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Der Israelit · 1936-07-09 · Heft 28 (9.7.1936) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 28 (9.7.1936)
Date
1936-07-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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9. Juli 1936 D e I s r a e 1 i t Nr. 28 Seite 5 Beschränkung besteht nicht mehr .bloß in moralischer und juridischer Unterstützung, sondern auch in der Auswahl und Ausbildung eines pro duktiven Einwand'ererelements, das geeignet ist, sich den Erfordernissen der Einwanderungsländer anzupassen. Die größte Zahl jüdischer Auswanderer, nämlich 186.134, hat in -den letzten zehn Jahren Polens gestellt. ■•■Im Jahre 1935 allein sind 30.717 Juden aus Polen ausgewandert. Das Ziel der Auswanderer aus Polen war 'bei 76.242 Palästina, bei 27.755 die Vereinigten Staaten, bei 15.466 Kanada, bei 38.0^8 Argentinien, bei 13.098 Brasisien, bei 4689 die Länder Mattelamerikas, bei 4378 Uruguay, bei 1550 Australien, bei 3774 andere überseeische Länder und bei 17.169 verschiedene Länder Europas. Aus Litauen sind etwa 18.000 Juden in den letzten zehn Jahren ausgewandert; sie machten 37 Proz. der Gesamtauswanderüng aus. In den letzten Jahren ist die nichtjüdische Auswanderung aus Litauen wesentlich zurückgegangen, so daß der Prozentsatz des jüdischen Anteils an der Gesamtauswanderung auf 80 Proz. gestiegen ist, obwohl die Juden nur 7 Proz. der Gesamtbevöllkerung ausmachen. Der größte Teil der jüdisch-litauischen Auswanderung, 4988 Menschen, ging nach Südafrika; Das neue Einwanderungsgesetz vom 1930 hat. jedoch die jüdische Einwanderung nach Südafrika bedeutend eingeschränkt. 1935 konnten nur 165 Personen von dem HICEM-Büro in Kowno nach Südafrika abgefertigt werden. 3993 litauische Juden gingen nach Südamerika, und zwar 1829 nach Uruguay, 1184 nach Argentinien und 910 nach Brasilien. In die Vereinigten Staaten sind im.letzten Jahrzehnt 2165 Juden aus Litauen eingewandert. Auf Grund eines 1931 getroffenen Abkommens sind 344 litauische Juden nach Biro- Bidschan gegangen. Aus Litauen sind in den letzten zehn Jahren insgesamt 18.888 Juden ausgewandert davon 6084 nach Palästina. Von den 6000 lettländisch-jüdtschen Auswanderern des letzten Jahrzehnts gingen 3100 nach Palästina, l'OOO nach den Vereinigten Staaten. Aus Rumänien sind 22.272 Juden in verschiedene Länder ausgewandert, die meisten nach Nord- und Südamerika, Palästina und Südafrika. Der Bericht erörtert weiter den Stand der jüdischen Emigration nach dem Fernen Osten. In Shanghai sind1 in den letzten fünfzehn Jahren etwa 5000 russische Juden aus Charbin eingetroffen; 2000 jüdische Einwanderer kamen nach Tientsin. Jüdische Gemeinden i entstanden auch in Tsingtau, Hamkau, Dairen und anderen chinesischen Städten. Die jüdische Bevölkerung von iMandschukuo, China und Japan wird gegenwärtig auf 16.000 Seelen geschätzt, d. s. 11 Proz. der gesamten im Fernen Osten lebenden Europäer. Erez Jisroel-Briefe. Von Dr. Isaac Breuer. VL. Anfang Tamsmus 5696. Selbst alte Einwohner bestätigen mir, daß dieser Sommer in Jeruscholajim ein ganz außergewöhnlicher ist. Tagsüber ist die Sonne warm, aber eine eigentliche Schwüle kommt nicht auf, weil vom Westen her die köstlichsten Winde wehen. Diese Winde sind eine seltsame Mischung von Gebirgsluft und Seeluft. In der vierten Nachmittagsstunde setzen sie meist stärker ein, und es wird kühler. Dann beginnt langsam das unschilderbar erhabene Schauspiel der in Jeruscholajim untergehenden Sonne, an das sich selbst ein abgehärteter Banause nicht gewöhnen kann, und das jeden Tag von neuem die Stimmung des achten Psalmes erweckt. Im Westen flammendes Rot, lichtes Blau im Norden, fast in allen Farben des Spektrums langsam übergehend in das tiefe, ahnungsvolle Bläu des Ostens. Dann strahlt, gerade mir gegenüber, der Jupiter freudig auf, und dann — ganz plötzlich — ist es Nacht, und wie durch elektrischen Druck ist mit einem Male der ganze Himmel mit