Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1936)
- Date
- 1936-06-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 26 1936 Der Tempelbau zu Heikenbrunn. Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. (Fortsetzung.j „Der Weg ist der falsche I" sagte sie, doch eine Antwort erhielt sie nicht. Sie wartete geduldig, denn sie wußte, nun mußte sie schweigen. Er selbst würde schon zur Zeit zu reden beginnen. Hinter der Judengasse, wo sich schroff von bebauter Gasse die freie Natur trennt, befand sich " ein Weg, der vom Tal in die Höhe führt. Der eiste Ruhepunkt bei diesem steilen Weg war ein Plateau, das weiten Ausblick übers Land erlaubte. Hierhin strebte David, denn es war sein Lieblingsplatz, von wo aus er in die geheimnsvolle Ferne starrte, die ihm viel versprach. Jede Jugendillusion war geschwunden mit dem heutigen Tag. Er war zum Mann gereift im ersten seelischen Kampfe. Er war gestrenger mit sich als mit anderen Menschen seinies Glaubens. Er war Jude in der kristallisierten Form, die kein Kompromiß zuläßt. Für ihn bedeutete die eigene Schuld mehr als das Vergehen anderer. Die kleinen Sünden seines Lebens pflegte er hart abzubüßen, die erste Gewissenssohuld in seinen Augen fand ihn' jedoch fassungslos. Endlich raffte er sich auf und sein Blick schweifte abwägend über das Land, das vor ihrer beiden Augen lag. Er deutete auf einen Punkt im trüben Scheda. „Stundenweit ist diese Stadt entfernt, die einen kleinen G'ttestempel besitzt. Doch schau dir all die Flecken dort an, überall sitzen jüdische Familien mit der gleichen Sehnsucht im Herzen', an der die alten' Leutchen zugrundegingen. Heikerabrunn liegen diese Flecken näher, scheinbar wie das Herz den Adern.' —" Gehorsam sah sie von seinem Gesicht weg zu den angedeuteten Punkten, die ihr weniger sagten, ials der Kampf in diesem geliebten Menschen. Die Liebe hatte sie verändert. Aus dem trotzigen jungen Ding war eine Frau geworden, sich dessen bewußt, was sie als Jüdin und Mädchen dem Manne sein mußte. Der erste Kampf in dieser jungen Liebe, der erste ernste Kampf, entschied ihre Zukunft. Das Bangen, obwohl sie -es in sich verschloß, wollte nicht weichen. Deshalb glitt auch ihr Bück wieder zum Gesichte Davids zurück. Noch immer arbeiteten die Muskeln, um der Erregung Herr zu werden, in seinen Zügen. Seine Stime furchte eine tiefe Falte. Auf den Mund wagte se nicht zu blicken, denn so bitter war er noch nie gewesen. Die leicht gebogene Nase kennzeichnete sein Profil als das typisch jüdische Antlitz, veredelt durch die Jugend und das reine Gemüt, das er sich aus der Kindheit mit ins junge Mannesalter rettete. Er trug die Zeichen seines jüdischen Glaubens, die Haartracht, den wachsenden Bart, doch schien es Githa, als wenn nie ein jüdischer Mann so hoch den Kopf getragen hatte, wie er es tat. Selbst jetzt, als er sich nach Schuld zermürbte und nur Unheil fand, an dem keiner teilhaben konnte; Aus dem Verworrenen «eines Innern lösten sich endlich einzelne Gedanken, ordnete die Vernunft wieder das Klare und die Erregung ebbte ab bis zur unabänderlichen Entschlossenheit. , i . . ' f .' -; i'l! Wie erwachend wandte er sich ,Githa zu, in die lichtblauen Sterne seiner Augen alle Milde und Güte legend. Der Tagesschimmer, in den sich trüber Sonnenglanz mischte, ließ sein rötlichblondes Haar aufschimmern, als sei er in goldene Fäden gehüllt. „Nun hab' ich dich erschreckt," sagte er leise. Seine Stimme hatte den melodischen Klang, den nur gute Menschen in sich tragen. Sie berührte des Mädchens sinnende Versunkenheit wie eine aufrüttelnde Hand. Sie erschrak nun wirklich ein wenig, aber beruhigend ging ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie griff nach der dargebotenen Hand und hielt sie fest, als er weitersprach. „Es hat mich furebthar mitgenommen. Ueberlege, sieben Menschen und noch ein achtes Opfer. Für was, müßte ich fragen, doch beuge ich mich dem Ratschluß des Ewigen, der jene zu sich nimmt, die er liebt. Was mich nur in meinem Entschluß bestärkt . . ." Sie sah erstaunt zu ihm auf. So hatte sie ihn hoch nicht reden hören. Immer nur tändelnd, wenn er sich zu ihr wandte, wie zu einem Kinde, obwohl sie wußte, wie ernst er mit dem Vater zu unterhandeln wußte. Daß er ihr den Klang seiner Stimme zuwandte, den er bisher nur wichtigen Dingen seines Lebens widmete, erschreckte sie, daß es wie Schauder über sie hinwegging. Doch hielt sie sich tapfer. „Einen Entschluß," hörte sie sich fragen und innerlich schrie sie sich zu: nicht doch — ein Entschluß ist hart! Er nickte sofort. Nochmals deutete er auf die Landschaft vor beider Blicke, (benannte dort den Flecken, das kleine Städtchen weiter hinten und hatte, ohne es zu merken, den freien Arm um ihre Schulter gelegt wie bei einem Kameraden. Sie spürte, mit Liebe hatte diese Geste nichts zu tun. Doch blieb ihr Herz weit und offen für das andere, das