Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1936)
- Date
- 1936-06-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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5 ^'&&i^>$-.--. 11. Juni 1936 Der Israelit Nr. 24 Seite 9 den^wären. .Solange man von Fall zu Fall die Maßnahmen bei den Behörden erst erbitten und erbetteln muß, wird schwerlich eine Beruhigung und Befriedung im Land« «intreten.. Mn. G.-P. Brasilien. Brief aus Brasilien, Sao Paulo, 21. Mai. Brasilien ist bekanntlich das Land der Zukunft. Daß Brasilien bald so groß wie Europa ist und nur 40 Millionen Einwohner, idarunter etwa 40 000 Juden zählt, von denen etwa 18 000 in Rio de Janeiro und etwa 12 000 in Sao Paulo leben, dürfte sicherlich bekannt sein. Die Juden genießen hier volle Gleichberechtigung und ist Antisemitismus hier mit Ausnahme von einem minimalen Kreis Europäer, ein Fremdwort. In der letzten Zeit sind hier, etwa 400 Juden aus Deutschland eingewandert, doch durchweg der liberalen Richtung angehörend, was wahrscheinlich nur darauf zurückzuführen ist, daß in orthodoxen Kreisen die Vermutung besteht, daß man in Brasilien nicht religiös leben kann. Diese Vermutung beruht auf einem Irrtum. Hier in Sao Paulo besteht zurzeit eine in jeder Hinsicht einwandfreie Mikwah, die für Frauen vollständig frei ist. Ferner besteht eine Talmud Thora, wo ca. 300 Kinder Thora im derech erez lernen und auf streng religiösem, gesetzestreuem Boden erzogen werden. Die 'Koschermetzgereien stehen unter Aufsicht des aus Jerusalem stammenden Rabbiners S. M. Lewin, der auf talmudischem Gebiete eine Autorität ist. Ferner besteht hier eine mn *iaw man wo tätlich morgens und abends mit Mimjan gebetet und ntaxa nviw gelernt Wird. Außerdem bestehen hier etwa 8—10 ziemlich große Synagogen ohne Orgel usw. Man kann also hier ruhig und absolut einwandfrei wie in jeder osteuropäischen Stadt leben. Der Lebensunterhalt ist hier ungewöhnlich billig. So kostet hier z. B. ein kg Koscherfleisch etwa 30 Pfg. Orangen, Ananas, Bananen, Mandarinen sind hier weit billiger als Kartoffel in Europa in der billigsten Zeit. Milch, ein Liter etwa 12 Pfg. Für etwa Mark 4500.— bekommt man hier ein schönes' 6—8-Zimmerhaus in der Stadt, außerhalb für die Hälfte zu kaufen. Die 400 Juden aus Deutschland, die hier in der letzten Zeit eingewandert sind, haben , sich ziemlich schön eingelebt und auch wirtschaftlich eingeordnet. Die Industrie und' der Handel sind hier noch ziemlich jung, und könnten deutsche Juden mit etwas. Kapital auf diesem Gebiete hier noch s&hr viel leisten. Wenn hierher z. B. einige Frankfurter orthodoxe Persönlichkeiten kämen, dann könnte, wie ich hoffe, hier bald ein zweites Frankfurt entstehen. Besonders in Sao Paulo ist das Klima ziemlich europäisch. Hier leben auch etwa 80 000 deutsche Nichtjuden, die teilweise auch große und gut florierende Industrie- und Handelsunternehmen besitzen, die aus verschiedenen Gründen zurück in ihre Heimat möchten und gerne ihr hiesiges Geschäft und Vermögen mit einem solchen in Deutschland tauschen würden. Zu weiteren gewissenhaften Auskünften bin ich stets gerne bereit. J. B. Th. (Bemerkung der Redaktion: Wir haben uns an für Auswanderung zuständiger Stelle in Berlin über die hier gemachten Angaben erkundigt, und teilt uns dieselbe mit, daß die Darstellung des Einsenders in manchen Punkten, besonders was die wirtschaftlichen Chancen in Brasilien betrifft, etwas übertrieben optimistisch ist. Vor allem aber sei für die Auswanderer nach Brasilien, wie in der Korrespondenz des Hilfsvereins in der jüngsten Nummer dargetan ist, einige Kenntnis der portugiesischen Sprache durchaus notwendig.) Die Woche- Amerika« Landwirtschaftliche Ansicdlung jüdischer Industriearbeiter in Amerika« New York, 3. Juni. Im Rahmen der staatlichen Wiederbesdedlungsaktibn soll in den nächsten