Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1936)
- Date
- 1936-07-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450909-2450935--82223-2540164- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
- Safed 1× ep/1046078
- Tiberias 1× ep/1048138
OCR text
2. Juli 1936 1/er lsraelit Nr. 27 Seite 11 . , Tatsächlich .wird man erst bei den nächsten Wahlen, bei denen Sir Oswald Mosley ungeachtet seiner letzten Schmählichen Niederlage eine große Zahl von Kandidaturen aufzustellen beabsichtigt, ein klareres Bild davon bekommen, welchen Widerhall die ganze Bewegung in den breiten Volksmassen bisher gefunden hat. Solange die wirtschaftlichen Verhältnisse gut und geordnet sind, wird nicht viel zu befürchten sein. Ein kleiner Zusammenstoß zwischen dem Präsi* dium des Board of Deputies und der zionistischen Minderheit galt in der letzten Sitzung des Board der Wirksamkeit des politischen Sekretärs der Agudas Jisroel, Mar. H. A. Goodman, der gelegentlich seiner letzten Reise nach Polen dem Präsidium einen außerordentlich klaren und eindringlichen Bericht über die wirtschaftliche und politische Situation des polnischen Judentums erstattete. Obgleich der Bericht sich strengster Objektivität befleißigt, können die erbitterten Gegner der Agudas Jisroel doch nicht über die ihnen unerträgliche Tatsache hinwegkommen, daß einer der Führer der Agudas Jisroel zugleich innerhalb der englischen Gesamtjudenheit eine einflußreiche politische Rolle spielt, weil hierdurch das zionistisch-liberale Monopol verletzt erscheint. Es wird noch eines langen Emanzipationskampfes der Orthodoxie bedürfen, bis diese, obgleich sie doch die eigentliche Fortträgerin der ältesten jüdischen Volkstraditdon ist, in fairer Weise als glecihbereohtigt anerkannt wird. Besonders eindringlich hat sich diese Tatsache bei der Konstituierung und bei der bisherigen Wirksamkeit des Council for German Jewry gezeigt, der ausschließlich aus Liberalen und Zionismen besteht und von dem alle Versuche, zum mindesten eine einzige Person* lichkeit von religiös-orthodoxer Gesinnung, wie z. B, den Chiefrabbi, an der Arbeit gleichberechtigt zu beteiligen, mit Energie zurückgewiesen worden sind. Interessant ist die nunmehr hier in der Presse zutage getretene Anregung, man möge über dem Leid der deutschen Juden das ungleich größere Elend der polnischen Judenheit nicht vergessen und als Gegenstück zu dem Herbert Samuel-Komitee einen Council for Polish Jewry bilden und zwar unter der Aegide de® Board of Deputies. Eine solche Konzentration der Hilfsarbeit für Polen wäre durchaus angebracht. Stephan Wise", der Matador des Weltkongresses, ist in London angelangt. Aber trotz seiner unleugbar gewinnenden Persönlichkeit wird es ihm keineswegs gelingen, irgendwelche einflußreiche Körperschaften oder Persönlichkeiten jetzt noch in den Dienst des gescheiterten Kongreßunternehmens zu stellen. Darüber dürften-sich die Veranstalter selbst klar sein. Auf der anderen Seite wäre es jedoch ein schwerer Fehler der Gegner des. Weltkongresse», wenn sie sich weiterhin auf bloße Negation beschränken und . sich nicht endlich dazu aufraffen würden, die verschiedenen jüdischen Weltorganisationen zu gemein5 samer Tätigkeit und zur Schaffung einer Zentralstelle für wirtschaftliche Arbeit und für Verteidigung der politischen Rechte der Juden zu vereinigen. Eine Frage, wie die neuerdings aufgetauchte, ob die Schaffung einer geschlossenen jüdischen Siedlung in dem neuen Abessinien angebracht sei, sollte beispielsweise von einer solchen zentralen jüdischen Körperschaft beraten und nicht einzelnen Organisationen, die die Dinge nicht von einer höheren Warte aus betrachten können, überlassen bleiben. Wie die Morning=Post meldet — die Garantie für die Richtigkeit der Nachricht muß dem Blatte überlassen bleiben — sollen offizielle italienische Kreise in Aegypten an ägyptische Juden auf Anregung Mussolinis mit dem Plane herangetreten sein, die Ansiedlung von 500.000 Juden in Abessinien ins Auge zu fassen. Daß hierfür ungeheure Kapitalien erfordere lieh wären, liegt auf der Hand. Die Londoner Agudas Jisroel hat sich bisher