Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1936)
- Date
- 1936-06-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Der „Mirer Maschgiach'S^r Von Rabb. Dr. Theodor Weisz in Breslau-Mir (Polen). Am Montag nachmittag, den 18, p'c verschied nach längerem, schwerem Leiden der geistige Führer der durch ihn weltberühmt gewordenen Jeschis wah in Mir, Rabbi Jerucham Lwowicz L7'"Sr, im 63. Lebensjahre. ■ Drei Wochen haben die Bachurim der Mirer Jeschiwah gebetet, gefastet und geweint und mit ihnen beteten alle Jeschiwoth Polens und Litauens um das Leben ihres großen Lehrers. Man berief die größten medizinischen Autoritäten aus Warschau und Wilna. Die Dankbarkeit eines Schülers in Deutschland schickte den bekannten Leipziger Internisten Dr. Adler durch die Lüfte zu dem kranken Lehrer. Aber alle ärztliche Kunst war vergebens. Sofort nach Bekanntwerden des Unglücks schloß die ganze Stadt die Läden. Die Bittgebete in der Jeschiwah brachen jäh ab, es herrschte plötzlich Totenstille. Keiner vermochte das Furchtbare zu fassen. Einige Stunden später war die traurige Nachricht in ganz Polen bekannt geworden. Es war noch nicht Abend geworden, da begannen sie zu kommen, sie alle, die durch den großen Lehrer geworden und gewachsen waren. Es kamen die Rabbiner der großen und kleinen Städte Nordpolens, es kamen die Führer und Leiter der gijßen Jeschiwoth in Baranowicze, Grodno, Kamieaiec, Klezk, Brest (Brisk), Radun, Lomza und Wilna. Es kamen die, denen sein Leben gehört hatte: die Bachurim, seine Schüler aus allen Jeschiwoth Polens, um dem großen Lehrer das letzte Geleit zu geben. Am Abend waren es Hunderte, am Morgen waren es Tausende. Schüler waren es, die die Wache hielten, Schüler, die mit zitternden Händen das letzte Gewand nähten, Schüler, die unter strömenden Tränen die nmo vornahmen, Schüler, die den geliebten Lehrer auf ihren Schultern weinend zur letzten Ruhestätte trugen, Schüler, die sich in erschütterndem Schweigen auf den Boden der verwaisten Jeschiwah setzten, Schüler, die in ergreifenden D^Don das Bild des Heimgegangenen zeichneten. Das Werk wurde in grandioser Weise .deutlich, das der große Lehrer gewirkt hätte: zu Hunderten, Zu* Tausenden Schüler eine Generation, die er geschaffen und entwickelt hatte, Räbbi -Jerucham Lwowicz wurdi iE Ljüban (Rußland) geboren. Schon als Jeschiwä-Bachur in Slobodka hatte er einen großen Namen durch seinen völlig un gewöhnlichen Fleiß und durch seine außerordentlich! Frömmigkeit. In Keim galt er als das Muster aller jüdischen Tugenden. Eine ungeheure Willensanspannung und eine unerbittliche Selbstzucht trugen ihre Früchte: Der Schülersschüler des Gründers der Mussar-Bewegung, R. Israel Salanter V*st —• seine Lehrer waren R, Itzel Peterburger ^~xt und R, Simchah Sissel von Keim ">'ST — wurde er ein Gaon in der gesamten Literatur des Mussar, die er mit einer Souveränität ohnegleichen beherrschte, wurde der größte Mussar-Lehrer unserer Zeit. Bevor sein Lehrer, R. Simchah Sissel von Keim "~?""ir die Augen schloß, wies er auf R. Jerucham "^»"sr und sprach: Vdo '»pVn nt „dieser ist mein Teil von all meiner Mühe.'"