Tagen in Hightstown, New Jersey, die Eröffnung einer landwirtschaftlich industriellen Siedlung vorgenommen werden, für die als erste Gruppe 35 Familien von New Yorker jüdischen Arbeitern der Bekleidungsindustrie bestimmt sind. Es Berlin, Der Reichs- und Preußische Minister des Innern hat, wie in der Tagespresse bekannt gemacht wird, angeordnet, daß künftig bei verantwortlichen Vernehmungen durch die Polizei die Religionszugehörigkeit des Beschuldigten, auch die frühere Religionszugehörigkeit, aufzunehmen sei. — Der Einzelrichter in Paderborn hat die zunächst durch Strafbefehl über den 58jährigen jüdischen Metzger Albert Süßmann aus Altenbeken verhängte viermonatige Gefängnisstrafe bestätigt. Vierzehnjährige Jungen hatten beobachtet, daß der Angeklagte ein Kälbchen ohne vorherige Betäubung geschlachtet hat. — Die Sprechstunden beim Hilfsveredn der Juden in Deutschland e. V., Berlin W 35, Ludendorffstr. 20, finden in Zukunft am Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag von 9 bis 13 Uhr statt. Mittwoch ist keine Sprechstunde. Brüssel. Der Vorsitzende des Jüdischen Zentralkonsistoriums für Belgien, Prof. Dr. Maurice Philipson, hat der Freien Brüsseler Universität, an der er Physik unterrichtet, ein vollständiges medizinisches Laboratorium geschenkt. Aus diesem Anlaß fand eine Feier statt, bei der der Rektor der Universität und Staatsminister Paul Hymans die wissenschaftlichen Verdienste Prof. Philipsons und seine Leistungen für die naturwissenschaftliche Fakultät würdigten. Paris. Hier wurde ein Komitee für den Palästinapavillon auf der Pariser Ausstellung von 1937 gebildet. Dem Komitee gehören auch Louis Asscher und Guy Rothschild an. — Der Bürgermeister von Lyon, Edouard H e r r i o t, hat einen Platz zur Aufstellung eines Denkmals für den F e 1 d - rabbiner Bloch zur Verfügung gestellt. Großrabbiner Bloch, der als Freiwilliger ins Heer eingetreten war, hatte sich eines Abends in die Zone zwischen den beiderseitigen Schützengräben gewagt, um Verwundeten Hilfe zu leisten. Er reichte auch Katholiken den letzten Trost. Kowno. Die litauische Regierung hat den jüdischen Publizisten Dr. R u b i n s t e i n , Chefredakteur der „Jüdischen Stimme" in Kowno, und den Vertreter der jüdischen Kriegsteilnehmer, G o 1 d b e r g , in die Kandidatenliste für die Neuwahl des litauischen Parlaments aufgenommen. Ihre Wahl erscheint gesichert. Talinn (Reval). Dieser Tage feierte die estländische Judenheit das 10jährige Jubiläum der jüdiSiChen Kulturautonomie in Estland. Aus diesem Anlaß fand eine Festveranstaltung statt, der auch Vertreter der Regierungsstellen und zahlreiche ausländische Gäste beiwohnten. Budapest. In den nächsten Tagen trifft das nach der zweitgrößten Stadt Ungarns benannte Motorschiff „Szeged", das zweite für den Levante-Verkehr gebaute ungarische Donau-Seeschiff, von seiner ersten Fahrt über die Donau und das Schwarze Meer nach Palästina und Aegypten wieder in Budapest ein. Es bringt Zitrus-Früchte aus Palästina und Baumwolle aus Aegypten mit. Beirut. Die jüdischen Kaufleute von Beirut haben einen Gegenboykott gegen diejenigen arabischen Unternehmungen beschlossen, die die Boykottierung jüdischer Waren aus Palästina erklärt haben. Jerusalem. Die Leitung der Misrachi-Bank hat in ihrer letzten Generalversammlung beschlossen, für das abgelaufene Geschäfts-' jähr eine siebenprozentige Dividende auszuschütten. — Die zionistische Exekutive hat sich telefonisch nach London mit der Forderung gewandt, daß die für den 23. Juni nach Jerusalem einberufene Sitzung des zionistischen Aktionskomitees auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werde. Tel Awiw. Die drei jüdischen Schiffahrts- . gesellschaften „Palestine Shipping Co.", „Palestine Lloyd" und „Atid" haben sich zu einem Verband zusammengeschlossen," um eine bessere