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Der Israelit · 1936-06-18 · Heft 25 (18.6.1936) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 25 (18.6.1936)
Date
1936-06-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 25 Der Israelit 18. Juni 1936 einen Schlag ins Gesicht der allbekannten Tatsachen. Wird doch gerade An 'dem jetzt dm Drucke erschienenen Beilichte der Mandatarmacht am die Mandatskommission des Völkerbundes konstatiert, daß der Councilplan von den Juden abgelehnt, v o„n den Arabern m i t G e n u g t iu u n g aufgenommen wurde. Eine Jüdische Legion zum Schutze des jüdischen Nationalheimes, die das Blatt schließlich als Schreckensgespenst <an die Wand des für phantastische Märchen stets empfänglichen arabischen Hauses malt, ist aber bekanntlich nur der Wunscbtraum eines kleinen Teiles innerhalb — oder sogar richtiger jenseits — des Zionismus, der in den jüngsten Tagen mit der Ablehnung vonseiten der Regierung -wieder einmal gänzlich zerronnen ist. Die Einstellung von Juden in den Polizeihilfsdienst ergibt sich als dringende Notwendigkeit mit Hinsicht auf den erforderlichen erhöhten Schutz von jüdischem Gut und Blut und den Streik, der mählich auch in die arabischen Beamtenkreise eindringt. Während hier die englische Regierung mehr oder weniger als „Judenschutztnuppe" für Palästina hingestellt wird, klagen die palästinensischen Zeitungen, spweit ihnen die Zensur dieses möglich macht, über allzu mangelhaften Schutz des jüdischen Lebens und Eigentumes durch die englischen Beihörden. Wir wollen uns diese Klagen nicht restlos aneignen, wenn auch manche krasse Zwischenfälle dieser Vermutung einige Nahrung geben. Vielleicht erachtet England diese Vorsicht deswegen für geboten-, weil es die arabisch-jüdische Zusammenarbeit nicht für ein Schlagwort hält und nicht alle Brücken abbrechen möchte; in der Hoffnung, daß nach Abebben der wilden Welle die Vernunft wieder siegt und eine friedliche Zusammenarbeit wieder möglich ist. r Ormsby Gore und der Großmufti. . Unsere Annahme, daß für O r m s fo y - G o r e, den neuen englischen Kolonienminister, Palästina nicht bloß ein fernes Venwaltungsgebiet ist, dessen Probleme man im Parlamente mit ausweichenden Antworten auf galante Art umgehen könnte, wurde bei seinem ersten Auftreten im Unterhause, über das wir bereits kurz berichteten, bestätigt. Es klang ein sehr warmer Ton mit, als er, nach Feststellung einer Verschärfung der Lage, u. a. sagte: „Ich möchte diese Gelegenheit, die erste, seitdem ich meinjetziges Amt angetreten habe, dazu, benutzen, um meine tiefe persönliche Besorgnis um das Wohlergehen aller Teile der Bevölkerung Palästinas und mein Vertrauen darauf zum Ausdruck zu bringen, daß letzten Endes auf Grund der Empfehlungen der Kgl. Kommission, deren Ernennung der Regierung Sr. Majestät nähegelegt werden wird, sobald die Ordnung völlig wiederhergestellt ist, Mittel werden gefunden werden, um im Rahmen des Mandats dauerhafteren Frieden und Zufriedenheit unter den Völkern Palästinas zu schaffen." Wer die Schuldigen sind, wissen wir aber, wie an dieser Stelle bereits dargelegt, auch ohne Kommission. Und der Minister weiß es ebenfalls, wenn er auch über den in unserer jüngsten Leidensgeschichte in Erez Jisroel so rühmlichst bekannten — angeblich von Herbert Samuel eingesetzten — Großmufti von Jerusa- 1 a m etwa folgendes aussagte: „Das Amt des Mufti ist rein religiösen Charakters. Der Träger dieses Amtes ist Vorsteher eines religiösen Gerichts, das sich mit Fragen des Personenrechts und der Religionsübung befaßt. Gewiß ist der Mufti ad personam, wenn nicht erblich, religiöses Oberhaupt der Omar- Moschee in Jerusalem; ihn aber als von Sir Herbert Samuel eingesetzt zu bezeichnen, wäre zu weitgehend; es wäre sehr1 unrichtig, wenn das Haus' daraus den Schluß zöge, daß der Mufti Regierungsbeamter sei.1' Aber der Großmufti läßt die Omar -Moschee schließen für ganze Araberdörfer, die sich nicht am Boykott und Streikterror beteiligen und hat somit eine Macht in der Hand, wie sie kein