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Der Israelit · 1936-07-02 · Heft 27 (2.7.1936) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 27 (2.7.1936)
Date
1936-07-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Nr. 27 Der Israelit 2. Juli 1936 here Untersuchungen sollen noch ergeben, ob die Abnahme der Juden auf Austritt aus der Israelitischen Religionsgemeinschaft oder auf wirkliche Abwanderung zurückzuführen ist. Die jüdische Auswanderung aus dem Rheinland, Köln, 28. Juni. Der „Westdeutsche Beobachter" veröffentlicht einen Artikel über die Arbeit der Auswandererberatungsstelle für das Rheinland in Köln. Aus den Zahlen, die der Jahresbericht für 1935/36 der Auswandererberatungsstelle wiedergibt, ist zu entnehmen, daß 3957 Personen 4184 Auskünfte erhielten. Die Zahl derjenigen, die 1934/35 beraten wurden, betrug demgegenüber nur 3137, die 3302 Auskünfte erhielten. Die steigende Beratungszahl, so schreibt das Blatt, geht fast ausschließlich auf die jüdische Abwanderung zurück. Nach den Nürnberger Gesetzen im vergangenen Herbst setzte erneut ein Hauptstrom der Palästinafahrer ein. Im letzten Jahr erteilte die Kölner Beratungsstelle 882 Auskünfte über Palästina, während es im Vorjahr nur 390 waren. Infolge des Araberaufstandes ist aber die Abwanderung ins „Gelobte Land" in den letzten Monaten stark abgeebbt. Auch die neuerdings beschränkte Zulassung jüdischer Aerzte tat dabei ihre Wirkung. Bezeichnenderweise gehen die deutschen Ostjuden nicht in ihre Heimat zurück, sondern suchen ebenfalls in Palästina ihr Heil. Wieweit die häufige Umschulung der jüdischen Händler und Intellektuellen auf Landarbeit dauernde Früchte trägt, muß sich noch erweisen. Die Kölner Beratungsstelle macht es sich zur Aufgabe, auch die jüdischen Auswanderer gewissenhaft zu beraten. Man kannannehmen, daß die Juden, die sich seit längerem dem Zionismus zuwandten, Deutschland schon verlassen haben. Der „Westdeutsche Beobachter" konstatiert schließlich die Tatsache, daß die Zahl der Auswanderungswilligen aus dem Handel und Versicherungsgewerbe um über 500 gegenüber dem angegebenen Zeitraum des Vorjahres und die Zahl der Aerzte, die sich beraten ließen, ebenfalls erheblich gestiegen ist. Oesterreich. Rom und der Schutz der heiligen Stätten in Palästina. Wien, 26. Juni. Unter der Ueberschrift „Um den Schutz der hei=- ligen Stätten in Palästina" bringt die „Reichspost" einen Artikel ihres römischen Korrespondenten, der sich über die Behandlung beklagt, die der Frage der christlichen heiligen Stätten in Palästina sowohl seitens der Mandatsregierung als auch seitens der Juden und schließlich auch seitens der Moslems zuteil Wird. Das Blatt schreibt dann: „Die Kirche nimmt keinerlei Stellung zu den palästinensischen Macht* kämpfen; die „Judenfrage" und die „Araberfrage", die „Mandatsfrage" und das „Mittelmeerproblem" sind ihr weder Fragen noch Aufgaben. Aufgabe der Kirche ist es, überall in der Welt zum Schutze des Christentums wirksam zu sein, besonders aber in Palästina, da® in einem höheren und ganz unpolitischen Sinne weder englisch, noch jüdisch, noch arabisch, sondern — heilig ist!" (ITA.j)' Weltkongreß der jüdischen Frontkämpfer in Wien eröffnet. Wien, 28. Juni. Mit einem Festg'ttesdienst in der Wiener Großen Synagoge und einer öffentlichen Sitzung im Großen Musikvereinssaal wurde . am 27. Juni der II. W e 1 ikongreß jüdischer Frontsoldaten in Wien feierlich eröffnet. Bei der Eröffnungssitzung hielt Feldmarschalleutnant Weiß von Tihanyi eine Begrüßungsrede. An der Eröffnungssitzung im Musikvereinssaal nahmen über 2000 Personen teil. Bundesführer Hauptmann Edler von Friedmann