--Eine königliche Gestalt, ein durchdringender, gebietender Blick, der gleichwohl der Güte nicht ermangelte, verband sich mit einer seltenen psychologischen Begabung. Es ist vorgekommen, daß er jemand, den er zum ersten Male sah und sprach, nach einigen Minuten der Beobachtung den Rat gab, den jener erfragen wollte, daß er antwortete auch auf das, was der andere sich zu fragen geschämt und verschwiegen hatte. So geschah es, daß schon bei dem ersten Gespräch, buchstäblich nach Minuten, eine Nähe entstand, die gleichermaßen aus Ehrfurcht, Bewunderung und Liebe gewoben war, die in der Folgezeit immer mehr zu einem Band wurde, das mit einer tief beglückenden Sicherheit Lehrer und Schüler umschloß. Dieses wunderbare Einfühlungsvermögen ist eine der Ursachen, die seine in der heuti* gen Zeit märchenhaft anmutende Anziehungskraft erklären. In den 26 Jahren seines Wirkens in Mir ist es ihm gelungen, Mir nicht nur zu der größten und berühmtesten Jeschiwah Polens und Litauens zu machen, sondern er verschaffte ihr darüber hinaus Weltruhm. Wir sind aus Deutschland gekommen, andere kamen aus Amerika, Canada, England, Frankreich, Belgien und der Schweiz, manche kamen aus Südafrika, um den „Mirer Maschgiach" zu hören. Alle, die wir kamen, fanden, bekamen, was wir erhofft, ersehnt hatten. Mehr noch, viel mehr. Wir erlebten in einer einzigartigen Erschütterung die eigene Aenderung, das Bewußt=Werden, das Jude=Sein, wir wurden durch eine riesige Kraft emporgehoben, verwandelt, gereinigt und aufs Neue und nochmals als Juden geboren. Eine Wiedergeburt fand statt. Die Kraft eines Riesen bog unsere Herzen zum Ring, wir wurden an unsere große Vergangenheit angeschlossen, einer großen Zukunft vorausgeschickt. Jeder empfing die Thora neu und nochmals und für sich, allein, wir empfingen Aufgabe, Weg und Ziel unserer jüdischen Existenz. In einzigartigen Vorträgen, die die laufende rmo und die gesamte talmudische Aggadah zum Gegenstand hatten, wurden wir umgeschaffen. Wir standen und hörten alles, von G'tt, Welt, Mensch, Israel, Thora, Schöpfung, Erlösung, Leben und Tod,' Dienst und Versenkung, vom wirkenden Tun — der Kosmos entschleierte, sich und wir sahen in das' Leben der Welten und ihr ewiges Ziel. Seine Worte waren einfach, ein Kind konnte sie fassen, sie waren abgrundtief, der reifste Geist erschauerte. Manche bringen die Aggadah dadurch näher, daß sie sie vermenschlichen, vereinfachen, zu den Hörenden hinabziehen, er aber erhob uns zu ihr, gab uns Durst und Verlangen nach der letzten Stufe, bis wir der Aggadah nahe waren, die prophetische Fülle eines jeden Wortes unserer heiligen Alten spurten, ihre heilige Größe in einer wunderbaren Beglückung erkannten, bis wir in uns selbst den wunderbaren Durchbruch erlebten, jene Durchflutung bis in® innerste Herz, daß aus Glauben ein herrliches Wissen wuchs, bis die Furcht vor G'tt reif wurde und in die Liebe stieg. Welche Stunden haben wir erlebt, als wir standen und hörten! Ein glühendes, flammendes Herz zeigte sich un®, erfüllt und trunken von G'tt, ein Mund sprach zu uns, da hörten wir den ewigen Ton hinter allen Worten, wir verloren Zeit und Raum, wir übersprangen Jahrtausende, der Urlaut, unseres Volkes schlug an unser Ohr, wir gaben den Vätern und Müttern der Urzeit die Hand in einem neuen Versprechen. Eine ungeheure Welle hob uns empor, wir waren rein und gut, wir konnten und lebten in kostbaren Augenblicken das Unsagbare, das Vollkommene. Das Gefäß=Sein für des Schöpfers Willen, ein unendliches Bereit-Sein erstand in uns. Wunsch, Hoffnung, Ahnung, Traumtiefen, letzte, allerletzte Möglichkeit war nah zum