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Der Israelit · 1936-06-11 · Heft 24 (11.6.1936) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 24 (11.6.1936)
Date
1936-06-11
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Seite 12 Nr. 24 Der Israelit 11. Jvmi 1936 „Olarn habah ist eine sehr verlockende Sache," sagt Reb Eleasar Mosche, ein großge wachsener Mann mit schlanken Fingern. Wir werden Ihnen den Leichnam abnehmen und bestatten. Aber das wird einige Rubel kosten.' „Was soll das heißen?" frage ich. „Nicht genug damit, daß ich eine solche Last auf mich genommen habe, soll ich auch noch Geld hin geben?" „Dafür aber werden Sie Olam habah bekom men," lachte Reb Schnepsel boshaft. „Ich muß Ihnen sagen, junger Mann," wendet sich Reb Jose .mir zu, ein kleiner Herr mit einem dünnen Bärtchen, „daß noch eine Sache erledigt werden muß," „Was soll noch erleidgt werden?" „Haben Sie Papiere?" „Papiere?" „Ja, Ausweispapiere. Woher sollen wir wissen, wer die Leiche ist? Vielleicht ist es gar nicht die Person, die Sie angeben," sagte Eleasar Mosche. Ich sehe die drei Männer an, „Es ist selbstverständlich, daß wir Sie durchaus nicht verdächtigen," bemerkt der kleine Mann mit dem dünnen Bärtchen. Aber Sie sind doch immerhin ein Fremder. Wir haben hier einen Rabbiner, mit dem Sie sprechen sollten, und einen Landjäger, der ein Protokoll aufnehmen muß." „Einen Landjäger?" frage ich. „Jawohl. Es muß Sie verhören," sagt Eleasar Mosche, „Mit ist es peinlich, mit der Polizei in Berührung zu kommen, denn ich habe eine 'besondere Abneigung gegen Polizisten, obwohl ich noch nie etwas mit ihnen zu tun hatte." Ich überlege rasch, wie ich aus dieser unangenehmen Lage am besten herauskomme, und sage: „Meine Herren, hier sind etwa siebzig Rubel. Nehmen Sie das Geld und bestatten Sie die Frau. Ich behalte nur noch das Reisegeld und fahre nach Radomschili." Die drei Vorsteher sahen einander an. Dann sagte einer von ihnen: „Junger Mann, es liegt uns selbstverständlich vollkommen fern, einem fremden Menschen das Geld abzunehmen. Geben Sie freiwillig, was Sie wollen. Wir haben hier für viele Arme zu sorgen und können die Frau nicht umsonst bestatten. Die Leiche muß gewaschen, angekleidet und hinausgefahren werden. Und dann gibt es noch einige kleinere Ausgaben." Ich verständigte mich mit ihnen, und wir gingen auf die Straße hinaus. Auf dem Marktplatz versammelten sich viele Menschen. Auch der Landjäger erschien zu Pferde. Er erkundigte sich nach dem Leichnam. Man führte ihn zu mir. Er sah mich forschend an und fragte, wer ich sei und wohin ich fahre. Mir wurde schlecht. Ich sagte schon, daß ich nicht gerne mit der Polizei in Berührung komme, obwohl ich weiß, daß die Polizeibeamten genau solche Menschen sind wie. andere. Und während ich überlege, was ich dem Landjäger sagen soll, kommt Reb Jose auf uns zu und ruft ihn zur Seite. Diesen Augenblick benutzt Eleasar Mosche, um mir ins Ohr zu flüstern: „Sagen Sie ihm, daß Sie ein Hiesiger sind und außerhalb der Stadt wohnen. Sagen Sie ihm ferner, daß die Tote Ihre Schwiegermutter ist." Ich konnte nicht begreifen, weshalb er mir all das sagte. Aber ich war wie hypnotisiert. Bald darauf führte mich der Landjäger in ein Haus und begann das Protokoll aufzunehmen. „Wie heißen Sie?" - „Mowscha." „Wie heißt Ihr Vater?" > „Jizohak." „Wie alt sind Sie?" „Neunzehn Jahre." „Verheiratet?" J>t a. ■ „Haben Sie Kinder?" „Ja." „Welchen Beruf haben Sie?" „Ich bin Kaufmann." . „Wer ist die Tote?" „Meine Schwiegermutter." „Wie heißt sie?" „Jente." „Wie heißt ihr Vater?" „Gerschon." „Wie alt ist sie?" „Vierzig Jahre." „Woran starb sie?" „An einem Schreck." „An einem Schreck?" „Ja, an einem Schreck." Der Landjäger legt die Feder zur Seite, raucht seine Zigarette zu Ende und mißt mich mit schar fem Blick vorn Kopfe bis zu den Füßen.' Da an steht er auf, spuckt aus und geht mit mir auf die Straße hinaus. Draußen streift er das Tuch vom Leichnam ab, wirft auf ihn einen Blick und sagt zu den Vorstehern der Chewrah Kaddischah „Die Tote wird zur