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Der Israelit · 1936-07-02 · Heft 27 (2.7.1936) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 27 (2.7.1936)
Date
1936-07-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 27 Der Israelit 2. Juli 1936 Geschichte in Erez Jisroel konzentriert und sind dort, vermöge der jüdischen Kultur- und Wirt Schaftsautonomie, zur völligen Aktualisierung ihrer Strebeziele gelangt. Diese Kräfte sind si cherlich nicht nur von außen, gewissermaßen künstlich, ins jüdische "Volk hineingetragen worden. Trotz der Läuterungsarbeit eines zweitau sendjährigen Galuth hat es sich vielmehr erwiesen, daß der jüdische Volkskörper gegen die Miasmen einer thora-abgekehrten Diesseitigkeit nicht ihinreichend iimmun war. Lange vor dem Zionismus, lange vor Begründung des National heims war diese Tatsache offenkundig. Erst das Nationalheim aber hat, durch Gewährung einer Chance ohnegleichen, gewissermaßen alle mias men empfänglichen Stellen des jüdischen Volkskörpers zusammengezogen und zur Reife der Entladung gebracht. Eine solche Reife bedeutet stets eine schwerste Krise. Sie kann zur Gesun dung führen. Sie kann auch das Leben kosten. Ich glaube nicht, daß die Entwicklung des neuen Erez Jisroel eine wesentlich andere ge wesen wäre, selbst wenn die Olim der früheren Jahre einen größeren Fond von Thoratreue mitgebracht hätten. Der jüdische Volkskörper bildet eine Einheit. Die miasmenempfänglichen Stellen waren nun einmal vorhanden. Es ist anzunehmen, daß diese Miasmen immer den Weg dorthin gefunden hätten, wo ihnen die Lebensumstände am meisten zur Hilfe kamen und der Widerstand am schwersten war. Waren die deutschen Juden in den vergangenen Jahrhunderten des Galuth nicht berühmt durch ihre tiefe und aufrichtige Frömmigkeit? Und ist nicht gerade in ihren Reihen, begünstigt durch Lebensumstände und Schwächung des Widerstandes, die Krankheit am schlimmsten ausgebrochen? Die Thorialeiden des heutigen Erez Jisroel sind die Thoraleiden des ganzen jüdischen Volkes. Im heutigen Erez Jisroel, im jüdischen Nationalheim, ist die in der Goia schleichende Krankheit des jüdischen Volkes zu akutestem, zu kritischstem, zu keinem Verzug duldendem Ausbruch, zur Reife des Seins oder Nichtseins gelangt. In Erez Jisroel und an Erez Jisroel entscheidet es sich, ob das gesamte jüdische Volk, hier und in der Gola, die Kraft zur Genesung besitzt. — -— — Und dieses heutige Erez Jisroel, das den Kelch der Diesseitigkeit, der in den Reihen das ganzen jüdischen Volkes wandert, bis zur Hefe geleert hat, dieses heutige Erez Jisroel, das bei der Jubelfeier seiner „jüdischen >Stadt" durch den Mund ihres Oberhauptes das triumphierend frevelhafte^ Wort in die Welt sandte, daß „ u nser e Kraft und die Macht u nser er Hand uns diese Fülle geschaffen'': es sieht sich heute plötzlich vor einem grauenvollen Abgrund stehen. Die Feinde, die es. umstellen, haben gar keine Aehnlichkeit mit den Feinden, von denen, uns unsere Galuthgeschichte erzählt, aber eine verzweifelte Aehnlichkeit mit den Feinden, die einst G'tt im Lande beließ, daß sie Werkzeuge seien seiner erziehenden Hand gegen die Gefahren einer thora-abgekehrten Diesseitigkeit. Und das Vertrauen auf England —-: es sind die Propheten nicht müde geworden, vor dem „schwanken Rohr" der politischen Weltmacht zu warnen,- , das den Finger verletzt, der sich darauf stützen zu können vermeint. Wenn etwas geeignet ist, das wahre geschichtliche Wesen unseres Nationalheims zu offenbaren, so die furchtbare Situation dieser ewig langen, dieser atemraubend