Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1936)
- Date
- 1936-06-11
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 24 ü e r Israelit 11. Juni 1936 Vermischtes. Bad Mergentheim, 4. Juni. Man schreibt i Schon seit Monaten hat hier das Kurleben mächtig eingesetzt und lockt zahlreiche Besucher hierher, welche sich, hier wohl fühlen und Linderung und Hei lung ihrer Gebrechen finden. Jüdische Kurgäste sind gleichfalls willkommen und können ohne Weiterungen ihre Kur machen. Zahlreiche jüdische Häuser bieten neben der rituellen Pension ihre Fremdenzimmer den Besuchern an. M. K. Elberfeld, 3. Juni. Am zweiten Tag Schwuos konnte die orthodoxe Gemeinde Adaß Jeschurun auf ein 60jähriges Bestehen zurückblicken. Aus diesem Anlaß fand im Rahmen des G'ttesdienstes eine kleine Gedenkfeier statt, wobei der Vorsitzende, Herr Max Frank, in einem kurzen geschichtlichen Rückblick all der Männer gedachte, die sich um das Wohl der Gemeinde verdient gemacht haben. Als eine der markantesten Persönlichkeiten sei Herr Ph Blumenthal zu bezeichnen, der in ununterbrochener Folge etwa 40 Jahre dem Vorstand angehörte und der vor kurzem seinen 80. Geburtstag feiern durfte. Er zählt zu den wenigen Senioren und früheren Mitgliedern der Gemeinde, die noch am Leben sind. Außer ihm waren es insbesondere die Herren Georg Marx, Fleischhacker, Falkenheim und Kalma mowitz, die sich große Verdienste um die Erhaltung und Fortentwicklung der Gemeinde erworben haben. Gedacht sei auch des verstorbenen Herrn B. Weingarten, der mehr als 30 Jahre den Vorbeterdienst in der Gemeinde versah. Ein besonderes Ruhmesblatt in der Geschichte der Gemeinde verdient Herr Rabbiner Findling, dessen segensreiches Wirken unvergessen bleiben wird. Durch Abwanderung vieler und zum Teil zahlungskräftiger Mitglieder sei die weitere Aufrechterhaltung nur möglich, wenn alle nach besten Kräften dazu beisteuern. Der eiserne Wille und der große Opfersinn, der manch schwere Krise hv.t überdauern helfen, wird m. G, H. auch weiter dazu beitragen, unsere Einrichtunigen bestehen zu lassen. Herr Frank dankte sodann, allen denjenigen, die im Verlauf der Jahrzehnte die Gemeinde mit Umsicht leiteten und materiell unterstützten. Es folgte ein E... mole rachamim, in ergreifender Weise von Herrn S. Lachmann vorgetragen, umd mit einem anschließenden Kaddisch-Gebet für die ver storbenen Mitglieder schloß die schlichte, aber ein drucksvolle Feier. Königsberg, 8. Juni. Wie die „Königsberger All gemeiine Zeitung" meldet, ist der 31jährdge Franz Skibitzki aus Gilgenburg zu neun Monaten Gefänignis verurteilt worden, weil er sich fälschlich als Mitglied und Amtswalter der NSDAP ausgegeben hatte, als er sich über einen Zugführer beschwerte, um dessen Maßregelung zu erreichen. Der Verurteilte hatte im Eisenbahnabteil einen verwachsenen Herrn, den er für einen Juden hielt, angepöbelt und war gegen ihn handgreiflich geworden. Dieser war jedoch nicht Jude, sondern ein Amtswalter der Deutschen Arbeitsfront. Da Skibitzki mit seinen Beschimpfungen nicht aufhörte, wurde er von dem Zugführer genötigt, den Zug zu verlassen. Nunmehr beschwerte sich Skibitzki über den Zugführer und maßte sich dabei die Bezeichnung eines Amtswalters an. Vor Gericht erklärte er, er habe den Mann für einen Juden aus Gilgenburg gehalten und ihn