Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1936-07-02 · Heft 27 (2.7.1936) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 27 (2.7.1936)
Date
1936-07-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450909-2450935--82215-2540156
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2. Juli' 1936 D e r Israelit Nr. 27 Seite 3 Wissen und Wollen. {Fortsetzung von Seite 1.) nichtjüdisohen Einflüsse überwand. Die jüdische Substanz an Glauben und Wissen um Gehalt und Tiefe des Judentums wurde geringer, bis Ge wohnheit die beseelte und täglich neu empfun dene Ueberzeuigung verdrängte. Es ist somit ver ständlich, .daß der ^unge Jude, der die Jeschiwah betritt, auf das Stärkste bewegt wird: Der An- Miqk von Bachurim aus. allen Ländern der Erde, die brüderlich vereint um die ihohen Ziele des Judentums, ikämpferc, (das Vertrautwerden mit einer hlühenden, reinen Gemeinsdhaft, die mit jugendlichem Enthusiasmus reifes Erkennen ver eint, die Hingabe an die heilige Thora, das Stre hen, sie im täglichen Leben durchzusetzen, die Heiligung eines jeden Tages — dies alles muß mit elementarer Gewalt auf den Eintretenden ■eindringen, muß ihn zu ~ der vielleicht ' ersten Stunde ernster Besinnung und jüdischer Gestal tung seines Lebens aufrufen. Alles, was ein wenig entfernt war, was zu Begriffen geworden, die nicht immer klar und nicht immer verpflich iend schienen, wind jetzt lebendig. Der seelische Urgrund eines jeden Juden, die Erbmasse' ■jüdischer Anschauung über G'tt, Welt und Mensch, das Wissen von den jüdischen Pflichten,, gegen Xj'tt als. Geschöpf im Dienste eines Lebens, ge- .gen den Mitmenschen als Bruder in Hilfe und Ausgleich, beide Pflichten in den Weltdienst messianischer Zukunft mündend, das ganze .schriftliche und mündliche Gesetz, eine ungeheure Geschichte, — all das, was fast fremd -war und ein wenig blaß, steht jetzt auf, fragt, anahnt, will gewußt, erkannt, gelebt sein, will durch neues Tun fortgesetzt und nochmals bejaht werden. . Die erste Wirkung der Jeschiwah ist die Stärkung der vorhandenen, die Bildung, Entwicklung und iReifung einer neuen jüdischen Substanz, es entsteht ein neues, klares und vertieftes Wissen um das Gesetz des Judentums. Jst auch vielfach das Erfassen der Lehrdiskussion unseres alten Beth-Hamidrasch — der Gemarah — eine Sache der Logik, so entwickelt sich doch ihre Arbeit auf dem Fundament der unbedingten Ehrfurcht vor der G'ttHchkeit der Thora, basiert .auf dem Bewußtsein ihrer niemals auszuschöpfenden Gedankenfülle und -Tiefe, enthüllt in ihren Entwicklungen den metaphysischen Charakter der Mitzwothj die das menschliche Denzen so sehr übersteigen und selbst die Ahnung weit hinter sich lassen. Mit dem Wiederanknüpfen an die Lerntradition unserer Alten ist mehr geschehen, als nur das schöpferische Nach- und Durchdenken ihrer die Thora betreffenden Gedankengänge, in diesen Ueberlieferungen, Erlassungen, Deutungen, Nachdenklichkeiten , und Erkenntnissen einer , jeden Epoche edhter . jüdischer 'Geistesgeschichte ist eine Unsumme von Glauben und Unterwerfung, Liebe und G'ttesiurcht miteingeschlossen, eine Haltung wird .sichtbar, die ganz auf dem Gesetz der Thora ruht, s i e als erste "und einzige Voraussetzung anerkennt und begreift, eine Lebensanschauung wird deutlich, die sie gleichermaßen als Anfang des Sollens, als Weg des Seins und als das langsame Werden einer g'tterfüllten Weltzukunft erlebt und durchsetzt. Jüdische Geschichte, die es sein will, ist allemal um G'tt und Sein Wort an uns konzentriert. So bedeutet das Vertrautwerden mit dem jüdischen Wissen von Pflicht -und Weg, der Halacha, gleichzeitig auch