Sternen bestickt. „G'tt, unser Herr, wie machteinzig ist Dein Name auf der ganzen Erde!" :-- Sitzungen können jetzt abends nicht stattfinden, da es immer noch — ich weiß gar nicht mehr, seit wann — Pflicht des Bürgers ist, von 7 Uhr an das Haus zu hüten. Um 7.30 Uhr ist es völlig Nacht, und um diese Zeit ist alles-Leben auf den Straßen erstorben. Vom Dache schaue ich auf den ungeheuren Kreis der Stadt.,: Nur hier und da zucken die Lichter „der Autos" auf, die als Patrouillen die Wege befahren. Zuweilen gleiten die Strahlen von Scheinwerfern über die Peripherie. Ab und zu geschieht es auch, daß auf dem Hügel dadrüben sich von dem ragenden Palast Wagen auf Wagen ablösen: dann ist die Sitzung zu Ende, in der der Hohe Kommissar über unser Wohl Rat gepflogen hat, und seine Gäste kehren nach Hause. «Haben sie endlich — entscheidende Beschlüsse gefaßt? Werden sie— endlich — Ruhe und Ordnung in diesem merkwürdigen Lande herstellen? — Ich schaue auf die schweigende Stadt, und unaufhörlich kreisen meine Gedanken um den S i O n des. tragischen Geschehens. Wo ist die „Pfosperity" des Jahres 1935? Beim Ausbruch des abessinischen Krieges hatte sie einen Stoß erhalten. Niemand wußte eigentlich, warum. Es war aber nur ein leises Warnungssignal. Dann, nach iMonaten, schlitterte das Land in seine gegenwärtige Situation hinein, ohne daß man eine von Anfang an zielbewußte und selbstsichere 'Führung des Arabertums feststellen konnte. Und weil dem so ist, kann einstweilen das Ende nicht abgesehen werden. Es ist viel Verstrickung da, viel Irrationales, viel Schicksalhaftes. -- Hätte die „Prosperity" der vergangenen Jahre angehalten, wäre nach menschlicher Einsicht das kulturelle Los des /werdenden Nationalheimes besiegelt gewesen, rieh habe die Prosperity nicht mehr persönlich erlebt. Ein sicheres Gefühl abef sagt mir, daß bei allem wirtschaftlichtechnischen Fortschritt die Luft in Erez Jisroel geradezu — verpestet gewesen sein muß. Der Geist des Amerikanismus, der nur allzu leicht in Levantinismus umschlägt, ging allenthalben um. Das Heilige Land erschien so manchen als eine nicht wiederkehrende Gelegenheit, um auf schnellstem Wege reich zu werden oder vorhandenen Reichtum zu vervielfachen. Da reisten sie im Lande herum mit ihren kühl abschätzenden Blicken, mit ihren gierig abtastenden Händen, und sie maßen und wogen und errechneten, als ob Erez Jisroel eine käufliche Ware sei. Von den schweren und großen Aufgaben, die jedem Einzelnen die Errichtung und Entwicklung eines wahren Nationalheims zu bedeuten hatte, war da wenig zu spüren. Politik war uninteressant und Kultur verstand sich von selbst. Die hatte man ja zur Genüge mitgebracht. Die Wirtschaft war die Göttin des Tages, und ihre Hochburg war Tel Awiw. Von den 400 000 jüdischen Menschen drängten sich mindestens 300000 in die wenigen Städte, und von dem Rest war höchstens die Hälfte ernsthaft mit Ackerbau beschäftigt. Das unerhört komplizierte Problem der Einordnung des jüdischen Volkes in seine alte Hei- und Wechsel der Zeiten konnte diese Seeleneinsteh hing ernstlich erschüttern. Wenn die Abendschatten sich berabeenken, greift der Jude in seinem a'isa- Gebet zwei Kernsätze aus dem Meereslied heraus: 'n D'bKa rotta »n„Wer ist wie Du unter den Mächtigen, o Ewiger," und isn abwb 'X\, „der Ewige wird regieren immer und ewig," Tot lagen die Aegypter am Meeresufer. Ein geschichtliches Ereignis von ungewöhnlich riesigem Ausmaße hatte offensichtlich und sinnfällig die vielhundertjährige Sklaverei beendet. Doch keine Spur von' Siegesrausch und Menschen* kraftvergötterung bei Israel. Möschen singt mit seinem Volk ein Lied ''r-tot dem Ewigen. Er allein ist •der Mädhtige, Er allein der Ewigregierende. Mögen auf der Weltenkühne die Völkerschicksale wechseln gleich den Bildern in einem Kaleidoskop: Er, der alleinige Lenker. Hatte nicht wenige Stunden zuvor Israel sein anxnfi pa in des Wortes verwegenstem Sinne erlebt, vor .sich ..das Schilfmeer, hinten