mit diesem verwechselt. Dieser Verantwortung hielt das Gericht folgendes entgegen: Die Judenfrage zu lösen ist ausschließlich Sache des Staates und der Obrigkeit. Der Führer hat ausdrücklich jede Einzelaktion gegen die Juden verboten. Selbst -wenn also der Mann im Eisenbahnabteil ein Jude gewesen wäre, so würde der Angeklagte kein Recht gehabt haben, ihn ohne weiteres zu beleidigen. Die Niedrigkeit der Qesinnung gehe aber daraus hervor, daß er den Versuch gemacht habe, dem Beamten, der sich ganz korrekt benommen habe, eins auszuwaschen und ihn als Judenbeschützer zu bezeichnen. Das Urteil ist rechtskräftig, der Angeklagte wurde zur Verbüßung seiner Strafe in Haft genommen. Prag, 7. Juni. Der Vorsteher der Alt-Neu- Synagoge, Prof, Dr. Lieben, hat mit Rücksicht darauf, daß die vielen großen Neubauten in der Prager Altstadt eine Senkung des Straßenniveaus befürchten ließen, ein© bautechnische Kontrolle der „Alt-Neu-Sohul", des berühmten jüdischen Wahrzei* chens Alt=Prags, vornehmen lassen. Die Fachleute, die diese Prüfung vornahmen, sind der Ansicht, daß für die Synagoge keinerlei Gefahr besteht und daß dieses siebenhundertjährige Bauwerk noch ein bis zweitausend Jahre durchhalten kann. Dieser Tage wird noch ein Teil des Steinbodens abgehoben, um auch den Untergrund einige Meter tief zu sondieren. Bei dieser Gelegenheit ließ die Kultusgemeinde im Innern der Synagoge verschiedene Erneuerungen vornehmen. So wird die alte Fahne repariert, die Kaiser Ferdinand III, im Jahre 1648 den Juden Prags in Anerkennung ihirer heldenhaften Verteidigung der Stadt geschenkt hat; das Geschenk mußte allerdings 1716 von Kaiser Karl IV, anläßlich der Geburt seines Sohnes Leopold erneuert werden. 1791 trüg man die Fahne zum ersten und einzigen Mal aüs der Synagoge, um sie im Krönungszug Kaiser Leopold II. mitzuführen. Die Fahne mußte von zehn Männern gehalten werden. Außerdem werden die 48 Thoravor* hänge ausgebessert, die aus der Zeit des Rabbi Low, Rabbi Spira und Rabbi Landau stammen; einer wurde von dem ersten jüdischen Adeligen BaSSßvi von Treuenberg, ein anderer von der reichen Familie Katz-Popper gestiftet. Auch die 22 schweren handgetriebenen silbernen Thorarollenträger sollen von einem hervorragenden Spezialisten für Antiqui* tätenrestaurierung hergerichtet werden. Paris, 8. Juni. Vor kurzem fand in Paris die Eröffnung des von der Pariser Jüdischen Gemeinde anläßlich des 800. Geburtstages des Rambam geschaffenen Maimonid es -Gymnasiums statt. Das Gymnasium wird jetzt von 102 Schülern, davon mehreren aus Nordafrika, besucht. Leiter ist Prof. Marc Cohn, Direktor des Kuratoriums ist Edmond F 1 e g, der an der Schule auch jüdische Geschichte und Literatur unterrichtet. Washington, 8. Juni. Der amerikanische Kongreß hat auf Antrag des Abgeordneten Guy M. Gillette einstimmig beschlossen, den Innenminister aufzufordern, daß er in Washington einen Platz für .die Errichtung eines Denkmals für Hyam Salomon zur Verfügung stelle. Hyam Salomon, ein aus Polen stam1 mender jüdischer Finanzier, hatte seinerzeit .die Mittel für den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zur Verfügung gestellt. Der Verband der polnischen Juden in Amerika hat ein Manifest veröffentlicht, in dem der Beschluß des Kongresses als Krönung der Bemühungen des Verbandes begrüßt wird, die