vergeblich bemüht, angesichts der palästinensischen Unruhen, die über Tausende von Juden schweres wirtschaftliches Elend gebracht haben, eine gemeinsame Hilfsaktion unter Führung der Agency zustande, zu bringen. Die Agudas Jisroel sah sich daher schließ* lieh genötigt, vorerst, eine selbständige Sammlung in die Wege zu leiten, was jedoch, falls ein überparteiliches Komitee noch zustande kommt, ihre Beteiligung an diesem nicht ausschließen wird Es schien jedoch unmöglich, den Dingen weiter ihren Lauf zu lassen und über die Notrufe der Hungernden und Obdachlosen in den Städten Jerusalem, Safed und Tiberias achtlos hinwegzugehen. i Palästina. Die letzten Tage in Palästina, Das Märchen von Transjordanien. — Der High Com' missioner antwortet der Agudas Jisroel. — Ver schärftes Fasten. — Kleinkrieg gegen England. — Neue Angriffe und ein jüdisches Opfer in Atarot. — Der High Commissioner im „Emek". — Arbeit der Gerichte. — Arabische Märchenerzähler. — Klagen des zionistischen A, C. — Auszeichnung jüdischer Polizisten. — Ein Todesopfer am Mittwoch. Jerusalem, 1. Juli. Um gleich mit den jüngsten Ereignissen bis Dienstag zu beginnen: Es verlautet, daß eine neue Vermittlungsaktion des Emir Abdullah eingeleitet wurde, und zwar mit Hilfe des Führers der englischen Friedensmission Daniel Oliver. Der Emir wünsche, daß einige arabische Führer, die sich im Konzen trationslager befinden, befreit werden, um ihnen Ge legenheit zu geben, mit den englischen Vertretern zu verhandeln. Es wird bei all dem nur von einer „Einigung zwischen Arabien und England" gesproeben, ohne den dritten Faktor und das Objekt des Aufruhrs, die Juden, auch nur zu erwähnen. So dürfen wir auf diese neuen „Friedensverhandlungen ' keine großen Hoffnungen setzen. Die Alarmnachricht des Londoner „New Chronicle" von einer „revolutionären Erhebung in Transjordanien", dem bevorstehenden Einmarsch von 60 000 bewaffneten Beduinen in Palästina und einem kurzfristigen Ultimatum der transjordanischen Scheichs an den High Commissioner, erweist sich, wie von vornherein anzunehmen war, als ein Märchen, aus der Nervosität der Lage oder aus der Sensationslust einer gewissen Presse geboren. Auch eine Meldung des „Doar Hajom", wonach die Palästinaregierung schon geneigt sei, in Sachen der jüdischen Einwanderung den arabischen Wünschen entgegenzukommen, gehört, nach einer Feststellung der ITA, in das Reich der Fabel. Inzwischen ist ein Abbröckeln des Streikes in Jaffa deutlich zu merken. Seit Ausbruch der Unruhen sieht man wieder Araber in Tel Awiw, die auch die jüdischen Cafes besuchen. Die arabischen Läden in Tel Awiw werden nach und nach geöffnet. Hie und da zeigen sich im Tel Awiwer Straßenbild wieder arabische Straßenhändler. Auf dem Jaffaer Bahnhof wird wieder emsig gearbeitet. Trotz aller Anstrengungen des Streikkomitees ist der Streik da, wo er begonnen hat, in Jaffa, unverkennbar im Abbau begriffen. In Beantwortung eines Memorandums der A g \xdas Jisroel hat der High Commiss ioner in einem Schreiben an die Leitung dieser Organisation sein tiefes Bedauern über die Verluste an jüdischem Leben und Eigentum ausgedrückt und erklärt, daß die Regierung alle denkbaren Schutzmaßnahmen getroffen hat und noch treffen wird. Vom Oberrabbinat in Tel Awiw wird angeregt, daß das Fasten am 17. Tamus dieses Jahr in der gesamten jüdischen Welt mit besonderer Strenge eingehalten und noch eigene Gebete mit Hinblick auf die Lage in Erez Jisroel in die Slichaus eingeschaltet werden. Die Zusammenstöße der letzten Tage zeigen, daß die Araber zur Zeit in der Hauptsache Kleinkrieg gegen England führen. Verluste in letzterer Zeit werden mit 64 angegeben, doch sollen sie erheblich höher sein. Ein Angriff auf M o z a und auf das Kinderdorf Ben Schemen wurde mit Militärunter* Stützung zurückgewiesen, ohne daß Schaden angerichtet wurde. Andere jüdische Siedlungen, so auch Rischon le Z.ion und Kirjath Anawim, konnten sich mit bestem Erfolge selbst zur Wehr setzen. Bei den vielen durch Bomben entstandenen Bahnentgl&isungen kamen jüdische Reisende nicht zu Schaden. Zur Verfolgung der Banden im Berggelände würden 100 