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Der Israelit · 1936-06-25 · Heft 26 (25.6.1936) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 26 (25.6.1936)
Date
1936-06-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 26 Der Israelvit 25. Juni .1936 Altstadt Moses Blau und — Ben Zwi an der Bahre .der Opfer in reibungslosem Nacheinander halten. Die Einheitsfront des gesamten Jischuw steht. Die düsteren Wol'ken, die ihn gegenwärtig, umschatten, werden sich mit Hilfe der Vorsehung verziehen. Aus der Not dieser Wochen selber wird ihm ein neuer Aufschwung erwachsen. Aiber dann? Dann wird die Gemeinsamkeit der Gefahr ihr© furchtbar eindringliche Sprache verlieren, der frische Schmerz in Erinnerung zerbröckeln die Einheitsfront, von der Stunde für die Stunde geschaffen, zusammenfallen. Das kann nicht anders sein. Nur die Stunde kann uns mit Ben Zwi verbinden, und nur flüch tig kann die Verbindung sein. Zwischen uns und ihm steht die Thora. Aber gibt es nicht noch eine andere Gefahr, die selbst an diesen schweren. Tagen nicht über sehen werden kann? Ist die Gefahr, die von den Arabern droht und zu Gemeinsamkeit zwingt, die einzige im Lande? Ist hur das leibliche Leben der mordenden Kugel ausgesetzt, und nur die Wirtschaft den; Zerstörern preisgegeben? Ist nicht die Thora hv* diesem Lande seit Jahr und Tag von Feinden umstellt, sind nicht ihre Felder seit Jahr und Tag der Verwüstung ausgesetzt und werden nicht seit Jahr und Tag die Seelen Tausender jüdischer Kinder in einem mörderi sehen Schulwerk verdorben und vernichtet?' Wo her all die Klageredner nehmen, die den Verlust der ungezählten jüdischen Menschen beklagen sollten, die der Thora und damit dem jüdischen Leben jeden Tag entrissen werden? Darf uns die Angst ums leibliche Leben tiefer erschüttern, als die Angst ums Leben der Thora? Der Schmerz um Verluste der Wirtschaft uns grimmiger packen, als der Schmerz um den Rückgang der Thora? Unruhen erfüllen nicht erst heute das Land, Verwüstungen geschehen nicht erst heute in ihm, Opfer decken nicht erst heute seinen Boden: Unruhen, ja Revolutionen gegen die Thora sind längst schon an der Tagesordnung, Verwüstungen der Thora gewohnte Erscheinungen und Opfer für die Thora gestorbener Menschen eine Verlustliste ohne Ende. Und wenn, die Gefahren des Leibes und der Wirtschaft den Entschluß zu außerordentlichen Maßnahmen* ja höchst außerordentlichen Gemeinsamkeiten auslösen: warum haben die tausendfältig größeren Gefahren der Seele und des rThorawesens bis jetzt einen analogen Entschluß völlig missen lassen? Man hat sich gewöhnt- Der jüdische Generalstreik gegen die Thora ist Dauerzustand geworden. Die Verwüstung der Felder der Thora eine alltägliche Erscheinung. Der Mord an den Seelen jüdischer Kinder, ihrer Mehrzahl im Lande, mit einem Freibrief versehen. Darf dies soweitergehen? Ist es nicht notwendig, die Ketten der Gewohnheit abzuschütteln und das frische, das ursprüngliche Gefühl der Empörung, die klare und nachhaltige Erkenntnis der beispiellosen gemeinsamen Gefahr wachzurufen, auf daß aus Empörung und Erkenntnis der Entschluß zu gemeinsamer Tat endlich reife? Nicht die Diskussion über die Beziehungen der Aguda zum Misrachi möchte hier erneut eröffnet werden. Diese Diskussion in solcher Allgemeinheit kommt entweder zu spät oder zu früh und führt einstweilen lediglich zu oft genug geleisteter Herausarbeitung der volksanschaulichen Gegensätze. Auch ist die Situation sowohl der Aguda wie auch des Misrachi in den Ländern der Gola eine wesentlich andere, als im Heiligen Lände. Als Weltverbände können weder Aguda noch Misrachi diese Tatsache außer Acht lassen. In einem geschichtlichen Prozeß, wie dem heutigen, der längst die ganze Gola erfaßt hat, wird namentlich die Aguda nicht darauf