Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1936)
- Date
- 1936-07-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 27 De r I s r a e 1 i t 2. Juli 1936 entfernten Krakau erst am Nachmittag bekannt wurden. Eine energische Untersuchung wurde eingeleitet. Rumänien. Brief aus Rumänien. Bukarest, 29. Juni. Die bejahrte Mutter des Rabbiners Fisch in Targufrumos (Moldau) ist das Opfer eine® Raubmordes geworden. Der Kampf der Tageszeitungen „Universal" und „Adeverul" hat eine sonderbare Wendung genommen, er ist aus den Spalten der Zeitungen auf die Gasse herausgetreten, und zwar in Form von Attentaten, die gegen die jüdischen Mitarbeiter der „Adeverul" verübt worden sind. Die Redakteure S c r u tator, Blumenfeld und Bergmann wurden auf der Straße von mehreren Universitätshörern überfallen und blutig mißhandelt. Einige Attentäter wurden verhaftet. Reverend Stephen Wise wird in Vertretung des vorbereitenden Komitees des sogenannten jüdischen Weltkongresses nach Rumänien reisen und in Bukarest, Klausenburg "und Czernowitz für den Plan dieses Weltkongresses agitieren. Er wird nicht viel Glück haben. Die Landesrepräsentanz der Orthodoxie in Siebenbürgen hat am 15. Juni ihre Generalversammlung in Klausenburg abgehalten. Das Präsidium führte der Vorsitzende der Orthodoxen Zentralkanzlei, Oberrabbiner A. Wesel. Nach Ueberprüfunig und Genen* migung der Abrechnungen und des Budgets wurden folgende Fragen erörtert: Die Aufnahme der orthodoxen Gemeinde in Bukarest in die.:fLandesorganisation, die Rabbinerangelegenheit in Nagysizentmdklos, Spaltung innerhalb der Orthodoxen Kultusgemeinde in Nagykaroly (Krohle). Mit der Beschlußfassung in all diesen Fragen wurde eine engere Kommission betraut. Der Bericht des Präsidiums' ehrt vor allem die Toten der Siebenbürger Orthodoxie, insbesondere das Andenken des Großwardeiner Raws, R. Benjamin Fuchs, dessen Bemühungen die Gründung der autonomen Orthodoxie in Siebenbürgen in allererster Reihe zu verdanken ist. Der Bericht bezeichnet die Zustände innerhalb der Orthodoxie als zufriedenstellend und verurteilt mit scharfen Worten jene Versuche, mit Umgehung der Zentralkanzlei innerjüdische Fragen durch Machtwort der Behörden entscheiden zu lassen. Bezüglich der staatlichen Subvention ist auch die Kanzlei der Ansicht, daß die unbegründeter Weise verringerten Beträge unannehmbar sind. Zur Frage der Zusammenarbeit mit dem sogenannten Obersten Rat der Juden in Rumänien wurde dem Präsidium Vollmacht erteilt, mit der einzigen Eins schränkung, daß selbstverständlich dieser Rat sämtliche religiöse Fragen aus seiner Kompetenz ausschließen muß. Da das Mandat des Präsidiums und sämtlicher Ausschüsse Ende diese Jahres abläuft, wurde beschlossen, die Wahlversammlung für Dezember 1936 nach Großwardein einzuberufen. Die Mitglieder des Kollels für Siebenbürgen sind infolge des arabischne Aufstandes in schwere Notlage geraten und haben sich an ihre Brüder in Siebenbürgen mit der Bitte raschester Durchführung von Geldsammlungen gewendet. In Großwardein ist der als Kanzelredner und Autor weitbekannte Oberrabbiner der neologen Kultusgemeinde, Leopold K e c s k e m e t i, im 71. Lebensjahre gestorben. Der Verstorbene hat in seinen Predigten und religionspolitischen Werken nachdrücklicher die freisinnige Auffassung des Judentums betont, als innerhalb der ungarischen Neologie sonst üblich ist. Kecskemeti hat auch die nationaljüdische Auffassung des Judentums bekämpft und hat sich auch nach Eroberung dieses Landteiles durch den Rumänen als Angehöriger der ungarischen Nation bekannt. Das Massenunglück beim Zusammensturz einer Tribüne anläßlich des K ö n i g s t a g e s in Bukarest hat sonderbarerweise zu antisemitischen Hetzereien geführt. Die Tageszeitung „Universul" hat in ihren Schaufenstern faules Holz, rostige Nägel ausgestellt und darüber die Aufschrift angebracht: „Das Baumaterial, woraus die jüdischen