Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1936)
- Date
- 1936-07-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 28 Israel i t 9. Juli 1936 Wir verweisen, ferner auf die im „Londoner Brief" der jüngsten Nummer angekündigte selb ständige Sammlung der Agudas Jisr o e 1 für die Notleidenden ini Jerusalem, Safed und Tiberias, die, nachdem alle Bemühungen zur Bildung einer gemeinsamen Hilfsaktion unter Führung der Agency gescheitert waren, eingeleitet werden mußte und deren dringende Not wendigkeit die Ausführungen des „Kol Israel" von neuem belegen. Ein Urteil und ein „jüdischer Streik". Ueber den Vorgängen in Erez Israel hatte man beinahe die in ihrer Tragweite und Aus dehnung nicht minder erschütternden Geschehnisse in Polen übersehen. Nach den gesetzlich festgelegten Beschränkungen der letzten Monate, dem Sohechitaverbot, das Tausenden im Fleisch handel beschäftigten Juden das Brot nimmt, nach den Bestimmungen im Handel mit Milchprodukten, nach all diesen aufeinander folgenden Beschneidungen des jüdischen Lebensrechtes und der jüdischen Erwerbsmögiichkeiten setzte eine wilde antisemitische Welle im ganzen Lande ein, die von Lodz bis Lemberg, von Warschau bis Wilna und bis zu dem letzten Flecken im früheren russischen oder österreichischen Reichsgebiet die Juden um den kommenden Morgen bangen läßt. Die Regierung zeigt den guten Willen, aber die unteren Organe bieten nicht alles auf, dem höheren Willen Nachachtung zu verschaffen. Ein ganz besonders trauriges und blutiges Kapitel in dieser Tragödie heißt P r z y t ik , wo sich Dinge zutrugen, die an Kischinew und die Petljura-Ausschreitungen nach Kriegsende erinnerten. In der nächstgelegenen Bezirksstadt R a - dorn verhandelten die Hüter des Rechtes eine Woche lang über die Schuldigen. Es saßen auf der Anklagebank Juden und Nichtjuden, erstere, weil sie sich, teilweise mit der Waffe in der Hand, zur Wehr setzten, letztere, weil sie ein großes Jahrmarktstreffen dazu benutzten, nach der Weisung von demagogischen Hetzern die Juden zu überfallen und nach Herzenslust zu morden und zu plündern. Juristen von Namen, Juden und Nichtjuden, mühten sich, soweit sie die Verteidigung der jüdischen Angeklagten hatten, den ganzen Hintergrund der blutigen Tragödie aufzudecken. Und das Resultat? Ein Jude wurde . zu acht Janren Zuchthaus, ein anderer zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Die am Pogrome beteiligten Nichtjuden kamen mit verhältnismäßig kleinen Gefängnisstrafen davon oder wurden freigesprochen. „Es war nichts nachzuweisien," sagte der Vorsitzende. Einwandfrei nachgewiesen war nur, daß ein Jude namens L e s k o (in der Notwehr natürlich) geschossen und ein anderer Jude mit der Axt losgeschlagen hatte. Im Zuchthaus werden diese beiden Männer acht und fünf Jahre Zeit haben, darüber nachzugrübeln, daß es für einen Juden in Polen nur Not, aber keine Not-Wehr gibt. Die Reaktion im jüdischen Polen war in irgend einer Art zu erwarten, wenn auch nicht gerade in der Form eines a 1 Ig e meinert jüdischen Streiks. Kein Generalstreik etwa, wie ihn die Gewerkschaften verhängen, es war ein jüdischer Streik, in stiller Bescheidenheit und gänzlich ungefährlich, ohne das tätige Leben auf der Straße wesentlich zu beeinträchtigen. Er erstreckte sich am Dienstag, den 30. Juni, auf die Mittagsstunden von 12—2 Uhr, also auf eine Zeit, in der in den meisten Städten Europas die Arbeit in den Geschäften und Betrieben ja ohnehin ruht. In diesen zwei Stunden feierte aber das jüdische Polen in seiner Gesamtheit, der Kaufmann, der Handwerker wie der Arbeiter. Auch n i c h t j ü d i s c h e Arbeiter jüdischer Fabriken schlössen sich dieser passiven Demonstration an. Wo sie etwas läuter an den Tag trat, etwa da, wo die Arbeiterpartei , JBund" ihre eigene Kl'assenideologie und ihre eigenen Parolen in die Kundgebung hineintrug, war die Polizei rasch