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Der Israelit · 1936-06-18 · Heft 25 (18.6.1936) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 25 (18.6.1936)
Date
1936-06-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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'18. Juni 1936 D er Israelit Nr. 25 Seite 5 Erez Jisrc Von Dr. Isäac Breuer.*) Ende Ijar 5696. Wunderbar ist der Frühsommer dieses Jahres in Jerüscholajim. Die Hitze-"'hat noch nicht eingesetzt, und wo es grünt, prangt alles in frischen Farben. Es ist, als oh uns das Land recht eindringlich seihe überwältigende Schönheit vor Augen führen wollte, damit das Tun und Treiben der Menschen um so nachhaltiger sich vor ihr abhebe. Denn in Jerüscholajim geht der Meuchelmord um. Indie reine und wundersam würzige Luft der Berge mischt sich der Ruch unschuldig vergossenen Blutest Erst in der Altstadt und dann in einem andern jüdischen Viertel hat die Hand unbekannter Verbrecher sich ihre Opfer geholt. Dazwischen aber hat (der höchste Beamte des Landes einer Abordnung des gesamten Jischuw erklärt, alles daran zu setzen, daß eine Wiederholung solcher Untaten nicht stattfinde. Und sie hat stattgefunden. i Jerüscholajim trauert. Alle Läden sind geschlossen. Alles Leben stockt. Das Vertrauen zur Regierung ist aufs tiefste erschüttert. Kann sie nicht? Darf sie nicht? Will sie nicht? Tausende junger jüdischer Menschen, bereit, ihr Lebein für -die jüdische Zukunft zu opfern, ballen die Faust, knirschen mit den Zähnen und sind nur mühsam zu halten. Wie lange noch? Und' was wird sein, wenn es kein Halten mehr gibt? In der Verteidigungsbereitschaft bis zur Selbsthingabe schließt sich der ganze Jischuw in nie gewesener Einheit zusammen. Aber des Morgens, wenn die zahllosen Bethäuser Jerusohoiajims sich füllen, öffnen sich dem „alten Jischuw" und allen, die ihm nahe stehen, die Laden der Thora und dringen zu „unserem Vater, unserem König" die ^herzzerreißenden Hilferufe derer, die Mut mit Demut zu verbinden wissen. Denn es geht jetzt, menschlich gesprochen; ums Ganze. Ob von Anfang an ein fester Plan der arabischen Führer bestand, ob die Ereignisse selber, verbunden mit der duldsamen, ängstlich auf „Neutralität" bedachten Haltung der Regierung den Plan erst zum Entstehen oder zur Reife . gebracht haben: heute jedenfalls scheinen die arabischen Führer entschlossen, die Entscheidung über das jüdische Nationalheim zu erzwingen. *) Vergleiche den ersten Erez Jtsroel-Brief im- „Nachlath Zwi", Beft 7, 8, 9. el-Briefe. Offensichtlich haben sie sich zu der Erkenntnis durchgerungen, daß bei einer Fortdauer der jüdischen Alijah in dem Umfang, wie sie in den letzten Jahren bestand, die Entscheidung in verhältnismäßig kurzem Zeitraum ganz von selbst zugunsten des jüdischen Nationalheims fallen würde und ein Erfolg versprechender Widerstand alsdann zu spät wäre. So soll nun der „allgemeine Streik" den Protest des geeinten arabischen Nationalwillens gegen die jüdische Alijah rechtzeitig zum Ausdruck bringen, der Welt zeigen, daß er die für die Araber selber verlustreiche Lahmlegung der Wirtschaft ihrer mit Duldung der jüdischen Einwanderung erkauften Blüte vorziehe, und sollen Bomben, Feuer und Mord die Welt belehren, daß das gekränkte Rechtsgefühl der arabischen Nation bereits zu verzweifelter Selbstwehr greife. Vermutlich ist die Regierung selber von der Stunde der Entscheidung überrascht worden. Gegenüber Unruhen als Summe von Einzelerscheinungen mag „Neutralität" ein Gebot der Klugheit sein. Ist aber der arabische Wille wirklich entschlossen, das jüdische Nationalheim als solches zur endgültigen Diskussion zu stellen, so muß die Mandatarmacht Farbe bekennen. Vielleicht ist ihr Zaudern darauf zurückzuführen, daß sie mit der Erforschung des arabischen Willens, seiner Fähigkeit und Unerschütterlichkeit, noch nicht zu Ende ist.. Inzwischen aber fällt Opfer auf Opfer. Gibt es wirklich in Erez Jisroel einen arabischen Nationalwillen? Handelt es sich am Ende nur um das Werk hetzerischer