Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1936)
- Date
- 1936-06-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Nr. 23 Der Israelit 4. Juni 1936 Das Pantheon von Jerusalem. Von M. Y. Ben-gavriel. Einen Steinwurf vom Hauptgebäude der Universität, knapp an der Straße nach Jerusalem, befindet sich ein kleiner Talkessel, oder besser: ein kleines Plateau, dessen eine Seite senkrecht abfallende Wand ist, während die andere Seite in das Wadi hinuntergeleitet und den Blick freiläßt bis zum Toten Meer hinunter und zu den Moabiterbergen hinüber, einen unvergeßlichen Blick eindringlichster Erhabenheit Hier, auf 'diesem Plateau befindet sich das Grab Nikanors. Ein etwa zwanzig Schritte breiter Vorhof — auf dessen Seite drei, aus byzanthinischer Zeit stammende, oberflächlich gearbeitete Gräber gefunden wurden, die also nicht zum Grabsystem Nikanor zu zählen sind — ein Vorhof, angedeutet als solcher durch die Reste von drei mächtigen Säulen, die auf eine großartige Ueberdachung des Ganzen in alter Zeit schließen lassen. Von diesem ehemaligen Vor hof führen vier Eingänge, halbmanngroße Löcher in die Erde hinein. Betritt man eines derselben und haben sich die Augen nach der überaus grellen Sonne draußen an das Halbdunkel drinnen gewöhnt, findet man sich in einer kleinen länglichen Halle von etwa sechs bis acht Schritten'im Geviert, deren Decke und Wände sich feucht anfühlen. Speckiges Kalkgestedri oder Mergel, allenfalls weiches Material, mit anscheinend einfachen Werkzeugen bearbei tet, in dem jeder einzelne, vor rund zweitausend Jahren gezogene Werkzeugstrich heute noch überaus deutlich sichtbar ist, läßt verwunderlich erscheinen, daß die Zeit diese Anlage nicht schon längst zu einem Trümmerhaufen zerbröckelt hat. Der Boden, auf dem wir stehen, läßt '»in Bankgrab sehen, einen senkrechten Schacht also, kein horizontales Schiebegrab, was darauf schließen läßt, daß hier die Toten definitiv begraben wurden. Oben gibt es horizontale Schiebegräber, in die man die Toten, ohne Sarg natürlich, gelegentlich unter Mitgabe einiger kleiner Schmuckstücke, hineinschob. Nach Jahren, da alle Stollen von toten •Familienmitgliedern besetzt waren, sammelte man die Knochen in kleinen Ossuarien, die man •dann für alle Ewigkeit an die senkrechten Bankgräber hinabließ. Diese, etwa 80 cm langen und zwei Handspannen breiten Steinsärge, die man an vielen Stellen Jerusalems findet, sind in ihrer ursprünglichen Verwendungsart im sogenannten Amramgrab unter dem Maschinenhaus der Universität zu sehen, das im einstigen Stand gelassen wurde. Auf die Verewigung des Namens des Toten wurde nur sehr selten Wert gelegt. Ein einziger der Särge, die im Amramgrab gefunden wurden, trägt eine Inschrift und diese auch nur auf der Hinterseite, flüchtig und unbeholfen und oberflächlich eingekratzt. Um nun aber wieder auf da® Nikanorgrab zurückzukommen; dieses eine Fläche von nicht weniger als 770 qm bedeckende Familiengrab ist ein kommunizierendes, labyrinthartiges, durch drei Etagen bis vierundeinhal'b Meter unter .die Erdoberfläche hinabdringendes System von mehr als fünfzig Einzelgräbern. Dennoch scheint die Anlage für die Familie schließlich zu klein geworden zu sein, denn es finden sich, wie angedeutet, auch Bankgräber vor Dieses vor ein paar Jahrhunderten geplünderte Familiengrab ist natürlich kein einzigartiger historischer Fund. Nein, es liegt auf jener Gräberlinie, in jener gigantischen Totenvorstadt von Jerusalem, die sich kilometerweit