Greifen, junge Herzen er5 zitterten unter der wunderbaren Bürde allertiefster G'ttesknechtschaft, ein strenges* Glück ohne Maß. Die jüdische Seele, der g'ttliche Funken, begann zu leuchten und zu strahlen, reifte in Stunden und Tagen zur ersten Frucht. Ein Großer in Israel, einer der Größten der heute Lebenden, rief uns, wir folgten. Er fragte uns und jeder sagte, wie vor Tausenden von Jahren, nochmals: sraim nv*H Wir verloren das Bedürfen von Speise und Trank nach seinen Worten, Begehren und Wunsch fielen ab, wurden fremd. Wir bewegten' uns anders, hatten anderen Gang, Blick und Ton. Der Körper wurde Gefäß g'ttlicher Fülle. Unsere Seelen waren stark und glühten, — — Alle Worte sind zu schwäch; üni auszudrücken, wie glücklich er uns gemächt hat. Der Dienst stieg bis in unsere Träume, in ihnen taten wir, was. uns der Tag hoch verschloß. Wir ahnten den vollkom* menen Menschen, einig und seinem Schöpfer in der kleinsten Regung. Wie flammte er, als er Von den Urvätern sprach, das Wort riß ihn mit und uns, wir verhielten den Atem, wagten keine Bewegung, vergaßen wegzugehen, nachdem er geendet hatte. Wir verloren die Zeit, wir gewannen die Ewigkeit. — Eine hohe Stunde bedeutete: Kampf um die zweite, das Einmalige ins Nochmalige zu steigern, wir hörten, spannten uns. Es gelang. — Das Gebet unseres Lehrers floß zu uns hinüber. Bei dem „Baruch" gerieten wir in Andacht, die Segnungen quollen uns entgegen. Das „Atah" wurde uns zur lebendigen Ansprache. Bei dem Hören des heiligen Namens gerieten wir in die Stille. Die Worte glühten uns auf, öffneten sich uns, wir gingen in sie ein, wir wanderten in ihnen und fanden keine Grenze, so weit waren sie, so voller Welten, Welche Kraft und Fülle eines jeden Wortes! Wir folgten ihm. gerieten in die Unendliichkeit; wir nahmen alle Not der Welt auf uns, wenn er um die Erlösung flehte. Welch ein Emporwollen an den heiligen Tagen des Jahres? Wir weinten doch, wenn wir seine ausgebreiteten Hände sahen! Welch einj glühender Stolz am Tage von Simchaththora, wenn er die Reigentänze anführte, mit der Thora tanzte? Welch eine Ahnung von Israels Ziel, -svenn er sang'.VR'W oa^nwu. . fl Welch ein Ton, welch ein Feuer, welch eine Glut, welch ein flammendes Herz! Bevor wir miterglühten, erschauerten wir, daß ein Lebender so sprach und sang, wir hatten Angst, das Gefäß könnte springen — — —. . Die ö'iöDn der Schüler dauerten die Trauerwoche hindurch. Heute nahm die Mirer Jeschiwah die feierliche Verpflichtung auf sich, den Weg von nun und noia und miay weiter zu gehen, wie ihn der große Lehrer vorgezeichnet hat. Diese feierliche Verpflichtung war das schönste Denkmal für den großen Lehrer. Mir bleibt auch weiterhin, was es war: Mittelpunkt von Thora und Mussar. Wir sind Erben und haben das Erbe angetreten. (mn ma) «dwip mp^i tw« nijnV oizrnn xmnyV uaV n» nn Die Rose ist uns genommen, aber der süße Duft schwebt noch.