Anstifter? Trifft letzteres zu, sind wir selber keineswegs von Ersterem freizusprechen. Haben wir alles getan, tim die arabischen Nachbarn vor Verhetzung zu schützen? Haben wir uns hinreichend bemüht, zu ihnen in ihrer eigenen Sprache zu sprechen? Warum gibt es keine arabischen Zeitungen, die, Tag für Tag den Verleumdungen entgegentreten, die Verleumder entlarven und um die Menschen werben? AUzuschnell hatten wir die Warnungssignale des Jahres 1929 vergessen. Allzusehr war uns das Nationalheim zu einem völlig rationalistischen — Wirtschaftsproblem geworden. Wir hatten schon begonnen, uns mit den Mitteln der Wirtschaftsstatistik her auszurechnen, wann wohl das Nationalheim perfekt sei. Wir haben die Rechnung ohne den — Wirt gemacht. schon lange Jahre zurückliegt und die Verhältnisse sich inzwischen .gründlich geändert haben können —; tragen .die l'^'sn, die ums zur msa na gegeben wurden, bis in® späte Alter, ohne sie von Zeit zu Zeit auf ihren nvw3=Charakter prüfen zu lassen —; begnügen uns, statt täglich ima nban zu verrichten, Montag und Donnerstag oder gar mir am roi? und da, wenn , es gut geht, zur Haiftorah das G'iteshaus aufzusuchen —; und bei der Verheiratung unserer Kinder, die, wenn wir nicht mehr da sind, unser geistige® Erbe antreten sollen, in deren jüdischen Häusern unser Haus fortbestehen soll, wie halben wir da ein scharfes Auge für die Prüfung der materiellen Verhältnisse unsenerkünftigen Schwiegerkinder, .drücken aber ein oder auch beide Augen zu bei der Beurteilung ihrer jüdischen Qualitäten und begnügen uns im besten Fall mit ihrem „Ehrenwort", daß sie bereit seien, den jüdischen Anforderungen fortan zu entsprechen —; sehen auch gerne auf unsere pflichtvergessenen Brüder hin, die «ich mit noch viel weniger begnügen, messen unser •Gemeimdewesen gerne an Gemeinden, die sich mit unserer Kehillo nicht im entferntesten messen können, im Vergleich mit denen unsere Kehillo als «y>?np oba msn Va dasteht: neilig, heilig in allen ihren Gliedern, vergeblich sucht man ihresgleichen! — Und doch sollte unser Verhalten ein entgegen3 gesetztes sein. In dem, ' was unser zeitliche® Wohl im besten Fall zu begründen veranag, sollten wir genügsam uhid-. zufrieden sein, sollten unser Möglichstes voll und ganz leisten, aber den Erfolg unserer Mühe G'tt anheimstellen. Diese bescheidene Genügsamkeit wind uns vor allzu kühnen Versuchen Tjewahren> über. Nacht reich zu werden., und wir. Wer» den nicht Gefahr laufet durch gewissenlose Schritte erbärmlichen nvn btin heraufzubeschwören und uns und unsere Familie ins Unglück zu stürzen; wir werden die stille Freudigkeit und heitere Ruhe gewinnen, die nun einmal nötig ist, um in der Erfüllung unserer jüdischen Lebenspflicht jene tiefe Befriedi* gung zu finden, die ihre eigentliche Würze ist — denn was ist der Schabbos ohne den na» ~~ diese Wonne am SchaWbos wird alber nur der in Wahrheit empfinden, der, nach den Worten des Propheten, das Erbe unseres Vaters Jakob angetreten und mit ihm S»3 w zu sprechen , vermag. — Unzufrieden aber und rastlos vorwärtsstreben laßt uns, wo es gilt, den Forderungen unserer jüdischen Lebensaufgaben immer vollkommener zu entsprechen, da laßt uns unausgesetzt, mit stets wachsender Ener* gie den Weg auifwärtsschreiten, das hehre Ziel stets vor Augen, dem unsere ganze Lebensarbeit gilt, stets auf der Wache, daß uns kein Augenblick der Schwäche dem Hochziel unseres Lebens entfremde: hier ist Zufriedenheit das 'Grab jedes Strebens, Unzufriedenheit die Gewähr, daß wir auf dem rechten Weg uns befinden, der unserem Leben zu köstlichem Reichtum verhilft. Und so verstehen wir auch' das Wort unserer Weisen zur Sidro. . Das „Volk" in der Wüste war unzufrieden mit sich, „trauerte" über sich und über das Los, das ihm beschieden' war, nicht daß sie unzufrieden mit sich waren, weil sie dem rWnp=Ziel sich noch fern fühlten, vielmehr läeß die Abgeschiedenheit von der übrigen Welt und deren Freuden in-ihnen das Gefühl der Freude und der Glückseligkeit, die G'ttes Nähe dem wahrhaften Jehudi