Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1936)
- Date
- 1936-06-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 25 D e r 1 s r a e 1 i-t 18. Jtmia936 l^el Awiw die Fahnen der , Ausstellung Diese Ausstellung —: ein Triumphlied des mo dernen Nationalheims hätte sie sein sollen- Die Vorsehung hat es gefügt, daß sie, von Mord und Brand und Steinwürf und Streik haßerfüllter Feinde umtobt, zu einem Gleichnis der unermeß lieh Tragik wurde, die über dem jüdischen Volk überhaupt und über dem Jischuw in Erez Jis roel im besonderen schwebt. Wie. sprach doch Herr Dizengoff, Oberhaupt der „jüdischen Stadt", am Tage der friedlichen Eröffnung der Ausstellung ins, Radio zur gesain ten Welt? Einst, meinte er, da die „Religion' im Mittelpunkt des Volkslebens stand, weissagte der Prophet, daß der Bau 'auf, Moria ein Haus des Gebets sich nennen werde für alle Völker. Die Zeiten haben sich geändert. An die Stelle der Religion sei die Wirtschaft getreten Nunmehr sei dieses Haus der Wirtschaft der Sammelpunkt aller Völker . . .*) Zu früh,. zu früh, Herr Dizengoff. Noch steigen die Mächte der Diesseitigkeit die Leiter der Geschichte , aufwärts und abwärts und gönnen Jakob nicht einmal die Ruhe des Steinlagers, Noch muß G'tt selbst sich immer wieder herab neigen, um Jakob inmitten der Deisseitigkeit zu retten. Noch frommt Jakob das Haus des Gebets, ... Der G'tt der jüdischen Metageschichte er barme sich von Zion und Jeruscholajim unseres armen Volkes. Er lenke die Herzen der Mäch tigen der Erde, daß in diesen entscheidungsschweren Tagen nicht Metageschichte und Ge schichte, kaum zusammengetroffen, für die Dauer wieder auseinander geben. Er lenke das Herz der Araber, daß Mord nicht mehr den heiligen Boden besudele und namenloses Weh über uns bringe. Er lenke aber auch das Herz unserer Brüder, daß sie ablassen von allwöchentlicher Mordung des Sabbat, daß sie allmählich den Weg zurückfinden zur jüdischen Metageschichte, die allein uns birgt und unsere nationale Zukunft gewährleistet. Wir Thoratreuen aber —: in tiefer Erschütterung wollen wir dem Herrn dieses Landes uns beugen und wollen aus den Erlebnissen dieser schweren Tage erst recht den unbeugsamen Entschluß schöpfen, für das Erez Jisroel der Metageschichte inmitten der Diesseitigkeit stärker, kräftiger, opferbereiter als bisher zu kämpfen, um dem „Haus des Gebets für alle Völker" die Stätte zu bereiten. Nacht liegt über Jeruscholajim. Ich steige aufs Dach und schaue über die gewaltige, die herrliche Stadt, die an der Stille des Ausnahmezustandes kaum den Atem hebt. Und ich schaue den Himmel Jerusoholajims. '"''*' Aus den Sternen des Himmels Jeruscholäjims trinke ich Mut ... Anfang Siwanj5696. Die letzten Tage in Jeruscholajim brachten ein jeder einen neuen Mord, ein" jeder" ein neues Leichenbegängnis. Erschütternd war die Trauer der Menge. Es sprachen Vertreter der Thorafremden und Vertreter des altea Jischüw. Alle waren sie einig in der Anklage gegen die Regierung. Warum duldet sie die Verhetzung? Warum läßt sie 'die arabischen Führer gewähren, auf denen die volle Verantwortung für all die .Untaten ruht? Warum begnügt sie sich damit, auf die Verbrecher — fast immer ergebnislos — zu „fahnden, die doch nur die Schergen Mächtigerer sind, die jedes Kind auf der Gasse kennt? - Schon ist die -fünfte.. Woche seit:: Ausbruch .der Unruhen ins" Land gezögen., Im Jaffa hatte es begonnen. Dann zog esiimmer weitere Kreise, Die leitende Hand ist nicht zu verkennen. Vernichtung von Ernten, Verbrennung von Sachgütern, Bedrohung und. Lähmung . des Verkehrs, Ueberfälle auf U eberfälle, Mord auf Mord, Zerschineddung von Telefondrähten^ Beschädigung, der; Eisenbahnkörper, Stillegung der Häfen, terforis- *) Siehe Wochenrundschau in der jüng* sten Nummer., .;'. ■ . tische Durchführung des Generalstreiks. Das Ende ist nicht abzusehen. . ä In Jerascholäjim besteht ' Ausnahmezustands Von der siebenten Abendstunde bis zur fünften Morgenstunde darf kein Mensch die Straße betreten. Durch die toten Gassen rattern die Wagen der bewaffneten Macht. % Unter brausendem Jubel der jüdischen Be-r völkerung legte gestern das erste Schiff in Tel Awiw an. Tänze vereinigten Jung und'Alt. Rufe der Begeisterung erfüllten die Luft. Der erste entladene Sack. wurde im Triuälpli eins Museum gebracht. Englisches Militär wehrte die Araber vom angrenzenden Jaffa ab. Herr Dizengoff sprach, und seine alte Stimme zitterte vor Ergriffenheit: „Hier wird ein großer Hafen erstehen — trotz allem!" Der alte Jischuw aber in Jeruscholajim fordert durch den Mund des raibbinisdheh Führers der Unabhängigen Orthodoxie für; morgen zum Fasttag auf, mahnt die Frauen 'zur Haarverhüllung Und sittiger Tracht, die Männer zu Prüfung von Tefillin und Mesusoth, vielleicht daß G'tt sich erbarmt . . . . ' 1 Wie unvermittelt stehen in diesem seltsamen Lande die schreiendsten Gegensätze. Hier die Juden, ältestes Kulturvolk der Welt, und dort die Araber, zumeist des Lesens und des Schreibens unkundig. Und unter den Juden selbst: hier Menschen, denen die Thora nichts,*' und dort Menschen, denen sie alles bedeutet.--r... Was wird daraus? ,.Trotz allem!" Die Ereignisse hier und die Ereignisse in der Gola reißen die Juden mit unheimlicher Gewalt als Volkseinheit unter wilden Schmerzen in die Geschichte und schaffen Tatsachen, vor deren überwältigenden Eindeutigkeit niemand ungestraft die Augen verschließen kann.' Wer möchte heute noch, ohne sich lächerlich zu machen, die' Juden als — „Religionsgemeinschaft" ansprechen? Wer möchte heute noch glauben, daß es zur Rettung des Thorajudentums genüge, die thoramprdende Ideologie des Zionismus zu bekämpfen, indes hier wie in der Gola jüdische Lebensverhältnisse entstehen, die durch und durch praktischer Zionismus sind und praktischer Zionismus 'bleib eh werden, wenn sich ihrer das! Thörajüdentum 'nacht' bemächtigt und seinen ^eigenen Inbegriff entschlossen auf sie erstreckt? Wer erkennt heule': nicht, daß (die jüdische Volksrestauration inmitten einer )überall annektierten Erde dem: kreißenden Schoß der Zeit sich entwinden möchte, mnd daß der Zionismus so lange umüberwindliöh ist, als er allein ihr als. Geburtshelfer ,zur Verfügung steht? Wie stellt sich die thoratf ieue'Gola 'züta. — Hafen von Tel Awiw? Hat -sie Sinn - für die Freudentänze von Tel Awiw inmitten ' unsäglichen Wehs, inmitten allwärts witternder" Gefahr? Hat sie 'die Kraft, den Färeudentäg von Tel Awiw so'1 'tdiefsteiis' im4ziii£üMe,n, : tf»er den Fasttag der Rabbinen iü Jeruscholajim —^ hat sie die Kraft zur trostlosen Synthese von Jeruscholajim und Tel Awiw? Gewiß: dem thoratreuen Judentum der ganzen Welt ist die Gefahr, in der eben das Nationalheim schwebt, ' sind die teueren Opfer, die fallen mußten, Mahnzeichen G'ttes an "uns alle, unseren'^Wandel zu überprüfen und vor allem dem grauenvollen Chillul Sehaibboth ein Ende zu bereiten, dessen das Land voll ist. Aber ich rufe dem thoratreuen Judentum der ganzen Welt zu: Könnt ihr euch schuldlos' sprechen am Chillul Schabboth des Landes und an all den Opfern, die deshalb fallen1 mußten? Habt ihr nicht Tel Awiw allzu vorschnell — allzu bequem — preisgegeben, ohne selbst hur jeruscholajim wirklich zu stärken und zu stutzen? Bildet die Zukunft eurer eigenen Söhne, die ihr ins Land entsandtet, Gegenstand eure'r stündlichen