am Platze, viel rascher als am Schauplatze der Pogrome. In Przy'tik "selbst fand in diesen Ruhestunden eine Trauerkundgeibung in der Synagoge für die Märtyrer statt.. •" ' Fern vom Schauplatze wollen wir uns kein Urteil über diese nicht alltägliche Form judischer Trauer und jüdischen Protestes anmäßen^ Wenn aber die Führer der polnischen, Judenheit damit das durch die Ereignisse in Palästina fast verstummte jüdische Leid in Polen der Welt in Erinnerung rufen wollten, so muß gesagt sein, daß dieses Ziel schon mit dein R a d o m e r Urteil an sich voll erreicht ist. Der politische Vertreter der Agudas Jisroel-Weltorganisation, Harry Goodman, hat, wie berichtet, die schwere politische und wirtschaftliche Not unserer Brüder in Polen vor kurzem aus eigener Anschauung kennen gelernt und darüber dem Board of Deputi.es in London, dessen Mitglied er ist, genauen Bericht erstattet. Ob vielleicht der Notschrei der polnischen Juden auf diesem Wege in jene Kreise dringt, die die Macht hätten, helfend einzugreifen? Jüdische Auswanderung im letzten Jahrzehnt. Der in Paris tagenden Internationalen jüdischen Auswanderungskonferenz ist von . der Hias-Ica-Emigration (Hicem) ein umfassender Tätigkeitsbericht vorgelegt worden, der eine ins Einzelne gehende Uebersicht über die Entwicklung jüdischer Auswanderungsbewegung im letzten Jahrzehnt bietet. In dem Bericht wird darauf hingewiesen, daß das Aus Wanderungsbedürfnis der jüdischen Massen des Ostens unvermindert anhält. Das ist daraus zu ersehen, daß der Jahresdurchschnitt der jüdischen Auswanderung aus den osteuropäischen Ländern im Jahrzehnt 1925—1935 gegenüber den Jahren 1881—1925, in denen er 81.000 Menschen betrug, nur um 40 Proz. auf etwa 50.000 gefallen ist, obwohl Einwanderungssperre und Einwanderungserschwerung in den meisten in Betracht kommenden Ländern die Möglichkeit einer Wandenbewegung außerordentlich einschränken. Im letzten Jahr, 1935, hat die Auswanderung mit 81.500 Seein den Jahresdurchschnitt der Vorkriegszeit sogar überschritten, während es unter den Nichtjuden Ost- und Südosteuropas eine Auswanderung so gut wie überhaupt nicht gab. Die Richtung der jüdischen Auswanderung ■ hat in den letzten zehn Jahren eine durchgreifende Aenderung erfahren. Während in den Jahren 1881—1925 72 Proz. der jüdischen Auswanderer aus Osteuropa in die Vereinigten Staaten von Nordamerika gingen, 10 Proz. nach Südamerika, 4 Proz. nach Palästina, 2 Proz. nach Südafrika und 12 Proz. nach europäischen und anderen Ländern, sind in den letzten zehn Jahren von allen osteuropäisch-jüdischen Auswanderern 40,5 Proz. nach Palästina, 17,6 Proz. nach Nordamerika, 21,7 Proz. nach Südamerika, 3,5 Proz. nach Südafrika und 16,7 Proz. in andere Länder gegangen. Aber nicht nur die Zielrichtung, sondern auch der ganze Charakter der Auswanderung ist ein anderer geworden. Zu einer Zeit, in der es keine Einwanderungsbeschränkungen gab, spielte auch die Frage einer Auswahl der Einwanderer auf Grund besonderer Eignung keine Rolle. Heute jedoch ist die Lage weitaus komplizierter; richtige Auswahl der Wanderer hat größte Bedeutung erlangt. Die Aufgabe der jüdischen Hilfsorganisationen im Zeitalter der Einiwanderungs- p^^hmpwt j L ^V"JP^P>V^h i> ►;:?S> mf^W^^wr^- y rlKgfjfäT *V Zwischen den Marken. 'Dns&n pn Von A. Mannheimer in Detielbach. Im Echa-Buche beklagt Jirmija den Fall Jerusalems, den jähen Sturz der heiligen Stadt von stolzer Höhe zur erschreckenden Tiefe. Ein Atisweg bietet sich kaum; Dnxan pa rm'Pn rra-in bs- „Alle ihre Verfolger erreichten sie zwischen den Marken." (Klagelieder 1, 3} Einengung rechts: — Einengung links. Kann es Tragischeres geben für einen Verfolgten? Die Lage ist eine verzweifelte. Nach dem Midrasch seien unter den einengenden zwei Bollwerken die beiden Trauertag« des 17. Tamus und 9. Aw zu verstehen, also die sogenannten „drei Wochen". In ihnen sei alles Herbe