beklemmenden Wochen. Wer möchte es heute noch wagen, auf „unsere Kraft und die Macht unserer Hand" die Zukunft des Nationalheims zu stellen? Das Nationalheim, das bis jetzt eigentlich nur von Gegenwart zu Gegenwart taumelte, tritt jetzt erst recht eigentlich in seine — Geschichte ein. Und diese Geschichte, siehe, sie ist — auch im neuen Erez Jisroel — ja im neuen Erez Jisroel erst recht — die Geschichte eines Volkes, das nur in der Jenseitigkeit die Wurzeln seines Daseins hat. Wollte jener Lehrer auch heute noch, auch nach diesen unsäglich leidvollen Wochen und Monaten noch verzweifeln, aus seinen Schülern" echte Jehudim zu machen, so Verdiente er den Namen eines Lehrers nicht. - G'tt •'spricht'S aus dem furohtibaren Unglück, das über das Heilige Land hereinbrach, das heute unter der Geißel von Räubern und Mördern keucht, die Erträge jahrelanger Mühen in Flammen aufgehen sieht, indes die ganze arabische Welt Sympathiekundgebungen erläßt und die Mandatarmacht .— einstweilen —• versagt oder versagen will. G'tt duldet nicht die sabbatsohändende Diesseitigkeit und setzt im Heiligen Lande — und im Heiligen Lande erst recht — die Galutherziehung fort. Jetzt müßte die Weltorthodoxie ihren Mann stellen. Daß sich nur Keiner unter ihr findet, sich wärmend im Pelz seiner Tatenlosigkeit und sprechend: „Ich habe es ja stets gesagt!" Eine unsägliche Verantwortung trägt die Weltorthov doxie, denn in ihrer kärglichen Leistung,, in ihrer geschichtlichen Kurzsiohtigkeit hat sie Erez- Jisroel jahrzehntelang vernachlässgt und seine Thoratreuen in ihrem furchtbar schweren Kampf ungenügend gestützt. .Die Herzen unserer Brüder in Erez Jisroel, ihre wunden Herzen Bis weit in die Reiten der Diess ei t ig e n sind heute geöffnet, wie nie zuvor. Aber nicht dem Wort allein, dem allzu flüchtigen, dein allzu — bequemen. Findet heute die Weltorthodoxie Wort und Tat in einem, so mag die schreckliche Krise der Diesseitigkeit und die schreckliche Krise der Thora dem jüdischen Volke die Rettung bringen. eine Möglic Als zu Beginn des italienischen Feldzuges Ab essinien, aktuell wurde, wurden es auch seine Juden. Die jüdische Welt, die zum ersten Male durch Feitiovitch Näheres über sie erfahren hatte, bekundete lebhaftes Interesse für Herkunft und Geschichte, Wesen und Kultur der F a 1 a s c h a s. Nun, da das abessinische Problem von der politischen Tagesordnung1 mehr 'öder minder abgesetzt ist und andererseits das Schick sal der weißen Juden vielerorts leider eine so bedrohliche Wendung genommen hat, wäre es vielleicht nicht unangebracht, sich neuerdings mit Abessinien vom jüdischen Standpunkt aus zu befassen. Und zwar nicht mit der wohlwollenden Herablassung wie bisher, sondern vielmehr mit dem besorgten Interesse eines Hilfesuchenden. •Denn hilfesuchend sind jetzt Hunderttausende und Millionen von Juden, deren Situation innerhalb der europäischen ,.Kultur" unhaltbar geworden ist. Die kalten und blutheißen Pogrome in Polen und Rumänien, die wirtschaftliche Verdrängung der Juden in verschiedenen .anderen Staaten, gefährden ihr Dasein und erschweren ihr Da-Sein. II. Das nur ganz entfernt ähnliche Problemder. Ueberbevölkerung hat soeben das souveräne italienische Volk gelöst, indem es — um ein altes Wort Mussolinis zu gebrauchen :— explodierte. Der Zugriff /zum abessinischen Riesenjreich, der ihm 1896 mißglückt war, war jetzt von überraschendem Erfolg begleitet! .. Mit einem Schlag wurde das italienische Territorium uni rund eine Million Quadratkilometer, ein Gebiet so groß wie Deutschland und Frankreich zusammen, auf