Regderunigsbeamter besitzt. Und die Bürgermeister von J e r u s a 1 e m und Haifa, die die Seele des Streikes sind? Sind auch diese keine Regierungs- oder Kommunalbeamten? Man hat einige Führer in die Wüste geschickt, aber der Hydra scheinen immer neue Köpfe anzuwachsen. Und der alte Kopf ist auch noch da: der Großmufti. In einem Schulungslager an der Grenze der Sinaiwüste könnten diesen Führern vielleicht die auch von Mohammed übernommenen S i n a i p o s t u 1 a t e in Erinnerung gebracht werden: „Du sollst nicht morden!" „Du sollst nicht falsch aussagen wider deinen Nächsten!" Ormsby-Gore wind in der Folge noch manche darauf bezügliche Frage zu beantworten haben. Hoffen wir, daß den warmen Worten auch entschlossene Taten folgen. Freie Religionsübung in Sowjetrußland? Aus M o s k a u kommt die Kunde \ daß S o wj e t r uß 1 an d die f r e ive R e 1 i g i pn s üb un g proklamiert hat. Viele sind skeptisch. Die dem Vatikan nahestehenden Zeitungen geben die Mitteilung mit -Vorbehalten und Kommentaren wieder, die ihre Zweifel zum Ausdruck bringen.- . Wir Juden sind Optimisten vom-Natur und Neigung, und so fehlt uns nie der Glaube, wenn wir frohe Botschaft hören. Für uns würde mit der wirklichen Einführung der Religionsfreiheit in Rußland eines der traurigsten Kapitel unserer Gegenwartsgeschichte zum Abschluß kommen. Es wäre der Abschluß einer1 Geschichtsperiode, in der sich im Lande,'das jahrhundertelang das reichste Reservoir der Thoralehre für die ganze jüdische Welt war; die Thora wie ihre Lehrer und Jünger sich auf die Dachböden und in die Keller verkriechen mußten, um von den Schergen der roten Inquisition nicht erfaßt zu werden; in der eine aus Söhnen jüdischer Mütter zusammengesetzte Jewsektia mit'Argusäugen darüber wachte, daß kein religiöses Leiben aufkomme, daß kein Lichtstrahl des Sabbats und der Festtage in die düsteren Häuser dringe; in der das jüdische Buch, das jüdische Wort, ja sogar der jüdische Kalender, als treuer Wegweiser für das Xeben des Tages, verpönt waren; einer Zeit, in der man jüdische Menschen, weil sie mit dem Kopfe im jüdischen Lehrhause und nicht mit den Händen in der Fabrik arbeiteten, deklassierte und ihnen die Brotkarte entzog; in der man, wie Kirchen, auch Synagogen und jüdische Lehrhäuser in Klubs und Pferdeställe verwandelte und in der lärmende Demonstrationen idie Weihe und die Ruhe der jüdischen Gassen an den heiligsten Feiertagen zu stören suchten. Die Religionsübung ist freigegeben, aber daneben ist auch die Bewegungsfreiheit der antireligiösen P r o p a g a n d a gesichert. Die kann ums nicht schrecken. " Wir verlangten und verlangen hur einen, wenn noch so kleinen und engen Lebensraum für unsere Brüder in Rußland, iii dem sie bei aller Not des Daseins wenigstens ihrer Seele die nötigste Nahrung zuführen können. Ist dieser Raum geschaffen, dann sind .wir schon zufrieden. Wird die Verkündung der Religionsfreiheit in Rußland eine Tatsache und erstreckt sie sich auch auf den j ü d i s c h e n K u 11 u s , dann werden im Nu die jüdischen Klagen gegen Sowjetrüßlamd verstummen. Warten wir ab! Belehrung und Mahnung. Zum Erscheinen cdes (fünften: Teiles der 'Predigten und nachgelassenen Schriften von Rabbiner Dr. Salomon Breuer ^*xt« ...... Wer da® Glück hatte, idas lebendige Wort Rabbiner Dr. Salomon Breuers ^"st von der Kanzel herab Jahre oder Jahrzehnte hindurch zu hören und auf sich einwirken zu lassen, hatte stets das Gefühl: So was dürfte nicht verpuffen, im Geräusch und Gea triebe des Tage® verhallen. Gewiß, es war der Zauber der Persönlichkeit, der Erscheinung, das zündende Feuer in der Sprache, die das Fluidum zwischen Redner und (Publikum schufen und Saiten in uns in Bewegung setzten, die noch lange nachklangen. Aber es war doch in erster Reihe die geistige Substanz, das Stoffliche, aus tiefsten Tiefen der Lehre und des Denkens kommend, was so nachhaltig fesselte. Oberflächlich© iHörer, die nicht mit der Seele dabei waren, glaubten — weil sie bekannten und schon gehörten Erklärungen und Redewendungen