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Der Israelit · 1936-07-02 · Heft 27 (2.7.1936) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 27 (2.7.1936)
Date
1936-07-02
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
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Seite 14 Nr. 27 Der Israelit 2; Juli 1936 Jüdisches zur 500-Jahrfeier der Buchdruckerkunst, Von Dr. Hugo Spiegier in Wien. Die Buchdruckerkunst wird in diesem Jahre 500 Jahre alt. Obwohl die Erfindung Gutenbergs für das „Volk des Buches", wie die Juden seit undenklichen Zeiten heißen, besondere Bedeutung gewinnen mußte, ist doch ein ganzes Menschenalter verstrichen, bis den deutschen „Wiegendrucken" hebräische folgten: Das älteste hebräische Druckwerk ist erst aus dem Jahre 1475 datiert. Schuld an diesem lanjSßll Zaildem der Juden, sich einer Erfindung zu bedienen, die dem jüdischen Triebe nach Intensivierung des Geisteslebens im höchsten Grade entgegenkam, ist wohl die strenge Tradition, die bis dahin bei der Entwicklung des Buchwesens platzgegriffen hatte und sich auf bestimmten Gebieten noch heute gebieterisch über alle technischen Neuerungen der Schriftvervielfältigung hinwegsetzt. Die Thorarolle, die Megilla Esther für den G'ttesdienst und der Scheidebrief für das profane Leben werden noch immer nach besonderen Regeln handschriftlich fertiggestellt. Die eigenhändige Anfertigung eines Thora=Exemplars war jedem Juden wärmstens ans Herz gelegt, der König aber hatte zwei Thorarollen zu schreiben. Es ist begreiflich, daß diese Tradition sich wenigstens in der ersten Zeit ganz allgemein einer Anfreundung der Juden an den Buchdruck hemmend in den Weg stellte. Es hat aber schon vor der Erfindung der Buch* •druckerkunst handschriftliche Vervielfältigungen der ganzen Bibel oder einzelner Bibelteile gegeben, die nicht rituellen Zwecken dienten und sich daher weder in bezug auf das Schreibmaterial noch hinsichtlich der Form an die Vorschrift (reiner Konsonantentext, einseitig beschriebenes Pergament, Rollen, die durch Tiersehnen zusammengehalten werden); hielten. Der Gebrauch von Rollen, der im Altertum üblich war, erhielt, sich zwar allgemein noch bis ins achte nachchristliche Jahrhundert, doch tritt schon im fünften Jahrhundert die uns heute geläufige Buchform auf. Noch mehr als durch die Form unterscheiden sich die mittelalterlichen Bibelhand- Schriften durch ihre Größe von denen des Altertums. Die im Jerusalemer Tempel benutste Thorarolle soll so klein gewesen sein, daß sie der Hohepriester in seinem Gewand bei sich tragen konnte. Leider ist keine einzige antike Rolle erhalten geblieben. Die ältesten datierten hebräischen Handschriften, die wir besitzen, stammen aus dem zehnten Jahrhundert nach der übl. Ztr. Das Material für die Rollen war im Laufe der Zeiten mannigfachen Veränderungen unterworfen. Das älteste Material war das Tierfell (sefer). Später bediente man sich des Papyrus, einer ägyptischen Errungenschaft, deren Beliebtheit bei den Juden durch den Fund einer ausgebreiteten Korrespondenz der in Elefantine garnisonierenden jüdischen Militärkolonie erwiesen ist. Ausgrabungen in Samaria förderten auch beschriebene Tonscherben zutage. Der Talmud erwähnt Geflügel-, Fisch* und Schlangenhaut als profanes Buchmaterial, während er für Bibelhandschriften ausschließlich Pergament vorschreibt. Das späte Mittelalter schafft mit der Erfindung des Papiers au® gestampften Stoffen eine wesentliche Voraussetzung für den Buchdruck. Doch wird anfangs auch auf Pergament gedruckt. Da« Papier der ersten Druckwerke ist gleichfalls sehr stark, so daß die „Wiegendrucke" die Jahrhunderte überdauern konnten. Es war sehr teuer und der hohe Papierpreis verleitete die jüdischen Setzer, den leergebliebenen Raum mit