Leistungen Salomons dem amerikanischen Volk zu vergegenwärtigen. Sprechsaal. Noch einmal der Hopferstädter Fasttag. Geehrte Redaktion! Nachdem mein Landsmann, Herr Studienrat Dr. Gutmann, Würzburg in der vorigen Nummer des „Israelit" zu dem Artikel des Herrn Dr. Merzbach Stellung genommen hat, möchte ich als „Oettinger" Kind und Tochter von Gabriel Michelbacher der 44 Jahre als erster Kultusvorstand in vorbildlicher Weise bis zu seinem Tode im Jahre 1918 die Gemeinde Oettingen betreut hat, noch einiges berich tigen. Bis zum Ableben meines sei. Vaters war in Oettingen kein Geschäft am geöffnet. Stahlfest hielt er jeden Minhag der Gemeinde, so daß gewiß nicht von einem Abfall der Juden um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die Rede sein kann. Die Schulverhältnisse insbesondere waren Ende des vorigen und Anfangs dieses Jahrhunderts bei den unvergeßlichen Lehrern F. Strauß b"Hh und L. Gutmann ^"3T/ vorbildlich, sowohl im Jüdischen, wie im Allgemeinen. Hier wurde uns vom „Taanis Hopfenstädter" eindringlichst erzählt, so daß wir schon als Kinder den Ehrgeiz hatten, es den Aelteren nachzutun und ebenfalls zu fasten. Um diese Zeit gab es in Ottingen noch viele d'8t> weshalb die Bemerkung „Vergessenheit des Taanis durch Abfall der Oettinger Juden um die Mitte des vorigen Jahrhunderts" nicht am Platze ist. Auch war der Wegzug kein so starker, daß dadurch eine Veränderung im Gemeindeleben hätte eintreten können. Diese Richtigstellung bin ich meiner Heimatgemeinde, meinem Vater b"i?ir und meinen Lehreen ^-"»r schuldig. Es sei zur Ehre der Gemeinde Oettingen noch gesagt, daß dort, im Gegensatz zu vielen anderen Gemeinden, trotz der Ungunst der Zeit, deren Folgen ihr auch nicht erspart blieben, bis zum heutigen Tage ein gesetzestreuer Lehrer und ]Tn amtiert. Frau Thekla Mayer geb. Michelbacher. Darmstadt, Liebigstraße 15, 1. Letzte Nachrichten aus Palästina. Keine Einstellung der jüdischen Einwanderung. — Weitere Gefechte. — Appell Jakob Meirs an die Araber. — Angriff auf Rischon le Zion. — Die jüngsten jüdischen Opfer. Jerusalem, 10. Juni. Die von der Regierung im englischen Unterhause vor einigen Tagen konstatierte „Besserung der Lage in Palästina" hat leider nicht angehalten. Der neue Kolonialminister Ormsby=Gore mußte in der gestrigen Sitzung des Unterhauses wieder zugeben, daß sich die Lage inzwischen noch wesentlich verschärft hat und neue N o t s t a n ds v o 11 ma c h - e n erforderlich machte. Dazu gehört die Ueberbringung vieler arabischer Führer ins Konzehtrations5 lager. Der Großmufti, so sagte der Minister, sei nicht zu den Führern des Aufruhrs zu zählen. Von größter Wichtigkeit ist eine am 9. Juni im Rundfunk durchgegebene 'Mitteilung der Pälästiha=Regierung, daß, im Gegensatz zu arabischen Meldungen; eine auch nur zeit- oder teilweise E i n Stellung der jüdischen Einwanderung wede r. e r - wogen wurde, noch in Betracht k ö m m e. Die erwartete Verhängung des B <e 1 a g e r u n g s z u= Standes ist nicht erfolgt, was als Beweis dafür dienen kann, daß die Regierung die jetzigen Vorsichtsmaßnahmen, besonders nachdem wiederum neue Truppen eingerückt sind, für genügend hält. Die Vermittlungsversuche Emir Abdullahs sind restlos gescheitert. Für Mittwoch, den 10. Juni, wurde von den Oberrabbinaten für das ganze Land ein