Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1936)
- Date
- 1936-06-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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4.,.Juni 1936 > ■" . . Es ist Zeil iu handeln. "111; ■.' (Fortsetzung von Seite 1.) gen ungenützt vorüber. Doch ungenützt nur von •uns, andere waren eifrig am Werk, andere, die •nicht wie wir von frühester Kindheit an tagtäglich ein Dutzend Mal und öfters im Gebet vom jüdischen Vlbk und jüdischen Land gesprochen hatten, die von diesen Begriffen erst durch einen Vortrag, durch einen Freund, durch eine Zeitung erfahren hatten. Diese Juden glaubten die Forderung der Zeit zu verstehen, sie glaubten für Volk und Land zu kämpfen, sie wußten nicht — wie wir es wissen — vom Wort der Propheten und der Weissagung der Lehre, die uns die Ahndung der Untreue des jüdischen Volkes künden, die uns v i e 1 f ä 11 i g e Straf e vorhersagen, wenn wir diese Züchtigung als blinden Zufall der Geschichte auffassen, die uns lehren, daß das heilige Land eine jüdische Siedlung nicht geduldet hat und nicht' duldet, wenn sie unjüdisoh und untreu dem G'tt ist, der allein uns in unserem Land in Sicherheit wohnen lassen leann. Wessen Schuld also als unsere eigene, ureigenste ist es, wenn die Not der Juden in vielen Ländern wächst, im heiligen Land so überhand nimmt?! Wollen .wir, wollt Ihr noch immer weiter schweigen, .blind und taub und stumm bleiben? Es ist wahrlich spät genug! Wann wäre eine Kenessio Gedaulo, diese einzigartige- Tribünefür die Vertretung der religiösen Ideale des (jüdischen Volkes in unserer Zeit, notwendiger gewesen als beute, w o könnte sie gerade heute anders stattfinden als in Jerusalem, diese Versammlung, die zum Ausdruck bringt, daß unser Anspruch, unser Recht auf das Land nicht in Macht und Politik begründet liegt, sondern in G'ttes Wort?! Soll es heute wirklich noch Juden in imseren Kreisen geben, die zu träge oder zu gleichgültig sind, an der dritten/, nach Jerusalem einbeT ruferien Kenessio Qedaulo aktiven, aktivsten Anteil zü^n;eh■meh^?''■''Wi^d';.siohl nicht jeder begeistert fin den Dienst dieser Idee stellen, jeder rnachiseinen Kräften und an seinem Platz .werben für eine solche Versammlung, die außer de*1 praktischen, wirtsohaftHchTSOzialen, für uns alle so eminent wichtigen Aufgaben eine Mission von so gewaltiger, historischer Bedeutung zu erfüllen, hat? Eines aber muß Vpraussetzung sein: Wir dür-, ien nicht in selbstgefälliger Eitelkeit auf andere, Juden her abseihen. .Bei uns selbst müssen wir janfangen. Es gibt wo'hl.kaum einen schlimmeren Vorwurf für uns als den, daß andere Juden das jüdische Gesetz ablehnen mit. der Begründung: Wenn -die Mensohen, 'die das jüdische Gesetz formt» S O ausseihen, dann wollen wir gar nicht nach diesem Gesetz leben. \ : Gewiß, für uns ist Agudas Jisroel nicht irgendeine Partei oder eine kleine Fraktion, für. runs ast'sie Ij e u t e die Organisation der Tau- Tohtreueh,,die z u k ü n f t i g wieder zu einem •wahren und' wirklichen Klall Jisroel führen wird, aber uur dann können, wir idie" Initiative .ergreifen, allmählich zu der; geistig führenden Stelllung gelangen, die uns und nur uns zukommt, wenn wir Haß und Neid, Lüge und Unehrlich- Ikeit bei uns selbst, nicht mehr dulden: und wenn -wir-dann — beialler Kenntnis unserer Seüwä.