Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1936)
- Date
- 1936-06-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Israelit Nummer 25 1936 Der Tempelbau zu Heikenbrunn. Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. Hand in Hand wanderten die Zwei durch den milden Wintertag. Noch vor wenigen Minuten stand David ben Joseph, des jüdischen Gemeindevorstehers einziger Sohn, vor dem Hause, rundete beide Hände wie eine Muschel um den Mund und rief den Namen: „Githa!" Nicht nur die Gerufene horchte auf. Auch an verschiedenen anderen Fenstern lugten die Einwohner des Heikenbrunner Ghettos, das im wartenden Frieden alter, lang vergangener Zeiten wie im Schlummer dalag. Manch einer der uneingeladen Spähenden sagte sich, als er das Mädchen Githa leichtfüßig die ausgetretene Treppe hinunterhuschen sah, dem Verlobten entgegen: „Das gibt ein schönes Paar!" Sie paßten wahrhaftig zusammen, und wer sie so dahinschreiten sah, Hand in Hand, das Gesicht nach geradeaus gewandt, ernst und dennoch im vollen Besitz der frischsten Jugend, der meinte, glücklicher beieinander könnten schwerlich je zwei Menschen sein. Aber wie weit entfernt waren Davids Gedanken von der schönen Githa, und zwischen den Minuten des warmen Empfanges an der Türe des Hauses und dem Jetzt schienen schon Stunden zu liegen. Githa war zu klug, um die Stille zwischen ihnen zu brechen. In ihrem Gemüt lag seit einigen Tagen 'ein Bangen wie eine Bestätigung der Befürchtung für ihr junges Glück. Seit vielen Wochen hatte der Segen der Elternpaare die beiden für ein ganzes Leben lang Beisammensein bestimmt. Nach Tagen glückseliger Freude kam Unglück über Githa. Eine hitzige Krankheit nahm ihr Vater und Mütter an einem Tag. Doch war es nicht allein diese tiefe Trauer, die ihr Furcht für die Zukunft einjagte. Sie spürte in David eine Unrast, die auf sie überging und sie plagte. Keine Not peinigt mehr, als jene lastende, deren Ursprung man nicht kennt. David spürte das liebende Bangen neben sich wie eine Tröstung, doch vermochte er sich nicht aus dem Gedankenkreis zu reißen, in den sein frommes Empfinden ihn jäh vor Tagen riß. Es war kein großer Anlaß; kein besonderes Ereignis zwang ihm die Gedanken ein; es wuchs vielmehr eine fertige Tatsache aus ihm, die nur geschlummert zu haben schien: Vor Tagen war es ^eschehen( daß jüdische Wanderer von der Gegend um Hei'kenibruirn beim Vorsteher eintrafen, um ihre Nöte und Lasten bei ihm zu offenbaren. David war im Zimmer anwesend und starrte in ein Schreiben, - ohne es zu lesen, denn kein Wort wollte er von dem versäumen, was diese frommen Menschen ausschütteten aus dem Innern.!Er selbst war kein Eiferer, aber gläubig aus iiefstem Herzen, der die jüdischen Gesetze heiligte, wie es der Ewige befahl. Gegen die Menschen aber, die in seines Vaters Stube standen, Team er sich gering und fast schäbig vor. Aus ihnen lauschte er, deren ganzes Sein ein einziges Streben um das Judentum bedeutete, die Klage, daß nirgends hier im ganzen' Umkreis Heiken- "bminns ein Gebetshaus bereitstand für die frqmmen Juden. 