Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1936)
- Date
- 1936-06-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 24 1936 Olam haba* Von Schalom Alechem, Frei übertragen und bearbeitet von Dr. Bernhard Hirschbcrg-Schradcr. (Schluß.) „Wie heißt Du eigentlich?" frage ich ihn. „Mikita", erwidert er kurz. ■ ✓ „Mikita?" sage iah, und der Name bekommt für mich einen angenehmen Klang. „Aehe", erwidert er. Wenn, er doch nur noch einige Worte spräche! Und Miikita steigt in meiner Achtung. Ich will ihm etwas Liebes sagen und fange an, von seinem Pferd zu sprechen. „Du hast ein ausgezeichnetes Pferd, ein . großartiges Tierchen, Mikita." Mikita antwortet: „Aehe". „Und einen feinen Schlitten hast Du auch." „Aehe," erwidert er. „Du sprichst wohl nicht gern, Mikita?" „Aehe", sagt er wieder. Ich lache laut auf. Es ist mir so wohl zu Mute. Am liebsten würde ioh singen. Das liegt in meiner Natur. Wenn ich froh bin, fange ich an zu singen. Meine Frau kennt das und weiß, daß mir etwas Gutes passiert ist, wenn ich singe. „Was ist geschehen? Wieviel hast Du verdient?" fragt sie dann. Die Frauen glauben immer, daß der Mann nur fröhlich ist, wenn er Geld verdient ... Nun sind wir g'ttlob angekommen. Es ist sehr dunkel. Das Städtchen scheint noch in tiefstem Schlaf zu liegen. Wir suchen und finden ein Haus mit einem Tor, auf dem ein Besen angebracht ist. Das deutet auf ein Gasthaus hin. Mikita und ich steigen aus dem Schlitten, und wir beginnen, mit den Fäusten <gegen das Tor zu klopfen. Nach wenigen Minuten flammt ein Licht auf. Wir vernehmen Schritte, und gleich darauf ruft eine Männerstimme: „Wer ist dort?" „Oeffnen Sie," sage ich. „Sie werden Olam haibäh bekommen." ,„Ölam habah? Wer sind Sie?" fragte der Mann hinter dem Tor und schickt sich an, es zu öffnen. „Machen Sie auf, ich habe einen Leichnam mitgebracht." „Einen Leichnam. Was soll das heißen?" „Das soll heißen, daß ich. eine tote Jüdin aus einem Dorrwirtshaus hergebracht habe." Nach diesen Worten wurde es still. Wir hörten nur, wie der Mann das Tor wieder zuschloß und sich leise davonmachte. Auch das Lidht erlosch. Mich ärgerte das sehr. Ich wende mich an den Fuhrmann und fordere ihn auf, mit mir gemeinsam an das Fenster zu pochen. Wir klopfen heftig. Das Licht blitzt .wieder auf und der Mann erscheint, „Was wollen Sie eigentlich von mir? Was ist denn geschehen?" fragt er. „Um G'ttes willen, öffnen Sie. Ioh bringe hier eine tote Frau." „Wer ist die Tote?" „Die Frau eines Dorfgastwirts." „Wer ist der Gastwirt?" „Ich habe seihen Namen> vergessen. Aber die Tote heißt Ghawa Michael bas Ghana Rephiael. Nein, Ghana ftephael bäs Chawa Micheal . . . Ghawa heißt sie." „All das geht mich gar nichts an," sagt er und entfernt sich. Erst eine Stunde später, als es bereits heller wurde, öffnete ein Mann mit schwarzem Haar ein wenig das Tor und fuhr mich brüsk an: „Sie waren es also, der an das Fenster wie toll klopfte?" „Ich war es." Was wollten Sie?" „Ich habe eine tote Frau gebracht." „Eine tote Frau? Führen Sie den Leichnam zu dem Schames der Chewra Kaddischah." „Wo ist der Schames zu finden? Wie heißt er?" „Man nennt ihn Jechiel, und er wohnt in der Nähe der Badestube." „Wo ist die Badestube?" „Das wissen Sie nicht? Sie sind wohl nicht von hier? Woher sind Sie, junger Mann?" „Ich bin von Radomschili, aber ich komme aus Swohil und bringe den Leichnam aus einem Dorfwirtshaus, das nicht weit von hier liegt. Es ist die Frau des Gastwirts. Sie ist an Lungenschwindsucht gestorben." „Die Sache wird nicht so einfach sein, wie Sie sich das denken," sagte der Mann. „Sie werden zunächst zu den Vorstehern der Chewra Kaddischah gehen müssen." „Wer sind die Vorsteher? Wo finde ich sie?" „Reb Schepsel wohnt jenseits des Marktplatzes, Reb Eleasar Mosche in der Mitte des Marktplatzes und Reb Jose neben dem alten Bethaus. Vor allem müssen Sie Reb Schepsel kennen lernen. Er ist die Hauptperson, ein harter Mensch, mit dem Sie es nicht leicht haben werden." „Ich danke Ihnen. Wann werde ich die Vorsteher sehen können?" „So G'tt will, heute morgen nach dem G'ttesdienst." „Was soll ich aber bis dahin mit der Zeit anfangen. Lassen Sie mich doch eintreten, damit ich mich wenigstens erwärmen kann. Ich bin ja ganz durchfroren. Hier ist doch ein Gasthaus." Als der Mann das hörte, schloß er das Tor wieder zu. Wir stehen auf der Straße. Mikita ist aufgebracht, brummt und kratzt sich im Nacken. Er spuckt