendigen Judentums." David beugte sich überlas Lager, um keines der leisen Worte zu versäumen, der letzten, wie er fühlte,,-die ihm aus Vatersmund zuteil wurden. Seine Augen lagen auf dem verklärten Gesicht, das 'streng in seinem eigenen Leben nachforschte nach schlechten Wegen. Doch damit wurde Joseph allein ferjig. Er raffte sich nach-einer Welle auf aus dem Traum, 'der ihn wieder mit der Gattin vereinte; in die Wirklichkeit.;;t „Du trägst eine schwere-Last mit cler Gemeinde. Sie sind arm nach dem Krieg, wie ihre andersgläubigen Mitbewohner. Das schützt sie noch einigermaßen. Die Heikenbrunner sind gutmütig, hütet euch, diese Regung auszunützen. Stützt euch nicht auf kulturelle Fortschritte in anderen Landen, bleibt in euch selbst gefesselt und liebäugelt nicht mit Verbindungen innigerer Art. Es tut kein gut, wenn Juden sich assimilieren. Der Haß steigt in der Liebe gegen sie auf. Bleibt idas Volk Juda! und die Welt, erkennt euch an. Nicht aber laue Juden sind es, die Respekt erlangen vor den sie umgebenden Menschen. Nur als Volk und im religiösen Stamm sieht man in ihnen die Stärke. Das schützt euch, nicht das Anlehnen an fremdes Volkstum." David senkte betroffen das Haupt, seine Gefühle versenkten sich in diese Mahnungen, bei denen er früher skeptisch geblieben war. Aus dem Mund eines Sterbenden klangen sie anders. „Bewahre die Reinheit deines Hauses und du wirst Vorbild sein allen . . ." hörte er den Vater sagen und biß sich die Lippen wund, denn er fühlte, nun spielte der Alte auf das unklare Verhältnis zwischen ihm und. Githa an, doch hierin vermochte er den Mann nicht zu erlösen, denn sein Schwur band ihn. Der Alte seufzte. Hier war Widerstand, Er wußte, was David seiner Braut schuldig war, doch schmerzte es ihn, sie nicht verbunden zu sehen. Er hält seinen Schwur. Er lenkte ab von diesen Gedanken, denn kleine Sorgen lagen ihm am Herzen. Sein Blick suchte die Alte im Winkel, die Schwester, die er so wundersam wiederfand, ohne ihr je ganz nahe zu kommen. Sie war arm und nur auf Gnade angewiesen. Blind fast und bereits taub seit Jahren lebte sie ihr Restlein Dasein im Winkel, sich nach Kräften nützlich machend. „Du wirst sie nicht verlassen," sagte der Alte und sah Davids mildes Lächeln. Wie, konnte er jene Frau, die zweite Mutter seiner Kindheit, verlassen? Nun wurde der Alte sich bewußt, daß er hier keine Ermahnungen nötig hatte. Noch etwas lag ihm am Herzen. Das Enkelkind seiner eigenen Pflegeeltern, jener gütigen Menschen, die ihm alles gaben, was sie besaßen, war im Unglück, Ihr Mann hatte sie verlassen, sie weigerte sich, das Haus des alten Vorstehers durch ihr Dortwohnen zu belasten, aber Joseph verstand es, ihr die nackte Not fernzuhalten, indem er sie durch Arbeit und sonstige Mittel unterstützte. Auch in diesem Falle wollte David mit Freuden sein Erbe antreten. Lange währte die Pause zwischen diesem und dem nächsten Wort des Scheidenden. Sorgend lag sein Blick auf dem Sohn, Ihn bedrückte die leichte Starrheit dieser jungen, hohen Stirne. „Du bist'anders als die jungen Leute deiner Zeit. Vielleicht zu ernst binnen Weniger Zeit geworden. Ein schroffer Uebergang vom Einst ins Jetzt zerknickt die meisten Gefühle. Du mußt es selbst empfinden, daß du zuweilen allzu hart gegen dich'bist. Sag nichts. Klugheit — und ich darf als Sterbender dem eigenen Sohn das Lob erteilen, denn du bist klug — Klugheit also ist Gefahr, denn sie reizt zur Ueberspannung des Geistes und damit zu Abwegen und Irrgängen. Du zwingst dich zum Gedanken, eine Größe sein zu wollen durch den Tempelbau. 0, gewiß, deine Empörung ist echt. Du weißt es aber selbst nicht, daß ich doch recht habe. Aus reinem Herzen kam der Gedanke, deinem Judentum das Heilige anzutun und ihm den Tempel zu geben. Der Gedanke um diese Vision ist das reinste. Wenn die Ausführung wirklich zustande kommt, dann erst steigt der Wunsch mach Größe im eigenen Sinne auf. Davor hüte dich mit deiner Klugheit, denn hier beginnen die Irrwege . . (Fortsetzung folgt.)

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