vom Oelberg hinab über Shim'on hazzadik, Meah she'arim, das Bucharische Viertel, weit in die Synhedriah hinabzieht und zum Teil sehr schöne Felsengräber aufweist, die aber leider infolge völligen Desinteressements der Regierung und der jüdischen Behörden, mählich zu Ziegenstallungen und Unratmagazinen verkommen. Wearn man au^'a über die andern Gräber kein Nachrichtenmaterial besitzt — sicher ist nur, daß es sich um jüdische Grabanlagen reicher Leute aus der Zeit des zweiten Tempels handelt — äst es doch einwandfrei erwiesen, daß das Nikanorgrab das Grab des Alexandriners Nikanor ist, (nicht zu verwechseln mit dem in den Makkabäerbüchern wiederholt genannten Feldhauptmann Nikanor unseligen Angedenkens.) Der Engländer, der das Haus besaß, um das die Universität herumgebaut wurde, fand nämlich den Sarkophag des Mannes Nikanor, auf dessen, nun im Britischen Museum befindlicher Platte vollkommen klar in griechischer und in hebräischer Sprache verkündet wird: „Knochen des Nikanor, des Alexandriners, der das Tor machte." Das Tor? Welches Tor? Ein Tor, das so wichtig war, daß Generationen späterer Jahrtausende noch wissen würden, um welches Tor es sich handelte? Ja, ein Tor, über das Josephus Flavius berichten konnte: . , , sah man das östliche Tor des inneren Vorhofs, das doch von Erz und ungeheuer schwer war, so daß es zwanzig Mann nur mit Mühe abends aufschließen konnten, und das von eisenibeschlagenen Balken gehalten wurde und Riegel hatte, die tief in die aus einem einzigen Steinblock gearbeitete Schwelle eingelassen wurden . . ." und an einer andern Stelle: „ . . . eines der Tore war sogar von korinthischem Erz und übertraf die versilberten und vergoldeten ganz bedeutend an Wert ..." Der Mann, der das Tor machte! Damit ist seine geschichtliche Bedeutung ein für alle Male festgelegt, festgelegt in einer Stadt, deren .grandiose Einzigar tigkeit allein es ermöglicht, daß in ihr ein Privatmann durch eine steinerne Visitenkarte mit wenig Worten, flüchtig hingekritzelt, ganz nonchalant, von oben herab sich der Ewigkeit verbinden konnte. Ein vergessener Fasttag. Zu der in Nr. 20 enthaltenen Notiz „Ein vergessener Fasttag — zum 25. Ijar" von Dr. Arnold Merzbach wird uns aus Würzburg gesichrieben: Bis zu dem vor 6 Jahren erfolgten Ableben des Oettinger Lehrers Leopold Gut mann ^"sr war der „Taanis Hopfenstädter" jedem Oettinger Gemeindemitglied wohl bekannt. Er wurde auch bis zu diesem Zeitpunkt noch all/jährlich als Taanis begangen, allerdings nicht genau am 25. Ijar, sondern wenige Tage später zusammen mit Jaumkippur koton von Rausch Chaudesch Siwan. Wieweit der Taanis Hopferstädter heute noch, unter Leitung der jungen, mit der Geschichte der Oettinger Gemeinde nicht mehr vertrauten Nachfolger Gutmanns, doch in Erinnerung steht, entzieht sich meiner Kenntnis.. Der „Israelit" brachte übrigens einmal eine ausführliche und historisch wohl fundierte Würdigung dieses „Taanis Hopfenstädter" aus der Feder Gutmanns. Dr. Felix Gutmann, Studienrat. Kinderecke. Kinderbrief aus Erez JisroeL Ich versprach, Euch mal wieder etwas* Schönes von Erez Jisroel zu schreiben. Nun haben wir einen sehr interessanten Besuch gemacht. Hört einmal, wie und wo das war: Großpapa ist ein Kollege vom Präsidenten der Aguda, er wurde wiederholt zum Besuch der Kibbuzim eingeladen. Er möchte mit den Chawerim zusammen einen Schabbos verbringen. Vor einigen Wochen machten wir den 'Besuch. Es war ein. herrlich schöner Tag. Wir fuhren durch Judäa zwischen