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Der Israelit · 1936-06-04 · Heft 23 (4.6.1936) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 23 (4.6.1936)
Date
1936-06-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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**"5f ^^^^s^^pW^W^^^^^^33^*?*^^^^5^^ Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 23 1936 Olam haba. Von Schalom Älcchcm,*) Frei übertragen und.bearbeitet von Dr. Bernhard Hirschberg-Schrader. Wenn, es Ihnen recht ist, erzähle ich Ihnen, wie ich einmal eine Last auf mich genommen habe und dadurch beinahe unglücklich geworden wäre. Und warum? Weil ich ein junger, unerfahrener Mensch war. Ich hatte mich früh verheiratet und lebte beimeinen Schwiegereltern. Tagein, tagaus saß ich und lernte, d. h. ich befaßte, mich mit der T/hora und mit dem Talmud. Ab und zu erwischte ich ein weltliches :Buch und las es im geheimen. Menie' Schwiegermutter durfte das nicht ahnen. Sie war, müssen Sie wissen, eine Art „Mannsperson", die selbständijg ein Geschäft führte, auf die Aemter ging, für ihre Töchter die. Männer wählte und auch mich von Radomschili für ihre jüngste Tochter mitgebracht hatte. Nun kam die Zeit, da ich militärpflichtig wurde. Ich mußte nach Radomschili, um mir einen Paß zu besorgen. Es war Winter. Ich bestellte einen Schlitten. Mit dem Fuhrmann wurde ich bald einig, aber sein Pferd machte mir gewissermaßen Sorgen. Es hatte eine weiße Farbe. Weiß, sagte meine Schwiegermutter, deute immer auf ein Unglück hin und sie fürchte, daß die Fahrt schlimm enden könnte. „Weiber-Aberglauben", flüsterte . mir der Schwiegervater zu. Laut dürfte er das nicht sagen, denn die „Mannsperson" hätte sich das nicht so : ohne weiteres gefallen lassen. Nach einigem Hin und Her nahm ich Tallis und Tefiiiin, einige Butterbrote und etwas Geld und machte mich auf den Weg. Auf der Landstraße lag tiefer' Schriee/ Das Pferd lief im schon-? sten Trab, aber, der Fuhrmann war schweigsam.; Auf meine Fragen antwortete er: mit „A-ehe",; das heißt ja, oder mit „Bäh-ni", das heißt nein. Sonst sprach.'....er"kein Wort., -Wir fahren. Das; Pferd läuft munter,' /der Fuhrmann, schnalzt mit i der Zunge, der Wind weht, der Schnee fällt in großen Flocken, Mir ist es so wohlig;, uins Herz. . So hell und frei in der Seele. Ich lehne, mich 2tu"ttckvuad "fühle, mich .wie ein Fürst. Aber es .ist Winter, und die Kälte macht sich bemerkbar. Und ich stelle mir vor, daß wir bald einen kurzen Aufenthalt in irgendeinem Pprfwirtshaus nehmen werden. Ein gutes Essen und einige Glas Tee werden das Blut erwärmen und das Weiterfahren1 angenehm machen. Ich frage, den Fuhrmann: „Ist es noch weit bis zu einem Wirtshaus?" Er antwortet: ^Bah-ni". „Sind wir schon in der Nähe?"; frage ich [wieder..„Aehe", entgegnet er und versinkt in Schweifen. Ich lehne mich im 'Schlitten zurück und träume von einem guten Essen und einem Samowar. Und der Himmel hat ein Einsehen. Der Fuhrmann hält plötzlich vor einem kleinen einsamen Wirtshaus. Er führt;s$m' Pferd in den Stall, und ich, gehe in das Haus. Ich Öffne die Tür und bleibe auf der Schwelle wie festgewurzelt stehen: mitten in der Gaststube liegt,. auf dem F^boden eine Leiche, bedeckt mit einem, schwärzen' Tuch. Zu ihren Häupten . ^rennen in Messingleüchtern Kerzen,, und ringsum stehen, kleine Kinder in zerrissenen[ .Kl^d'em^. . scUagen^ sich mit den Fäusten,'; gegen den Kopf und. weinen, „Mama . \ . Mama . . ." rufen sie immer