Unternehmer -die Todestribünen errichtet haben." Die Untersuchung hat allerdings ergeben, daß der Erbauer der Tribüne ein waschechter Rumäne war, dem ein Jude aus Mitleid einige Tausend Lei geliehen hat. Judenfeindliche Exzesse in Rumänien, — Dr. Wilhelm Filderman leicht verletzt. B u k a r e s t, 23. Juni. In den Städten Bukarest, Kisohinew und anderen Städten .Rumäniens ist es zu judenfeindlichen -Aasschreitungen gekommen. Demokratische Zeitungen wurden in den Hauptstraßen öffentlich verbrannt. Im Bukarester Gerichtsgebäude wurden jüdische Rechtsanwälte von Antisemiten überfallen, wobei der Präsident der Union rumänisicher Juden und geschäftsführende Exekutivepräsident des Zentralrats der Juden Rumäniens, Dr. Wilhelm Filderman, leicht verletzt wurde. In Kischinew setzten sich die Juden gegen die Angriffe geschlossen zur Wehr. Bei einem Zusammenstoß gab es zahlreiche Verletzte. Drei Juden wurden -ins Krankenhaus gebracht. Einer von ihnen, K. P o 1 i a k o f f, ist sehr schwer verletzt. Auch einer der antisemitischen Rädelsführer, Anton Zurkin, soll erheblich verletzt worden sein. Ein Polizeibeamter wurde von cuzistischen Studenten verwundet, alser das Anzünden eines Scheiterhaufens aus Zeitungen, die von den Zeitungsständen geraubt worden waren, verhindern wollte. In Balti Würden zwei Juden, Israel Jancu und Motel Faisinan, schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Jancu hat eine Schädelzertriimmerung, Faisman schwere Verletzungen am Brustkorb erlitten. In Bukarest sind sechzig Studenten verhaftet worden. Die antisemitischen Zeitungen veröffentlichen schwarze Listen jüdischer Schriftleiter und reizen so zu. Ueberfällen auf diese auf. Der frühere Ministerpräsident Vaida Voevod fordert in einem Artikel die rumänische Jugend auf, nicht Gewalt anzuwenden, da die Juden auch mit gesetzlichen Mitteln aus Rumänien verdrängt werden könnten. sässischen Gemeinden versprechen 'darf. Außer einem öffentlichen Vortrage Jacob Rosenheinis im Saale des Konservatoriums, der aus allen Kreisen der Straß* bürger Gemeinde gut besucht war und lebhaftem Interesse begegnete, fand am Sonntag Nachmittag eine Delegiertentagung statt, zu der zahlreiche Rabbinen, Lehrer und Vorsteher aus den kleineren elisässischea Gemeinden erschienen waren und in der manche erwünschte Aufklärung über 'die Einzelarbeit der Agudas Jisroel im heiligen Lande gegeben werden korinte. Der Sabbat-Nachmittag war der. Jugend gewidmet, die bereits jetzt in dem Verein Jeschurun in Straßburg auf agudistischem Boden zusammengeschlossen ist. Frankreich. Aus der französischen Judenheit. Paris, 24. Juni. Die Uebernahme des Ministerpräsidiums durch Leon Blum ist begreiflicherweise in allen Kreisen der französischen Judenheit mit verdoppeltem Interesse aufgenommen worden. Als französische Patrioten ersehnen die Juden mit der gleichen Intensität, wie die meisten ihrer Mitbürger, das Gelingen der weitgreifenden wirtschaftlichen Sanierungspläne des neuen Ministeriums. Als Juden sind sie sich bewußt, daß ein etwaiges Scheitern dieser Pläne von weiten und einflußreichen Gruppen des französischen Volkes nicht den unglückseligen Gestirnen zugeschrieben wird, sondern dem Juden Leon Blum zur Last gelegt werden würde. Vorerst muß man sagen, daß Blum auch in seiner Eigenschaft als Angehöriger der jüdischen Rasse, von der kleinen Gruppe eingefleischter Antisemiten abgesehen, eine sehr gute Presse hat. Man erkennt allseitig die außergewöhnliche Vornehmheit und den Adel seines Charakters, 'die Idealität seiner Gesinnung und seine hervorragenden staatsmännischen Fähigkeiten an. Aber da® darf nicht darüber täuschen, daß die geschichtlichen Ereignisse die französische Judenheit gerade infolge der Berufung einesdler ihren auf den zweithöchsten Posten des Landes heute vor die Möglichkeit ernster Prüfungen stellt. Die Pariser Agudas Jisroel^Gruppe hat seit dem letzten Besuche der