Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1936)
- Date
- 1936-07-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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'iL Feuilleton' Beilage Nummer 27 1936 Der Tempelbau zu Heikenbrunn. Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. (Fortsetzung.) Der konnte jedoch nicht an Wiederkehr denken, mußte er doch all die vielen jüdischen Familien der Gegend aufsuchen und das Gleiche sagen und bitten. > Wie zu erwarten war, begeisterten sich die Gläubigen und Frommen am meisten, doch hing es nicht vori ihrer Freude ab. Was David am Nötigsten hatte, ,war Geld und wiederum Geld. Nicht ein Fetzlein Erde konnte der Jude erwerben. Was er durch Hintertürchen zu erlangen vermochte, kostete unendlich viel mehr, als es gewöhnlich der Fall war. Die reich Gewordenen unter den Juden saßen auf ihren Geldbeuteln mit der panischen Angst der Verfolgten. Wohl luden auch sie den jungen Mann ein, näher zu treten, sie sprachen dies und jenes, auch über den Tempelbau. Aber sie hoben die Schultern und schauten mit besonders zweifelnden Augen auf den Schwärmenden, i „Weiß man, wie lange man hierbleiben darf," fragten sie ihn. Sie fuhren gleich fort, um seine Antwort zu verhindern: „Wer baut in jüdischen Gemeinden einen kostspieligen Tempel. Gebetssäle, in irgendwelchem Haus, .darüber könnte man sprechen." David saß bei ihnen und nickte: zu ihren Worten. Er mußte ihnen recht geben, aber sich selbst den Plan zerschlagen mitihren bedachten Worten, das hatte er nicht vor. Sie lächelten ihm nach:' Er wird schon wieder zur Vernunft kommen. Bei seinem Gang durch die Dörfer.und winzigen Städtchen, in denen es reiche und arme Judengassn gab, sah er wieder jene Stufe demütiger Verlorenheit, 'auf."der s^Ön' das* zerstteute jüdische Völklein so oft befand. '■'),- Nach einem, heftigen(Kriege,.. war/.die Zahl der jüdischen Familien überall zusammengeschmolzen, der Rest hockte in den Gassen und wagte es nicht, dem Frieden des Aeußeren und Inneren zu trauen. Reisefertig waren die meisten, teils um wo anders ihr Glück zu;tversuchen, teils aber auch reisefertig im Sinne;des. irdischen Dahinscheidens. Die Stimmung unter ihnen war dementsprechend. Nicht alle' hätten ein gemütvolles Heikenbruriri als Heimstätte. _ Da waren Dörfer, die..der Krieg zerstörte, auf deren Trümmern neues Leben erstand, nicht in fröhlichem Aufbauen, sondern in mürrischer Gelassenheit. Die Juden mußten ihr Aeußerstes geben für diese Wiedergeburt zerstörter Stätten. Sie taten es gern. Mußten sie doch von jeher für eine Heimat bezahlen — mal mit Geld, dann wieder mit dem Einsatz ihrer Intelligenz, öfters aber mit dem Verlust des eigenen Daseins. Dabei gewöhnt sich der Mensch, besonders der jüdische, ans 'Geben. ... Grauenhafte Höhlen stöberte David auf, in denen jüdische Leute wohnten. Hier holte er nichts, doch brachte er von dem Wenigen, das er zu spenden vermöchte, gern und reichlich! Bei diesen Aermsten saß er und seine Worte brachten ihnen dejti besten Trost: Je ärmer ein Jude im irdischen Dasein ist, und je fester er trotzdem am Glauben der Väter hängt, %m so seliger ist . dieses Lebeh' in G'ttes!!Sohößvi:'' Aus diesen Höhlen heraustretend, kam er vor die Möglichkeit, die