Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1936)
- Date
- 1936-07-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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9.. Juli 1936 , ' c r 8 r a e I i t Nr. 28 Seite 3 Von der Kraft in uns. (Fortsetzung von Seiten 1.) in dem, Katastrophenmeere, aus dein sich hier auszuwindeh jeder die letzte Kraft aus seinen Poren herauszuholen hatte? Von Raschi und den Tossophisten, den Zeugen der Kreuzzüge, angefangen, bis zum Rotemburger Rabbi Meir im Ge fängnis zu Ensisneim und noch viel weiter, bis zu dem aus dem kriegsumtobten Prag nach Pa lästina flüchtenden Rabbi Jesaja Hurwitz (genannt ,;Scheloh"), waren sie alle führend nicht allein im Leben und im Lehren, sondern aüch int L e i d en. Und sie alle, die kaum ein. Wort von den Wirren und Leiden ihrer Zeit uns hinterließen, lehren in reichen Kapiteln und Büchern, die uns heute noch Wegweiser sind; die Jirrüa genannte K r a f t i n ums:, das rbv? nilK» . II. ■•- Aus dem Kraftfrieden in unserem jüdischen Herzen ergibt sich das Baumaterial für das jüdische-Hau s . . . Wollten wir weit ausholen, wir müßten erzählen vom jüdischen Hause, das Jakobs Söhne als Moment und Ursubstanz der Erlösung schon gleich zu Anfang ins ägyptische Galuth Imit hineinnahmen, 183 Wal VVit wir müßten erzählen von den Hausern, die sie aus Aegypten im 4ig Wüstenfreiheit hinausgerettet haben* ^Sfl ili'fia! JliO* wir müßten einen Gang durch die Geschichte und durch die engen Ghettogassen machen, um das jüdische Haus als Garant unserer geschichtlichen Existenz zu sehen. Allein, wir wollen in der Sichtweite des Tages bleiben. Das jüdische Haus stürzt nicht ein, weil uns die allgemeinen Strandbäder ge?- schlossen sind, und es wird ganz gewiß nicht dadurch neu aufgerichtet, wenn es gelingt, das Strandleben mit all seinen Auswüchsen in .den eigenen jüdischen Kreis hinüberzuretten. Es sind ganz andere Reinheitsquellen', aus denen der jüdische Mann und die jüdische Frau ihre Kraft und ihre Gesundung schöpfen. Gerade die laufenden Wochenabschnitte mit ihrem „Mirjamsbrunnen" als treuem Begleiter durch die Wüste, mit der erschütternden Tragödie von S e h i 11 i m, aus der erst der Kraftfrieden unseres Pinchas erwächst, — diese ewigen Urkunden sagen uns für alle Zeiten, und am meisten für unsere heutige Situation, wo unser Platz ist, auf,,welchen Grundlagen sich das jüdische Haus aufbauen kamii Aus dem Frieden in uns soll das jüdische Haus neuerrichtet werden. In den Jahrzehnten, da das jüdische Haus im Westen noch scheinbar auf festem Grunde stand, gingen ein z e Ine junge Menschen, denen die Heimat zu eng dünkte, in die weite Welt hinaus — und gingen uns verloren. Die Beziehungen zum alten jüdischen Heime waren durch die dazwischen strömenden großen Wasser ibald ausgelöscht. Vielleicht war 'dies auch die T r a g ö d i e P al ä s t i n a s , daß junge Men- .schen o h n e H a 11 und Heim' dort den Grundstein ZUm neuen jüdischen Leben legten. „Es fehlen gute jüdische Häuser," klagte oft "Rabbi Chajim Sonnenfeld der große, weitsichtige Pionier. Heute — vielleicht müssen. : wir auch G'tt dafür danken -—wandern F a mi - 1 i e n,:werden! j ü d i s che H aus et verpflanzt dahin und dortW, die Kinder bleiben im Schutze der Eltern, die alten Traditionen bleiben im neuen Breitegräde im; Schatten des alten Hauses gehütet; es erschallen die alten heiligen Heimatlieder auf fremde Böden. Heute kann sich d a s; bewähren; was uns als Trostverheißung auf alle Golusmärsche niitgegeben wurde: „Wohin auch Israel wandert, die S c -h e ch i na wandert mit ihm!" Was sich daraüs an Pflichten auf dem Gebiete der