- chen und Fehler — von der Liebe zum jüdischen Volk und unserem, jüdischen. Verantwortungsbe- T/vußtseitti geträgen endlich den Weg beschreiten, der uns durch die Zeit gewiesen ist. Die dritte Kenessio Gedaulo in Jerusalem wird im' Jahre 5697 eine einzigartige Gelegenheit — für uns orthodoxe Juden aus Deutschland vielleicht eine; der letzten — sein, uns in dieser großen Zeit zu bewähren. Möge die gewaltige Aufgabe Juden finden, die ihrer würdijg . sind! e r Israelit Wochenrundschau- Ormsby Gore, der neue Kolonienminister., Was wir bei der ersten Mitteilung über den Rücktritt von J. H. Thomas nur als Vermutung aussprachen, ist nun Tatsache geworden: G r m s b y Gore ist zu seinem Nachfolger als Minister für die Kolonien ernannt worden. Ormsby Gore ist für uns kein Unbekannter. Er amtierte bereits zwei Mal zu verschiedenen Zeiten als Umterstaatssekretär im Co lonial Office. Auf einem 'jüdischen Bankett er klärte er einmal, die Hauptaufgabe der englischen Regierung bestehe darin, Frieden, Ruhe und Ordnung im Lande aufrechtzuerhalten. Die Welt habe erkannt, welche hohe kulturelle und wirtschaftliche Aufgabe die Juden in Palästina erfüllten, so sei es Pflicht der Mandatarmacht, an dem Aufbau mitzuhelfen. Er bekannte sich rückhaltlos zur Politik der Balfour-Deklaration. Schöne Worte, auf Banketten gesprochen, pflegten in der Regel nicht auf die «goldene Wagsehale gelegt zu. werden. Wären, alle Worter die mit dem Pokale in der Hand bei Festakten von hohen Persönlichkeiten zunii.Lobe des jüdischen Volkes schon gesprochen wurden, Taten geworden, wir hätten längst keine Not und die Welt keine Judenfrage mehr. Allein Ormsby Gore hatte in seiner Amtszeit bis 1929 oft genug Gelegenheit, im Unterhause als nüchterner Politiker ZU reden und zuweilen 'auch mit poltiischen Gegnern die Klinge zu kreuzen. Die Palästina-Debatten im Unterhause foaben zwar längst ihre gegebene Form, sind schön gewissermaßen zum Schema erstarrt. Freunde Palästinas, Anwälte von Juden oder Arabern, stellen Fragen und der Kolonienminister oder sein Unter- Staatssekretär antwortet lakonisch, mit wenigen nichtssagenden Worten, oder antwortet g a r nicbt, um mit „keiner Antwort" oft die deutlichste Antwort zu gebend So war es auch unter dem jetzt' zurückgetretenen J. H. Thomas. Man glaubt sich aber doch zu erinnern, daß im Ton Ormsby Gores bei solchen Anlässen etwas mehr Wärme lag, sich etwas mehr Interesse für. Palästina und das jüdische Volk widerspiegelte. Diese Tatsache in Verbandung mit den obengenannten Aeußerungen und mit seinem wiederholten rückhaltlosen Bekenntnis zur Politik des Balfourmandates .läßt uns hoffen, daß er auch jetzt, in schwerer Zeit für Palästina und das jüdische Volk, der rechte Mann 3. m rechten PI a t z sein wird. Man'darf sogar in der Wahl dieses Mannes für' diesen heute ungemein; wichtigen Posten den Willen''der Regierung erblicken, den Juden wie den. Arabern und aller Welt kundzutun, daß man sich eine Preisgabe des jüdischen Natiorialheim^s durch 'die Terrorakte wildgewordener arabischer1 'Banden nicht, abtrotzen zu lassen; gesönneh ist!; ,, Spaltungen* die die große Verteidigungslinie stören. Wir lesen in der ITA: folgende Meldung aus 'Wien: ] , „Eine Abordnung der Neu-Zionistischen Organisation hat im Bundeskanzleramt Vorschläge über eine Verstärkung des. Schutzes der österreichischen jüdischen Kolonie in Palästina erstattet. Es wurde ein'an den Bundeskanzler gerichtetes Memorandum überreicht, in dem es heißt: „Die ■ Neu-Zionistische' Organisation Oesterreichs, i Vertreterin von 14 ÖÖO jüdischen Männern und Frauen, _______ Nr. 23 Seite 3 gestattet sich, die Aufmerksamkeit Ew, Exzellenz auf die Fortdauer der Unruhen in Palästina hinzulenken, bei denen auch Leben und Eigentum österreichischer jüdischer Staatsbürger in höchstem Maße gefährdet ist. Wir