Londoner Exekutiv-Mitglieder einen erfreulichen Auftrieb erfahren, und 'die Einrichtung eines Sekretariats für den Keren Hajischuw wird hoffentlich dazu führen, daß weitere Kreise der französischen Hauptstadt ihre Schuldigkeit gegenüber dem religiösen Aufbau des heiligen Landes in höherem Maße tun, als es bisher der Fall war. Inzwischen fand am letzten Sonntag eine Tagung der Straßburger Agudas Jisroel unter Teilnahme des Präsidenten der Londoner Exekutive, Jacob Rosenheim, und des Vorsitzenden der Palästina-Zentrale, Dr. S. Ehr mann, statt, von der man sich eine Belebung der Organisationsarbeit und der Propaganda des« Keren Hajischuw und Keren Hathora in den el- Engiand. Londoner Brief. Sonntagsruhebül. — Um die Abwehr des Faschismus. — Der Kampf um die Gleichberechtigung der Orthodoxie. — Ein Council for Polish Jewry. — Der Weltkongreß. —1 Eine jüdische Siedlung in Abesshnen. London, 26. Juni. Die Sonntagsruhebill wird in den nächsten Tagen im englischen Parlament zur zweiten Lesung gelangen und die interessierten jüdischen Körperschaften sind noch immer bemüht, die Erweiterung der für Sonntag freigegebenen Verkaufssiunden bis auf 5 oder 6 Uhr nachmittags durchzusetzen. Allerdings erscheinen die Aussichten, mit diesem Amendement durchzudringen, nicht gerade groß. Das Interesse der jüdischen Oeffentlichkeit in England wird mehr und mehr von der dem Anscheine nach in starkem Zunehmen begriffenen faschistischen Bewegung Oswald 'Mosleys in Anspruch genommen. Nicht nur daß sich die Belästigungen einzelner jüdischer Bewohner und Passanten im Eastend wiederholen, wobei in vielen Fällen der Polizei der Vorwurf ungenügenden Schutzes gemacht wird — die öffentlichen Versammlungen der Schwarzhemden wiederholen sich auch in kürzeren Abständen in anderen Stadtteilen, so z. B. am vorletzten Sonntag im Norden. Dort veranstaltete in dem .großen Finsbury Park gleichzeitig mit dem faschistischen Meeting die neugegründete Britäschademokratische Liga, ein christlich=jüdischer Abwehrveirein gegen den Antisemitismus, eine Gegenversammlung, die durch einen stärken Polizeikordon von den versammelten Faschisten abgegrenzt wurde. Nahezu 600 Polizeimannschaften waren aufgeboten,, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Daß die ganze Bewegung auch bei den Politikern nicht unbeachtet bleibt, zeigen die wiederholten Interpellationen im Parlament. Der Staatssekretär für das Home Office, Sir John Simon, erklärt jedesmal oder läßt durch seine Vertreter erklären, daß er für die Unparteilichkeit und die Energie der Polizei die Hand ins Feuer lege und der Behauptung einer gewissen Voreingenommenheit der PolizeimannS'chaften für die Faschisten jede Berechtigung absprechen müsse. Indessen hat diese Auffassung, die durch die Dementis des Staatssekretärs nicht aus der Welt geschafft werden kann, in den letzten Tagen sogar ihren Niederschlag in den Beratungen einer der kom* munalen Körperschaften des Bastend gefunden, in der das Budget für die Polizeiverwaltung zum Zeichen des Mißtrauens und zur nochmaligen Ueberprüfüng der Anklagen an die Finanzköinmission verwiesen wurde. Die* offizielle Vertretungskörperschaft der englischen Juden, der Board of Deputies, hat sich am letzten Sonntag wiederum mit der Lage beschäftigt und es wurde dem für die Abwehr des Antisemitismus seit langem bestehenden Sonderkomitee ein Kredit von Lst. 10.000 bewilligt, um die Abwehrmaßnahmen intensivieren zu können. Aus den Erklärungen des Präsidenten und der führenden Persönlichkeiten des Board geht allerdings hervor, daß, man eine allzuscharfe und die große Oeffentlichkeit in Anspruch j nehmende Abwehrtaktik, wie sie insbesondere von jüdisch-nationalistischer Seite verlangt wird, nicht für ' zweckentsprechend, hält, sondern eine Wirksamkeit in der Stille, insbesondere die Verteilung von Aufklärungsliteratur innerhalb der Arbeiterbevölkerung für ratsamer erachtet. ,