Bestattung freigegeben aber den jungen Mann muß ich noch zurückhalten und genau feststellen, ob seine Angaben stimmen." Sie können sich denken, daß die Angelegenheit für mich nicht so einfach verlief. Zunächst wurde ich noch einmal vernommen. Dann kam es bald zu einer Gerichtsverhandlung, zu der der Wirt des Dorfgasthauses und seine Kinder erschienen. Ich wurde freigesprochen. Aber was ich später von meiner Schwiegermutter auszustehen hatte, wünsche ich nicht einmal meinem ärgsten Feind. Leah erzählt— Was sie am blutigen Sonntag in Jaffa erlebte. Leah ist eine jener sefardischen Frauen, die wie Sechzigerinnen aussehen, obwohl sie die Vierzig noch nicht erreicht haben. In der entlegenen Schechuna jenseits von Newe Scbalom bei Tel Awiw bewohnte sie eine kleine Baracke mit ihren drei Kindern. Ihr Mann ist vor drei Jahren nach Brasilien ausgewandert und läßt wenig von sich hören. Ganz allein trägt sie die Last des Haushaltes auf ihren Schultern und ernährt ihre drei Kinder durch ehrliche Arbeit, Sie geht auf Tagelohn, wäscht und putzt, verrichtet alle schweren Arbeiten und ist glücklich, abends soviel heim zu bringen, daß ihre Kinder nicht hungrig zu Bett und morgens nicht ohne Frühstück in die Schule gehen müssen. Sie wäre mit ihrem Lose zufrieden, gäbe es keine Hausmiete. Seit drei Monaten konnte sie die Miete nicht aufbringen. Sie mußte 'die Baracke räumen und sich mit einer Ecke in einer anderen Hütte, einem wahren Loch, begnügen. Aber der erste „Hausherr" gab keine Ruhe, verklagte sie, und sie hatte an jenem Sonntag vor dem Amtsgerichte in Jaffa zu erscheinen. Und nun erzählt Leah: Morgens gegen neun befand ich mich auf dem Wege zum Amtsgericht, wußte von nichts. Ich merkte aber gleich, daß etwas in der Luft lag. Junge und ältere Araber liefen, wie vom Wahnsinn , getrieben, hin und her, mit Steinen, Eisennägeln, Flaschen, auch Dolchen und Revolvern in der Hand. Aus ihren Augen sprühte wildes Feuer, Ich wollte zurück und bog, um die Straße zu umgehen/in die König Georg-Promenade ein, - wo sich mir noch eine ältere Frau, die den gleichen Weg hatte, anschloß. Aber gerade hier, o Schrecken! mußten wir' durch eine Ansammlung von arabischen' Burschen passieren. „So seht euch mal diese Jüdinnen an," rief einer, „wandeln ruhig und frech durch unsere Reihen und wissen nicht, daß wir sie bald in »die Hölle schicken . . ." Wir waren wie von wilden Bestien verfolgt. Ich flehte die Burschen an: „Was wollt ihr von mir? Ich bin eine schwache kranke Frau und habe drei Kinder zu ernähren. Es wäre schön von euch, wenn ihr uns bis zur Grenze von Tel Awiw begleiten und beschützen wolltet." Ein höllisches Lachen war die Antwort, aber sie taten uns nichts, riefen nur: - „Geht nur, Jüdinnen, weiter, es werden es euch schon andere besorgen. Ihr kommt nicht lebend nach Hause." Und wirklich waren wir bald von einer anderen Bande umringt, die mit blitzenden Dolchen und Messern um uns herumfuchtelte. Ich sah, daß eine Rettung-nur noch durch ein g'ttlichesj Wunder, kommen konnte und wußte, daß ich eines' solchen nicht! würdig war. So ergab ich mich,in mein Schicksal und fing an, die Sterbegebete zu sprechen. Meiiie ältere. Begleiterin sprach jedes Wort nach. Ich hatte,: kein Wort mehr auf den Lippen und keine Träne \ mehr im Äuge, dachte nur noch an meine Kinder, die vergebens auf die Heimkehr der Mutter warten und nun. ohne Vater und Mutter allein in der feindlichen Welt stehen werden. Schön hatte der dicke Araber mit. den teuflischen Augen seinen Dolch gezückt. Schreien? Zu wem? Menschen könnten uns, nicht mehr helfen und G'tt im Himmel'sah ^ünsere Not auch ohne Aufschrei. Meine Kinder standen mir vor Augen . . . " . ' Und auf einmal, urplötzlich, wie vom, Hknmöl geschickt! . . . Ein 'englischer Polizist kam auf dem Rad daher. Wir fanden die Sprache wieder und schrieen aus Leibeskräften. Und das'Wunder, dessen ich gewiß nicht .würdig bin, geschah! Vielleicht der anderen Frau wegen, die möglicherweise ein© Heilige war, vielleicht aber auch meiner kleinen Kinder wegen . . . Der