wohlgesdhmückten' Heime anderer jüdischer Menschen zu betreten. Wenn er sich ereifern wollte, im Innern, jene Menschen g'ttverlassen und sündig'zu-nennen, stieg in ihm die Erkenntnis auf, daß es nicht sein Geist sein durfte, der dieses Wesen tadelte. In allen Zeiten jüdischen Daseins würden diese Unterschiede bestehen. Es lag im jüdischen Wesen, zu streben — über sich hinaus, über andere hinweg, sich einen Schutzwall gegen Haß und Not zu schaffen, bis einer klüger noch war als er selbst und seinen Platz einnahm mit. allen Rechten. Er haderte jedoch dagegen und mit sich. Schroff und ablehnend kam er diesen Menschen entgegen. Hier forderte er und sie verweigerten es ihm auöh nicht, das Wenige zu geben, das einem Bettel gleich war. ,,Wann," so fragte er sich bitter, „wird das jüdische Volk in einer Sache, seiner jüdisch - gläubigen Sache, sich einig sein?" Verstimmt und sehr in seinen Hoffnungen getäuscht kam er stets nach Hause. Githa las ihm vom Gesicht, wie weit sein Plan war. Einmal sagte er ihr die Wahrheit, als sie durch die Gasse gingen, Githas Heim zu, worin er sie zu bringen hatte nach einem Besuch bei seinem Vater. . „Wenn nicht ein Wunder geschieht, Githa, wird der Tempel nie in Heikenbrunn errichtet." Er spürte nicht das sich vertiefende Leid in dem Mädchen, nur die bedrückende Last des "Uebernommenen wollte ihn schier zu Boden pressen. . „Sie sägen," fuhr er fort und starrte in die beginnende Nacht, die sich mit allen Schleiern ünd Schatten über die Judengasse senkte, als unterstreiche sie das Gesagte, „ein Tempel auf diesem Böden sei eine Unmöglichkeit. Der Boden;denwir mit.Fußen betreten, sei kein heiliger Boden,, neilig nur jenen, die erdverwurzelt sind seit ewigen Zeiten. Ein einziger Tempel sei den Juden heilig; gewesen, und der sei zerstört im heiligen Lande . '.", Githas Seufzen glitt an: ihm vorbei wie der leichte Wind, der sich erhoben hatte und fröstelnd durch die Xleider des-Mädchens strich wie ein neugieriger Finger. ) i'.Und doch haben sie unrecht. Der Boden, sei er,; wo er auch sein mag, auf dem G'ttes Wort gelehrt wird-im Sinne unserer Väter, wird heilig in diesem Augenblicke. Verstehst du das, was ich meine?" Er fühlte ihr; leises Ja' wie einen Ansporn. „Deshalb muß der Tempel aus der Ferne des Wunders zur Tätsache wachsen — mein Glaube an' die Erfüllung ist fest Wie im Anfang . . ." Sanft begann der Himmel'sich zu röten. Er glich mit seinen, grauer , werdenden Wolken einem alten jüdischen Männergesicht, das fverlegen errötet, sagt man ihm ein unverdientes Lob. Diese Röte lag sbwohl in Davids wie auch in Githas Zügen. Ihre Hand hatte er sich ertastet und hielt sie fest. „Du zürnst mir heimlich, Mädchen," sagte er und,,vsein .Atem, ging erregter. Aber " ihre Finger, bewiesen durch.den heftigen Druck das Gegenteil. Zu sprechen jedoch vermochte sie nicht. Zerstöre ich mein Dasein um einen Schemen? fragte er sich. In ihm wurde , es hell und freundlich. Und wenn ich daran zerbrechen sollte mit meinem Leib, bewies ich dann nicht i dem; Ewigen den Willen wenigstens; zur Erfüllung' jenes Soh'tvrurs?" ' [},.,'■.],,■'"; . i -. ' [ ''. '.. [ | Da ihm keine Antwort wurde, nahm er es.als Zustimmung ... '; 1 3. Durch die Judengasse von Heikenbrunn huschte