Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1936)
- Date
- 1936-06-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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. 25. Juni 1936 D e r Israel i t Nr. 26 Seite 3 Um unsere Jugend. (Fortsetzung von'Seite i.) nach innen gerichtet, orientierten sich jedoch noch viel zu stark an der Außenwelt. Die jüdische Schule hatte als Ziel den mit möglichst viel jüdischem und Allgemeinwissen ausgestatteten, für eine spezielle Berufsausbildung reifen Menschen. Gleichberechtigt standen diese beiden Inhalte ihrer Wissensübermittlung nebeneinander, ahne zu einer echten weltanschaulich bedingten Stellungnahme und Wertung zu zwingen. Denn man begnügte sich eben mit der reinen Wissensübermittlung und umschiffte sorgfältig die Zusammenstöße, zu welchen einzelne Fächer, wie Geschichte, führen mußten. Doch auch der Bund, der doch die Lücke, welche die Schule ließ, ausfüllen wollte, versagte. Er, dessen Ziel der weltanschaulich innerlich feste Mensch war, hat zweifellos in einzelnen Fällen hohe sittliche, auch von Klallbewußtsein erfüllte Persönlichkeiten hervorgehracht. Doch waren seine Menschen zwar imstande, über jedes in der modernen Gesellschaft beliebte Thema oberflächlich zu diskutieren, konnten aber nicht aus der inneren Notwendigkeit einer wirklich unterbauten Weltanschauung gestaltend in ihre Zeit eingreifen. Der jüdische Akademiker — geformt in der außenorientderten, wissenübermittelnden Sehlde und im Weltanschaulichen sich verlierenden Bunde — wurde der. Situation in Erez Jisroel und in Deutschland nicht gerecht, weil diese Komponenten seiner Erziehung individuell gerichtet waren und nicht nur im Jüdischen ihren Ausgangspunkt hatten. Wohl aus der Erkenntnis (mehr noch aus dem Zwang), daß die heutige Einstellung der .Jugend zur Bildung, besonders aber zu Erez Jisroel eine Umbildung des heutigen Erziehungswesens verlangt, versucht man mit lockenden Reformen und Reförmchen der neuen Zeit gerecht zu werden.. Man liest im Unterricht Sephardisch, nicht mehr Asohkenasisch (wie wenn das etwas Entscheidendes wäre). Man bemüht sich eifrig um Iwrith und Jediath Haarez. Doch was will dies Alles bedeuten, wenn man mit der innersten Wurzel seines Herzens an der alten Form hängt. Die jüdische Schule ist stolz darauf, daß sie heute noch Reifezeugnisse erteilen kann. Sie klammert sich mit all ihrer Kraft an die wenigen Stützen des Scheingebäudes, das rein äußerlich ein Gleichsein den Anderen bedeutet. Durch das Festhalten an den alten Formen täuscht man sich nach Außen, durch Reformen nach Innen. So geht unsere heutige jüdische Schule am Wesen der Jugend und der Aufgabe einer zeitgemäßen wirklich jüdischen Erziehung vorbei. IL Wie stellt sich uns nun diese Aufgabe dar? Um es gleich vorweg zu nehmen: das Ziel heißt: in verhältnismäßig kurzer Zeit. Menschen heranzubilden, idie befähigt sind, kraft des ihnen Übermittelten Wissens, besonders aber der jüdisch-weltanschaulichen Schulung jeder der an Klall Jisroel her antretenden Aufgabe gerecht zu werden, sei es in der Golah oder in Erez Jisroel. Die erste Bedingung zur Erreichung eines derartigen Zieles ist 'die völlige Lösung von Bindungen an die Formen außerjüdischen schulischen Lebens. Der Aufbau einer Schule mit einem solchen Ziele ist in dessen Wesensstruktur (begründet und es wäre lächerlich, sich in irgendeiner Weise von diesem vorgeschriebenen Wege abdrängen zu lassen mit Rücksicht darauf, als Was 'die Schule .außerhalb ihres Kreises gilt. Ferner heißt es, sich bei der Bemühung um