da? Durohdrüngenwerden von einer seelischen Grund- Ihaltung der Thora gegenüber, wie sie auf den "Höhepunkten jüdischer Geschichte erreicht worden ist, wie sie die Großen aller Jahrhunderte besessen haben. Das Wissen von und um die unendliche Tiefe und Schönheit des G'tteswortes, die Verbindung mit dem ewig fließenden Strom der Versenkung und der Hingabe, mit dem Schöpfertum einer jeden Epoche kann micht verfehlen, die Grundhaltung des jungen Juden, seine geistige Statik, sein, jüdisches Wissen in quantitativem wie qualitativem Sinne wiederherzustellen. Allein das Erreichen dieses neuen Wissens bedeutet noch nicht, daß man sofort die Verpflichtung spürt, dieses Wissen zu beweisen, in die Tat umzusetzen. Es kann vielmehr geschehen — und es geschieht — daß eine Stagnation eintritt derart, daß die Probe, dieses Wissen nun auoh ZU'leben und fortwährend zu bewähren, als anstrengend empfunden wird, so sehr* daß die Neigung entsteht, es mit Wissen und grundsätzlicher Haltung genug sein zu lassen, .und aus einer letzten Schwäche heraus wird darauf verzichtet, mit diesem Wissen das ganze Leben;. Gedanken und Gefühle und alles Tun-, durchdringen zu lassen. Diese Phase machen viele durch und sie erschrecken, weil sie nicht weiter können und meinen, all ihre Arbeit sei vergebens gewesen. In Wirklichkeit ist dieses Unvermögen, das Wissen zum Gestalter des Lebens zu erheben, eine letzte Unreife, kurz vor der Vollendung. Dann sammelt sich die Seele und wagt den Sprung; Sie gebiert in einer ursächlichen Bedingtheit das (jüdische Wollen, das aus dem reifen Wissen entsteht, und das neue Wollen ver 1 a n g t nach Probe, Tat und Beweis. Damit ist die Wiederlherstellung der jüdischen Dynamik, des neuen Wollens vollzogen, das alle Handlungen, Gedanken und Lebenslagen als Gefäße zur Heiligung ansieht, sich an allem entzündet, sich in allem beweist, sich aus allem neuen Auftrieb iholt. Es geschieht jetzt, daß jeder Tag des Lebens danach verlangt, gestaltet zu werden, die Zeit wird ein Becher für das g'tterfüllte Herz; jedes Werk will in Heiligkeit getan sein, jede Handlung zur Diensthandlung vor Q'tt emporgewandelt werden. Wissen mündet ins Wollen, Wollen verlangt nach Tun. Mit dem neuen Wollen bekommt das Wissen von G'tt und Seinem Wort das Primat über die gesamte geistige und sittliche Persönlichkeit. In bewußter Selhstformung und unerbittlicher Waihrheitssuche erzieht sich der junge Jude nach den g'ttlichen Maßen, nach den großen Vorbildern, die ihm unendlich" nah und vertraut geworden sind, sucht Gedanken- und Gefühlsleben zu veredeln. Jeder Affekt wird in seiner Wurzel ergriffen, gereinigt, zielgerichtet und hier, in den feinsten Skalen seelisdher Regungen, in den stillen Kämpfen um die eigene Läuterung vollzieht Wissen und Wollen die große Heiligung des menschlichen Herzens. Wissen mündet ins Wollen, Wollen schwingt aus dem Tun in das tiefere Wissen, aus ihrer Einheit fließt das g'tterfüllte Leben. Es kommen die seltenen Stunden, die ganz reif sind in ihrer Bewußtheit, jede Regung, Bewegung, Tätigkeit, Gedanke, Blick und Wort ist durchflössen von einem Gefühl immerwährender iG'ttverbindung, Stunden, in denen die Har- monie des jüdischen Menschen erklingj., der Zusammenklang von Sollen und Sein, makelloses Glück, das noch in die nächsten Stunden hinüberzittert. Und dann kommt endlich einmal ein ganzer Tag. Der jüdische Mensch wird nur in der Jeschiwah. Zwischen großer Vergangenheit und . großer Zukunft stehend, verbindet er beide in dem Gestaltungswillen seiner ewigen Aufgabe. Anfang und Ende, Schöpfung und Erlösung, Sinai und M'oschiach hält er in seiner Hand. Wochenrundschau. Jüdische