wieder. Ein *) Zum zwanzigsten "Todestage des Dichters am 13. Mai 1936. hagerer, langer Mann geht im Sommeranzug, der zu dieser Jahreszeit in größtem Widerspruch steht, auf, und ab, ringt die Hände und spricht vor sich hin: „Was macht man? Was macht man? Was soll man tun? Was soll man tun?" Mein erster Gedanke ist: fort von hier. Aber die Tür schließt sich plötzlich und ich habe das Gefühl, daß ich mich nicht rühren kann. Als der lange, hagere Mann mich erblickt, geht er auf mich zu und streckt mir beide Hände entgegen. „Was sagen Sie zu meinem Unglück?" deutet er auf' die armen Kinder, „ihre Mutter ist gestorben. Was macht man? Was macht man? Was soll man tun?" „Baruch dajan emeth," sage ich und will ihn mit einigen Worten trösten. Aber er unterbricht mich und spricht: „Sie war schon seit Jahren eine Gestorbene. Sie hatte die Lungenschwindsucht und wünschte sich täglich den Tod. Aber was fängt man jetzt an? Wir sitzen mitten im vollgesohneiten Felde. Ich kann doch die Kinderchen nicht allein lassen und einen Schlitten suchen, um meine Fraa nach dem nächsten Städtchen zu bringen. Außerdem wird es bald Abend, Was macht man? Was macht man? Was soll man tun?" Er begann furchibar zu weinen und zu schluchzen. Einige Töne klarigen schaurig, etwa wie ,|huh, huh, huh", und es hat mich viel Ueberwindung gekostet, all das mitanzuhören. Ich vergaß den Hunger, vergaß die Kälte und sagte: „Ich fahre nach Radonischiii. Wenn es bis zum Städtchen nicht weit ist, gebe ich Ihnen gerne den Schlitten und' bleibe hier, bis Sie und der Fuhrmann wieder zurück sind." „0! Lange leben sollen Sie. Olam habah solsen Sie haben," sagt er zu mir und will (mich küssen. „Es ist nicht weit bis zum Städtchen, höchstens vier bis fünf Werst. Die Fahrt dauert nicht länger als eine Stunde. Olam habah sollen Sie haben." r , „Kinder, kömmt her und dankt dem jungen Mann. Küßt ihm die Hand. Er gibt uns seinen Schlitten, daß wir unsere Mutter zum heiligen Ort bringen können." , Die Kinderkamen .auf mich zu und küßten mir die Hand. Sie sahen mich an wie einen Erlöser1 oder einen Propheten. Und ich gestehe, daß ich mir'in diesem Augenblick wie ein höheres Wesen vorkam. Im Bewußtsein, eine Mission, erfüllen zu müssen, sage ich zu dem Mann: „Beruhigen Sie sich, ich selbst werde Ihre Frau in die Stadt bringen. Bleiben Sie bei den Kindern," Sie sahen mich erstaunt an und begannen wieder zu weinen. In ihren Augen war ich ein Gesandter des Himmels, . , Ich rief; den Fuhrmann und versprach ihm noch einen halben Rubel und eine Flasche Schnaps. Er kratzte sich im Nacken, brummte etwas Unverständliches, aber nach dem dritten Schnaps willigte er ein. Gleich darauf trugen wir die .Leiche hinaus, und legten sie auf den Schlitten. Ich dachte nicht mehr daran, daß ich vor Toten eine unheimliche Angst hatte. Die Verstorbene hieß Chawa Necham bas Rephael Michael. Unterwegs schärfte ich mir diesen Namen immer wieder ein, denn bei der Bestattung mußte er genannt werden, Das ist uralter heiliger Brauch. Abpr den Namen ihres Mannes, des Gastwirts, vergaß ich vollkommen. Ich konnte ihn mir nicht ins Gedächtnis zurückrufen. Kurz vor der Abfahrt hatte er mir noch gesagt, daß ich nur seinen Namen zu nennen brauchte, und der Leichnam' wurde"-' "sroo^-in Empfang genommen Wörden; Er sei ini Städtchenbekannt,; da erzünden Hoheri ■Feiertagen dorthin zu fahren pflege. Alle meien Gedanken drehten sich um eine- Sache: Ich führe einen Leichnam mit mir. Und das .'