ein derartiges Ziel durchaus darüber im klaren zu sein, daß die Talmidim in keiner Weise irgend einem Beruf zugeführt werden sollen. Man glaubt, der Jugend einen großen Gefallen zu tun, wenn sie —; sowohl in den höheren jüdischen Schulen, wie inden eigens zu diesem Zweck eingerichteten Kursen — neben einer rationierten Fütterung mit etwas Allgemeinwissen, Tnach und Gemarah, auf das Chaluziuth vorbereitet. Ohne auf das Chaluziuth als solches einzugehen, kann man jedenfalls sagen, daß es ihm mit Menschen, die in einer derartigen Weise vorbereitet werden, nicht gelingen wird, eine 'seiner Idee gerechte Kultur — das. ist ja schließlich sein geistiges Ziel —- zu schaffen. Denn mit solchen Halbheiten — man möchte sagen Viertelheiten — kann man keinen Begriff davon bekommen, was allgemein Kultur bedeutet, besonders aber nicht davon, was das Wesen jüdischer Kultur ist. Man kann sich höchstens darauf beschränken, voller Oberflächlichkeit und Gebundenheit an die Situation Kultur zu imitieren. Die Aufgabe ist vielmehr, in einem Zeitraum von etwa drei Jahren in jungen Menschen von 13—14 Jahren all das erleben zu lassen, was allgemein Kultur, vor allem aber was jüdische Kultur und Weltanschauung umgesetzt in Lebenswriklichkeit heißt. Ihre Durchführung ist allerdings nicht möglich in der bisher üblichen Form des, .Unterrichts. Denn sie ist gebunden an das Erlebnis. Dies war nun aber gerade das Moment, wodurch sich die Erziehungsform des Bundes Von der der Schule unterschied und wodurch dieser seine tiefsten Wirkungen seit je erzielt hat. Hervorgerufen wird das Erlebnis durch die formende Gemeinschaft und durch das Eingehen ^auf den Wesenszug der Jugend, der, wie E, Spranger sagt, „sich selbst entdecken und nach Ausdruck ringen" ist. Diese beiden Momente müssen auch den Unterricht gestalten, der sich das obengenannte Ziel gesteckt hat. Es wird sich also die reine äußerliche Form des Landschulheims als die zweckmäßigste empfehlen, da nur in der gemeinsam gestalteten Lebensgemeinschaft von Lehrer und Schüler die echte erlebende Arbeitsgemeinschaft möglich ist. So ergeben jüdische Gestaltung des täglichen Gemeinschaftslebens und jüdische Gestaltung des Sabbat und Jomtow den äußeren Rahmen für ein wirkliches Kulturerleben in unserem Sinne. Wichtig ist ja nicht, wieviel des menschlichen. Kulturschaffens' man kennengelernt hat, sondern unter welchem Gesichtswinkel man daran gegangen ist. Es ist lächerlich, wenn man sich heute iaus lauter Radikalismus bemüht, ein iKulturschaffen außerhalb des Jüdischen zu negieren; Hauptsache und Grundlage einer jeden kulturellen Betrachtung ist für uns aber die innerlich; gefestigte jüdische Weltanschauung, geschöpft aus Tnach, Aggadah und Halachah. Von ihr und aus ihr heraus ist eine Stellungnahme zu der außerjüdischen Kultur nötig, gleichviel ob sie uns zusagt oder nicht. Auf das Schulische übertragen, würde dies etwa folgendermaßen aussehen: Von den zur Verfügung stehenden drei Jahren müßte das erste überwiegend auf das Lernen eingestellt sein. Von Außerjüdischem käme rein Wissensmäßiges, wie eine Fremdsprache, erster Teil der Mathematik, Grundzüge der Biologie und übersichtlich aufgebaute Geographie in Frage. Im zweiten Jahr kann man bereits an die außer jüdischen Wissensgebiete herangehen, die eine feste Einstellung erfordern: Geschichte, allgemeine Literatur, zweiter Teil der Mathematik, Physik und Chemie. Zwar überwiegt hier noch das Jüdische; tritt aber doch gegenüber dem ersten Jahr etwas zurück. Das dritte Jahr erfordert eine gleichmäßige Teilung