Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1936)
- Date
- 1936-06-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 23 Der Israelit 4. Juni 1936 ist, kein Grund, der erlaubt, in dieser Zeitvem' deutschblütiges Mädchen zu beschäftigen. Nach dem Wortlaut des Paragraphen 12 der Ausführungsverordnung kommt es nur darauf an,' ob ein -jüdischQr Mann Haushaltungsvorstand ist oder tler Hausgemeinschaft angehört, aber nicht, ob er gerade anwesend ist. Es wurden nur mäßige Geldstrafen verhängt, weil berücksichtigt wurde, daß es sich hier um rechtliche Grenzfälle gehandelt hat, für die es bisher noch keine Rechtsprechunggab. 1465 Arbeitereinwanderungszertifikate im laufenden Halbjahr für Juden aus Deutschland. Berlin , 29. Mai. Das Palästina-Amt teilt mit: Wie wir von der Jewish Agency, Jerusalem, telegraphisch erfahren, sind für Deutschland außer den 1200 Zertifikaten, die auf Grund der Aktion des Council for German Jewry erwirkt wurden, weitere 265 Zertifikate bewilligt worden. In dieser Zahl sind ebenso wie bei den früheren Zertifikatszuteilungen die Auswanderer aus Deutschland r>erücksichtigt, die sichbereits im Auslande befinden („Flüchtlingszertifikate"). Somit beträgt die Quote der für das kommende Halbjahr zur Verfügung stehenden Arbeiterzertifikate für Auswanderer aus Deutschland insgesamt 1465. Keine Auswanderung ohne Sprachkenntnisse J Berlin, 2. Juni. Der Hilfsverein der Juden in Deutschland teilt mit: Die verstärkte Auswanderung nach Uebersee, die im Herbst 1935 eingesetzt hat, hält unvermindert an und richtet sich vor allem nach Südafrika, den Vereinigten Staaten und. einigen südamerikanischen Ländern. Bei der fortgeschrittenen wirtschaftlichen Erholung der meisten dieser Länder könnte man die Aussichten unserer Auswanderer trotz der bekannten Schwierigkeiten des Kapitaltransfers und trotz der ungesunden Berufsgliederung der deutschen Juden als verhältnismäßig günstig bezeichnen, zumal die großen ausländischen Organisationen, wie die Ica, die Hicem und die verschiedenen Hilfskomitees bei der Unterbringung der Neu-Eingewanderten unschätzbare Hilfe leisten, für die das deutsche Judentum zu größtem Dank, verpflichtet ist. Demgegenüber mehren sich aber in 'letzter Zeit immer stärker die. Klagen, daß. unsere Au swanderer selbst v e r h än g -; nisvolle Fehler begehen, die nicht nur ihr wirtschaftliches Fortkommen erschweren, son- \ dem auch eine unerträgliche Belastung für die' Arbeit der ausländischen Hilfskomitees darstellen. Daß es Pflicht des jüdischen Auswanderers ist, sich im Einwanderungslande jeder politischen Tätigkeit strikte zu enthalten, ist vom Hilfsverein wie von den zuständigen ausländischen Organisationen mehrfach betont worden und muß auch an dieser Stelle mit allem Nachdruck wiederholt werden, da der Schaden, der durch die unzulässige Einmischung einzelner Einwanderer in die politischen Verhältnisse ihrer neuen Heimat angerichtet werden kann, unabsehbar ist und die Einwanderungsmöglichkeit für Tausende von nachrückenden Alis- Wanderern zu zerstören vermag. Während aber eine unstatthafte politische Betätigung im Einwanderungslande immer nur von wenigen Einzelnen ausgeht, liegt ein sehr viel allgemeineres Verschulden unserer Auswanderer in ihrem mangelhaften Eifer zur Erlernung der künftigen Landessprache. Es liegt auf der Hand, daß der Einwanderer auf wirtschaftlichen Erfolg in der Regel nur rechnen kann, wenn er die Sprache seiner neuen Heimat von Anfang an wenigstens einigermaßen beherrscht und sich dann im Lande selbst möglichst rasch in ihr 'vervollkommnet. Dies gilt natürlich in besonderem Maße für die Angehörigen der kaufmännischen und akademischen Berufe, die ohne Beherrschung der Landessprache als Arbeitskräfte meistens geradezu unbrauchbar sind. Trotzdem wird