1 , i* David richtete sich auf, er schützte if£c')fit länger das Schreiben vor, sondern lauschte nun ofien dem Bericht. Zwar, so sagten sie, galt vor dem Ewigen jedes "Gebet, ob es nun im Hause oder im Tempel gesprochen, als gut und fromm empfunden. Aber der Mensch, der jüdische Mensch, hängt so sehr am gemeinschaftlichen G'ttesdienst, den ein Berufener leitet, daß ihn die Sehnsucht danach nicht ruhen läßt. Stundenweit entfernt lag zwar eine kleine Stadt, in der es reiche Juden gab, Sie bauten sich mit Erlaubnis der Ratsherren ein winziges Häuslein zu Ehren des Ewigen, für die Heikenbrunner Juden allerdings fast unerreichbar durch die Entfernung. Nach den Worten lag es wie Stille zwischen den Wanderern und dem Vorsteher Joseph, der den Kopf ihängen ließ, um ihn wie fragend wieder aufzurichten, indem er sagte: ,,Wer sollte hier einen Tempel errichten, und wo könnte er stehen?" Hoffnungslosigkeit war in dem alten Vorsteher, wie auch in den Wanderern, nur in dem stumm lauschenden David sprang der Widerstand empor wie eine stetig lauernde Flamme. Er begriff diese abschließende Mutlosigkeit nicht. Zwar wagte er nicht, in die Rede mit eigenen Worten einzufallen, aber sie blieben unausgesprochen und deshalb um so herber in seinem Innern zurück. Als die Wanderer (wieder davon gingen, müde, belastete und dennoch gläubige Menschen, schienen sie, wenngleich sie im Nebel verschwanden, wie nie dagewesen, dem jungen David gleich Abgesandten des Himmels. — Er hatte es nicht vergessen, daß vor nicht langer Zeit fromme Menschen vor Wölfen flüchteten und im Schneesturm umkamen, als sie in den Vortagen zu einem jüdischen Fest jene weitentfernte Synagoge aufsuchen wollten, um endlich eines gemeinsamen G'ttesdienstes teilhaftig zu werden. Jene Menschen besaßen den Willen, den er in sich selbst vermißte: dem Judentum — wenn es sein mußte — ein Opfer größten Ausmaßes zu bringen. Er sah unter jenen Toten seinen alten Lehrer, der die Achtzig erreichte, um einen seligen Tod zu leiden, an dessen Schreck seine alte Frau starb. Jener Lehrer hatte also auch in seinem Winkelchen im Herzen, in jenem Wunscheckchen dieses altgewordenen Organs, eine Sehnsucht gehabt, als er sich den frommen Leuten anschloß. Wie von einer Blindheit befreit, sah David das Leben auf einmal von ganz anderen Gesichtspunkten. Er fand sich lässig, gleichgültig und nur darauf bedacht, das eigene Leben auszukosten in all seinem gebotenen Glück. Er zieh sich, und dies ungeschminkt und rauh, einer Unterlassungssünde, die größer war als eine wirkliche Sünde. Er hielt sich den Spiegel vors Gesicht und sah sich darin so wahrhaftig, daß er erblaßte unter den eigenen Gedanken. Er wußte, der Gedanke ließ nicht ab von ihm und nichts vermochte ihn freizusprechen von der Lauheit seines bisherigen Lebens. Mit nichts bewies er bisher, daß er bereit sein konnte, das Liebste seines Lebens um eine Tat zu opfern, die dem Judentum — wenn auch nur dem engen Kreis von Heikenbrunn — einen spürbaren Nutzen brachte. Er richtete sich straff auf — wild faßte er die Hand des Mädchens fester tund der Druck ihrer Finger bewies ihm, daß sie seine Gedanken belauschte und angstvoll mitschirtt auf dem engen Wege bis zu dem Punkt, um den ihr Bangen kreiste ... .