Kindererziehung für uns ergibt, muß hier nicht im Einzelnen erörtert werden. Hier greift der Friede aus iins und un s er e m H äii s e auf das G es a m t über^ und wir erleben, wie das nriH und das* -jn'a5 in das einmünden, i III. Der Einzelne braucht die Gemeinde, die Ge meinde den Klall, "heute wie kaum zu einer an deren Zeit unserer Geschichte. Unsere Zeit scheint das alte Wort ri» *Jiax Lügen zu strafen. Wir haben leider auch schon „die sterbende Gemeinde". Ergreifend sind die Berichte über den Abschied von der alten Synagoge:, über „den letzten Mann", der das alte Heilig tum noch betritt,;; um es nach dem letzten Trä nengeibete zu schließen. Wir fühlen tief mit denen, die in der dermaleinst viel zu engen Synagoge eine Weile allein, ohne Minjan, ohne. Keduscha und Kaddisch ihr Gebet zu G'tt emporsenden, um sie bald als letzte zu verlassen, und wissen, daß: auch dieses einsame jüdische Gebet den Weg findet zur G'tteshöhe nicht minder wie die Gemeinschaftsgeibete und Chorgesänge der großen Stadtsynagoge. anV'an m ma kVi isrism n^sri •?« rua Und ist das letzte Gebet im leeren Raum der alten Schul verhallt und vom „Reisegebete" abgelöst, und ist vom altvertrauten Mobiliar im Hause nur noch der W a nderstab unser eigeh', dann: bleibe man des Väterspruchs eingedenk n*im btpa^ tfrn a*7 „Wandere nach einer Stätte, wo Thora, jüdische .Lebensmöglichkeiten vorhanden sind!" Denken wir daran um der Seele unserer Kinder willen, diezwischen den schönsten Pflanzungen und blühenden Weizenfeldern Jdoch wurzellos verdorren wird, wenn sie dem jüdischen Quell entzpgen ist. Es denken vor allem auch unsere Organisationen, denen es obliegt, der. jüdischen Irrfahrt ins Blaue- Ziel und Richtung zu gelben, daran, die seelische Grundhaltung der Auswanderer, was so viel ist wie ihre ^jüdische Zukunft, durch Schaffung von kompakten Zentren zu erhalten. Wie erzählt Rabbi Josse, Sohn Kismas, in den gleichen Spruchlehren der Väter: Unterwegs entbot; ihm jemand den Schalomgruß und lud ihn ein, unter königlichen Versprechungen, mit ihm nach seinem Wohnorte zu gehen. Er aber sprach: „Und wenn Du .mir alles Gold und alle Edelsteine zu Füßen legtest, so bliebe ich doch nur da, wo die Thora ihre Stätte hat." Symbolisch genommen, ergeht es dem wandernden Israel heute nicht ganz .wie jenem Rabbi. Keiner streckt ihm auf der Wanderfahrt die Hand zum Schalomgruß entgegen, keiner hat Tausende und Abertausende für es übrig. Edelsteine? Nein, aber andere, einfache Steine von der Straße, um (in Polen und Rumänien) damit Fensterscheiben, jüdischer Häuser einzuschlagen und (im heiligen Lande) jüdische Autobusse zu bombardieren. In anderer Beziehung sind aber die Tausende und Abertausende, ja Millionen da, die großen Organisationen haben sie und halten sie für das wandernde Volk bereit.. Dank und Preis ihnen. Aber doppelt Dank und Preis, wenn sie mit Rabbi Josse Sohn Kismas daran dächten, die neuen jüdischen Wanderscharen so unterzubringen, daß sie des Lahetranks des religiösen Lebens für sich und ihre Kinder; nicht entbehren, daß das jüdische Haus guten festen Grund findet. IDa wie dort, für den Letzten in der alten wie fü^jden Ersten in der neuen Heimat, gilt es aber, dieijihnere Verbindung mit der Gemeinschaft, milirdem kleinen und großen Klall nicht zu verlieren. Wenn er den Anschluß an die nächstliegende Gemeinde 'sucht, wenn er darüber hinaus seine Beziehungen zu all denen aufrecht erhält, . die sich der religiösen Anliegen der Juden in Stadt und Land annehmen, wenn er sich auch als Glied der großen j ü d i s c n e n T h o r ag e,m e i n s c h a f t fühlt, die heute ihre weltumspannende Organisation