Polizist richtete seinen Revolver, .gegen die Mörder, rief ein Taxi herbei und schob uns hinein. Mit Blitzeseile fuhr der Wagen, beschützt vom Polizisten mit der geladenen Waffe und begleitet von den Hohnrufen der Bande davon. An der Grenze von Tel Awiw stand ein ganzer Kordon von englischen Polizisten mit Stahlhelmen auf dem Kopfe und Gewehr in der Hand. Unser Begleiter tauschte nur einige Worte mit ihnen und der Weg in die Stadt wurde uns frei gemacht. — Diese Geschichte erzählte uns Leah, die sefardische Frau. Ihr erster Weg war in die Schul, um ein Licht, G'tt zu. Ehren, anzuzünden. Eine Woche lag sie schwer zu Bett mit einer Nervenerschütterung. Und nun kann sie wieder ihrer Arbeit nachgehen und abends ihren Kindern Brot bringen. Wenn sie an den Vorfall denkt, weint sie Tränen des Dankes, aber auch Tränen des Schmerzes über die anderen jüdischen Menschen, die an jenem und in folgenden Tagen in ähnliche Not gerieten, ohne daß ihnen ein Wunder geschehen ist . . . (Nach dem Tel Awiwer „Hajesisod"). Über zehn Prozent der Nobelpreisträger sind Juden. Die Nobelstiftung in Stockhohn hat ein Verzeichnis der 183 Männer veröffentlicht, die in den Jahren 1901 bis 1935 für Verdienste auf verschiedenen Gebieten mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden. Von diesen 183 Nobelpreisträgern sind 20 Juden. Sechs Juden erhielten den Nobelpreis für Physik (Albert Abraham Michelson, Gabriel Lippmann, Albert Einstein, 'Niels Bohr, James Franck und Gustav Hertz); sechs Juden erhielten den Nobelpreis für Physiologie und 'Medizin (Paul Ehrlich, Elias Metschnikoff, Robert Barany, Otto Meyerhof, Karl Ländsteiner und Otto Warburg)1; vier Juden wurden mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet (Adolf von Baeyer, Otto Wallach, Richard Willstätter und Fritz Haber); zwei Juden erhielten den Nobelpreis für Literatur (Paul Heyse und Henri Bergson); den Friedenspreis erhielten Tobias Michaer Karl Asser und Alfred Hermann Fried. Hachscharah in Italien. Genua, 29. Mai. Es ist der unermüdlichen Arbeit des allgemein geschätzten Herrn Sigi Hirsch zu verdanken, wenn unter ausdrücklicher Bewilligung der italienischen Regierung nunmehr in der Nähe Genuas bezw. in Albenga die dritte im Thorageiste geführte Hachscharah Italiens gegründet werden konnte. Die beiden deutsch-jüdischen Studenten Max Berman ' aus Ellingen und Adolf Wolferman aus Hambung standen Herrn Hirsch zur Durchführung seines Projektes tatkräftig zur Seite. Der bekannte Grundbesitzer Dr. Antonio Anfossi — Nichtjude — hat seine ausgedehnten Güter den deutsch-jüdischen Kolonisten zur Verfügung gestellt. In großzügiger Weise sorgt Herr Dr, Anfossi für Wohnung, Ernährung' und Ausbildung der Kolonisten. Ein Weinbergs zur Erzeugung von Koscherwein wird den Kolonisten ebenfalls unentgeltlich gestellt. Koscherfleisch geht den Kolonisten von Genua aus zu. Gleich nach Schewüoth treffen die Kolonisten; auf der heuen Hachscharah ein. Sie bringen ein Se f er aus der alten glorreichen, jüdischen Gemeinde Sienas mit.' Für die, Beibringung der Finanzen haben sich auch nichtjüdische Kreise, nsbesqndere der Lloyd Triestino, der auch bei ähnlichen Gelegenheiten niemals unter den Gebenden fehlt, in hochherziger Weise verdient gemacht. Herr Hirsch hat seine vielen eigenen" Verdienste um ein hohes Maß erhöht; er hat wieder einmal gezeigt, daß er als treu ergebener Jehudi Thörageist im Sinne seiner ererbten Güter — er ist der Enkel des unvergeßlichen Bankiers Louis Wolff in Hamburg — verbreitet. In seinen Betätigungen wird er stets von seiner Gattin geh; Sender nind.seinen Söhnen, die ganz 11 im Geiste ihrer Vorfahren erzögen sind, "ünterstütztl1 s Möge der ganzen Familie Hirsch noch ein langes1,1 n gesunde® Leben zum Ruhme .Israels beschieden sein, und möge ihr Walten und Wirken, viele Nachahmer . finden. Dabei darf auch nie. die Dänkyerpflichtttnj^' gegen die guten, stets humanen ' und wohltätigeil talienischen Juden und Nichtjuden vergessen werden. Dr; S. C

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