Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1936)
- Date
- 1936-06-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 24 Der Israelit .11. Juni 1936 Tel Awiwer Bürgermeisterreden. Dizengoff, der Bürgermeister der jüdischen Stadt Tel Awiw, ist kein Mann der Worte, sondern der Taten. Mit der Geshichte des neuen Jischuw, besonders der ersten großen jüdischen Stadt, wird sein Name ewig verbunden bleiben, und es dürfte keinen in Erez Israel wie in der Golah geben, der dem tatvollen Manne die Achtung versagte. Was aber die Reden dieses Mannes an der Spitze des ersten rein jüdischen Gemeinwesens betrifft, so wäre man versucht, das bekannte Wort zu variieren: ,,Richtet Euch nach seinen Taten und nicht nach seinen Worten." Der trotz Alter und Krankheit immer noch jugendliche Stadtvater von Tel Awiw, der auf seinen alten Tagen das von ihm aufgebaute Werk — dazu gehört schließlich nicht allein Tel Awiw — von allen Seiten bedroht und gefährdet sieht, hätte heute, sollte man glauben, manches schöne Wort des Trostes, der Aufrichtung und auch der Mahnung an seine Gefolgschaft in Stadt und Land zu richten. Wir erwarten gewiß von ihm keine Mussarreden, keine Appelle zur Umkehr oi unserem Sinne. Aber auf die Zeichen der Zeit und auf den G'ttesfinger in den Jetzten Ereignissen hätte er schon hinweisen dürfen. Aus seiner Seele hätte jetzt der Psalm erklingen müssen vcn dem Hause, ,,an dem man vergebens arbeitet, wenn G'tt es nicht baut", von der Stadt, „die wir vergebens schützen, wenn sie G'tt nicht hütet", jetzt mehr denn je. Statt dessen hören wir aber bei den vielen Anlässen, bei denen er in lezterer Zeit das Wort zu ergreifen ha*.te, ganz Anderes aus seinem Munde: So hätte er bei der Eröffnung eines neuen Museums in Tel Awiw, kurz vor Ausbruch der Unruhen, eine Apotheose auf den „G'tt der Künste" gehalten, wobei der „fiajessod" mit Recht fragt, ob er die Götter des Olympus damit meinte, oder den G'tt, der auf dem Sinai: VüD ^b nwn üb rief. Bei der Einweihung eines Pavillons auf der Levante- Messe hielt er es für geschmackvoll, zu sagen, daß das alte Wort: o-wn tob xy> nV'sn rrn 'D sich nunmehr in dem Sinne wandele, daß „Palästina zum Zentrum des Welthandels werden s o 11." Wir wollen in ernster schwerer Zeit nicht kleinlich um Worte streiten. Aber erinnern möchten wir doch den Herrn Bürgermeister daran, daß der Mann, der vor ein paar tausend Jahren jenes Wort vond'OSrn tob nV'Srt 1T3 geprägt hat, nämlich König S a 1 o ffl o n , auch etwas von Handel und Messe verstand. Auch zu seiner Zeit war wie Nach der Korachrevolte. Nachdem die Korachrevolte niedergeschlagen und dem Volke deutlich vor Augen geführt •ist, daß "Di 'n )'K '3 ■ton b«, ein Steigen ohne G'tt nicht denkbar ist, folgen in der Sidra einige Vorschriften, die wohl mit zur Liquidation jenes Aufruhrs dienen sollen. Das Gesetz der Gußopfer, der Hebe, Tlbtl genannt und zuletzt das Zizith gebot. „Drei Affekte", lehrt Perek, „bringen den Menschen — auch ganze Völker — aus der Welt: Der Neid, die Gier und der Ehrgeiz." -nasm rnunn niupn« Leider erfahren wir gerade aus den laufenden Abschnitten im vierten Buche, wie auch das Volk in der Wüste, großen Zielen entgegengehend und das Erlebnis des Sinai noch in der Seele, nicht ganz rein von diesen bösen Eigenschaften war. Anwandlung von ntup Neid spricht doch aus der Episode von Aron und Miriam, 'die einmal, — aber einmal