gewährt, nicht aufkommen. Da brach G'ttes Feuer wider sie aus und brachte sie ,zur Besinnung. Dieses G'ttesfeuer, das sich "hier vernichtenid gegen die Unzufriedenen wandte, erlösch nicht, kehrte nicht zum Himmel zurück, sondern versank und blieb bewahrt; denn es G'tt ist der Wirt dieses Landes. Das Judenproblem ist kein errechenbares Wirtsohaftsproblem. Ohne das „irrationale Moment", das sich in der jüdischen Geschichte seit Anbeginn gezeigt und immer wieder bewährt hat, auf ausschließlich rationale Erwägungen gestützt, käme man heute zu höchst bedenklichen Resultaten. Dieses ,.irrationale Moment" in der jüdischen Geschichte: in Situationen gleich der heutigen bekennt sich im Grunde auch der thorafremde Teil unseres Volkes zu ihm. Nur daß ihm die kristallklare Ueberzeugung ihr felsenfestes „Glauben" und Wissen sich zu einem horchenden Ahnen, zu e|nem. tastenden Fühlen aus den Tiefen verschütteter Seelen verdunkelt hat. Mandatarmacht^ Völkerbund? Rechtlich kann ihre Entscheidung nicht zweifelhaft sein. Aber dem Himmel sei gedankt, daß unsere Beziehungen zu Erez Jisroel nicht von Mandatanmacht und Völkerbund erst geschaffen sind und nicht allein auf ihnen gründen. Diese Beziehungen sind nicht geschichtlich, sondern metageschichtlich und die beginnende Auseinandersetzung zwischen Metageschichte ttfisd Geschichte sowohl innerhalb des jüdischen Volkes, wie auch zwischen dem jüdischen Volk und der Umwelt gibt der Epoche, in der wir leben, das 'besondere Gepräge. Unsere Verheißungen lehren uns, daß am Ende die Metageschichte sich der Geschichte als überlegen erweisen wende. Die Art aber, wie die Metageschichte sich in der Geschichte durchsetzt, ist uns in Dunkel gehüllt. Das jüdische Volk in seiner heutigen, allen normalen Lebensbedingungen eines Volksdaseins geradezu Hohn sprechenden Situation erscheint wie die Verkörperung der irrationalen Metageschichte. In der Balfour-Deklaration trafen «ich Metageschichte und Geschichte. Bis jetzt ist es noch gelungen, sie immer wieder zusammen zu bringen. Wind auch die gegenwärtige, überaus schwere Krise nochmals zu überwinden sein? Grenzenlos ist die Erbitterung, die Enttäuschung derer, die am .wirtschaftlichen Aufschwung Erez Jisroels gearbeitet haben. Sie sind sich bewußt, unter Selbstaufopferung einem in langen Jahrhunderten verkommenen Land ungeheure Dienste geleistet, es in kurzer Zeit zum wichtigsten und zukunftsreichsten Land des nahen Orients gemacht zu haben, Sie sind sich bewußt, als Sendboten des Friedens, der Wohlfahrt, der Sitte und des Anstands, der Gesundheit und der sozialen Gerechtigkeit ins Land gekommen zu sein und lall diese Segnungen auch den Arabern unmittelbar und mittelbar gebracht, zu haben. Wie ein Smybol all dessen flattern in kann nicht erlöschen, solange die Unzufriedenheit .im Menschenherzen nicht erlischt. Sie aber soll auch nicht erlöschen, denn sie ist von hohem Wert und für .die sittliche Ertüchtigung des Menschen gar nicht zu entbehren: im Heiligtum, meinen die Weisen, da ist sie am Platze, dort wo unsere Beziehungen zu G'tt und seinem Gesetz zum Ausdruck gelangen und wir in Opfern Stet® erneute, niimmer rastende Hin* gäbe an G'ttes Willen geloben. Hier kehrt sich dieses Feuer nicht vernichtenid gegen uns, sondern gestaltet den Ausdruck unserer Hingabe t\VK mma mnV tjfy — das ist aber dasselbe G'ttesfeuer, das sich vernichtend gegen uns kehrt, so ijene verhängnisvolle Unzufriedenheit unsere Seele erfüllt, der Korach und Genossen zum Opfer fielen. — Und so scheidet denn, um mit dem herrlichen Worte der Weisen zu spres eben, kein Mensch aus dem Leben, ohne daß ihn dieses Feuer zu seinem Heile oder zu seinem Verderben erfaßt hätte. —__ Wochenkalender. Vom 20. — 27. Juni 1936 / Vom 30. Siwan bis 7. Tammus 5696 i W 5p Samstag 20! nwiaw m*i'« pns 'a 'R rnj? |1'0 30 b Sonntag 21 nnn 1 «b h*"Vt '3 Montag 22 2 ab Dienstag Juni 23 3 ib Mittwoch 24 4 ib Donnerstag 25 5 ab Freitag 26 6 ib Samstag . *27 7 'i 'i p"\ü t\pn

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