Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1936)
- Date
- 1936-06-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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MHK IHK H liQloBoH o—6 IföIHKöll Erziehung und Lehre Pädagogische Beilage zum „Israelit" Organ des Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands rss —1 II Hil l— =BBX& ■H jjoj o o | o—o | o oj oi| SÄHE -HIIHIIH- HIHI Verantwortliche Schrif tleitoag: L. Kaufmann, Spreadllagea (Kreis Offenbach) Geschichtsunterricht an jüdischen Schulen. Von Studiendirektor Dr. Elias in Frankfurt a. M. (Fortsetzung.) IV. Die Stoffverteilung ist darnach ungefähr folgendermaßen vorzunehmen: Auf der Unterstufe der Mittelschulen, also im fünften und sechsten Schuljahr .der Volksschule, werden große geschichtliche Persönlichkeiten der Weltgeschichte der Jugend nahegebraoht werden, soweit sie ihrem Erlebnisraum nicht zu. fern stehen. Es kommt zunächst, ganz allgemein darauf an, Herz und Sinn für persönliche Geschichte, für echte Größe aufzuschließen, und im besonderen darauf; daß sie große Männer und Frauen des nachbrblischen Judentums in sich aufnehmen, und neben dem großen das stille und schlichte Heldentum der jüdischen „Großen" würdigen lernen. Im siebenten Schuljahr, zum Teil auch im achten, sollte darnach gestrebt werden, den Schwerpunkt des Unterrichts von .dem griechisch-römischen auf das jüdische Schicksalsfeld zu verlegen. Esi ist der wichtigste Zeitraum unserer Geschichte, um den es sich da handelt: von 1000 bis 500. Er erfordert eine eingehende Behandlung, daß dafür mindestens \x/% Jahre eingesetzt werden müssen. Die Durchnahme erfolgt in drei Abschnitten. Nach der starken Regierung Salomons hat sich das jüdische Volk nacheinander gegen alle die Welt beherrschenden Mächte des Altertum® zu verteidigen. Zunächst gegen die asiatischen Völker: Assyrer und Aegypter, der Babylonier und Perser, denen esi schließlich unterworfen wird. Die zweite Epoche wird durch den immer weiter vordringenden Einfluß des Griechentums gekennzeichnet, da® schließlich im ersten Jahrhundert auf dem Grunde tiefster politischer Ohnmacht kulturell seinen glänzendsten Triumph erlebt. Hellas liegt .darnieder, der Hellenismus siegt. Die dritte Epoche steht unter dem alles gleichmachenden Einfluß de® römischen Imperiums. In der jüdischen Gemeinde spiegelt sich während dieser Jahrhunderte gewaltiges Weltgeschehen. Es gibt für jene den bewegten Hintergrund ab und muß alsv solches den Schülern verständlich gemacht werden. Der Schwerpunkt soll aber im jüdischen Schicksal liegen, ohne daß die allgemein menschliche und geschichtliche Bedeutung verkleinert werde. Der zweite Teil des achten Schuljahres (U III) ist der Geschichte des Mittelalters gewidmet. Deutsche ©Schicht© erscheint als Teil der europäischen Geschichte, Mittelalter als Kulturerscheinung, die sich auf dem Boden >der alten Welt bei aller Vielfältig- Tceit durch den Einfluß des Christentums im Norden, des Islams im Süden gleichartig auswirkt. Im Rahmen der allgemeinen politischen Geschichte sind die Wanderungen der Juden zu zeigen. Im Zusammenhang mit der allgemeinen Kulturentwicklung ist die Problematik des Mittelalters, der Aufeinanderprall zweier Welten — Natur und Kultur — anzudeuten, um für das äußere und innere Leben der mittelalterliehen Juden größeres Verständnis, als es früher bierzulande der Fall war, zu erwecken; den Reichtum an Persönlichkeiten, an geistigen Leistungen und neroischen Kämpfen zu enthüllen; die ewigen Quellen jüdischen Volkstums, aus. denen er floß. aufzudecken. Aber noch ein anderes tut not. Erklären jene jüdischen Quellen, wieso unter schwerstem Druck eine Blütezeit jüdischen Geistes und Kulturlebens in Nord und Süd sich entfalten konnte, so ist es auch wichtig, auf die Strömungen; und Kräfte hinzuweisen, die aus der .nichtjüdis'chen Welt kamen und Ibald in Kontrast, bald in Uebereinstimmung mit der , jüdischen wesentlich - zur Erhaltung der mittelalterlichen und jüdischen, Kultur beigetragen haben. . ..; Das neunte Schuljahr verlangt die. Behandlung des 16., 17. und 18. Jahrhundert®. Die Welt zerfällt in Mächtegruppen, deren Kämpfe, Siege und Nieder* lagen auf die äußere und innere Gesiohichte der Juden von entscheidender Bedeutung