auf unser Volk eingestürmt. Am nana rvgyv wurde Jerusalem erobert, am asa rwvn ging der Tempel in Flammen auf, genau drei Wochen danach, Fürwahr, -der 17. Tamus und der 9. Aw bilden rechts und links für die „drei Wochen" düstere, schwarze Kerker* mauern. Das Leid wuchs, es steigerte sich zur Katastrophe. Gerade dieses Anwachsen der traurigen Ereignisse, die Entwicklung von der Einnahme Jerusalems bis zur vollen Zerstörung des cnpan n'a möchte der Midrasch als .die Summe alles Schmerzvollen aufgefaßt wissen. Drei Wochen sind immerhin eine Zeit, in der manche Dinge, auch wenn sie die schwierigsten Verwicklungen und Problem^ darstellen, eine Wehdung erfahren können, eine Wendung zum Besseren, Wie war es damals, zur Zeit des Tempeluntergangs? Hat das Volk die „drei Wochen" richtig ausgenützt? Verstand es die ernsten Zeichen der Zeit immer noch nicht, als schon die Mauern der Stadt durchbrochen waren? O, die Sprache der Pro* pheten ist eine einzige, 'erschütternde Anklage für Israel in jener Zeit, '3? nm naan »3R „Ich bin der Mann, der das Elend geschaut," ruft Jirmijaihu, der greise G'ttesmann, später auf den Trümmern der zerstörten Stadt aus und ein Strom von Tränen rollt ihm in den Bart. Ich habe alles geschaut, deutlich sah ich das traurige Ende näher und näher kommen: man glaubte den falschen Propheten und deren Lügen. Mich mißhandelte man, schleppte mich in den Kerker, warf mich in die Schlammgrube, Die unselige Blindheit gegen ..die Gefahren der D'-wan rarEreignisse, die Taubheit gegen alle Worte und Warnungen der sorgenbeladenen G'ttesboten ließ die Katastrophe reifen: onsan pa mx»vT\ .rpaTn b> Es war zur Zeit des zweiten Tempes nicht anders. Nichts hatte man gelernt von den traurigen Tagen der Babyioniermacht. Vergessen, wie vernunftlGs man gehandelt, als man schon „zwischen den Engen" eingekeilt gewesen, D>-i2tan pa- Die weltliche Politik der Kriegspartei und der schärfer und weiter blickende Thorageist eines Rabbi Jochanan ben Sakkai lagen in bitterem Kampfe miteinander. Was spielte sich alles ab in jenen drei schrecklichen Wochen der Ein* schnürung, cansan pa- Der Talmud weiß erschütternde Szenen zu berichten au® den Tagen der Blökkade. Die synagogalen Dichter der Kinot für den neunten Aw hatten überreichen Stoff. Und doch finden jene Elegien noch einen lichtvollen Pfad als Ausweg aus der Enge: die felsenhafte Hoffnung auf den G'tt der Väter, der Sein Volk nicht verläßt. Alle Klagelieder schließen mit dem beseligenden Ausblick ins Freie, in die ferne Heileszukunft Israels und der Menschheit. Und diese Art und Form der Final« ist nicht etwa ein unter jenen Dichtern still geschlossenes „literarisches Uebereinkommen". Es ist ureigenstes jüdisches Seelenempfinden, das von selbst in die Feder fließt. Was wäre Israel ohne diesen Optimismus, der seine Quelle in G'tt hat und in G'tt zugleich seine Mündung?' Allerdings bleibt dieser Optimismus bei uns frei von falschen und verhängn&sivollen Wahngebilden, von verderblicher Phantasterei. Er ist nüchtern, kühl, real. Keine Zeitenwendung, kein Ideenwandel, auch wenn er noch so verlockend und schön mit weltbeglückenden Parolen und Devisen geräuschvoll einher* schritt, konnte und durfte uns irre machen an dem Bewußtsein: wir bewahren Reserve, wir leben noch tzinsan ]>a- Die große Lehrmeisterin Geschichte hat uns in vielen und ernsten Unterrichtsstunden dazu erzogen. Wir wollen ihre dankbaren Schüler sein. Uns zum Vorteil, uns zum Heile, uns zum Glück. a»isar» f»a nu'trn awi bo- „Leid, traf uns stets dann in der „Enge", wenn wir im Innern wankelmütig geworden, Verblendung uns den Blick getrübt für weite Sicht. An Stelle des seelischen Gleichgewicntsi trat der Zweifel und die Verzweiflung. Schopenhauer haßte die Juden wegen deren Optimismus. Ihm war es fremd geblieben, daß'dieser gerade im tzmsart r>a«. Bewußtsein seine starke Quelle hat. Kein Wandel.