Hinzufügungen zum Text auszufüllen, die oft große Verwirrungen anrichteten. Die ältesten Drucker waren gleichzeitig Heraus5 geber und Verleger. Oft war der Drucker ein Christ und die Setzer Juden. So war einer der bedeutendsten Hersteller hebräischer Druckwerke ein flandrischer Adeliger aus Antwerpen namens Daniel Bömberg. Er druckte in Venedig zwischen 1516 und 1538 und hat in diesen Jahren 140 Bücher herausgebracht, die in der ganzen Welt bis. Afrika und Indien Verbreitung fanden. Er gewann viele jüdische Gelehrte zu Mitarbeitern, 'die seinen Freisinn priesen. Er hat nicht bloß eine Bibel samt Kommentaren, sondern auch den babylonischen und den Jerusalemer Talmud zum ersten Mal vollständig herausgegeben. Zu der geistigen Bedeutung dieser Druckwerke gesellt sich ihr hoher technischer Wert. So zeigen die Bomberg-Typen eine erstaunlich große Vollendung. Eine damals vielbewunderte Spezialität Bombergs waren seine „Spiegeldrucke", d. h. Drucke, bei denen sich .die Zeilen der Vörden und der Rückseite eines Blattes vollständig decken. Für uns heute ist das eine Selbstverständlichkeit, im 16. Jahrhundert aber war diese Technik so cbarakteirstisch für Bom5 berg-Drucke, daß sie Nachahmungen zuschanden machte. Viel Sorgfalt verwandte Bomberg auf die künstlerische Gestaltung der Initialen, die aus Holzschnitten bestanden, in denen das Anfangswort meist von Tieren, Blattwerk und menschlichen Figuren umrankt war. Hierin stand aber Bomberg bald nicht allein, sondern fand einen ebenbürtigen Konkurrenten in dem jüdischen Buchdrucker Sonc i n o. Als man zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach langen Zeiten künstlerischen Verfalls der Buchaus* Stattung infolge fabriksmäßiger Massenproduktion endlich der äußeren Gestalt des jüdischen Buches wieder höhere Sorgfalt zuzuwenden begann, führte der Plan, die Form des jüdischen Buches seinem geistigen Gehalt würdig anzupassen, zur Gründung der verdienstvollen „Soncino-Gesellschaft" in Berlin. Personalien. Sanitätsrat Dr. David Teitz V'ST Fürth i. B„ 28. Juni. Am Nachmittag des 18. Siwan verschied der allenthalben innerhalb und außerhalb seines Wir* kungskreises bekannte und geschätzte Sanitätsrat Dr. David Teitz. Mit ihm ist ein Mann dahingegangen, der, allem Lauten und Aufdringlichen abhold, in einem acht Jahrzehnte dauernden Leben uns allen ein Vorbild stiller Größe und edlen Wirkens war. Von Litauen, wo er in Thoraluft aufgewachsen war und sich mit einem großen talmudischen Wissen ausstattete, das er mit erstaunlicher Gedächtniskraft jederzeit gegenwärtig hatte, kam er in jungen Jahren nach Deutschland, wo der damalige Medizinstudent im Umgang und Wissens- und Gedankenaustausch mit prominenten Häusern des gesetzestreuen Judentums den Grund legte für die Synthese zwischen Talmid Ghochom und gewissenhaftem, selbstlosem Arzt und Menschenfreund. So hat er an die fünf Jahrzehnte hier seine segensreiche ärztliche Tätigkeit atisgeübt, davon einen sehr großen Teil in dem hiesigen jüdischen Hospital, das> ein stetiges Kind seiner Sorge war. Seine» vielfachen und intensiven Bemühungen und Werbungen ist es in der Hauptsache zu danken, daß die in heutiger Zeit gar nicht hoch genug zu schätzende Einrichtung eines jüdischen Krankenhauses die krisenhaften Zeiten der Inflation überdauert hat und in vorbildlicher Fortschrittlichkeit dasteht. Bei Kriegsbeginn stellte er seine Kräfte sofort dem Vaterland zur Verfügung und leitete während der ganzen Kriegszeit ehrenamtlich ein. Lazarett. Als Ar-' menarzt der Stadt war er viele Jahre hier tätig, und hierin erwies er sich als ein wahrer Wohltäter aller Hilfsbedürftigen, gleich welcher Konfession/ so wie es dem Ideal eines thoratreuen jüdischen Arztes entspricht. Ehrungen jeder Art hat er in, seinem