verzichten können, ihren volksanschauliohen Standpunkt in aller Klarheit zu vertreten und auf die sich aus ihm ergebenden Konsequenzen bedacht zu sein. Aber im Heiligen Lande herrscht auch für die Thora der — Ausnahmezustand, Der empörerische Wille zur Abschütteking des Joches der Thora -hat hier einen dermaßen konzentrisch: organisierten Ausdruck gefunden und bat sich liier mit einer solchen Macht umkleidet und bestimmt mit solcher Eindeutigkeit das Gesicht der w£rk- . tätigen Gasse, daß nur die Gewohnheit undf' die aus ihr fließende völlige Resignation oder völlige Kälte, ja Versteinerung des Herzens die Zersplitterung länger dulden kann, die die zahlenmäßig gar nicht einmal geringen jüdischen Menschen, die zur Abwehr und zum Gegenangriff berufen und bereit wären, in allen wesentlichen Beziehungen aktionsunfähig macht. Der Ausnahmezustand der Thora im Heiligen Lande verträgt weder theoretische und höchst zeitraubende Erörterungen über die Beziehungen ^zwischen Weltaguda und Weltmisrachi noch die-Zurückstellung der schreiendsten Notwendigkeiten des Landes hinter einen Gegensatz, der ungeachtet seiner hohen geschichtlichen Bedeutung schließlich kein Freibrief für wechselseitige prinzipientreue — Untätigkeit sein darf.;'f)as Land und die Thora des Landes kann nicht-warten, bis die Aguda stark genug ist, um allein'ijhd aus eigener Kraft diesen Notwendigkeiten;!zu entsprechen. . 1. Die Jes chiwioth und ihr Unterbau* - die reinen Thora schulen, leiden unsäglich. Ihrer nimmt sich im Grunde genommen niemand ernstlich an. Und doch kann ein Zweifel darüber nicht bestehen, daß wirkliche Talmide Chachomim einstweilen nur aus ihnen regelmäßig hervorgehen können. Die Behebung ihnen etwa anhaftender Mängel wäre selber, einigen guten Willen vorausgeseztt, eine Geldfrage. Läßt man den Dingen ihren Lauf, ist unschwer vorauszusehen, daß nach relativ -we*1*^11 Jahren das fleiiige Land nicht mehr, imstande sein wird, wirk-, liehe Talmide Ghachomkn von ThoragrößEen gar nicht zu reden — aus sich heraus zu produzieren. Sollen die JeschiWoth und die reiben Thöraschulen des Heiligen Landes am Gegensatz zwischen Aguda und Misrachi' zugrunde gehen? ' 2. ■ Der agudistische Arbeiter hat bis je.tzt auch nicht im entferntesten eine hinreichende Hilfe der Weltaguda gefunden. Entmutigung,;; ja selbst Hoffnungslosigkeit, na<gt an seinem Herzen. Er sieht sich der -übermächtigen. Front der „Histadruth" gegenübergestellt/. Der Kampf um Arbeit ist unerhört schwer. Ist ider Gedanke vermessen, in den Fragen der- Wir ts c h a f t eine Einheitsfront der thoratreuen Arbeiter herzustellen und dieser Einheitsfront die tätige Sympathie der ganzen jüdischen Welt zu gewinnen,: soweit sie nicht zustimmt, das Heilige Land der Kultur der — „Histadruth" für. die Dauer auszuliefern?' 3. Tagaus, tagein wird der jüdische Z e i - t u n g s 1 e s e r des Heiligen Landes mit einem Stoff gespeist, der als schleichendes oder höchst . akutes. Gift die Gewebe der G'ttesfurcht und der Thoratreue angreift und zerstört. Braucht über die unermeßliche Gefahr, die. hierin liegt, auch nur ein Wort verloren zu werden? Weder Aguda noch Misracthijiatten bis jetzt die Kraft, eine thoratreue Tageszeitung herauszugeben. Soll deshalb die Vergiftung des Landes immer hemmungsloser fortschreiten? Vermag die buchstäbliche Lebensgefahr der Seelen nicht einen Weg zu weisen, der über die begreif lieh ermaßen nicht unerheblichen Schwierigkeiten, die ' einer gemeinsamen thoratreuen Tageszeitung entgegenstehen, schließlich dennoch hinweghilft? t 4. Die öffentliche S a b b a t s c .h ä n d u n g bedroht den ganzen Jischuw mit G'ttes Zorn. Hohnlachend schauen die Thorafremden auf die bisherige Unfähigkeit der Thoratreuen, einen organisierten Willen, der allein Macht und Einfluß 