Ansiedlimg in Abessinien. Wir können für uns in Anspruch nehmen, als Erste (siehe Leitartikel in Nr. 21 vom 15. Mai) auf „unsere Interessen in Abessinien" hingewiesen zu haben. Freilich stand damals im Vordergrunde unserer Betrachtung das Falas c h. a p r o b 1 e m , das unter der warmen italienischen Sonne wohl bald in dem Sinne gelöst wird, daß die in den dortigen Bergen seit Jahrtausenden vielleicht ansässigen Juden fürderhin keine Falaschas, d. h. keine Fremden mehr sein sollen, sondern italienische Untertanen oder Bürger. Wichtiger noch als die Umwälzung im Rechtsleben der Falaschas erboheint uns aber die nun aufgetauchte Frage der Einwanderung tmd A n s i e d 1 u n g von T e i 1 e n einer in den Ländern E u r opas b rot - und heimatlos gewordenen jüdischen Bevölkerung in Abessinien. Die Wiener „Jüdische Presse" ibrachte in der, jüngsten Nummer unter, dem Titel „Abessinien -— eine Möglichkeit?" eine kurze Abhandlung über diesen Punkt, die wir für wert fanden, an anderer Stelle unserer heutigen Nummer wörtlich wiederzugeben. Aus einem Vortrag, den vor kurzem Nathan P o 1.1 ak ,vein guter Kenner Abessiniens, in der Union Ö s t e r r e i c h i s c <h e r Juden in Wien gehalten hat und über den uns ausführlicher Bericht zugeht, erfahren wir außerdem, daß in Abessinien, ein Gebiet, welches dreimal so. groß ist wie die ehemalige österreichisch-ungarische Monarchie, oder, so groß wie Deutschland und Frankreich zusammen, über 15 ^Millionen Menschen angesiedelt werden könnten. Italien sei aber nur in der Lage, ca. 3 Millionen der eigenen Bevölkerung umzusiedeln, so daß ein Zustrom von 300.000 bis 500.000 Juden nicht ins Gewicht fallen würde. Wir empfehlen die Wiener Anregungen der Beachtung unserer Leser, aber noch mehr aller maßgebenden Organisationen, die heute eifrig auf der Suche nach neuen „Golusländern" sind, nicht zuletzt der Beachtung der Herren in Ge n f, deren Beauftragter zur Zeit noch den Globus. auf eine Ruhestätte für die Flüchtlinge absucht, und die demnächst, wie bei uns vorige Woche mitgeteilt, den Rechts-. Status der aus Deutschland Ausgewanderten wenigstens provisorisch geregelt sehen wollen. Wir sind der Meinung; daß wenn schon ein neues Golusland, so doch wenigstens da, wo es als V o r h a 11 e für die Heimat dienen könnte. Gelänge es uns, in nächster Nähe Erez Jisroels ein jüdisches Zentrum von Hunderttausend oder mehr Menschen zu schaffen, so könnte Erez Jisroel selbst immerhin mehr davon profitieren, als von neuen Siedlungen jenseits der Ozeane in Südamerika und Australien. Die italienische Regierung ist, wie wir vorige Woche an dieser Stelle berichten konnten, der Idee einer jüdischen Einwanderung in Abessinien nicht abgeneigt. Wir glauben, daß die Organisationen nicht lange zögern sollten. Man schmiede das Eisen, so lange es iheiß ist. Italien selbst könnte sich hier mit einem Schlage die Sympathien der ganzen Welt erwerben. Was wir von unserem Standpunkte aus zu diesem Plane zu sagen halben, haben wir in unseren früheren Artikeln bereits angedeutet. Wir glauben zu wissen, daß der Gedanke einer geschlossenen jüdischen Siedlung in Abessinien innerhalb der leitenden Kreise der A g <u d a s Jisröel-Welt Organisation in der letzten Zeit häufig erörtert wurde, und wir: zweifeln auch nicht daran, daß sich die Aguda den Organisationen bei dieser Aktion eifrig und freudigen Herzens anschließen wird, sobald Sicherungen dafür gegeben sind, daß bei der Schaffung der neuen jüdischen Zentren von vornherein auch die religiösen L e.b e n.s m.ö g 1 i c h k e i t e n mit in Rechnung gezogen werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.