.alleingenügte, um mich vollkommen zu verwirren. Ich fürchtete mich doch so sehr vor Leichen. Um aber nicht den unangenehmen Gedanken ganz zu verfallen, begann ich, nach dem Himmel zu schauen und den Namen der Toten zu wiederholen: Chawa Nechama bas Rephael Michael, Chawa Nechama bas Rephael Michael. Ich sagte ihn mir so lange vor, bis ich völlig verwirrt wurde und die Reihenfolge verwechselte. Inzwischen wurde es immer dunkler. Der Wind blies heftig, und es fiel eine große Menge Schnee. Der Fuhrmann brummte vor sich hin, erst leise, dann immer lauter. Sicher verfluchte er die ganze Fahrt und auch mich. Ich frage ihn: „Was ist Dir?" . Er spuckt aus und antwortet wild: „Du hast mich unglücklich gemacht. Mein Pferd hat sich verlaufen, weil wir einen Leichnam führen. Wer weiß, wie wir uns wieder zurechtfinden?" Im ersten Augenblick wollte ich umkehren und dem Gastwirt seine Frau zurückbringen. Aber der Fuhrmann war dagegen. „Jetzt ist es zu spät," sagte er. „Wir sind mitten auf dem Felde. Der Weg ist verschneit, der Himmel stockfinster und mein Pferd todmüde. Der Teufel hole alle Gastwirte auf der ganzen Welt. Warum habe ich vor dem Wirtshaus gehalten? Warum habe ich mich verleiten lassen, einen Leichnam auf meinen Schlitten aufzuladen? Damit ich mit meinem Pferd allen bösen Geistern zum Opfer falle. Wenn ich selber umkäme, wäre es nicht so schlimm. Was aber hat das gute Tier verbrochen?" Er schien zu weinen. Ich will ihn trösten und verspreche ihm noch einen halben Rubel und zwei Glas Schnaps. Er gerät darob in heftigen Zorn und sagt, er werde den Leichnam aus dem Schlitten werfen, wenn ich noch ein Wort redete. Was blieb mir da übrig, als zu schweigen. Ich lehnte mich im Schlitten zurück. Allmählich meldete sich der Schlaf. Aber ich gab mir alle Mühe, nicht einzuschlafen. Erstens schläft man nicht gut, wenn man eine Leiche mit sich fühlt, und zweitens wußte ich, daß man nicht schlafen darf, wenn der Frost stark ist. Man könnte sonst in die Ewigkeit hinüberschlummern. Aber wie zum Trotz fallen mir die Augen zu. Ich' reiße sie immer wieder auf. Und mir ist, als spräche zu mir eine innere Stimme: „Nicht einschlafen, nicht einschlafen." Plötzlich fange ich an zu frieren. Und es wird mir so sonderbar ums Herz. Es scheint mir, als begänne die Leiche sich zu bewegen, als streifte sie das Tuch ab und sähe mich mit ihren halbgeschlossenen Augen an. Und der Wind bläst und pfeift und flüstert mir ein Geheimnis ins Ohr. Ein schreckliches Geheimnis. .. Und böse' Credank'iyi beginnen, mich zu überwältigen. Ich, stelle mir vor: Wir alle, der Fuhrmann, ich und das Pferd seien plötzlich erfroren und lägen unter der Schneedecke, nur der Leichnam allein, die Frau des Gastwirts, lebe Aber bald werde ich von diesem schrecklichen Zustand erlöst. Ich höre, wie der Fuhrmann fröhlich mit der Zunge schnalzt, und sehe, wie er sich bekreuzt. Gleich darauf erblicke ich einen Lichtschimmer. Eine Siedlung, denke ich bei mir und danke G'tt aus vollem Herzen. Nun wage ich ein Wort und frage: „Wir haben wohl das Schlimmste hinteruns? Es sieht so aus, als wären wir bald in der Stadt." „Aehe," erwidert der Fuhrmann gelassen und ohne Spur von Aufregung. Und mich überkommt das Verlangen, ihn von hinten zu umarmen und auf die Schulter zu küssen für die gute Nachricht, für sein stilles •■„Aehe", das mir im Augenblick wertvoller ist als der schönste und klügste Vortrag. / .:: (Schluß folgt.)

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