die aufregende Neuigkeit: der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Joseph ben Uriel, der Vater Davids, liege im Sterben. Kränklich war er stets in den letzten Jahren gewesen. „Es liegt in der Brust," pflegte er zu sagen und tippte mit dem Finger an die schmerzende Stelle. Dort rieb er auch oft vorsichtig mit der Hand, als besänftige er das zuckernd schlagende Herz mit dieser Geste. Ein wenig, vornübergebeugt hatte sich seine hohe Gestalt, die dem Sohn Vorbild gewesen war. Sein Haar jedoch hatte die Lichtheit des Alters und war silbergrau. Ziemlich rasch fiel sein Gesicht ein im Laufe des letzten Jahres. Die Achtzig jedoch würde er nicht mehr vollenden. Seinen Pflichten kam er nach, bis er es nicht mehr vermochte. Eines Tages war es soweit. Er ließ den Sohn an sein Bett rufen und lächelte bedauernd. „Du bist noch sehr jung zu me'm&m. Alter, David," sagte er ruhig, als der Sohn fassungslos vor der Eröffnung stand, in kurzer Zeit wohl den Vater ganz entbehren zu müssen. Aber Joseph, der alte Mann, hob abwehrend die Hand. „Du wirst einsehen, ewig läßt der Herr uns nicht auf Erden. Lange Zeit genug hat er mir geschenkt. Neunundsiebzig Jahre diesem schmächtigen, Körper, den ich zeitlebens hatte. Ja, lächle nur, was ist ein Mensch anders als schwächlich, wenngleich er Muskeln hat in der Jugend wie ein Bär, hochgewachsen und mächtig? Nicht auf das Aeußere kommt es an, das Innere bleibt ewig schmal und schmächtig, sofern man sich selbst überschätzt . . ." Ein wenig' erschöpft, ließ er eine Pause eintreten, in der er sachte einschlief. Wenn er aufwachte, war,er stets bei Bewußtsein und ahnte nicht, daß er im Schlaf herrische Worte ausstieß und mit dem Geist in 'die Vergangenheit zurückstieß. Meist saß jemand an seinem Bett, bereit, ihm lindernde Mittel für einen plötzlich auftobenden Schmerz zu reichen. Labende Tränke standen greifbereit und wurden gern von ihm genommen, denn die Lippen wurden leicht trocken und, risr. sig und der Hals drückte in einer beklemmenden Weise. Joseph wußte, daß er sterben mußte, deshalb räumte er auf in seiner Seele, um sie rein vor G'tt zu bringen. Dazu mußte er, jetzt auch im wachen Zustand, sich durch die Vergangenheit tasten. Nich immer hatte er hier in der Gegend gelebt. Er erinnerte sich noch elnw weiten grünen Wiese, die nahe dem Hause in aller Sattheit sich ausbreitete. In dem Haus selbst wohnten er, die Geschwister und die Eltern. Es kam ein Tag wie alle anderen. Der Fünfjährige wurde aus weichen Kissen gerissen, Lärm tobte, Schmerzensschreie wurden laut, die eine Stimme gehörte seinem Vater, der laut in hebräischer Spräche seine Seele dem Ewigen überlieferte. Jene Hand, die den Knaben rettete, gehörte einer alten Magd, die immer weiterfloh mit diesem Lieblingskinde ihrer Herrschaft, bis in Heikenbrunner Land, wo eine alte Muhme mit ihrem Manne, dem Vorsteher der jüdischen Gemeinde, labte. Leise:, stöhnte der Kranke auf bei dieser Erinnerung. Er fühlte im Unterbewußtsein, wie sich eine sachte Hand um ihn bemühte, ihm die Kissen lockerte, die Lippen netzte und der Brand seines Innern, der angesichts der trüben Gedankten aufloderte wie jene vergangene Judengasse, in der er geboren ward, schwand wieder. I (Fortsetzung folgt.) :.