ersuchen Ew. Exzellenz ergebenst, das österreichische Generalkonsulait in Jerusalem zu veranlassen, bei den lokalen britischen Verwaltungsbehörden nach Möglichkeit zu erwirken, daß für die Dauer der Unruhen eine freiwillige Schutzwache zur Wahrung der Sicherheit der österreichischen jüdischen Kolonie aufgestellt wird." Auf der großen Linie der jüdischen Interessen und des Schutzes des jüdischen Nationalheimes, wie sie gerade die N. Z. Q. in all ihren Programmen einzuhalten angab, liegt diese „partikularistische" Maßnahme nicht. Mit dem Schutz der ö s t e r r e i c hi s c h e n Juden wäre gar nichts getan, wenn pal ä s t i n eu s i s c h e Juden und Juden anderer Staatsangehörigkeit außerhalb der österreichischen Kolonie Schaden an Leib und Leben und Eigentum nehmen sollten. Wir wollen die Rechtssicherheit der Juden in Palästina, ihres mit Blut und Tränen aufgebauten Heimes; nicht aber eine kleine „Lebensversicherung" für die eine oder die andere Gruppe mit Hilfe von Konsulaten abschließen. Die Jerusalemer Agudath Israel, die zeitweise als erste an der Stelle war, um die nötige politische oder wirtschaftliche Hilfe zu fordern, dachte nicht an die Einen oder die Andern, sie forderte Recht für die Juden Erez Israels insgesamt, ohne dabei an Teilungen nach Landsmannschaft oder sogar religiöser Anschauung zu denken. So müssen wir es auch weiter halten. Und unter diesem Gesichtspunkte scheint uns die mit Genehmigung der Palästina-Regierung gebildete jüdische Selbstverteidigung in Palästina als eine durch die Verhältnisse durchaus gebotene Maßnahme, der insbesondere die N. Z. 0., die die „Jüdische Legion" auf ihrem Programme hat, ihr größtes Interesse zuwenden sollte. KATTOWITZ. (Zum 24. Jahrestag der Gründungs Versammlung der Agudas Jisroel-Weltorganisation in Katto^ witz ain IL Siwan 5672.) Vierundzwanizig Jahre ist es her. Eine Zeitspanne voll der gewaltigsten Umwälzungen auf politischem, sozialem und wirtschaftlichem Gebiet liegt dazwischen. Und doch, es ist hochinteressant, in den Protokollen*) zu blättern. So vieles spricht uns an, wie für die Gegenwart gesagt, Vieles, dank der g'ttlichen Hilfe, iWnd dank des Einsatzes unsrer besten Kräfte, weit überholt, Vieles, was Wunsch und Forderung war, in damals ungeahnter Weise erfüllt. So blättern wir einmal: Die Vorversammlung: Herr Rabbiner Dt, Cohn, Basel, erörtert, ob Agudas Jisroel eine Notwendigkeit sei, „Wann endlich/' so ruft er aus, „werden wir Jehudim, die wir 'durch Ahawas Hatauroh geeinigt sind; uns 'Zusammenschließen, um gemeinsam unsre heiligsten GütW zu verteidigen ... „Wäre es nicht, höhe Zeit, daß die Juden des Ostens und des Westens sich einander nähern, einander zu verstehen, einander zu stützen suchen, in dem schweren Kampf, den sie beide führen jnüssen gegen die Geister der Leugnung und Verneinung, der Vernichtung und Zerstörung der Religion? . „Wir, die ihoratreuen Juden des Westens, wir brauchen Bure Hilfe, Ihr Brüder im Osten. Stärker, mächtiger, alsbei uns, xauscht bei Euch die Quelle der Tauroh '. . ."; ' Dr< med. et phil. Ed. B i b e r f e 1 d, Berlin: , Wir•' wollen nicht unsre Kultur in die Länder des Ostens verpflanzen ' . . . Wir deutsche Orthodoxe sind uns dessen nur allzugut bewußt; daß es uns wohl gelungen isi, die Erfüllung der Mizwaus mit dem modernen Zeitgeist zu verbinden, und den Nachweis >zu erbringen, daß man auf der Höhe der Zeitkultur stehen und dennoch alle Dikduke< Mizwoh *) Aus „Agudas Jisroel", Berichte und Materialien. Herausgegeben vom Provisorischen Komitee der Agudas Jisroel" zu Frankfurt a. M.