hat und sicli. just; rüstet, i hr e n K o ng rie ß . zuerst in Europa, dann in' Jerusalem, abzuhalten, dann, stehlv er nicht iällein. Kein 'Jude steht allein da, so:;lange-; er siph nicht selber isoliert und von der Wurzel losreißt.;< ■<;;l liHäbenwir zunächst den Fr i ed e n i n iu n s, er bleibt dann auch unserem Hause; und der Gemeinschaft gesichert! Wochenrandschäu, Flüchtlinge in der Heimat. Wir lesen im „Kol Israel" vom 18. Juni: „Bei aller Schwere der Lage können wir nicht das Auge von unseren inneren Verhältnissen abwenden, zumal diese ja mit eine Folge der erschütternden äußeren Vorgänge sind. Eine der Fragen, die uns jetzt so lebhaft beschäftigen, ist die der Flüchtlinge. Zu den unermeßlichen Schäden, die uns direkt und indirekt infolge der Unruhen entstanden, zu den schweren Verlusten an jüdischem Blut und Gut, zu den seelischen Leiden, hervorgerufen durch die ewigen Angstzustände — zu all dem kommt die Not von .1 5 0 00 F l ü c h 11 i n g e n aus den Gefahrzonen im Lande, die sich in Jerusalem, Tel Awiw und Haifa aufhalten und hier ohne Schutz und Hilfe stehen, auch ahne Möglichkeit ■heimzukehren ,pod'- sich!;jn das frühere tätige Leben einzuordnen. Der jüdische Jischuw ist hier vor eine Aufgabe gestellt, vor der er keine Minute die Augen schließen darf. Jeder versäumte Tag bedeutet eine Stabilisierung der Verelendung von Zehntausenden. Aus der Erkenntnis dieser Notlage heraus entstanden im Jischuw einige Hilfsaktionen, um den Unglücklichen wenigstens über die Not des Tages hinwegzuhelfen. Aber die eigentliche produktive Hilfe, d i e Unterstützung, die eine Unterstützung in Zukunft entbehrlich machen sollte, kommt nicht recht vom Fleck. Eine genügende Einfühlung in die Lage des Einzelnen und besondere Rücksichtnahme auf die Eigenart des Einzelschicksals ist nicht zu merken. Die zionistischen Führer scheuen sich, die ganze Schwere der Lage genau bekanntzugeben, um dem Jischuw nicht zu schaden, und sind eher darauf bedacht, die Dinge für ihre großen Fonds, auszunutzen. So konnte die Hilfsaktion nicht den Auftrieb und den Schwung erhalten, wie man es sonst auf dieser Seite gewöhnt ist. Die schreiende Not der Flüchtlinge, denen die zionistischen Fonds nicht zu Hilfe kommen, rief einen eigenen Fond unter dem Namen pp JIISl^ ins Leben, mit dem Zwecke, eine innere Sammelaktion ohne große Propaganda zu betreiben. Wir aber, die wir noch die Leistungen des Hilfskomitees nach der Katastrophe von 1929 lebendig in Erinnerung haben und an die Hunderttausende von Pfund denken, die durch die Kassen der verschiedenen Fonds gingen, ohne die Notleidenden zu erreichen, wir können nicht umhin, unsere schweren Bedenken gegen den neuen Fond auszusprechen. Wir hielten es für richtiger, wenn die U e b e r s c h ü s s e aus der'Sammlung' v o n 19 2 9 für die Flüchtlinge dieses Sommeirs flüssig gemacht worden. wären. Wollten die Sammler von damals das auf sie mit dem Obulus der jüdischen Spender gesetzte Vertrauen. ganz rechtfertigen, man könnte sich die Mühe und Arbeit einer neuen Sammlung heute ersparen. Es sei denn, daß jene Gelder überhaupt nicht mehr greifbar sei e n ..." Wir geben diese Aeußerung, die wir von der Ferne auf ihre ganze Schwere nicht nachprüfen können, wieder; mit dem Bemerken, daiß die Einzigen, die vom ersten Augenblicke an mit wahrer Selbstaufopferung besonders für die 'heimatlos gewordenen Fl ü cht 1 i ng e aus der Jerusalem e r A lt st adi eintraten, die Führer der A g ü d a waren, was uns um so mehr verpflichten sollte, die agudistischen Fonds, die keine Kapitalien anlegen, sondern nur Not lindern wollen, n a c h Kräften zu unterstützen.