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Der Israelit · 1936-07-02 · Heft 27 (2.7.1936) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 27 (2.7.1936)
Date
1936-07-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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2.' Juli 1936 ' D er Israelit Nr. 27 Seite 9, Das Martyritun der Juden, in Polen. Warschau, 24. Juni. In der Sitzung des polnischen Senats, in der das Ermächtigungsgesetz verhandelt wurde,, gab der jüdische Senator Rabbiner Prof. Dr. Moses Schorr eine Erklärung ab in folgendem Sinne: „Seit neunzehn Jahren, seitdem Polen seine Unabhängigkeit erlangt hat, war die Situation der 3J4 Millionen Seelen zählenden: jüdischen- Bevölkerung nicht so gespannt und beunruhigend wie dn diesem Augenblick. Es vergeht kein Tag ohne Exzesse und schwere Verbrechen im Sinne des Strafgesetzes. Seit vielen Monaten darf die antisemitische Presse ungestraft die wildesten Instinkte gegen die Juden wecken und eine Pogromstimmung schaffen. Noch schlimmer ist es, daß man vom höchsten Forum, dem des1 Sejm, die Formel predigt, daß an allen Nöten des Staates und des Volkes die Juden die Schuld tragen und daß die einzige Heilung dn der Ausschaltung der Juden zu suchen sei. Unter solchen Umständen bin ich .gezwungen, gegen die Vollmachten für die Regierung zu stimmen. Die Regierung muß wissen, daß sie Ruhe und Ordnung, .die Fundamente des Staats«, vor allem garantieren muß. Zu unserem Bedauern haben wir kein einzige® Wort gehört, das uns in dieser Zeit schweren Leidens trösten könnte; nicht einmal die Versicherung, daß der Gesetzlosigkeit ein Ende gesetzt werden soll. Zur Schaffung der Sicherheit im. Lande bedarf die Regierung keiner speziellen Vollmachten, die Verfassung gibt ihr solche Vollmachten." Das Ermächtigungsgesetz, wurde mit allen gegen die Stimme des jüdischen Senators Prof. Schorr an* genommen. Zu dem planmäßigen Ueberfall einer 150 Mann starken Bande auf die Ortschaft Myszlenice wird mitgeteilt, daß sieben jüdische Geschäfte zerstört und geplündert wurden, ebenso zwei Lastwagen mit Waren jüdischer Kaufleute. Der Bäckergehilfe Leib Wachsberg wurde verwundet. Bei der Entwaffnung der Polizei erbeuteten 'die Exzedenten 17 Gewehre und 700 Patronen. Nach dem Pogrom verließen die Huligans unter dem Kommando ihres Führers in militärischer Formation die Ortschaft. Im Zentrum v o n Warschau wurden jüdische Passanten von Nara-Leuten überfallen. Fünf Personen, unter ihnen eine Frau und ein löjähriger Junge wurden verwundet. Die Angreifer entkamen, bevor Polizei eintraf. Auch dn Min«k Mazowieck dauern Ueber-fälle auf Juden fort. In einam Zug auf der Strecke zwischen Warschau und Minsk- Mazowieck wurden Juden mißhandelt. Nationaldemokratische Agitatoren sprengen das Gerücht aus, daß die Juden den Christen vergiftete Nahrungsmittel verkaufen. Die Polizei hat energische Maßnahmen getroffen, um .dieser mittelalterlichen Hetze entgegenzuwirken. Warschau, 25. Juni. Das Radomer Kreisgerdcht hat den Sohn des während des Pogroms von Przytik erschossenen Bauern Wieszniak, Jan Wieszniak, zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, weil er noch vor dem Pogrom den Juden Baumöl überfiel und schwer verletzte. Im Dorfe Gigane in Galdzien wurde die jüdische Ladenbesitzerin «Rosa K o h n , gegen .die die Nationaldemokraten eine scharfe Hetze geführt hatten, in der Nacht bestialisch ermordet. Als der Tat verdächtig wurde der Nationaldemokrat Moskal verhaftet. In der Warschauer Vorstadt W o 1 a haben unerkannt gebliebene Attentäter in den Laden der Channa Bernstein eine Bombe .geschleudert, die nicht explodierte. Die Verfolgung der in den Wäldern versteckten Teilnehmer an dem Ueberfall auf das Städtchen M y s z 1 e n d c e führte zur Verhaftung von vierzig Mitgliedern der Bande. Dd© Verhafteten bestätigten ciie Annahme, daß der Ueberfall von dem Vorsitzenden der Bezirksorganisation der nationaldemokrati* ^chen Partei für den Krakauer Bezirk, Ing. Adam 0 o b o s z y n ® k i , organisiert worden war. Fast die Hälfte