des Arbeitsplanes zwischen Jüdischem und Außerjüdischem, Doch wird es gerade die Aufgabe dieses letzten eigentlich formgebenden Jahres sein, den außerjüdischen Teil — der durchaus aus den Wissensgebieten zusammengesetzt ist, die abhängig sind von einer durchgebildeten festen Weltanschauung — vom Jüdischen aus zu gestalten. Mit dem Worte Kulturgeschichte läßt sich am besten der Inhalt des Außerjüdischen umreißen. Es handelt sich hier darum, die geistige Entwicklung der Menschheit in ihren einzelnen Phasen aufzurollen und im jungen Menschen miterleben zu lassen. Abhängig von der Einstellung der Völker zum Religiösen muß sich so ein durchgehendes Bild der Wissenschaft, der Dichtung, der darstellenden Kunst und Musik, besonders aber der Philosophie ergeben. Indem auf diese Weise mannigfachste Gelegenheit gegeben ist, am vorhandenen Material selbst Stellung zu nehmen, muß in jedem Durchschnittsschüler das Bewußtsein und das Empfinden echter Kultur erwachsen. Er muß imstande sein, jede Epoche und ihre Aufgaben in dem größeren Zusammenhang im Sinne der ihm gewordenen jüdischen Weltanschuung zu erfassen. Aus der Harmonie einer organisch gewachsenen Weltbetrachtung muß der Schüler einer solchen jüdsichen 'Kulturschule die Zeit in ihren Aufgaben formen, ob als Arbeiter in Erez Jisroel oder als Händler und Akademiker in der Golah. mL Wochenrundschau. Der ' Nürnberger Agudatagung zum Gruße! Zur Nürnberger Bezirks tagung deri'Agudas Jisroel wird uns geschriebsn: uEin ansehnlicher Teil unserer agudistischen Kräfte ist zu diesem Treffen aufgeboten. Es ist mehr .als eine Werbeveranstaltung für den Bezirk Nümbexg-Fürth. Am Ende des ersten Halbjahres stehend, wollen wir Rückblick halten auf ufis^e Arbeit und ihre Erfolge, überprüfen den Weg) den wir seit dem letzten Delegiertentag gegangen sind, überprüfen die Parolen, die wir unsrrer;(i Organisation gegeben und genauestens untersuchen die Gründe der uns noch Fern^ stehenden. ' .•ij njSriässung aller diev Thoratreue der Volksgen^ejfts^chlaft fordernden Einzelnen in organisatorischer: : Bindung,, -aber auch Gewinnung der judischen' See 1 e n für das heilige Kulturgut unsres Volkes; das sinddie zwei gewaltigen Aufgaben, die die Gegenwart der Organisation der Agudas Jisroel stellt. Agudas Jisroel in Deutschland, bisher eine Gemeinschaft geistig führender Einzelner, soll zur Volksbewegung werden, in der alle die Aufnahme finden, in denen der heilige Funke der Thoratreue nicht erloschen; wir wollen in ihnen die Liebe zur jüdischen Gemeinschaft wecken, sie aufrufen zur Mitarbeit an den Aufgaben, die dem jüdischen Volk in einer, nie dagewesenen Große gestellt sind. Den Thoratreuen soll es zum Bewußtsein kommen, daß Gesetzestreue, ohne Bindung an die große jüdische Volksgemeinschaft genau so ein Irrweg ist, wie die „Einheit" der nationaljüdischen Front ohne das Thoragesetz. Ringen wollen, wir um zwei Typen unsres Volkes, um die Indifferenten der Orthodoxie und um die nach Gemeinschaft sich sehnenden, voll Liebe zum Judentum erfüllten, aber seinem wesentlichen Gehalt entfremdeten Söhne und Töchter unsres Volkes. Wir wollen einst vor G'ttes Thron Zeugnis ablegen können, daß wir die Zeichen der Zeit begriffen haben, daß wir den Schofarruf unsres G'ttes in alle Gassen und Häuser des Kulturghettos der Gegenwart getragen. Der Ruf soll von besserwissendem Hochmut so weit entfernt sein wie von prinzipienloser Konzessionsbereitschaft, eine Wärme, die aus der wahren Persönlichkeit strömte eine Liebeskraft, die dem echten Verkünder des G'tteswortes eignet,