Verwertung der Arbeitsmög- Mchkeiten für die jüdische Schiffahrt zu sichern. Petach Tikwah. Nach einer Erhebung des Arbeiterrates sind im Gebiete Petach Tikwah zurzeit 1020 Arbeiter, und zwar 913 Juden und 107 Araber, beschäftigt. Unter normalen Umständen ist die Zahl der Arbeiter wesentlich höher. wird bekannt gegeben, daß Anfang Juni 35 Häuser beziehbar sein werden. Eine Kleiderfabrik ist bereits fertiggestellt. Neben der Arbeit in dieser Fabrik werden die Siedler zusätzlich landwirtschaftliche Arbeit zur Selbstversorgung und zum Verkauf auf den ihnen überlasisenen Parzellen treiben. Nach ihrem vollständigen Ausbau wird die Siedlung eine Milchwirtschaft und Geflügelzucht, Genossenschaftsläden und ein Gemeinschaftszentrum besitzen. Jede Familie erhält ein Haus und ein Acre Boden. Botschaft Roosevelts an die Judenheit Amerikas. New York, 28. Mai. Der United Palestine Appeal veranstaltete in New York im Hotel Astor ein Festbankett, an dem "Staatssekretär für Inneres, Harold L. Ickes, als Ehrengast teilnahm. Der Staatssekretär hielt eine Ansprache, in der er u. a, erklärte: „Präsident Roosevelt hat mich beauftragt, Ihnen als einem integrierenden, wertvollen Element der Nation zu sagen, daß er betrübt und beunruhigt ist über die Entwicklung in gewissen Teilen der Welt. Er ist der Ueberzeugung, daß eine wahre, dauernde Verständigung zwischen den Nationen einmal kommen wird und die Minderheiten ihr Recht erhalten. Der Präsident bringt durch mich Ihnen, als den Vertretern einer großen, mannhaften Rasse gegenüber, die Hoffnung zum Ausdruck, daß ruhigere, leidenschaftslosere Beurteilungen sich durchsetzen werden, sowie den festen Glauben, daß die Regierung der Vereinigten Staaten in Vollstreckung des Volkswillensi den innerhalb ihrer Grenzen lebenden Minderheiten stets achtsame Obhut widmen und jene vitalen Rechte unverletzt aufrecht erhalten wird, die die Verfassung auch dem bescheidensten unserer Bürger gewährleistet." Der New Yorker Staatsgouverneur Lehman amtsmüde? New York, 28. Mai-. In politischen Kreisen^ hat die Erklärung des New Yorker Staatsgouverneurs, Herbert H. Lehman, er sei. entschlossen, eine abermalige Wiederwahl nicht anzustreben, außerordentliches Aufsehen hervorgerufen. Im Falle einer neuerlichen Kandidatur wäre die Wahl Gouverneur Lehmans, der vor zwei Jahren bei seiner Wiederwahl die größte Mehrheit erhielt, die jemals ein Anwärter auf den Posten eines Staatsgouverneurs von New York erzielt hat, unbedingt gesichert gewesen. Die Vereinigten Staaten und die Regelung der Rechtsverhältnisse Ausgewanderter. Washington, 5. Juni. Amtlich wird bekannt gegeben, daß die Vereinigten Staaten an der zwischenstaatlichen Regierungskonferenz zur Regelung der Rechtslage aus Deutschland ausgewanderter Personen, die am 2. Juli in Genf zusammentritt, nicht aktiv teilnehmen wird, Wie der ITA. vom amerikanischen State Department (Außenamt} mitgeteilt wird, ist zwar die aktive Beteiligung Amerika® nicht in Aussicht genommen, doch werden sich die Vereinigten Staaten bei der Konferenz durch einen Beobachter vertreten lassen. Das State Department hat den amerikanischen Konsul in Genf, Mr. Gilbert, ersucht, den Verhandlungen der Konferenz beizuwohnen. Diese Stellungnahme der amerikanischen Regierung wird in der Mitteilung an die ITA. damit begründet, daß auf der Tagesordnung der Konferenz ausschließlich die Behandlung von Fragen steht, die den rechtlichen Status von Flüchtlingen betrifft; der Status von Ausländern, die nach den Vereinigten Staaten kommen, sei jedoch bereits gesetzlich geregelt, wobei kein Unterschied gemacht wird, ob es sich um Flüchtlinge" oder andere Personen handelt, Antisemitismus in Amerika im allgemeinen im Rückgang. Philadelphia, 29. Mai. Das aus einem katholischen Priester, einem protestantischen Pfarrer und einem Rabbiner bestehende i