^Rennst du nicht in eine falsche Bahn?" fragte sie freundlich, und ihr Blick heiterte sich auf, als sehe sie durch Wolken dennoch einen Schimmer Sonne. „Ja," wiederholte sie in sein waches Gesicht, und ihr feines Köpfchen nickte die Bestätigung. Schön war dieses Mädchen, sagte sich David selbst in diesem Augenblick. Auferstanden schien sie aus dem alten Israel mit dem weichgeschnittenen, schwermütigen Zügen und dem vollen Mund, um den die Güte spielte bei jeder Geste. Zierlich und doch rank und stark gewachsen, in der Tracht der Frauen ihrer Zeit gekleidet, folgten ihr die Blicke, wohin sie auch ging. Als Kind schon war sie schön, erinnerte sich David mit einem seltsamen Schmerz, denn ihm war, als dränge mit seinen Gedanken an das Opfer um das Judentum sich eine Hand zwischen sie und ihn, um sie voneinander zu reißen. Gewiß, schon als Kinder lockte das Geheime, das sich später als Liebe erwies, sie zusammen, wenngleich es sich nicht denken ließ, daß je die beiden sich vertragen würden, die sich als Kinder wie Kätzchen und Hund anlockten und bekämpften. Liebe jedoch zeigt sich nie gleich in Anhänglichkeit. Streit und scheinbare Feindschaft, darauf baut sich die Gemeinsamkeit fürs Leben. Wenigstens war dies bei David und Githa der Fall gewesen. Sie lachten stets, wenn ihnen in den Sinn kam, wie kindisch sie sich anstellten, ehe sie sich als -Liebende fanden. Keiner spottete mehr als GithiTüber den Bären David, der da ein Mädchen zu hassen meinte und seine schwarzen Locken selbst im Traum nicht loswerden konnte aus Blick und. Herz. Es kam daher, wie es (kommen mußte, wenn zwei Liebende sich endlich fanden. Hochsommer war es gewesen in diesem Jahr, als David stockenden Schrittes der schönen Githa durch die Judengasse nachging und am Brunnen gleich ihr verharrte. Sie lachte nicht, denn er dachte nicht daran, den Pumpenschwengel zu bewegen, was ihr viel Mühe bereitete. Er starrte nur nach dem schlanken Körper, der sich in verhaltenem Zorn hin und her beugte. Endlich glaubte Githa es nicht verwinden zu können, diesem steifen Burschen nicht eines auszuwischen mit bitteren Worten, und sie rief: „Das Zuschauen ist besser als das Mittun!" — worauf David glühend rot «wurde und sie eine Hexe schalt, die nicht bitten könnte. „Bitten, wofür — was jeder junge Fant von selbst wissen müßte!" Nun sprang er vor, riß ihr den Pumpensohwengel aus der Hand, und Feuersglut konnte nicht mehr brennen, als der Zorn über dieses schöne Kind. Hei, wie das Wasser sprühte. Mit einem Satz war Githa aus der gefährlichen Wassernähe und schrie zornig auf, wenngleich ihre Eimer sich unter der fleißigen Hand des David füllten. Wütend kam sie näher, um die Eimer zu holen, beider Hände kamen zusammen. Wie eine Glut ging es durch beide. Es fiel ab, was sie vorher bestürmte. Die pochenden Herzen rasten nicht wegen des verschütteten Wassers und der sohnippigen Worte — sie tanzten in der Brust vor Wonne und Freude, so nahe beisammen zu sein, wie bei dem Kampf um «He vollen Eimer. Als er sich bückte, tat sie desgleichen, ihre Wangen streiften sich, und da war bald der Bund geschlossen — am Brunnen, wie der von Jakob und Rahel . . . Es schalt kein Mädohenmund, kein Wort ward laut — nur trugen zwei schlanke Beinohen die wonnige Gestalt des schönsten Mägdleins eiligst nach Hause. Die vollen Wassereimer trug David hinterher ... Von hier aus bis zur Liebe, -die sie beide jetzt im Schmerz verband, war ein kleiner Weg gewesen. Und jeder wollte in der Judengasse gewußt haben: die beiden passen zueinander. Sie hatten alle reoht. Nie waren Herzen enger zusammengeschmiedet, als die ihren. Sie fühlten es in der ersten Not ihres Daseins. Nur aus diesem gemeinsamen1 Fühlen heraus, verstand Githa die Gedanken Davids auf diesem stummen Weg. Sie hob daher einihaltgebietend die Hand. v (Fortsetzung folgt.)