Fasttag mit Bittgebeten und Schofarblasen angesetzt, Bei den großen Gefechten der letzten Tage zwisehen arabischen Aufständlern und Polizei, bei denen es Tote und viele Verwundete gab, waren Juden nicht beteiligt. Auch unter den Toten und Verwun* deten bei dem Bombenanschlag am Jaffatore in Jerusalem befanden sich keine Juden. Nach Berichten der hebräischen Zeitung wurden im Zusammenhang mit diesem Anschlag, auf Aussage eines Arabers, fünf georginische Juden als angebliche "Attentäter verhaftet, von denen drei gleich wieder auf freien Fuß gesetzt wurden, 170 jüdische Hilfspolizisten sind neu eingestellt worden, von denen 60 in Jerusalem Dienst tun. Telefonische Privat ge spräche zwis sehen Palästina und dem Auslande sind bis auf weiteres verboten worden. Der sephardische Oberrabbiner von . Jerusalem, C h a c h am Jakob Meir, ein bekannter Araberfreund und großer Kenner der arabischen Literatur, hat einen Aufruf an die arabische Bevölkerung erlassen, in dem er sie bittet, den Terror einzustellen und den Juden die Bruderhand zur ges meinsamen friedlichen Arbeit zu bieten, wie sie von beiden Nationen stets in der Geschichte, so im castilischen Spanien, zum Segen für beide Teile geleistet wurde. Der angedrohte Streik der arabischen Regierungsbeamten und der Angestellten der Stadtverwaltungen ließ sich nicht durchführen. In Jerusalem wie in Jaffa mußten viele Ladeninhaber auf Befehl der Macht ihre Geschäfte öffnen. Manche zogen es aber vor, vorher ihre Warenlager auszuräumen und die Verkaufsartikel in ihre Privathäuser zu schaffen. In Rischon le Zion sind bei einem Angriff zwei Juden, David W a r bi und Israel Arger, schwer verletzt worden. Die arabischen Angreifer verlang* ten in einer jüdischen Pflanzung Wasser, das ihnen von den Juden ohne weiteres gereicht wurde. Zum Dank feuerten sie auf die 'beiden Juden und ergriffen die Flucht. * Bis jetzt ist nur ein Araber, nämlich der Mörder des am 9, April in Tel Awiw getöteten Elieser Bitzutzki, verurteilt worden, und zwar zu 15 Jahren Gefängnis, Gegen das Streikultimatum des Haifaer Bürger* meisters legten die jüdischen Stadträte von Haifa Protest ein. Bei einer mehrstündigen Schlacht, die sich in Haifa am Sonntag zwischen Arabern und Pos lizei abspielte, wurden Juden nicht in Mitleidenschaft gezogen. Das letzte jüdische Opfer ist Israel Ben Jeh u d a, der mit einem anderen jüdischen Wächter, Samuel Hirschberg, in einer Siedlung vor Tel Awiw aus bisher unbekannten Gründen von einer englischen Polizenpatrouille niedergeschossen wurde. Die Wächter hatten Warnungsschüsse gegen vordringende Araber abgegeben, und die herbeigeeilte englische Polizei hielt scheinbar die jüdischen Wächter für die Angreifer. Ben Jehuda starb noch am glei* chen Tage im Hadassah-Krankenhaus zu Tel Awiw, Seine Beisetzung erfolgte auf Anordnung der Polizei Sonntag morgen« 4% Uhr. Eine große Menge, die sich zu der Bestattung einfand, wurde von der Polizei zerstreut, so daß nur wenige Menschen, Ver* j treter der Irijah und anderer jüdischen Instanzen, die Bahre umständen. Oberrabbiner Amiel und der Arbeiterführer Berl Katzenelson hielten ergrei* feinde Reden, in denen auch Anklagen;gegen die englische Polizei laut wurden. Ben Jehuda stammte aus Reval und war 24 Jahre alt. Er hatte erst vor 14 Tagen seine Eltern nachkommen lassen.