Sorge, daß sie, die heroisch gegen Chillul Schabbath, heroisch um ihr eigenes Thoradasein kämpfen, irgend einmal zu Hitjaschwuth gelangen? Ist es euch klar, daß die Synthese von Jeruscholajim'und Tel Awiw: die Aufgäbe unserer Zeit darstellt', daß, es aber ungeheuerlich ist;.sich damit zü " begnügen, Jeruscholajim gegen Tel Awiw — auszuspielen, um letzten Endes — gar nichts zu tun?' ' Unter tausend Schmerzen ist der Hafen von Tel Awiw Ereignis geworden. Das ist der Hafen, der dazu bestimmtist, dermaleinst allen Völkern der Erde den jüdischen Sabbat zu demonstrieren. Darum ist sein Geburtstag ein Freudentag auch für das thoratreue Judentum. Begehen wir den Freudentag und begehen wir den Fasttag und schöpfen wir aus beiden Tagen den Entschluß zur Tat. Uber den Telscher „Derech" . . ....... .; i ... # # (Aus 'einem -Gespräch mit dem' Telscher Räw.) 1. Wer hatiden Telscher „D.ere,ch!Vgeschaffen? Antwort : Der Telscher „Derech" ist nicht auf einmal geworden, sondern hat sich, zeitlich gesehen, in zwei Perioden entwickelt. Sein Streben ist. TllWb rn.ÖJ? T'tnnb: die Renaissance der Lehrmethode der p,:iYty8*V Die erste Periode beginnt : > mit-s dem Gaon ibflXt. ^.^ünd,:.feinen Zeitgenossen, dem rtixp und ma'TU u. a. m., die zweite mit Reb Lös er Gordon... V*STr i seinen Mitarbeitern und Nachfolgern. Es ist das Bezeichnende für den Gaon Vxj.- und einzelne, seiner großen Zeitgenossen,,, daß sie in der Nach-; Schöpfung des Werkes und Gedankenguts . der^ ihre Aufgabe sahen. („Wir hab^ns j Neues zu schaffen, sondern nur zu verstehen, Was steht"). Reb Löser bahnte, den Weg für den eigentlichen Telscher „Derecn", indem er die Lernart dieser Großen aufnahm und sie zu einer allgemeinen .Lernmethode. hinführte. Daher sagt man:, „in Telsch lernt man lernen," ( Sein Schwiegersohn, Reb Joseph Lob Blp(ch ^''ST' gab. dem Telscher „Derech" eine neue, ^ntschei^ riide Wendung. Er führte beide Teile der ThpraJ Hajacha und Agadah,nauf ihren letzten,,, gemeinsamen Ursprung zurück, von welchem er. alle Begriffe (D,;p."j) und. bis -indie. letzten.-£e-- bensgebiete reichenden Thoragesefze; .. .(rtijpa)' ausgeben läßt. Die Gesetze, äer Thora sind die Gesetze des Lebens,, sind <juV jdein , ihner^ten 77? Wesen des Menschen entsprechenden Gebilde» Lernen ist sich, ist das wahre. Bild des Lebens erkennen. 2. Wie unterscheidet sich der Telscher „Derech" (njan) vom bisbsn Antwort: Während der Pilpul die von den Rischonim gelehrten Regeln ohne weiteres übernimmt, sucht der Telscher „Derech" auf . den | Grund dieser Regeln zu gelangen, dem Gedankengang des Rischon so-weit wie möglich nachzuleben.; iDer7;;iPilpül bildet neue ■ 'Erkenstftnisse aus der Verbindung der :alten. sDer Telscher „Derech"; dringt., in deren tieferen, logischen Grundgehalt j ein, — wodurch das Verständnis des Wortes oft »wesepÜich geändert .wird — zerleg^ ihn in seine I (frrai&üge ''(te^oujer Analyse öder ni?pn) und sucht noch weiter äen allgemeinen, sozusagen weltanschaulichen Ursprung, den Schlüssel zu dem Geist des Risohon. Z. B. finden wir in den Teschuboth Horaschibo, daß ein Toter auch jEigentum erwerben, andern vererben kann. In' :diesem Vorgang kann man aber untersuchen, ob;der Tote die Güter selbst, oder nur die Besitzrechte erwirbt. Aus den Rascftbo ist ersichtlich, daß der Tote das Eigentum selbst erhält. Es^j •stellt sich die Frage, wie ist es möglich, dafj der. jTpte besitzt und an andere weitergibt, für'ihn 'existieren ^och die Begriffe des ^Besitzes n^cht jmehr?' Um!' diese Frage zu beantworten, müssen jwii* erst, bestimmen, was '/.besitzen" beißt, .ipas. ■Besitzen ' remer Sache ist der Gebrauch," der,; ■ - .tfi.- -: jjni, * v) uv