immer häufiger aus den überseeischen Ländern berichtet, daß kaum ein kleiner Teil der Einwanderer auch nur über die | bescheidensten Sprachkenntnisse' verfügt, und daß viele, wenn-jnicht diemeisten, ^sich einfach1 darauf verlassen!; s$e würden die^Sprache schon im Ein- * wanderungsfande sozusagen von selbst lernen.1 Ali/lein innerhalb der letzten Tage, sind dem Hilfs- verein aus Südafrika, aus Columbien, aus Argentinien, Uruguag und Brasilien heftige Klagen über die Trägheit vieler Auswanderer in dieser Hinsicht zugegangen. So heißt es in einem Brief aus Südafrika: „Auf diesem Schiff sind fast nur jüdische Auswanderer. Direkt erschreckend ist die Tatsache, daß von ihnen allen höchstens 10 (von über 200) die englische Sprache beherrschen.; Wenige (zirka 20) lernen auf dem Schiff. Der Rest ist uninteressiert und verläßt sich darauf, in Südafrika zu lernen.''' Zu gleicher Zeit klagt das Hilfskomitee in Bogota (Columbien), es müsse immer wieder feststellen, daß die Einwanderer fast ausnahmslos sprachlich, psychisch und beruflich völlig unvorbereitet dahin kämen und sich so selbst die allergrößten Hindernisse für ihr Vorwärtskommen bereiteten. Aehnliche Klagen über die unerträgliche Erschwerung ihrer Arbeit kamen und kommen fast jeden Tag von den ausländischen Komitees; so heißt es in einem Briefe aus La Plata (Provinz Buenos Aires, Argentinien) vom 4. Mai:. > „Ich habe hier sehr viele Einzelächicksale beobachtet und habe ferner mit vielen Herren des Vorstandes des argentinischen H.ilfsvereins gesprochen, die sich mir gegenüber ziemlich deutlich ausgesprochen haben,, und habe .dabei festgestellt, daß eigentlich alle dißse Unterhaltungen mehr oder minder eine Beschwerde über, die ankommenden Emigranten waren. Die Leute (d. h. die Einwanderer) stellen immer wieder Vergleiche mit ihrem früheren Leben an und wollen sich in keiner Weise umstellen. Wenn es hier Firmen gibt, wie mir ein Herr versicherte, wo er 9 junge Leute untergebracht hat, so muß er noch dazu extra einen Dolmetscher haben. Ich gebe ohne weiteres zu, daß die hiesige Lan- ' dessprache auch mir sehr schwer fällt, aber ich kann mich doch schon notdürftig verständigen". Andererseits erhält der Hilfsyerein aber auch ■ immer wieder Briefe von früheren Auswanderarn, die zufrieden darüber berichten, wie schnell sie ■ dank ihrer früheren Sprachstudien Stellung gefunden haben, und welch unschätzbaren Vorteil . es für den Einwanderer bildet, wenn er die Landes- . spräche, und möglichst außerdem noch eine Sprache! beherrscht. Es verdient nachdrücklichste Betonung, \ daß die Ke n nt n is de r e ng Ii s che n S p r a-; che auch für Auswanderer nach Süd-; amerika, insbesondere natürlich für Kaufleute, eine außerordentliche Hilfe bedeutet; noch wichtiger j ist allerdings die Kenntnis der dortigen Lahdessprache, d. h. im allgemeinen des Spanischen, und für Brasilien des Portugiesischen. Es ist deshalb , unbedingt notwendig, daß jeder einzige Auswanderer, ganz besonders wenn, er öffentliche Mittel in Anspruch nimmt, schon in Deutschland dde : Sprache seiner voraussichtlichen ' Heimat studiert. Daß alle öffentlichen jüdischen Institutionen, 'insbesondere die Gemeinden und die vielerorts bestehenden jüdischen Lellrhäuser, der sprachlichen Schulung der Auswanderer — nötigenfalls in ■, Zusammenarbeit mit dem Hilfsverein selbst —' 'ihre besondere Aufmerksamkeit zuwenden, darf mit Bestimmtheit erwartet werden, vor allem aber muß jedem einzelnen Auswanderer das Gewissen geschärft werden für seine P f 1 i c h t, S p'r ä c h e n zu erlernen, schön bevor ^"auswandert. Nicht nur er selbst, sondern die jüdische Oeffentliehkeit'wird sonst für sein Versäumnis zehnfach büßen müssen. . Oesterreich. , Oesterreich und die jüdischen Auswanderer aus Deutschland, — Erklärung des Bundeskanzler^ .... amtes. ' .