--— Die Wächter in der Nacht. Zeitbildchen aus Palästina von Jakob Rimon. Es ist Mitternacht. Der Moschaw liegt im tiefen Schlaf. Die Häuschen und Baracken scheinen sich ängstlich in die Stille zu verkriechen. " Wir sind die Wächter und uns obliegt es, den Schlaf der Gerechten in den Hütten, die kleines Glück und jetzt große Aengste bergen, zu behüten. Wjie lieben wir diese sauberen Häuschen und' diese Menschen! ,',Wie schön sind deine Zelte, Jakob," singt es in mir. Ich könnte sie allesamt umarmen, denn wer die Verantwortung hat für die Sicherheit von Menschen, lieibt sie-auch, erst recht, wenn sie von Gefahren umdräut sind. Sie schlafen, aber ihr Herz ist wach, es schlägt hohe Wogen, es erwacht bei jedem geringsten Geräusch, „Räuber, Mörder, die uns ans Leben, wollen, :; .;, die. mitder Brandfackel, das, was wir uns mit dem Schweiße des Angesichts, errichtet, vernichten möch» ten ..." ■ Mein Begleiter, der andere Wächter, ist genäu wie ich in tiefes Schweigen gehüllt. In. einer kleineö Baracke gespenstert noch ein fahles Licht. Unser Chacham Gabriel (er ist Arbeiter wie wir/ ailef ist noch nicht zu Bett. gegangen. Auch in ruhigen Zeiten pflegte er lange auf zu hietf/hen. Er gibt sich mit Kab-bala ab, schürft in tiefen Gahaimlehren, wartet auf das „Ende der Zeiten" und möchte es herbeiführen. Er weiß, daß der Kampf von Gog Mi? g o g längst begonnen hat und, daß die' Prophezeiung Secharjas bald eintreten wird. Leuchtet es nicht bereits auf dem Oelberg!? Wir hören förmlich den unruhigen Schlag seines Herzens hinter den dünnen Wänden, die von ihm geführten Selbstgespräche, j T%^T''> "; ,i , - - - 1*44* >-<■>, ' .*! i , w * * * vv ' * i k ', - . X ■> " „ ' i<! V ' -f s ' \.« X<*>J^ä&i''^ < rv O , ^^^sPii*i-^ ■>£*■ Der Schomer (Wächter) in der agudistischeh Siedlung , „Machne Jisroel" ..?Hi<*,lä'X^«SJ>Ä - Es wird noch dunkler. Winzige elektrische'Birnen kämpfen vergebens gegen die dunstige Finsternis. Ein verdächtiges Geräusch hinter den Bäumen. „Wer da?" Keine Antwort. Wir treten mit leisen Schritten näher und horchen gespannt. „Wer da?" Unsere Stimme wird schon etwas drohend. Ein alter Jude schält sich aus dem Dunkel heraus. Seit vielen- Jahren findet er keinen Nachtschlaf mehr, und sowandert er um* die Pardessim herum bis zum Morgengrauen. Er schließt sich uns an. Wiederum ein Geräusch. Waren das nicht Ham« merschläge? „Wer da?" Keine Antwort. Wir pirschen uns leise und vorsichtig näher heran. Richtig, unser Freund Reb Simcho; er baut. Er kann auch: nachts seine Bauarbeiten nicht lassen. Als Jeischiiwabachur kam er vor Jahren ins Land und hatte nur den einen brennenden Wunsch, sich ein Plätzchen^ zu erwerben, um ein Eigenheim darauf au errichten,. Jüdischer und englischer Polizist auf der Hut in einem. Kibbuz der Poale Agudas Jisroel Er hungerte, sparte und arbeitete Tag und Nacht: und er erkrankte schwer ' an Malaria. Und zuletzt konnte er doch 300 Ellen sein Eigen nennen und-mit dem Bau seines Heimes beginnen. Er tanzte vor Freude, er küßte die Ziegel und Steine. Er baute ganz allein, war selbst Architekt, Bauherr und' Arbeiter in einem. Er fertigte selbst Lehm und Mörtel an, buk die Ziegel in der Sonne und .holte die Steine herbei; Ewige Zimimerchen, klein, niedlich und' recht wohnlich, standen da. Ein paar Bäume davor, ein kleiner Speicher, ein Stall für die Ziegen undi ein Schlag für: die Tauben. Jede Elle, jede Hand-, breit Boden wurde ausgenutzt. Aber Reb. Simcho• hat keine Ruhe, er muß weiter bauen. Er reißt;ein und baut wieder auf. Immer gefällt ihm etwas nicht, das umgebaut' werden muß. Er baut bei Tag und bei Nacht und man nennt ihn in der Siedlung „den ewigen Baumeister". „Reb Simcho," fangen .,wir an, „warum . geht lihrnicht schlafen? Es ist doch unverantwortlich, in dieser Schreckenszeit bei Nacht ällein da draußen' zu» verweilen?" - : "' ' ' " '.- '