der Mitglieder der Bande bestand aus Hoch- Schülern. In dem Städtchen Dzentyn im Kreis Kdeice v-rurden. mehrere Juden mißhandelt und fünfzig Fenster in jüdischen Häusern zertrümmert. Die jüdische Die Woche. Frankfurt a. M. Das Landeserbhofgericht in Celle, das oberste Gericht für Entscheidungen nach dem Reichserbhofgesetz in Preußen hat laut „Frankfurter Zeitung" einem Bauern die Bauernfähigkeit aberkannt und ihn für nicht ehrbar erklärt, weil er sich der Tierquälerei schuldig gemacht habe. Außerdem habe er jüdische Arbeiter nur gegen Kost und Wohnung beschäftigt, statt deutsche Arbeiter gegen vollen Lohn. Berlin. Nach einem einhelligen Beschluß der stellvertretenden Vorsitzenden des Central=Vereins übt Rechtsanwalt Dr. Herzf e 1 d, Essen, vorläufig das Amt des Vorsitzenden des Centrai-Vereins aus, — Der nationalsozialistische Rechtswahrerbund hat eine neue Satzung erhalten. In ihr wird bestimmt, daß Mitglied des Bundes werden kann, wer den Nach5 weis erbringt, daß er deutschen oder artverwandten Blutes ist oder weniger als ein Viertel nichtdeutschen oder nichtartverwandten, insbesondere jüdischen Blutes, hat, München. Die bayerische Synagogengemeinde Harburg, die früher zu den größten des Landes zählte, ist auf fünf Seelen zusammengeschrumpft und wird in Kürze auf Grund der Satzung de« Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden aufgelöst werden. Vor kurzem fand in der Synagoge, die im Jahre 1754 errichtet wurde, eine Abschiedsfeier statt, zu der sich viele ehemalige Mitglieder der Gemeinde eingefunden hatten. — Mit Beginn des Schuljahres 1936/37 ist der Volksschule der Kultusgemeinde München eine Fortbildungsschule angegliedert worden, die gegenwärtig fast 60 Knaben und Mädchen umfaßt. Hanraover. Die jüdischen Handwerker in Hannover veranstalten eine Ausstellung von Arbeiten, die von dem Stande der Fertigkeiten der jüdischen Handwerker der verschiedenen Gewerbe Zeugnis ablegen sollen. Die Ausstellung wurde .am Sonntag, den 28. Juni, mit einer Kundgebung eröffnet. Köln. Der „Westdeutsche Beobachter" meldet, daß zwei Kölner wegen versuchter Erpressung verhaftet worden sind. Sie glaubten, einem Arier, der mit einer Jüdin eine kurze Unterredung hatte, rasseschän&erisches Treiben vorwerfen zu können und schrieben an ihn einen Brief, in dem sie ein Schweigegeld von RM. 10.000 forderten. Fulda. Die „Fuldaer Zeitung" meldet, daß das Schöffengericht in Gießen eine jüdische Frau ausi Bad Nauheim, die noch nach Erlaß der Nürnberger Gesetze ein arisches Dienstmädchen unter 45 Jahren in ihrem Haushalt beschäftigte, zu 200 Mk. Geldstrafe, im Nichtbeitreibungsfalle zu 40 Tagen Gefängnis verurteilt hat. Waldenburg. Das „Neue Tageblatt" in Waldenburg berichtet, daß die Große Strafkammer in Waldenburg einen Angeklagten, der an drei jüdische Einwohner Briefe gerichtet hat, in denen er ihnen sittliche Verfehlungen vorwarf und sie zur Zahlung eines Schweigegeldes von je 20 RM. aufforderte, anderenfalls er sie zur Anzeige bringen würde, zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt hat. Prag .Der Senat der Tschechoslovakischen Republik hat den Regierungsentwurf, durch den die Organisa tion der. jüdischenReligionsges ellschaft in Böhmen und Mähren ergänzt wird, genehmigt. Budapest. Das Militärkommando von Peez (Fünf* kirchen) ordnet in einem Befehl an, daß von allen Militärabteilungen vor Synagogen, an denen Gedenktafeln für Kriegs* gefallene angebracht sind, die übliche Ehrenbezeugung zu leisten ist. London. Anläßlich des Geburtstages König Eduard VII. ist der Bürgermeister von Tel Awiw, Meir Dizengoff, in Anerkennung seiner öffentlichen Verdienste in Palästina zum E h r e n k o m m a n d eu r des Ordens d e s British Empire ernannt worden. — Der Council for German Jewry veröffentlicht die neunte. Spendenliste seiner in England durchgeführten Sammlung, die 44 Zeichnungen im Gesamtbetrage von 9810 Pfund enthält. An erster Stelle der Liste stehen Mm Pearl Merrens (Glasgow) und die Firma Henry Ansbach u. Co. mit 2000 bezw. 1000 Pfund. Dr. Chaim Weizmann hat 