wurden. Von Erfindungen und, Entdeckungen, Religionskriegen und dynastischer Machtausdehnung vorwärtsgetrieben oder zurückgeworfen, treten Spanien und Frankreich, England und Holland im Westen und zur See, die Türkei, Polen und Rußland, einander ablösend im Osten, Preußen und Oesterreich, in jahrhundertelangem Ringen gegenseitige Anerkennung erzwingend, in Mitteleuropa zur Herrschaft an. Unter all .diesen Mächten spielt sich in jenem Zeitraum, hier früher, dort später, bewegtes jüdisches Leben ab, von vertrauensvollem Aufstieg zu iherzbewegender Katastrophe, ein vielfarbiger Teppich, in dem viele große Männer sich verewigt haben, die die Welt der großen Politik oder messianische Sehnsucht, das Meer des Talmud, jüdischer Universal;smus oder kabbalistische Schwärmerei zu beherrschender Höhe emporgetragen hatte, von der Fami* lie Abarbanel bis zum Tamia. In der U II, deren Aufgabe die Behandlung des 19. und 20. Jahrhunderts bis in unsere Zeit ist, wird die Geschichte der Zeit unschwer mit der Entwicklung des Judentums zu verbinden sein. Das 19. Jahrhundert erscheint berufen, das große Wagnis, in den verschiedenen Nationen das Judentum aufgehen zu lassen, bis zur Grenze des Möglichen vorzutragen, um dabei auf das schmählichste zu scheitern. Als Jahrhundert der nationalen Bewegungen hat es die Juden mit falschen Pässen beschenkt, als Jahrhundert der Naturwissenschaft und individualistischer Philosophie mit einer zersetzenden Weltanschauung gefüttert, als Jahrhundert des Liberalismus und des Sozialismus mit einem falschen Bild von Freiheit und Gerechtigkeit in die Irre geführt. Die europäischen Geistesströmungen des 19. Jahrhunderts sind nicht zu trennen von der inneren Entwicklung zum Abfall. Unsere Schüler müssen die Ursprünge kennen, die auf die französische Aufklärung zurückgehen, schon um zu erkennen, wie wenig die Juden damit zu tun hatten. Sie müssen aber auch Marx kennen lernen, schon um zu erkennen, wie wenig er mit dem Judentum zu tun hatte. Die tragische Entwicklung des europäischen Juden, seine Befreiung von äußeren und inneren „Fesseln", mit der er die Flucht vor sich selbst von der Emanzipation über Assimilation zur Verleugnung seiner selbst anstrebt, sein äußerer Er* folg und seine innere Verarmung, bis schließlich die Ansätze zur Wiederbesinnung, die, ebenso wie die gegensätzliche Bewegung, in engem Zusammenhang mit der politischen und geistigen Geschichte Europas steht, führt mitten hinein in die heutige .Lage unseres Volkes. V. Bei der Darbietung müssen wir, wenn auch nicht allein, so doch mit in erster Linie von dem Schüler ausgehen, dem unsere pädagogische Arbeit gilt. Wir wollen nicht vergessen, daß die verschiedenen Altersstufen verschiedene seelische Strukturen begründen. Das fünfte, sechste und siebente Schuljahr verlangt nach Geschichten und nicht nach Geschichte. Anekdotische Erzählungen, anschauliche Schilde» rungen, die im geschichtlichen Milieu eingebettet erscheinen,- Erzählungen, deren Helden werdend und wirkend begleitet werden, aus allen möglichen Bü5 ehern zusammen zu tragen, vorzulesen oder nachzu* erzählen, erweisen sich in .diesen Jahren als das beste Mittel, zu geschichtlichem Verständnis zu führen. Der Lehrer, der sich für diese Jahre vorbereitet, kann, wenn er nacherzählt, aus seiner Kenntnis der Zeit und des Milieus heraus das Geschichtliche noch unterstreichen. Auf die Erzählung folgen Fragen, deren Beantwortung wieder zu geschichtlicher Erzählung führt. Gemeinsame Klassenlektüre wäre natürlich das Beste. Soviel Bücher wie die Klassen brauchen werden aber nicht aufzutreiben sein. Lesebücher fehlen noch, Vorlesen wirkt auf manche Klassen bei manchen Lehrern, begnadeten Lesetalenten, sehr stark. Stärker aber wirkt im Allgemeinen die freie Er* Zählung, wenn der Erzähler nicht ganz langweilig ist. Die nächste Stufe verlangt im Gegensatz zu der vorhergehenden, keine Geschichten, sondern Geschichte. Nicht zusammenhängend und von innen her, sondern in Anknüpfung an Helden, die der Tertianer begleiten und von Dramen^ der erleben will. Die Anteilnahme an Weg und Handlung ist nicht mehr nur nachahmend, wie auf der < vorhergehenden Stufe, sondern,wenn/ .auch nur an der Peripherie der Handlung, persönlich mithandelnd und am Rausch desGe.