aus und sagt fluchend: „Der Teufel hole alle Gastwirte auf der ganzen Welt. Ich für mein Teil könnte alles ertragen, aber mein armes Pferd, das unschuldige Tier. Was hat es denn verbrochen, daß es hier verhungert und erfriert?" Mir ist es vor dem Fuhrmann peinlich. Wir warten auf der Straße, bis es ganz hell wird und die Stadt zu leben beginnt. Und bald lassen sich auch die ersten Geräusche vernehmen. Aus vielen Schornsteinen steigt Rauch empor. Hähne krähen, Türen gehen auf, und allerlei Lebewesen drängen auf die Straße hinaus: Kälber, Ziegen, Hühner. Frauen, Männer und Kinder erscheinen, gehüllt in warme Schals. Sie zittern vor Kälte. Die Männer gehen zum Bethaus und die Frauen an ihre Arbeit. Ich wende mich an einige Juden, die des Weges kommen, und frage sie nach Reb Schepsel, Reb Eleasar Mosche und Reb Jose. Sie machten erstaunte Gesichter und fingen an, mich auszuforschen. Ioh erzählte ihnen mein Anliegen. Aber sie wollten es nicht glauben. Sie gingen an den Schlitten heran und überzeugten sich, ob der Leichnam auch wirklich vorhanden sei. Immer wieder strömten Menschen herbei und sahen in den Schlitten hinein. Sie fragten mich, wer ich sei, wie ich dazu käme, einen Leichnam hierherzubringen. Aber niemand half mir. Schließlich erfuhr ich nach langem Verhandeln, wo der Vorsteher der Chewra Kaddischah, Reb Schepsel, anzutreffen sei: im Bethaus. Ich trat ein und fragte näoh ihm. Man zeigte ihn mir. Er stand in Tallis und Tefilliri gegen die Wand gekehrt und betete. Ich ging auf ihn zu. Er betete mit einem süßen Niggun und mit viel Hingebung. Ich wartete. Als sich Reb Schepsel mir zuwandte, standen Tränen in seinen Augen, und er erschien mir in diesem Moment als ein g'ttlicher Mensch, dessen Seele in weiten Fernen weilte. „Schalom alechem, Reb Schepsel," rede ich ihn an. „Alechem schalom. Setzen Sie sich." „Danke." „Nun? Sie wünschen?" „Ich habe eine Bitte an Sie. Sie werden sich Olam habah verdienen." „Olam habah? Gut. Was aber führt Sie zu mir?" „Ich habe einen Leichnam hergebracht." „Einen Leichnam? Wer ist gestorben?" „Nicht weit von hier liegt mitten auf dem Feld ein Wirtshaus. Die .Frau des Gastwirts ist an Lungenschwindsucht gestorben und hat mehrere kleine Kinder hinterlassen. Ich habe mich erbarmt und die Verstorbene in meinem Schlitten mitgenommen. Der Mann mußte doch bei den armen Kindern bleiben." „Baruch dajan emeth . . . Haben Sie Geld für die Bestattung?" „Geld? Der Wirt ist arm und hat eine Stube voll Kinder. Olam habah werden Sie sich verdienen, wenn Sie helfen." „Olam habah? Schön. Sehr schön," erwiderte er und drehte sich der Wand zu. Er begann aufs neue zu beten. Nicht mehr so laut wie zuvor. Wenig später streifte er Tallis und Tefiiiin ab und fuhr mich erbost an: „Junger Mann, merken Sie sich eines: Das Städtchen ist arm, hat genug bedürftige Leute. Wir können Fremde überhaupt nicht aufnehmen." „Ich bin an der ganzen Sache vollkommen unschuldig," sagte ich. „Aber ich habe meine Pflicht getan und einem armen Menschen geholfen. Sie sind doch ein frommer Mann und werden einem Toten die letzte Ehre nicht verweigern. Olam habah ist Ihnen sicher." Reb Schepsel geriet in Wut. „Sie kommen mir immer wieder mit Ihrem Olam habah. Gehen Sie doch durch das Städtchen, sehen Sie sich das Elend an, tun Sie etwas für die Armen, und Sie werden sich dadurch Olam habah erwerben. Wir haben unsere eigenen „Mizwoth und Maasim towim" und sollten wir noch mehr Olam habah «wünschen, so werden wir uns schon einen Rat zu verschaffen wissen." So sprach zu mir der Vorsteher der Chewra Kaddischah, Reb Schepsel, und drängte mich sanft zur Tür hinaus. Als ich wieder draußen war, stieß ich auf die beiden anderen Vorsteher der Chewra Kaddischah, Reb Eleasar Mosohe und Reb Jose. „Sind Sie der junge Mann, der den Leichnam hergebracht hat? fragte der eine. „Ja, ich bin es." „Kommen Sie zurück zu Reb Schepsel. Wir wollen gemeinsam beraten." Sie nahmen mich unter die Arme und führten mich in das Betbaus. Wir gingen in einen Nebenraum. Bei der Unterredung war Reb Schepsel hartnäckig und wollte nicht nachgeben. Er machte immer wieder geltend, daß das Städtchen arm sei und nicht durch Fremde belastet werden dürfe. „Soll vielleicht der junge Mann 'den Leichnam wieder zurückführen?" fragte einer der Vorsteher. „Das ist ausgeschlossen," erwiderte ich. „Ich bitte Sie, mir den Leichnam abzunehmen. Sie werden dafür bestimmt Olam habah bekommen."