Orangen, Pardesim, sehr schönen Kolonien: Rischon le Zion, Rechowoth, Nesziona, bis zu unserem Ziele „Gedera". Dies ist eine alte Kolonie, wo vor etwa zwei Jahren auch eine agudistische Gruppe, lauter junge Leute, unter diesen auch einige jungverheiratete Familien, sich angesiedelt haben. Dieser Gruppe, Kibbuz oder Kwuzzah .genannt, galt unser Besuch. Wißt Ihr, Kinderchen, was Kibbuz ist? Ich versuche es, Euch zu verstehen zu geben. Kibbuz ist eine korporative Gemeinschaft. Da arbeitet ein Jeder ohne Unterschied alles, aber wirklich Alles. Sie haben einen Boden, den sie selbst bearbeiten. Wenn es keine Arbeit gibt, gehen sie auch zu anderen auf Taglohn. Alles verdiente Geld 'geht in die gemein^ saune Kasse. Von dieser Kasse deckt man dort alles, den ganzen Bedarf für alle Chawerim, Es sind im Lande sehr viele derartige Jftfobuziin. Leider stehen sie aber zumeist auf lunrelägiösem Standpunkt. Dieser in Gedera, und noch einige andere, zeichnen sich durch ihren musterhaften frommen Lebenswandel aus. Dieser Kibbuz heißt „Ghawurath. Chofez Chajim". Freitag nachmittag, zwei Stunden vor Schabbos, sind wir hier eingetroffen. Die Chawerim kamen gerade von der Arbeit. Sie beeilten sich, die letzten Vorbereitungen für Schabbos zu treffen. Es mußte alles klappen, denn es ist -doch kein Nichtjude auf dem ganzen Kibbuz. Die Kleider für Schabbos Kaudesch zurecht machen, baden und die Wohnung putzen usw. So versammelten sich alle in dem großen Saal, wo gebetet, (geort oder gedawent) wird. Ihr meint etwa ein Saal wie in Frankfurt? Nein, ,so ist es nicht. Es sind da einige Zimmer aus Brettern zusammengezimmert, das sind jedoch die Prunkräume. Zu diesen gehört als Mittelpunkt der genannte große Saal, wo gemeinschaftlich gespeist, gelernt und gebetet wird, wo auch die Versammlungen! und die verschiedenen Vorträge abgehalten werden. - Daneben befindet sich auch die Küche, auch ein Zimmer, wo die Babys wohnen, denn sie haben ja goldige Kinderchen, die nur einige Monate alt sind, diese halben alles separat, sogar separate Kinderküche. Ein Fremder darf diesen Kinder-Gan Eden nicht' betreten. Eine Pflegerin bei Tag und bei Nacht paßt bei ihnen auf. Selbst die eigene Mutter schläft nicht dort. Die Mutter soll ihre Ruhe haben. Tagsüber bringt man die Kinder in einen anderen Raum. Dort gedeihen sie in herrlicher Luft. Alles wunderschön! Die reizenden goldigen Kinder sind dort der kostbarste Schatz des Kibbuz. Soll ich Euch noch schildern, wie dort idie Wohnungen beschaffen sind? Hört einmal zu! Aus wasserdichtem Stoff, weiß, 'in der Erde befestigt, stehen da, hart nebeneinander, sogenannte „Zerifim" .(Zelte). Uralte, beinahe naturtreue Einfachheit, und unwillkürlich kommt man auf jden Gedanken, daß unsere Ahnen in der Wüste auch so gelagert haben. Und kommt, ich zeige Euch die Einrichtungen! Zwei bis drei Personen wohnen dort in" einem Zelte. Eine primitive Bettstelle für eine Person, ein Tischchen, ein Stuhl — Schluß. Das ist die" ganze Möbeleinrichtung. Doch Nein! Noch etwas befindet sich in einem solchen Zelt. Eine richtiggehende Bibliothek. Tauroh und Derech Erez, Seforim^und Bücher. Es sind etwa 60—70 Personen zusammen. Die meisten aus Deutschland, lauter fromme, wißbegierige Söhne der Thora. Viele von diesen besitzen akademische Bildung, Einige von .diesen, haben auch ihre Doktordiplome. Doch leben sie alle brüderlich untereinander. Alle für Einen, Einer für Alle. Sämtliche Arbeiten gleichmäßig verteilt. Die Männer, die