- sc'hehens unmittelbar;neuschaffend. Die dritte Stufe {Ü II) verlangt schon genetische Betrachtungsweise. Nicht mehr, was geschehen ist und wer gelebt hat, sondern wie es gekommen und wie es geschehen ist, interessiert den Schüler der Oberstufe und damit verbindet er .die Ahnung, zu Aehnlichem berufen zu sein wie die Männer, die, die Zukunft vorausahnend, Geschichte gemacht haben. Der Drang nach Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und ein damit innig zusammenhängendes Interesse an religiösen, nationalen, ethischen und philosophischen Fragen darf auf 'der Untersekunda nicht übersehen, aber auch nicht übersättigt werden. Auf allen Stufen muß unser Ziel sein, das, was wir heute haben, sind und ejfwarfcen, für das lebendige Leben der Vergangenheit auszuwerten. Niemals war es notwendiger und leichter als heute, niemandem steht es so an und so zu als uns Juden. Die Zeit hat dafür gesorgt, daß wir zu jeder Etappe unserer mehr als 3000jährigen Geschichte parallele Erfahrungen aus der Neuzeit schöpfen können, G'tt sorgt dafür, daß wir niemals in ungeschichtliches Dunkel versinken. Sorgen wir dafür, daß die Geschichte und der geschichtliche Weg unseres Volkes auch nie aus unserem Bewußtsein schwindet! (Fortsetzung folgt.) Vom Beth Haseier Hareali „Jawneh" in Haifa. In diesen Tagen wird die jüdische Oeffentlichkeit Deutschlands durch die neuen Orientierungsblätter der Hitachduth Ole Germaniah zum ersten Male Einzelheiten über .die neue gesetzestreue Realschule in Haifa (Hermonstr. 29) erfahren. Und es ist berech* tigt, .jetzt Einzelheiten zu berichten, nachdem die Schule in 'dem ersten Halbjahre ihres Bestehens (Eröffnung Tischri 56961)1 ihre Daseinsberechtigung erwiesen hat. Die Schule wurde von interessierten Eltern unter Mitarbeit von anerkannten, gesetzestreuen Erziehern und Schulmännern {diese bilden heute den Wäad mefakeach der Schule) ins Leben gerufen, mit der Aufgabe, jüdische Persönlichkeiten heranzubilden, die fähig und bereit sind zu überlieferter jüdischer Lebensgestaltung und zur tätigen, alltäglichen Mitarbeit an dem Aufbau unseres Landes im Geiste der Thora. Die Gründung einer höheren Schule auf gesetzestreuer Basis war gerade hier in Haifa eine Notwendigkeit. Es gilt, den Schülern neben gründlicher Ausbildung in sämtlichen jüdischen Disziplinen und einer bewußt gesetzestreuen Erziehung auch die allgemeinen Bil* dungswerte in unserem Geiste zu vermitteln. Dabei ist nicht an eine bloße Uebernahme anderer Schulprogramme mit einem entsprechenden Plus von talmudischen Kenntnissen und religiöser Beeinflussung gedacht. Man ist vielmehr der Ueberzeugung, daß eine wirkliche Auswertung des jüdischen Kulturgutes (von Tephillah bis zu Talmud und seinen Erklärern) in gründlichem und methodischem Unterricht eine solche Schulung und Entfaltung aller Kräfte mit sich bringt, daß die Schüler in einem organisch eingeglie* derten', konzentrierten „Profanunterricht" (die Unterscheidung ist hinfällig) hier das gleiche praktische Ziel wie andere höhere Schulen erreichen. — Demgemäß steht im Mittelpunkt des Grundschulunterrichts der nun -Unterricht (12 Wochenstunden}, des Real« Schulunterrichts der TiöVn-Unterricht (10—12 Wochenstunden). Die vip 'im1-? insgesamt nehmen ca. 2/3 der Wochenstunden ein. Daneben werden sämts liehe Fächer einer höheren Schule, einschl. der „technischen" Fächer gelehrt. (Eine von den Schülern unter Leitung eines Lehrers «gebildete Sportgruppe ergänzt diese Arbeit.) Der mit großer Liebe gepflegte Schulgarten soll die Schüler in reale Beziehung bringen zu Land, Boden und körperliche Arbeit und den geistigen Unterricht, das „Lernen", zum gestaltenden Erlebnis werden lassen. Die Schule umfaßt heute die Grundschulklassen, die man im Laufe der Zeit auf drei Jahre zu beschränken hofft, und drei Klassen der Realschule. Die Schule wird zu einer Vollanstalt bis zur Reifeprüfung ausgebaut. Andererseits hofft man, in den Schülern den Wunsch zu wecken, nach Verlassen der Schule zunächst eine eine Jeschiwah zu besuchen. Die Schule wird1 bereits von 80 Schülern (n u r Knaben) besucht. (Sie ist politisch. unabhängig; sowohl in^Kuratorium, Lehrkörper wie Elternschaft befinden sich Menschen 'der verschiedensten religiöseh „Pärteien"i)i. Täglich kommen neue Anfragen»