Maulesel aus Zypern dem Militär und der Polizei zur Verfügung gestellt. Es wird bemängelt, daß für das Gesamtgebiet des Emek bloß 4 2 jüdische Hilfspolizisten bewilligt wurden. Unter den Verwundeten der letzten Tage befinden sich der Chauffeur Jakob K u s i n und der Fahrgast Jakob Kibinsky, die am Montag morgen auf der Fahrt in einem jüdischen Autobus von Tel Awiw nach einer naheliegenden Kolonie beschossen wurden. Auf der Strecke Lydda—Jerusalem wurden durch ein Eisen bah nattentat der Lokomotivführer und ein Soldat getötet und zwei andere Beamte lebensgefährlich verletzt. Als 'die Waggons zertrüm* mert auf dem Boden lagen, wurden sie von den Angreifern noch einmal mit einem Kugelregen überschüttet. Das Militär erwiderte das Feuer. Ernste Schlachten zwischen Militär und Arabern fanden auch in der Nähe von Nablus wieder statt. Der Bahnverkehr zwischen Lydda—Jerusalem ist wesentlich eingeschränkt worden. Zu dem Angriff auf A t a r o t wird mitgeteilt, daß dieser beinahe drei Stunden gedauert hatte. Hier ist leider ein jüdisches Opfer zu beklagen. Einer der Gründer der Kolonie, der 40jährige Chaim G o 1 o w i c k i, ist im tapferen ^bwehrkampf gefallen. Golowizki, der mit seinem Leben die Kolonie verteidigte, hinterläßt eine Witwe und ein lSjähriges Kind. Auch die anderen Kolonisten verteidigten sich mit wahrem Heldenmut, bis, erst nach einer knaps pen Stunde, Militär zu Hilfe kam. Auch ein Angriff auf die jüdische Siedlung Kefar Ezjom wurde von ■den Kolonisten mit Hilfe des Militärs tapfer abgewehrt. Eswurden umfassende Maßnahmen zum Schutze der Jerusalemer Wasserleitung getroffen. Jerusalem bekam eine neue Telefonzentrale. In Tel Awiw wird die neue Telefonzentrale am 1. Juli eröffnet. Der High Commissioner begab sich im Flugzeug nach dem Emek und hielt in Afuleh eine Konferenz mit jüdischen Kolonisten ab. Die Kolonisten verlangten die Verlegung der Regierungsämter von Nazareth nach A f u 1 e h , die Verbesserung der Fahrstraßen und die Zusicherung des Schadensersatzes. Der High Commissioner versprach ernstliche Erwägung all dieser Forderungen. Die Gerichte haben ihre Arbeiten begonnen. Ein arabischer Brandstifter in Jaffa erhielt fünf Jahre Zwangsarbeit, fünf arabische Plünderer ein und zwei Jahre Gefängnis. Etwa 200 arabische Dörfer wurden mit Kollektivstrafen belegt. Aus Flugzeugen werfen die Engländer Warnungen in arabischer Sprache in die Dörfer. In Haifa wurden Araber wegen Herstellung von Bomben zu V/2 Jahren Gefängnis verurteilt. Dagegen wurden die zwei sefardischen Juden, Abraham und Mordechai Mizrachi, die von einem Araber der Beteiligung am Bombenan* schlag vor dem Jaffatore in Jerusalem beschuldigt waren, aus Mangel an Beweisen auf freien Fuß gesetzt. Es wurde ferner eine allgemeine Briefzensur der Auslandssendungen eingeführt. Daß die letzte Unterhausdebatte den Ära- < bern nicht gerade aus dem Herzen gesprochen war, war zu vermuten. Der Oberste moslemitische Rat mit dem Großmufti an der Spitze veröffentlichen in den arabischen Zeitungen eine Antwort auf die Erklärung des Kolonienminisiters, worin sie wieder das Ammenmärchen von der Absicht der Juden, die Omar=Moschee abzureißen und an deren Stelle eine große jüdische Synagoge zu errichten", aufwärmen. Es heißt darin, die jüdische Bewegung in Palästina sei ausschließlich religiöser Art (?). Die in Palästina anwesenden Mitglieder des Zionistischen Aktionskomitees hielten eine Sitzung ab und veröffentlichen nun eine Proklamation, in der einige Kritik an der Paiästinaverwaltung geübt wird, die nicht den Willen gezeigt hätte, ,/den Krieg gegen den Jischuw" im Keime zu er* sticken und heute noch die Juden nicht genügend zum Schutzdienst heranziehe. Andererseits wird der Regierung Dank gezollt für die Ermöglichung der Levante-Messe und 'die Errichtung des Tel Awiwer Hafens. Hohes Lob wird den englischen Truppen und der Polizei ausgesprochen, aber,' heißt es in der Proklamation, dias jüdische Volk könne nicht damit zufrieden sein, Anderen den Schutz jüdischen Lebens anzuvertrauen und sie damit in Gefahr zu bringen. Es wird gefordert, daß die jüdischen Siedler durch gute