250 Pfund gezeichnet. Bisher haben die Sammlungen 626.195 Pfund ergeben. — Der Präsident der iNeuen Zionistischen Organisation, Wladimir Jäbotinsky, hat in einer im Unterhaus abgehaltenen gut besuchten Vers Sammlung de® Propalästina-Komitees des englischen Parlaments über Judenfrage und Palästinapolitik gesprochen. Gemeinde hat sich an die Behörde um Schutz gewandt. Der Kopoczincer Rebbe wurde in Tarnop o 1, wo er zum Besuch seiner dortigen Anhänger eingetroffen war, von einer nationaldemokratischen Horde angegriffen. Mit großer Mühe konnte der Rabbi von seiner Begleitung vor Gewalttätigkeiten gerettet werden. Eine Haussuchung in den Wohnungen mehrerer Nationaldemokraten in O t w o c k führte zur Entdeckung von zwei Bomben und einer großen Menge von Sprengstoffen, Mit den Bomben sollte die Synagoge in dem benachbarten Städtchen Karczew, wo es vor kurzem zu heftigen judenfeindlichen Ausschreitungen gekommen war, in die Luft gesprengt werden. Fünf Nationaldemokraten wurden verhaftet. Das Urteil im Radomer Prozeß. R a d o m , 29. Juni. Im Pogromprozeß vor dem Radomer Gericht wurde am Freitag das Urteil gesprochen. Es fiel fast nach dem Grundsätze aus: „Nicht der Mörder, sondern der Ermordete ist schuld." Der jüdische Hauptangeklagte Schalom Jechiel L e s k o , wurde zu 8 Jahren Zuchthaus, Elieser Kirchenzweig zu 6 und Jizehak Friedmann zu 5 Jahren Zuchthaus verurteilt. Acht andere jüdische Angeklagten wurden zu Gefängnisstrafen von 6—10 Monaten verurteilt. Drei Juden wurden freigesprochen. Die nichtjüdischen Angeklagten, u. a. die Anstifter und Führer des Pogroms', erhielten Gefängnisstrafen von einem Jahr bis 6 Monaten. Der Mord an dem jüdischen Ehepaar Minkowski bleibt „aus Mangel an Beweisen" u n g e s ü h n t. In der Urteilsbegründung wird gesagt, daß die Ausschreitungen gegen die Juden durch die von Lesko abgegebenen Schüsse provoziert worden seien. Im Uebrigen seien die Vorfälle durch das Beweisverfahren nicht restlos klargestellt worden. Neben den jüdischen Verteidigern der jüdischen Angeklagten mühten sich auch nichtjüdische Anwälte, an deren Spitze der berühmte Wilnaer Professor der Rechte, Petruscewicz, um ihre Klienten. Tn seiner großen Rede rollte Petruscewicz die ganze jüdische Tragödie in Polen in ergreifender Weise auf. Es gäbe eine Judenfrage in Polen, sagte er, aber sie könne nicht durch Pogrome gelöst werden. Der jüdische Rechtsanwalt Leon Bernson sagte: „In Radom haben einst Juden Schulter an Schulter mit Nichtjuden für die Freiheit Polens gekämpft, heute muß man dort gegen Pogrome kämpfen." Der nichtjüdische Verteidiger Waclaw Szumanski bezeichnete den Fall von Przytik als eine Tragödie der polnischen Kultur und der Menschheit. Im zaristischen Rußland, sagte er, gab es viele Hunderte von Pogromprozessen, die vielleicht nicht immer die Schuldigen trafen, aber Juden waren nie angeklagt. Rechtsanwalt Margolies wehrt Angriffe der Gegenanwälte auf den Talmud ab. Scharfe Worte gegen die Aufziehung des Prozesses gegen die Überfallenen und geschädigten Juden fand auch der nichts jüdische Rechtsanwalt Kozowski. Das Gericht lieh aber den Anklägern Ohr und kam zu der genannten Verurteilung. D^r Pogrom in Myszlenice, Krakau, 23, Juni, Ueber die Vorgänge in M y s z le n i c e wird weiter der ITA. geschrieben: In dem westgalizischen Städtchen Myszlenice, das eine Bevölkerung von 6200 Seelen, darunter 2000 Juden, hat, ist es zu Vorfällen gekommen, die selbst in der Geschichte der polnischen Exzesse unerhört sind. Eine 150 Mann starke Bande drang um 4 Uhr morgens in die Stadt ein. Die jüdischen Geschäfte wurden erbrochen, die Ware auf den Marktplatz gebracht und angezündet. Der Versuch, auch die Synagoge in Brand zu stecken, mißlang. Die Bande bes gab sich sodann zur Polizeistation und entwaffnete die Polizisten; sie drang in die Wohnung des Kreiskommissars - ein und verwüstete sie vollständig. Alle auswärtigen Telefonverbindungen wurden durchschnits ten, so daß die Vorfälle in dem nur 15 bis 20 km

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