-.ü. Wien,. 29. Maiv : : Zu der von dem VölkerbundsoberkpmmissarSfüf Auswandererfürsorge Sir Neill Malcolm anläßlich -seines Aufenthaltes in Prag abgegebenen Erklärung, ' daß;-bereits 15 Völkerbundss'taaten "ihre Teilnahme an der zwischenstaatlichen Regierungskonferenz für die Regelung der Rechtsverhältnisse . der aus Deutschland Ausgewanderten angemeldethabend uföd nur Oesterreich die Beteiligung a b g e 1 e h nt habe, wurde vom österreichischen' Bundeskanzleramt dem Wiener ITA-Vertreter eine ' Mitteih/üg gemacht, die u. a. folgendes besagtj ..- - . ... Die 'Bundesregierung beabsichtige nicht, sieh? bei dieser Konferenz vertreten zu , lassen, da die dort zuU behandelnden Fragen — namentlich auch - wegen der verhältnismäßig geringen Zahl der in Oesterreich sich aufhaltenden Flüchtlinge —' nicht wesentlich österreichische Interessen berühren.. Gleichzeitig wurde aber betont, daß die Buhdesregierung die auf österreichischem- Gebiet befindlichen Flüchtlinge der verschiedensten Kategorien stets entgegenkommend und nach den Grundsätzen der Menschlichkeit behandelt und sich bemüht hat, im. Rahmen d^es Möglicheh ihrer schwierigen Lage Rechnung zu tragen. . Schweiz. „Courrier de Geneve" über die Gefahr der Palästinaunruhen für den Weltfrieden, ■ ■' Genf, 25. Mai. In der katholischen Tageszeitung „Courrier de Geneve" veröffentlicht der Chefredakteur des Blatrtes, Abbee, Marcel Chamonin,. einen Artikel über die letzten Palästina-Ereignisse, in dem er auf die Möglichkeit ausländischer Einflüsse hinweist und den Sinn des Mandats, das dem jüdischen Volk das unbestreitbare Recht auf Ansiedlung in Palästina zuerkenne, eingehend erörtert. Zum Schlüsse schreibt der Verfasser: „Der europäische und vielleicht der Weltfriede hängt von den Maßnahmen ab, die die britische Regierung schnellstens treffen muß, urn der ihr durch den Völkerbund 'anvertrauten Mission treu zu bleiben. Die. herannahende Tagung der Ständigen Mandatskommission wird zu untersuchen haben, ob Groß-Britannien nicht durch ein .Doppelspiel das heute hereingebrochene Unheil selbst vorbereitet hat." ' ' ' Polen. Nachspiel zu den vorjährigen Unruhen in Grodno, Wa r schail, 24. Mai. Vor dem Berufungsgericht in Wilna kam der Prozeß gegen den national demokratischen Agitator lind Terroristen Alfons Panasiuk und zehn seiner Helfer zur Verhandlung, die' iiri ^ergahgene'n: Jähre an den jüdenieindlichen ' Ausschreitühgeri in'Grodiijb* teilgenommen hatten. Wie in 'der Anklageschrift, ausgeführt' wird, sind damals in 183 jüdischen Wohnungen und in ' 85 jüdischen Geschäften die Fensterscheiben zertrürrunert worden. Der von' der jüdischen Bevölkerung ' erlittene Schaden wird auf 100 000 Zlötg 'geschätzt.' - ' . - ■ Der Hauptangeklagte Alfons Panasiuk, ,der in erster Instanz zu einem Jahr Gefängnis v.erurte^t worden war, erhielt »nunmehr eine, Gefängnisstrafe von fünf Jahren. Die Strafe des Angeklagten Stanislaaw Kozlowski wurde von neun .Monate auf 3 Jahre Gefängnis erhöht, die der Angeklagten Wla~ disJavv Marzinek und Edmund Zygmanski von neun Monaten auf zwei Jahre und die der Olga Zukow von sechs Monaten auf ebenfalls zwei Jahre. Bei den übrigen Angeklagten wurde die erstinstanzliche Verurteilung zu sechs Monaten Gefängnis bestätigt. Da den Verurteilten jedoch die Ämnestije für politische Verbrechen zugute kommt, wird die Strafe von Panasiuk und Kozlowski auf die Hälfte herabgesetzt, während den übrigen Verurteilten die Strafe erlassen wird. Die Zivilklage wurde abgerwiesen. Der Hauptangeklagte' Panasiuk wird sich noch in einem zweiten Prozeß wegen des Bombenanschlag auf das Haus! desf Verbarides für jüchV sehen Gesundheitsschutz „Toz" zu verantworten haben. ' , . . .31".: \ :■■."■. t . i (Weitere Korrespondenzen stehe Seite 11)