bescheidenen Wesen stets abgelehnt; vor einigen Jahren hatte er die seltene Freude, sein goldenes Döktorjubiläum feiern zu 'können, wobei ihm aus diesem Anlaß sein Doktordiplom erneuert wurde. Wer mit ihm ins Gespräch kam, war bald gebannt von dem fesselnden Plauderton, mit. dem er über talmudische, über medizinische/ über allgemein menschliche Dinge iSiprach, Und bewunderte das reich-e Wissen, das in der Unterhaltung zutage trat. So steht sein Lebensbild als teures Vermächtnis vor den Augen eines großen trauernden Kreises. Der leidtragenden Gattin und den trauernden Kindern und Enkeln sei seine reine Seele ein Meliz jauscher am Throne des Allmächtigen. n"333ri Darmstadt, 29. Juni. Am 19. Juni verschied durch einen tragischen Unglücksfall mitten aus einem Jblühenden, hoffnungsvollen Leben heraus Frl. Julia B o - den heimer von hier. Als Lehrerin an der hiesigen Jüdischen Volksschule hatte sie durch ihr Wissen und ihre peinliche Gewissenhaftigkeit schöne Erfolge.bei den Kindern erzielt. Ihre Charakterfestigkeit und ihre Intelligenz hatten ihr die Sympathie im Lehrerkollegium eingebracht. Seit einem halben Jahre leitete sie ein Beth-Chaluz in Köln, mit dem Ziele, später nach hwip' pR zu kommen. ^Dieser Traum wurde durch den plötzlichen Tod zerstört. Viel Hoffnung und Idealismus! ist mit diesem wert* vollen,. jungen Menschen ins Grab gegangen. Neben den Vielen, die Frl. Bodenheimer kannten und ehrten, trauret um sie die schwergeprüfte Mutter, eine Schwester und die gesamte Familie. rraxan Reinheim (Hessen), 1. Juli. Herr Lehrer V o - r e n b e r g , Reinheim (Hessen), sah am 1. Juli auf eine 50jährige Amtszeit zurück. Herr Vorenberg, der im vergangenen Jahre seinen 70. Geburtstag feiern konnte, übt seit 45 Jahren seinen Beruf als Lehrer, Kantor und - Gemeinderechner ununterbrochen in Reinheim aus. w"?ins? Rabbi Selig Bravermann V'XT' Jerusalem, 27. Juni. . Mit Rabbi Selig B r a v e r m a n n verliert Jerusalam einen seiner größten und. edelsten Thoragelehrten. Er kam in ganz jungen Jahren nach Palästina und zählte zum engsten Kreise von Rabbi Jerucham Diskin '"T'XT- Er gehörte mit allen Fasern seiner Seele der Gemoroh, dem Beshamidrasch, das er in seltenen Fällen nur verließ, um sich für notleidende Ca^asn *v>nbn zu verwenden oder neue Jünger von der Straße her zum Lernen heranzuziehen. In der Jeschiwa „Ohel Mosche", wo er früher sein Domizil hatte, war „Rabbi Seligs Stübel" als kleine Insel von mntn nsrni? in der Stadt berühmt. Als er später nach Meah Schearim übersiedelte, kam'sein gewaltiger Einfluß und die ihm innewohnende Werbekraft der Jeschiwa Meah Schearim zugute. Er lebte in größter Dürftigkeit, was ihn aber nicht hinderte, sich aufopfernd noch für Andere einzusetzen. Bei all seiner Zurückgezogenheit innerhalb der „vier Ellen der Halacha" blieb sein Blick klar für die Bedürfnisse der Zeit und fü» die Notwendigkeit einer guten Organisierung der Thoratreuen. So lieh er seine Kraft der Aguda s Jisroel und der Ch ar edi m§ e - m e i n d e in ihrem Kampfe um ihre Unabhängigkeit in hohem Maße. Nach langer schwerer Krankheit geht er von uns, und wir verlieren einen der Besten und Edelsten der heiligen Stadt, einen der 'T>i?' t^TPiT« im vollsten Sinne de® Wortes. y'T rührte. Ruth schien Zeit zu haben, sie guckte erst einmal in alle Töpfe. Dann nahm sie ein kleines Messer, machte sich am Tisch Platz, und fing an, den Rhabarber zu schälen. Lustig trillerte sie vor sich hin ... „Endlich fertig," rief Ruth und ließ ihr Messer sinken. „Schnell," rief die Mutter, „decke den Tisch, wollen zum Essen gehen." Ruth erhob sich, deckte den Tisch und rief Manfred zum Essen. Manfred war ihr um zwei Jahre jüngerer Bruder. Trotzdem hatte er schon sein eigenes Trotzköpfchen und wollte schon