hielt unter dem Motto „Tretle ZUin Vaterland! Treue zum Judentum!" eine programmatische Ansprache, in der er es als die Aufgabe des Kongresses, der eine halbe Million organisierter jüdischer Frontkämpfer vertrete, bezeichnete, .gemeinsam mit den Millionen von Front* kämpfern in allen Ländern an der Völkerversöhnung zu arbeiten, die Brücken der Verständigung zu verstärken und an der Verwirklichung der Ideale von Menschentum und Menschlichkeit.mitzuwirken. Fast 300.000 Juden sind im Weltkrieg gefallen. Ihr Opfertod habe auch den Sinn gehabt, daß ihre Nachkom* men als vollverpflichtete und vollberechtigte Bürger ihrer Länder anerkannt werden. Den Kampf für die Wahrung dieser Rechte werde von den Frontsoldaten aufgenommen werden. Die am Sonntag abend begonnenen Beratungen des Kongresses werden sechs Tage dauern. Ungarn. Brief aus Ungarn. Budapest, 30. Juni. Wie „Zsido Ujsäg" berichtet, waren im Laufe der vergangenen Woche mehrere Jeschiwoth in Ungarn in ihrem Lehrbetriebe gestört und behördlichen Angriffen ausgesetzt. So in O ed enb u r g, in S t e inamanger und in F e h e r g y a r m a t. In der Verwaltungskommission der Stadt Oedenburg wurde die Jeschiwoh als „besorgniserregend" bezeichnet und die Frage aufgeworfen, wer sie eigentlich bewilligte, wer sie erhalte, wer sie kontrolliere, wer dort Unterricht erteile und was unterrichtet werde. In Fehergyarmat hat die Behörde es verhindert, daß Jünglinge aus der benachbarten Tschechoslovakei am Unterricht der Jeschiwo teilnehmen. „Zsido Ujsäg" bezeichnet al diese Angriffe als solche gegen die Religionss und Gewissensfreiheit und fordert, daß der Unterrichtsminister es sofort verhindere, daß Verwaltungsbehörden sich in innere Angelegenheiten der jüdischen Religion einmengen. Im ungarischen Parlament hat der Abgeordnete Robert von Szurmay die „Hegemonie der reinrassigen Ungarn" auch auf dem Gebiete der Industrie gefordert. Die Rede hat allgemeines» Geläch* ter ausgelöst, denn Herr v. Szurmay ist der getaufte Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten namens Adolf Weiß, der als Besitzer der Ssitzischen Textilfabrik im Jahre 1899 in den Adelsstand erhoben wurde. Seine antisemitische Rede gab dem jüdischen Abgeordneten Johann Väzsonyd Anlaß, das geflügelte Wort vom „Alibi-Antisemiten" anzuwenden. Die lär* mendsten Mitglieder der antisemitischen Front sind eben Leute, die ihre jüdische Abstmamung vergessen zu machen versuchen. Laut dem neuesten Jahresbericht der Pester Israelitischen neologen Kultusgemeinde hat die Zahl der Austritte aus dem Judentum in den letzten fünf Jahren stark zugenommen. Im Jahre 1931 haben 387 ihren Austritt angemeldet, im Jahre 1935 dagegen 667 und in den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres sind bereits 419 Austritte angemeldet worden. Der Kronzeuge Stefan H a j n a 1 sagte im S e n - senkreuzprozeß in Bekes u. a. folgendes aus: Nach Ausrufung der ungarischen Republik sollten die Umstürzler die Juden, wie auch die Führer der Intellektuellen niedermetzeln. Er selbst, der langjährige Führer einer Ortsgruppe, habe von der Parteizentrale die Weisung erhalten, die reichen Juden zu ermorden. Die Partei habe auf diese Weise sich Geld beschaffen wollen. Polen. Beschlüsse der polnischen Aguda. Warschau, 21. Juni. Die Warschauer Aguda - Zentrale behandelte im ihrer letzten Sitzung eine Reihe wichtiger prinzipieller Fragen. Nach Referaten der Parlamentarier wurde beschlossen, daß die Agudas Jisroel bereit sei, sich an der Schaffung eine® vereinigten politischen Komitees in Polen zu beteiligen, das sich ausschließlich mit ökonomischen und politischen Fragen beschäftigt und die