'gewährleistet, aus sich herauszustellen. Auf was warten wir noch? Mit Seufzen und Wehklagen, mit schimpfendem oder schweigendem Resignieren ist es nicht getan! Ueber das ganze Land müßte, sich der geschlossene Verband derer erstrecken, die entschlossen sind, durch Wort und Schrift unaufhörlich zu belehren und aufzuklären, zu bitten und zu warneu, zu .fordern und mit allen gesetzlichen Mitteln zu zwingen, daß dem fürchtbaren Treiben ein Damm gesetzt werde. Solarige die Thoratreuen dem Xande das klägliche Bild von — Allerweltsschlemihlen bieten, kann es nicht besser kommen. Von schmerzlichsten Wehen ist gegenwärtig das Heilige Land durchschüttelt. Noch ist zu hoffen, daß sich ihnen eine freundlichere Zukunft entringt. Fangen wir an! %ei Pflichten des jüdischen Auswanderers.*:} :v:: Der Jude, der heute aus Deutschland fortzieht, um im Ausland eine heue Heimat zu suchen, verläßt das Land, in dem oft seine Väter viele Generationen hindurch gelebt und sich heimisch gefühlt haben, im allgemeinen nibht äus eigenem Willen, oder auf Grund irgend eipes 'individuellen \ Zufalles, sondern wegen seiner jüdischen; Abstammung. Darüber hinaus aber^t inj vielen; Fällen seine Zugehörigkeit zur judir- Sehen Gemeinschaft auch der Grund, der |ihn 'j$tr Auswanderung erst befähigt; denn ohne 'die Weitgehende Hilfe jüdischer Institutionen des und Auslandes würde ein großer Teil der dedj?? jschen Juden ihr Auswanderungsvorhäben nicn,t durchführen können.- ' . Innerhalb des Reiches steht unter den jüdischen Organisationen, denen die Betreuung der jüdischen Auswanderung obliegt, der Hilfsverein neben dem Palästina-Amt in erster Reihe. Viele Zehntäusende — seit 1.933 vielleicht 150 000 JpH: den! •— sind in den letzten Jahren vom Hilfsverein beraten, Tausende von ihm auch materiell unterstützt worden. . V H{<. Diese Sachlage gibt dem' Hilfsverein heilte das Recht, an jeden auswandernden Juden, dj|jr sieh seiner Verantwortung bewußt ist, drei F^- " ^_ ■ ■■ - ■■. ' / V gjjJJ ■;*) „Jüdische Auswanderung" nennt sich...ein, K^rn rijspondenzblatt über Auswanderungs^ und Siedlung-; preisen des Hilfsvereins der Juden"'in Deuts cMafid' dessen AnshängeUbgen Xvir diesen Aufsatz entnehmen. : » . . p,;,- derungen zu stellen, bei denen er sich mit'alle» maßgebenden übrigen jüdischen Instanzen durchaus im Einklang weiß. ' ' 1. Jeder jüdische Auswanderer hat die Pflicht, sich im Ausland so z u v er h a1t e n , daß er d i e G e s a m t i nteressen der jüdischen Auswanderung n i c h t.s c h ä d i g t , so nd e r n.f ö r - d e r t. Die denkbar schwerste Schädigung all der Zehntausend^ von. Juden, die in Deutschland öder anderen Ländern Mittel- und Ost-Europas auf Auswahderungsmöglich;keiten: harr eh; würde aber eine!unangebrachte politische Betätigung der neu Kngewanderten in den überseeischen Ländern darsieilien. Ist doch gerade in jenen Gebieten, in denen teilweise, ,wjie etwa in Südafrika, schon durch das Vorhandensein von Millionen Farbigen, gewisse soziale Spannjungsmomente gegeben sind, die Furcht vor der Einschleppung' radikaler politischer Ideen verständlicherweise sehr stark, und es muß seitens der, jüdischen Einwanderer alles vermieden, werden, was auch nur den leisesten Argwohn in; dieser Hinsicht erregen könnte. Wenn auch die deutschen; ju- , ' ' " ' ' 1; - - '" - den, schon ihrer ganzen soziologischen Schichr tuhg, ihrer Art und ihrer Lage nach sicherlich dem politischen Radikalismus fernstehen, so, .muß* doch mit allem1 Nachdruck betont werden,./ daU; 'v! ■ -■' -!. ■ : ' - ■."!•'.' ' . ■', .• :' ITauch die elementarste' Rücksicht auf die Tausende von künftigen Auswanderern jede ,Ein?- iriischüng in die politischen Verhältnisse; des Einwanderungslandes1 auf das strengste verbietet.

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