dem aber nur ungefähr 13 Millionen Menschen leben, vergrößert. Das Land ist überreich an ungehobenen, ja sogar an unentdeckten Schätzen, die der Ausbeutung harren. Nicht umsonst sieht darin Italien sein Indien. D 'a s n e u e Kaiser r e ich kann v i e 1 ej; Millionen Men s eihen 'auf nehme n , weit mehr, als1 für eine Auswanderung aus 11 a l i e n in Betracht kommen. Seine Wirtschaftliehe Erweckung und politische Stabilisierung;;-r. siet^n aber eine JViassensiedlung von Europäern] in größtem Maßstabe voraus. Es muß daher eine! gro'ßzugig betriebene Immigration von in ihrer*' Heimat heimatlos gewordenen Juden nur den Interessen des italienischen Staates entgegenkommen, wofür übrigens auch schon eindeutige Erklärungen von maßgebender Stelle vorliegen. Um die vor einiger Zeit mit großer Auf-; machung angekündigte S a m u e 1 - M a r k s - Bearstedt-Aktion zur Verpflanzung von; über hunderttausend ' deutschen Juden ist es merklich still geworden. Nicht, weil es an den finanziellen Mitteln fehlt, sondern weil die prak-.' tische Durchführung des Programms1 auf unüber-:. winjdliche Hindernisse stößt. Wie alle ähnlichen Instrumente jüdischer Volkswohlfahrt fand bis nun auch dieses keine Möglichkeit, zu wirken,! eine" Möglichkeit, die sich dafür jetzt so reich-j lieh in Abessinien bietet und die nicht ungenützt bleiben sollte. III. Eine derartige Abessinien-Aktion müßte und dürfte beileibe kein Konkurrenzunternehmen des Aufbauwerkes im Heiligen Lande werden. Im Gegenteil: beide Aktionen könnten parallel. ge^ hen, Hand in Hand arbeiten und sich gegenseitig ergänzen. Eine unter der Patronanz Italiens vor sich gehende Massenansiedlung von Juden würde auch gewisse arabische Kreise ernüchtern, die von dieser Großmacht Schützenhilfe unter dem Titel der Verteidigung der arabischen nationalen Interessen erwarten. Daß im übrigen durch eine Abessinien-Aktion der Aufbau des Heiligen Landes keinesfalls benachteiligt werden, dürfte, brauchen wir, deren grundsätzlich, positive, dem jüdischen Religionsgesetz entspringende Einstellung zu Erez Jisroel bekannt ist, nicht erst zu betonen. Wäre doch Abessinien nur als Linderung der sozialen Not tausender Brüder und Schwestern für jüdische- Besiedlung in Erwägung zu ziehen. An den maßgebenden jüdischen Organisationen liegt es nun, zu prüfen, ob dieser Weg aus der Enge, gangbar ist, oh diese Gasse aus der beängstigenden jüdischen Not führt. Daß sich dabei die Geschichte einen ihrer beliebten Witze leisten würde, indem sie die abendländische Judenheit, die sich einst bemüßigt fühlte, den Falaschas das Heil zu bringen, ihr eigenes Heil nun im Lande eben dieser Falasehas> suchen ließe, wäre .wohl in Kauf zu nehmend — r' Das Wort haben nun die Führer der religiösen Judenheit und ihrer Organisation der A g u - das Jisroel! (Aus der Wiener „Jüdischen Presse". Siehe auch unsere Wi^chenrundschaui auf Seite 3.) Korrespondenzen* Deutsches Reich. Das Judentum in der Rechtswissenschaft, Frankfurt a. M„ 24. Juni, i« Die „Frankfurter Zeitung" schreibt: - ~'A Die Reichsgruppe Hochschullehrer im National^.' ^sozialistischen Rechtsiwahrerbund bereitet, wie man weiß, für den Herbst eine Tagung v°r, die unter dem Thema „Das Judentum in der Rechtswissenschaft" stehen wird. Staatsrat Prof. Carl S c K m i 11", '' der' Leiter der Reichsgruppe, hai die während des Leipziger Juristentages stattfindende Söndertagung der ^Hochschullehrer zum Anlaß genoimmeh, auf diese Ta-'" 'gung nachdrücklich hinzuweisen. ' Die Tagung, auf der '

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