das rachedurstige Aegypten? Da rief der große Führer den aufgeregten und verzweifelten Masseh das ewig denkwürdige, in seiner lakonischen Kürze klassisch schofle Wort zu: wmn nrm Kb orrt« 'n> „Der Ewige wird für euch den Streit führen, ihr aber sollt stille sein!" Wie oft ist das jüdische Volk in die gleiche oder ähnliche Situation gekommen. Man sucht uns mit Absicht und systematisch den -Lebensbaum zu verengen, ein O'iSön-ya für uns auszuklügeln. Da. gilt es hoffnungssitark zu bleiben gleich Mose® am Meere, oa^ anb"> 'a- Und über allem Wandel und Wechsel kinweg, in aller Zeiten Ferne gilt unverändert das Worts w riryh II*»»1» TI- Kleines Feuilleton „Diesen und auch Jenen hat G'tt gemacht". Ein neuer Palästinaroman. Das Buch ist von Maragrete Moses geschrieben und im Verlage B r a n d u s , Berlin W 50, gut ausgestattet worden. Es verspricht im ersten Teile einiges, was es zum Schlüsse nicht hält. Eine lebhafte und anschauliche Schilderung vom Werden und Leben einer jüdischen Niederlassung wird im zweiten Teile von ideologischen und theoretischen Auseinandersetzungen abgelöst, die ins Uferlose gehen und das Interesse des Lesers auf «im© harte Probe stellen. Aber nicht dasi ist das Bedenkliche an diesem Buche, sondern die Erörterung von Problemen und Theorien, die keiner von uns als die Grundpfeiler de® neuen Jischuw wünschen möchte. „Ein uneheliches 'Kind! Als ob es. diesen Begriff überhaupt noch gäbe. Sie schenkt das Kind sich, der Gemeinschaft, dem jüdischen Volk!" Und wenn Riwka, der dieses vorgehalten wird, beharrt: „Wir sind doch in Erez Jisroel!", wird sie belehrt, daß gerade Erez Jisroel der geeignete Boden für solche neue Auffassung sei. Der neue Freund, der sich um die Verlassene müht, hat aber den Wunsch, „einer möglichen Ünterhöblung so ernster und längst außer Kurs gesetzter Lebensauffassung vorzubeugen" (S. 20). Ein Freitag»Abend in der Kewuzah. Nicht durch Kiddusoh, Lichter lund Gebet geheiligt, sondern nur durch eine bescheiden© Nachkost angedeutet. Man raucht Zigaretten und liest dabei Lieder von. Bialik vor . . . (Der Dichter, der den „Oneg Schabbath" geschaffen hat, kann gewiß nichts dafür). All das ringt Dr. Jacobs iein begeistertes „Schehechejonu" ab: „Unsere Jugend ist frei, unser Land wird erlöst". Es gibt auch Wendungen und Episoden in diesem Erez Jisroel=Roman, von denen wir nicht wünschen können, daß sie unserer Jugend in die Hände und an die Ohren kommen, abgesehen von sprachlichen Abgeschmacktheiten wie „bekowedigen" Leute u. v. m. Wie Dr. Eick, der sich in der Kolonie in einen Seelsorgerposten „hineinredet", das Rauchverbot am Sabbat und andere Ge= und Verbote erklärt, ist mehr als bedenklich. „Neue Formen im neuen Lande", auch für das Judentum, auch für den Sabbat. Und der . . . redselige Eick weiß noch nicht einmal, daß das Wort: „Altes dagewesen! oder „Nichts Neues unter der Sonne!" nicht von Rabbi Akiba, sondern vom weisen König Salomo stammt. Wie köstlich erklärt dieser Theologe das Alter der Welt, um den Geburtsschein, den ihr die Wissenschaft ausstellt, in Einvernehmen mit der biblischen Auffassung zu bringen. G'tteetag währt 1000 Jahre, Moses aber ist der Mann G'ttes, daher die Inflation von Jahrmillionen zur Vereinfachung auf .die Zahl „Fünf* tausend" gebracht! Wem das nicht einleuchtet, dem ist wahrlich nicht zu helfen! Daß am hellen Sabbatmittag im Anschluß an Oneg Schabbath von diesem Geistlichen noch rasch 'eine Trauung vollzogen wird .(braucht man nach dieser „neuen Form des Judentums" keine Kesubah oder darf man sie am Sabbat schreiben?) wie andere ähnliche Köstlichkeiten wollen wir nicht registrieren, da diese vor der u. E. gefährlichen Grundtendenz ganz zurücktreten. Wir legen dais Buch ausi der Hand mit dem innigen Wunsche, es möge nicht als Urkunde in die Grund* mauern de© heute von Gefahren umdrohten und uns daher um so mehr ans Herz gewachsenen neuen Jischuw versenkt werden.

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