nur und nie wieder — Moseheh zu verkleinern suchten. Unstillbare Gier ergriff das Volk, nicht allein den »poaoK (Gesindel), sondern auch „die Söhne Israels", als sie nach dem Fleische schrieen und später dn den Wachteln die Erfüllung und zugleich Ahndung ihres Wunsches fanden. Dort wurde „die Gier begraben", wovon der Name nWflfl finap zeugt. Die K o ra ehr e v o 11 e ist aber aus dem vielfach in der Bibel zu lesen ist, Erez Israel — ohne Levante-Messe — Zentrum des Welthandels, auf dessen Märkten sich Phönizier und Kananiter und alle Völker des Morgenlandes trafen; wo Gold- und Edelsteine gegen das Zedernhölz und andere Produkte Palästinas ausgetauscht wurden. Aber nicht davon sprach das Oberhaupt der großen jüdischen Gemeinschaft damals, sondern vom geistigen Zentrum, dem nV'Sn ^'2' von dem Höhepunkte, Von Schalom Ben-Chorin in Jerusalem. 1. D i e S i t u a t i o n. Seit einigen Wochen ist Palästina, die „öffentlich rechtlich gesicherte nationale Heimstätte des jüdischen Volkes", ein Pogromgebiet geworden. Man vermeidet das Wort „Pogrom", das nicht nur einen schauerlichen, sondern zugleich unwürdigen Tatbestand bezeichnet, peinlichst, und dennoch können die Vorfälle im Heiligen Lande nicht anders bezeichnet werden. Eine gewaltige Mehrheit von Arabern terrorisiert mit allen Mitteln die jüdische nationale Minderheit in Palästina, um so einen Druck auf die englische Mandatsregierung auszuüben, sie' zur praktischen Annullierung der Balfour-Deklaration und zur völligen Stoppung der jüdischen Einwanderung zu bewegen. All 'dies geschieht zu einer Zeit, da die jüdische Not in der Welt furchtbarste Ausmaße annimmt und sich kein Land den Vertriebenen öffnen will. Es liegt nahe, Vergleiche zu ziehen zwischen der momentanen Situation und dem arabischen Aufstand von 1929. Wiewohl die Zahl der Opfer damals größer war, ist die augenblickliche Lage noch ernster zu beurteilen. Im Jahre 1929 war eine große Eruption der arabischen nationalen Kräfte in Palästina zu verzeichnen, wie ein Vulkan brach die — künstlich entfachte — Wut der Araber über die Juden Palästinas herein. Heute hingegen handelt es sich um einen permanenten Zustand, eine Zermürbungstaktik der arabischen Nationalisten, die, zum Aeußersten entschlossen, von ihren Leuten verlangen, wirtschaftliche Existenz und Leben für die nationalen Forderungen zu opfern. Der Konflikt ist im Tiefsten unlösbar. Das ist die Tragik des Zionismus. Israel ist das „Volk Jagen nach "naa» aus Ehrgeiz geboren. Um I diese bösen Eigenschaften aus dem Volke Seiner Wahl für alle Zeiten auszumerzen!, werden uns im Schlußkapitel der Sidra die obgenannten Gebote gelehrt. . Die Gußopfer, ein Symbol der Freudigkeit, der Zufriedenheit, schalten die ns«p> den Neid aus und lehren den Menschen ip^na nnw» genügsam und zufrieden mit dem, was ihm G'tt gegeben, zu sein. Das n^n-Gebot ist, gleich allen derartigen Geboten, so Terumah, Maasser, Bikkurim, wie überhaupt alle Bodengesetze, dazu da, die Gier des Menschen zu dämpfen. Das Erste und Beste Deine® Ertrages, sei es Produkt des Bodens oder des Troges, gehört G'tt ... Den falschen Ehrgeiz vertreiben aber am besten die Zi zi t h f ä d en am Gewände. Das Kleid ist es, das die Menschen voneinander scheidet, trennt und teilt in Reich und Arm. Tragen sie aber alle das gleiche Gewand mit dem Faden von gleicher Hirnmelsfarbe, so binden sie diese Fäden mit Ihm, der