unwiderruflich ihr junges Glück treffen mußte. Sie war gefaßt, aufs Schlimmste sogar gefaßt, denn die Härte seiner Augen galt sich. Und traf nicht alles, was ihm bestimmt war, auch sie? „Ja, einen Entschluß," sagte er dann plötzlich, als knüpfe er an das letzte ihrer Worte an. „Heikenbrunn muß einen Tempel haben." Sie sah ihn so ungläubig von der Seite an, daß er nickte und ihr recht gab. „Eine Unsinnigkeit? Du hättest recht, wenn das da nicht geschehen wäre. Ein Schwur jedoch, den ich vor dir wiederhole: Nicht eigenes Glück soll mir blühen, bis daß die Schul zu Heikenbrunn steht ..." Nicht eigenes Glück — sagte, es schwer im Herzen Githias, und sie neigte das Haupt über die Trümmer des sorglosen Glückes. Demütig aber und bereit, ihm zu folgen und sei es in den Tod. Ihr Schweigen reizte ihn zum Weitersprechen. „Von nah und fem, aus allen Gegenden um Heikenhrunu führen die Wege glatt und ohne Gefahr hierher. Nicht Stunden entfernt liegt unser Ort, leicht zu erreichen und selbst in Finsternis gefahrlos wieder zu verlassen. In Heikenbrunn muß der Tempel stehen. Ich seh ihn vor mir. Nicht groß und mächtig im Aussehen, o nein, klein und bescheiden, jeder Stein ein Opfer gläubiger jüdischer Menschen, aber getragen von der Größe des Gedankens, durch diese geweihte Stätte dem Ewigen nahe zu sein . . ." Er malte vor ihre Augen die Vision, doch war sie weit und fern, und mühsam zählte Githa bei jedem aufzubauenden Stein die Tage, die sie von den Träumen trennte. Er wurde sich der Grausamkeit bewußt, die er nicht allein sich auferlegte. Leise fragte er sie, ob sie Kummer trage. „Und du, du bist frei, frei, wenn diu es sein willst. Niemand darf dich an meine Seite zwingen, wenn du nicht bei mir bleibst." Unwillig hob sie den gesenkten Kopf. Ihre Augen sprühten etwas vom alten Trotz. „Das sagst du — ich gehöre zu dir, das weißt du!" Nun atmete er auf. Ein wenig entfernt von ihr stand er, als er die Arme ausbreitete und dem Lande unter ihm zurief: „Euch Juden wird ein Endlein Heimat im fremden Lande werden, so wahr mir G'tt helfe." 2. Heikenbrunn liegt irgendwo im Europa des ausgehenden Mittelalters, jenen Landen nahe, die sich der aufsteigen/den Kultur nicht länger verschlossen und damit beginnen, im Juden einen Menschen zu sehen. Vielleicht lag dieses Bestreben in dem aufblühenden Erdenflecken, der sich von Kriegen und Seuchen erholte, Atem schöpfte und dabei zu gewissem Wohlstände in allen Teilen der Bevölkerung kam. Man hatte von jeher dem Zuzug jüdischer Familien nicht allzugroße Schwierigkeiten entgegengebracht. Vor dem letzten Kriege zählten die jüdischen Familien zuweilen bis fünfunddreißig, doch hatten die schweren Zeiten auch in diesen Reihen gehaust. Viele Familien waren wieder weggewandert, da sie die Gasse zu eng befunden, und so war Platz in ihr zur Genüge für die zwanzig Familien, die fast hundert Köpfe zusammen zählten. In Heikenbrunn ging man so weit, den Juden Land zum Bebauen zu übergeben, zwar nicht zum Eigentum, so durften sie doch die Früchte ihres Fleißes selbst ernten. Da die Juden ihre Abgaben ehrlich leisteten, waren beide Teile zufrieden, und wenn man sich auch gegenseitig mit mißtrauischer Zurückhaltung begegnete, so fanden dennoch in Heikenbrunn die wenigsten Prozesse gegen die Juden statt. Durch das arme gehetzte Völklein ging ein Aufatmen. Man bereitete sich vor, diese Stadt als Heimat anzusehen und die Besitzer dieses Bodens, auf dem ihre Füße noch zögernd standen, in guter Laune zu erhalten. Deshalb erregte der Gedanke an einen Tempelbau zu Heikenbrunn die Gemüter der jüdischen Bevölkerung derart, daß eine wahre Panik entstand. AHe waren dagegen im ersten Protest. Wie konnte man es wagen, kaum heimisch geworden, solche Forderungen an Grund und Geduld der Herren des Landes zu stellen. Niemals auch nur einen Goschen gab man zu solchen Hirngespinsten. Doch neigten sich die Sabbate in ihrer einsamen Art schwerer noch auf die Herzen der Empörten, und nun pochte der Gedanke anders bei ihnen an, als durch den Mund des jungen Vorstehersohnes David ben Joseph. Bei ihnen hatte er gesessen, ins beste Zimmer führte man ihn, man ließ ihn ausreden, sah dabei in sein Gesicht, in dem es golden schimmerte durch Bart und Kopfhaar, wurde verwirrt und doch beglückt und erst nachher stellte sich diese Entrüstung bei ihnen ein. Sie fürchteten für das bißchen Ersparte, noch mehr aber für die karge Heimat, die endlich zu werden begann nach trostloser Fremde. Das harte Nein war nirgends milder. Teils entsprang es materieller, teils jener bodensehnsüchtigen Regung, aber das Nein war vorhanden. Das Gift der Sehnsucht jedoch blieb in den Menschen und wirkte nachher stärker als im Augenblick. Es gab schon welche unter ihnen, die ihr Weniges zählten und ein Viel davon abtrennten, immer in Erwartung auf den erneuten Besuch des jungen David. (Fortsetzung folgt.)