Behandlung dieser Fragen auf dem Wege gegenseitiger Verständigung feststellt. Die Initiative zur Durchführung des Beschlusses wird den agudistischen Parlamentariern anvertraut. Weitere Beschlüsse galten der Stellungnahme der parlamentarischen Vertreter zu den anderen jetzt auf der Tagesordnung stehenden politischen Eragän. Zur Beratung gelangte alsdann der aus Jerusalem hierher gelangte Vorschlag, zwischen dem Poale Agudas Jisroel im heiligen Lande und dem Poel Hamisrachi eine Einheitsfront in ökonomischen und Arbeitsfragen herzustellen. In der ,Diskussion, zeigten sich größere Meinungsverschiedenheiten. Es wurde' beschlossen, zunächst die Stellungnahme der Aguda= Agentur in Erez Jisroel zu der Angelegenheit abzuwarten und eine endgültige Entscheidung, nach Stellungnahme der rabbinischen Autoritäten, in der bes vorstehenden Zentralratssitzung in Marienbad zu treffen. Die Exekutive berichtete alsdann über einen jetzt ausgearbeiteten genauen Plan zur Schaffung einer zentralen Zertifikat-Verteilungskommission, in der alle agudistischen Gruppierungen in allen Landesteilen vertreten sind. Der Plan sieht die Anwendung völlig unparteiischer, objektiver Maßstäbe bei der Verteilung der Zertifikate vor. Von Polen nach Palästina. Warschau, 21. Juni. Das erste polnische Flugzeug, das, gesteuert von dem Flieger Major Dzievelski, am 19. Juni bei Tel Awiw landete, hat den Rück f-lug nach Polen mit einer Kiste Palästina=Orangen an Bord am 21. Juni angetreten. In Tel Awiw wurde Major Dzievelski von Tausenden Tel Awiwer Bürgern mit Bürgermeister Dizengoff an der Spitze begrüßt» Am Montag, den 22. Juni, sind 400 jüdische Auswanderer aus Warschau nach Palästina abgereist. Die meisten Auswanderer fahren auf Grund von Zer* tifikaten aus der neuen Schedule. „ORT'-Hilfe für die Pogromopfer von Przytik. Warschau, 24. Juni. Das Zentralkomitee des „ORT" in Polen hat dem Hilfskomitee für die Pogromopfer von Przytik mitgeteilt, daß es bereit sei, die Kinder des ermordeten Minkowski unentgeltlich in den Fachanstalten des „ORT" ausbilden zu lassen. Zwei Kinder des Ermordeten wurden bereits in die Fachschule des „ORT" in Brzesc n./B. aufgenommen; Wohnung und Verpflegung finden sie im Heim der Gesellschaft „Zentos". Das Zentralkomitee des „ORT" in Polen hat ferner in seinen Warschauer Fachkursen 10 Plätze für junge Mädchen aus jüdischen Familien in Przytik, die durch den Pogrom zugrunde gerichtet worden sind, reserviert. Auch diese Kinder werden vom „ORT" unentgeltlich ausgebildet. Antischechitagesetz in Polen wird rücksichtslos durchgeführt. Warschau, 25. Juni. Der polnische Landwirtschaftsminister Poniatowski hat einer Abordnung des jüdischen Komitees zur Verteidigung der Schechita, der u. a. auch die Abgeordneten Rabbiner Rubinstein und M i ri z - b e r g angehörten, zu verstehen gegeben, daß das Antischechitagesetz in seiner ganzen Schärfe durchgeführt werden wird. Von Juden übernommenes Vieh, das trefo wird, darf eben so wenig wie die Hinterviertel an Nichtjuden verkauft werden. Der Zweck des Gesetzes, eine stregne Scheidung zwischen jüdischem und nichtjüdisichean Fleischhandel durchzus führen, müsse unbedingt erreicht werden. Auf die Frage von Mitgliedern der Delegation, was mit dem für Juden unverwendbaren Fleisch geschehen solle, antwortete der Minister, das sei Sache der Juden.J Sie könnten es ja verbrennen oder zu Konserven I verarbeiten. — Die infolge dieser Handhabung des Gesetzes zu erwartende Verteuerung des Koscherfleisches wir d voraussichtlich dem üb einwiegenden Teil der Bevölkerung Polens den Fleischgenuß unmöglich machen.

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