begegneten —■ Wiederholungen zu vernehmen, und wußten nicht, daßgerade dieser Fundus an Sprach* und Gedankengut, jedesmal doch in anderer Art angewandt und in andere Form gegossen, den Eigenwert der bedeutsamen Reden und den Rhythmus des hinter ihnen stehenden warmen Herzens kennzeichneten. So ging aufrichtige Freude durch die Reihen der Thorafreunde, nicht allein in Frankfurt, als bekannt wurde, daß ein Teil der Predigten zusammen mit anderen nachgelassenen Schriften Rabbi Salomon Breuers ^>*st im Drucke veröffentlicht werden. Man wartete von Band zu Band. Und nun liegt. der fünfte Band vor uns. (Verlag der Rabbiner Hirsch- Gesellschaft. Hergestellt An der Hermon-Druckerei, Frankfurt a. M.<) Das fünfbändige Werk ist abge* schlössen, Predigten zu allen Sabbaten und allen Festtagen des Jahres, von dem //Engelgesang" bei Erschaffung des Menschen, mit dem ihn die Himth* lischen irrtümlich anbeteten, bis zum Ausklang mit der „Freude an der Thora", an der Thora, die wir dem Umstände verdanken, daß wir eben keine Engel sind und die uns in igewisser Beziehung über die Engel stellt, dieweil wir, dm Gegensätze zu jenen Stillstehenden, die Wandelnden, die ewig Ringenden und ewig uns Vervollkommenden sind. Es ist, insgesamt gewertet, ein Werk, da® den allerbesten und klassischen TO »nso des rabbini«ohen Schrifttums nicht nachsteht, an besinnlichen Betrachtungen aber so viel enthält und bietet, wie kaum sonst ein populäres reliigionsphilosophisches Werk der modernen jüdischen Literatur. Predigtensamnüungen haben in der Regel nur Spezialwert, für Rabbiner, Prediger/ Redner. Dieses Werk aber ist ein Lehrbuch für Alle, mindesten* für alle diejenigen, die Freude am schönen jüdischen Wort und tiefen jüdischen Gedanken haben. Bei alier Tiefe populär und kristallklar, bei aller einprägsamen Eigenheit des Ausdrucks einfach, schlicht und volkstümlich im edelsten Sinne, kann es jedem in die Hand gegeben werden, dem 'Gelehrten wie dem weniger Gelehrten. Wi r aber, die dem großen Rabbi zu Füßen saßen, glauben bei der Lektüre, die würdige Gestalt zu sehen und sein lebendiges Wort wieder zu vernehmen. » « -• - Eine kleine Probe aus dem vierten Bande zu der dieswöchigen Sidro sei hier wiedergegeben. Nach tiefschürfender Ausdeutung der Korachrevolte heißt es hier: Fragen wir uns aber, meine Brüder und Schwestern, hat sich diese Denkungsart, die freilich bei Korach und Genossen eine G'tt — und Thora leugnende verbrecherische Steigerung erfahren hat, nicht bis in unsere Tage erhalten? Wo sind die Menschen, die in Wahrheit osnfca parte» zufrieden sind mit dem Wenigen, das ihnen an irdischen! Gütern foeschieden ist, die mit unserem Vater Jakob zu sprechen vermögen: ">h v „ich habe alles", mir fehlt nichts- — die mit dein Psahnensänger aus ganzem Herzen bekennen: dv ov 'n "i"na „Gesegnet G'tt Tag für Tag",, wie auch der heutige oder morgige Tag sich gestalten möge, welche Prüfungen und Entbehrungen er mir auch bringen möge, G'tt, in dessen Dienst mein Leben sich begreift, G'tt, aus dessen Händen ich das- Mehr/»der Weniger an irdischen Gütern, empfange, sei mit allem gesegnet, der Förderung seines Willens sei mein Leben 'geweiht — wo sind sie? Haben die Weisen nicht recht, wenn sie, die Menschen* natur durchschauend, dasi Wort prägen: na MS irnnwn ■»sm „es geht so bald kein Mensch dahin, dessen Wünsche auch nur zur Hälfte sich erfüllt hätten" — denn emut» rrern na» *6 w hat er hundert, so möchte er bereits zweihundert! , Doch in der Lösung unserer nemp-Aufgabe, in unserem Verhältnis 'zu G'tt und seinem Gesetz/ in dem, was uns zu Juden macht, legen wir eine solche Genügsamkeit und Zufriedenheit an den Taig, die lebhaft an das ö^nj? d^s myn ^3 erinnert. Wir sind genüg'- sam, bescheiden und glauben unser Gewissen beruf higt und allen Anforderungen entsprochen zu haben,, wenn, uns: versichert wird, daß in diesem oder "jenem Restaurant ein anerkannt gewissenhafter Jehiudi gegessen habe---ohne freilich zu bedenkein, daß dies

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