Frauen, die Mädchen, alles arbeitet. Im großen Saal wurde mit großer Andacht gebetet. Mit begeisterten Gesängen wurde der Schabbos begrüßt. Ein guter Chason aus Ungarn hat vorgedawent. Dann wurde im Chor Scholaum alechem gesungen. Großpapa hat iKiddusch gemacht. So feierlich wie am Sederabend. Dann kamen idie schönen Schabbosbrote und sehr einfaches, aber schmackhaftes Essen. In der Zwischenpause die schönen Semiraus und bei jeder Mahlzeit begeisterte Thoravorträge. Großpapa mahnte zur Ausdauer, es sei hier ein Kiddusch Haschern hereingepflanzt. Eine fromme thoratreue Kewuzoh hineingepreßt, zwischen „freien" Kibbuzim von beiden Seiten. Mit ihrem musterhaften frommen Lebenswandel sollen sie .Beispiel und Vorbild sein für andere Kibbuzim. Nur so, auf thoratreuer Grundlage, darf und soll Erez Jisroel aufgebaut werden, dazu möge G'tt helfen. Den ganzen Schabbos wurde viel gelernt. An mehreren Stellen wurden Schiurim für Frauen und Mädchen separat abgehalten. Das sind sicherlich die gebildetsten Talmudbauern der Welt. Dieser Schabbos wird uns unvergeßlich bleiben. Wir besuchen auch .eine Mädchemgruppe ,,Benaus Agudas Jisroel". Doch darüber schreibe ich ein andermal. Auch eine interessante Bar Mizwoh will ich Euch beschreiben. Der Schames am Deutschen Platz feierte Bar Mizwoh seines ältesten Sohnes. Derselbe stammt aus Tripolis. Ein sefardischer Jude> spricht spaniolisch, arabisch, italienisch und Iwrith. Seine Frau ist auch eine Spaniolin. Am Vorabend des Festes lud er seine Verwandten und Freunde ein. Es gab Spiele und Süßigkeiten wurden aufgewartet. Auch Musik gab es, was bei Aschkenasim selten ist. Als idie festliche Stimmung schon ■gehoben war, setzte man den Bar MAzwoh in die Mitte des Zimmers, neben ihm saß seine Mutter. Da kam aus dem Hintergrund ein Mann, hielt etwas, in seiner Hand, nahm ein weißes Tuch, legte es dem Barmizwoh auf die Schulter. Da ertönte plötzlich die Musik, Großmutter und Tante jauchzten, die Gäste sangen und jeder bestreute den Choson Barmizwoh ■mit Blumen, Zucker, Mandeln und sonstigen Süßigkeiten, und schließlich gab man ihm Geschenke. Dies alles geschah in dem Augenblick, als der geheimnisvolle Mann .die schönen schwarzen Locken desi Barmizwoh, die seit mehreren Monaten von keiner Schere berührt wurden, glatt abgeschintten hatte, um für die Tefillin den Kopf frei zu machen. Am anderen Tage, am frühen Morgen, begleitete ihn die ganze Mdschpochoh mit Musik in .die Synagoge, um zum erstenmal 'die Tefillin auf seinen haarreinen Kopf zu legen. Den ganzen Tag war Gesang, Festessen. Der Barmizwoh hielt eine Droschoh, auch sonst lernt er sehr gut. Seither ist er der Zehnte, wenn bei uns Minjan gemacht wird. Gefällt Euch dieser sef ardische Minhag? Und was sagt Ihr zu einem solchen Leben im heiligen Lande? ~- Wochenende halten Sie bei vortrefflicher Verpflegung und guter Bedienung im nahen herrlichen Homburg im 'Kurheim Sanitätsrat Dr. A. R o s e nthal. Sie verleben, umgeben von einzigartigen Naturschönheiten, einen Sabbat und Sonntag, je nach Neigung, in einsamer Ausspannung oder froher Geselligkeit und kehren erfrischt, und verjüngt an Ihre Arbeit zurück. Die Preise sind der Zeit angepaßt. 3 B ä n d e , 1134 Seiten, Mk. 60.—. Private und ganz besonders auch für Gemeinden, die heute/ keinen Lehrer mehr unterhalten können; Genau wie ein Lexikon oder sonstiges Nachschlägewerk darf auch; der K i 2 z u r in keiner Privatbiblipthek fehlen. Auch den Vereinen ist es besonders aü ^empfehlen. ,.f