Vater aller ist und jeden Menschen auf den Posten stellt, wo er seine Aufgabe erfüllen kann. Die schädlichen Auswirkungen des menschlichen Ehrgeizes, der zu jener Korachrevolte geführt hat, sind damit restlos beseitigt. So versteht man auch schließlich die von Raschi zitierte Darstellung des Midrasoh, daß Korach und sein Anhang sich in T a 1 i t h ig e w ä n d e r gehüllt hätten, als sie mit ihren überspitzen Gleichheitsansichten vor Moseheh traten. Diese Gewänder des Aufruhres hatten keine Zizithfäden. Es fehlte ihnen das äußere Zeichen des Vertrauens zu Ihm, der die aus dem der Glanz der Sittlichkeit und G'tteserkenntnis für die Welt ausging. Es wäre schön •und angebracht gewesen, wenn der Herr Bürgermeister die letzten Ereignisse als .Mahnung gedeutet hätte, das geistige Zentrum, das wir G'tt — und G'tt uns :— in Zion errichten sollen, besser zu pflegen, als es in manchen Kreisen seiner Freunde und Mitarbeiter bis jetzt geschehen ist. ohne Raum" kat exoehen. Es kann die Frage, welche die Fraglichkeit seiner anormalen' Existenz in allen seinen Exil-Wohnländern auslöst, die sogenannte ,,Judenfrage" nicht anders lösen, als durch Heraufbeschwören einer neuen, nicht minder schwerwiegenden Frage — der Araberfrage. Es gibt einen bekannten jüdischen Witz: ein Arier fragt einen Juden, warum antworten die Juden auf eine Frage meist wieder mit einer Frage? Darauf der Jude; Nun, warum sollen sie nicht mit einer Frage antworten? Dieser Witz gewinnt in Palästina weltgeschichtliche Bedeutung. Die Juden sind 'hier gezwungen zu ihrer alten Untugend: sie müssen auf eine Frage mit einer Frage antworten: auf die Judenfrage mit der Araberfrage. Der bekannte Soziologe Dr. Arthur Ruppin hat dieses Faktum einmal so formuliert: überall auf der Welt gibt es eine Judenfrage, nur in Palästina gibt es eine Araberfrage.. Das ist sehr geistreich gesagt, aber das ist auch alles. Die tiefe Tragik besteht ja eben darin, daß die „Araberfrage" in Wirklichkeit gar nichts anderes ist, als die alte „Judenfrage", nur mit der einen Variante, daß die Juden demselben Tatbestand einen anderen Namen gegeben haben. Es ist „Schumi haschem", von einer Araberfrage zu sprechen, wo die Judenfrage in ihrer furchtbarsten Form erbarmungslos beantwortet wind. Von einer Araberfrage könnte in einem palästinensischen Judenstaate, der verhüllt oder unverhüllt, von .allen jüdischen Parteien des Lan- "des angestrebt wird, gesprochen werden. Aber jetzt, in eben dieser Stunde, gibt es nur eine Judenfrage —- in Palästina, wie in Polen und Deutschland. Der Unterschied liegt weniger im I Aemter und Würden nach Berufung und Eignung verteilt. Zizith zügeln Herz und Auge. ■0W>9 '11181 oaaaV nnR mwi aVi Der Zizithfaden bindte uns mit dem Himmel, dessen Farbe er trägt, und ruft: Denket daran! ruin ]sn^ Kleines Feuilleton. Radio-Psalm.*) Abends dann, wenn rings 'die Dinge schweigen, Kommt die ganze Welt zu mir. Fern von überm Meere «schluchzen Geigen, Alle Länder sind mein eigen. In Amerika spielt irgendwer Klavier. Aberhunderttausend Töne schwingen Um den Erdball und ich fang' sie ein. Aus Paris und Rom und London singen Menschen sich in meinen Traum hinein. Und ich hör' die brüderlichen Stimmen Aberhunderttausend Meilen weit. Ueber ihnen — und doch ganz tief innen Spricht die Stimme G'ttes aus der Zeit. *) Aus dem demnächst erscheinenden Gedichtband: „Musik des Herzen©" von äBen-Chorio.