kommandieren. Das wollte sich Ruth nicht gefallen lassen und deshalb herrschte nicht immer Frieden unter den Geschwistern. . Nach dem Mittagessen hatte Ruth noch einige Besorgungen! zu machen, und _als sie wiederkam, da sah es in der Wohnung schon £anz nach Sabbat aus, Sie ging in das Eßzimmer und guckte träumerisch in «die unruhig brennenden Lichter. Plötzlich 'klopfte es; Vati und Manfred kommen aus der Synagoge. „Nun, Kinder, wascht euch die Hände.'" sägte der Vater,nachdem er Hut und Mantel abgelegt hatte. Nach fünf Minuten waren alle wieder im Eßzimj mer versammelt. Vati machte Kiddusch. Andächtig sahen alle den Väter an. Nun ging der Wembecher Vom ältesten bis zum jüngsten der Familie. Danach wurde das Essen aufgetragen. Unter Lachen und PIaudem, unter Scherzen und Singen wurde das fröhliche Mahl eingenommen. ' Wieder war es «tili «geworden im Mädchenzimmer, wieder hörVe man nur dais gleichmäßige, Atmen der kleinen Ruth. ■■' Anne=Rose K:r a n z, Berlin. Kinderecke, Freitag. Ein Lichtstrahl fuhr durch ein ziemlich großes Fenster in eine kleine Mädchenstube. Die „Puppenstube" wirA sie von einer Mitschülerin der kleinen Besitzerin genannt. War es denn nicht auch eine kleine Puppenstube? Alles war fein weiß angestrichen und an den Scheiben waren rosa Gardinen gespannt. Es war ganz leise im Zimmer und man hörte nur das gleichmäßige Atmen der kleinen Schläferin. Der Lichtstrahl begann sich zu langweilen; da gesellte sich der Sonnenstrahl zu ihm. Aber er war hochmütig und sprach kein Wort mit dem armen Lichtstrahl, denn er war ja goldgelb und stammte von der Mutter Sonne, die alles Leben hervorruft. Der Lichtstrahl dagegen war schwach und hatte keine Farbe „Puh, mit dem möchte ich nichts zu tun haben!" sagte der Sonnenstrahl. Nun langweilten sich beide. Da begann der Sonnenstrahl, weil er nichts anderes zu tun hatte, die kleine Schläferdn zu kitzeln. Sie wachte auf, und guckte sich müde um. Hatte sie jetzt nicht Schritte gehört? Nanu, Mutti war ja schon so früh auf? Sollt' es denn wirklich schon 8 Uhr sein? <J2aaiÄUMLJä^ j Köpfchen noch weiter in die weichen Federn. Heut' ist Freitag, da steht Mutti immer eine Stunde früher auf, da gibt es viel zu tun. Dann sprang Ruth mit beiden Beinen zugleich aus dem Bett. In die Hausschuhe und in das Badezimmer, das Gesicht ein wenig erfrischt und munter war sie. Ruth wollte sich anziehen, aber das Buch verlockt doch zu sehr. „Seite 77 war ich gestern, schnell noch bis Seite 80, das läßt sich besser merken," sagt sie zu sich. Aber o weh, Ruth vergaß ganz, daß sie ja nur bis Seite 80 lesen wollte. Wieder war Mutter der rettende Engel. Als Ruth die 82. Seite anfangen wollte, trat Frau Nathan in da® Zimmer. Ruth steckte schnell das Buch unter ihr Kopfkissen^ „Na, Ruth, noch nicht munter?" „Doch Mutti, munter bin ich schon und auch dleich fertig angezogen!" In 10 Minuten war sie fertig. Dann nahm sie ihr Gebetbuch und betete; nachher sprang sie in die Küche, -wo Mutti ihr schon das Frühstück zurechtgemacht hatte. „Auf Wiedersehen, Mutti!" Und der kleine Sausewind war weg. Von weitem sah Ruth schon das graue Ungetüm der Wissenschaft, die Schule. Klinglingling und noch einmal klinglingling! Frau Nathan öffnete- //Tag, Mutti, heute verging die Zeit in der Schule sehr schnell." Ruth ging in ihr Zimmer, legte Mappe, Hut und Mantel ab und zog sich ihren Wirtschaftskittel an, denn sie wußte, daß es heute viel zu tun gab- und die Mutti allein nicht alles schaffen kann, ltNun Mutti, was für Arbeit hast du heute für mich vorbereitet?" fragte sie und blickte munter in der Küche umher. „Hier, schäle den Rha- . barber, Ruth, ich komme heute nicht mehr dazu," sagte die Mutti, indem sie fleißig den Kuchenteig

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