Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 22 (26.5.1936)
- Date
- 1936-05-26
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Unser Glaube Von Dir. Dr. M. Elias in Frankfurt a. M. Wenn es etwas gibt, was den durch die gegenwärtige Situation unseres Volkes getrübten Bück wieder freier schauen läßt zu den Sternen, von denen uns Mut kommt und Hoffnung, so ist ■es der Wille zum Leben, der stärker als seit langem gewohnt, in uns aufgebrochen ist -und das dunkle Tor gesprengt hat, hinter dem die Wege zur Erneuerung und zur-Zukunft hinführen. Dieser Wille stellt sich zunächst als Selbsterhaltungstrieb gegenüber den Mächten des Schicksals, die das Leben des einzelnen und der •Gesamtheit unterstellen, in einem Ausmaße, wie seit Jahrhunderten nicht, die Kraft des Lebens mit Vernichtung bedrohen. Der Wille zu leben ist dieser seiner Entstehung nach auf Verteidigung und Abwehr gerichtet und als solcher rein negativ. Soll er durchhalten, -vom erzwungenen zum freien Willen führen, muß dieser Wille in positiven Quellen verankert sein, muß er im Glauben ans Leben einen Rückhalt,, die Weite rund Tiefe gewinnen, die allein von der Selbsterhaltung zur Selbstverwirklichung führen. Denn lange bevor der Wille zum Leben versagte, war -der Glaube geschwunden. Wenn jetzt der Wille zum Leben wieder sich regt, wollen wir 'das als ersten Schritt zur Rückkehr betrachten, und uns gegenwärtig halten, -daß der Glaube ans Leben erst die Gewähr bietet, die Kraft verleiht, die den Willen zum Leben stützt Der Glaube ans Leben ist etwas Heiliges. Es muß doch etwas Großes sein, wenn die Thora, das Höchste, als Thoräth chajim bezeichnet wird. Der Wille zum Leben bewegt sich noch im Materiellen, der Glaube ans Leben ist der Glaube ans Irrationale. Jener Glaube war systematisch ausgehöhlt "worden. Naturwissenschaft, Soziologie und Religionswissenschaft haben an seiner Abtragung gearbeitet. Um so interessanter ist, daß auf eben jenen Gebieten eine grundlegende Wandlung, ein Umlernen und Umdenken eingesetzt hat. Den Anfang mit der Entgottung unserer Welt machte nicht die Naturwissenschaft. Aber sie hat im vergangenen Jahrhundert den antireligiösen Tendenzen, die von der Revolution an die Gemüter beherrschten, den stärksten Vorschub geleistet. Sie galt als die Tatsacheniwissenschaft katexochen. Und wo Tatsachen sprachen, mußte der Glaube wohl schweigen. Die Entwicklungslehre schuf die Voraussetzungen, auf Grund deren die Lebensbedingungen und die Lebensanschauungen des Menschen nicht anders gewertet wurden wie im Tier, die »Kausalität ließ alles Geschehen im Banne rein mechanischer Gesetzmäßigkeit erstehen. Der jeweils Stärkere regierte die Welt und der blinde" Zufall spielte die Macht bald dem, bald ijenem in die Hände. ans Leben. Dieses- Weltbild, nach dem das Geistige aus rein opportunistischen Erwägungen im Kampf ums Dasein geboren sein sollte, mußte den Glauben ans Leben als einen Wert ertöten. Die Frage nach dem Sinn eines solchen Lebens verbot sich von selbst. In eine solche Geisteshaltung hineingestellt sah sich das Judentum im letzten Drittel des Jahrhunderts. Der Pessimismus als maladie de siede (war in ihr begründet. Der Jude, der so oft im Leben seines Volkes den Sieg der rohen Gewalt am eigenen Leben verspürt hatte, mußte in ihr nur die Bestätigung eigener Erfahrungen erblicken. Darüber sind hundert Jahre hinweggegangen,' sie gleichen an Bewegtheit tausend Jahren von früher. Das Weltbild, das sich an Darwin und Robert Mayer orientiert hatte, hat ibedenMiche Risse erhalten. In einem aufschlußreichen Buche,*) das kürzlich erschienen ist, legen drei bekannte Naturforscher diese 'Risse bloß, um die Umrisse eines neuen Weltbildes zu entwerfen, das mit größerem Recht als das frühere auf die Anschauung der Natur sich stützen soll können. Wenn wir auch darauf nicht schwören möchten, daß dieses Bild das frühere an Dauer erreichen wird, ist es doch interessant, zu sehen, wie wenig stabil einst auf „wissenschaftliche Tatsachen" gestützte Weltbilder sind. Und wenn wir auch nicht allen Deutungen, vor allem solchen nicht zu folgen vermögen, die versuchen, den Gleichnis geWt des Naturgeschehens in der Mjystrlc'*les Christentums wiederzufinden, so ibleibt in dem gewaltigen Tätsachenmaterial,, das da ausgebreitet wird, und in der reichen Literatur, die hier angeführt wird, soviel Material für den Aufbau einer religiösen Weltanschauung, daß iwir geneigt sind, in jener Naturanschauung ein Teil von jenem Bild wieder zu erkennen, das König David einst in .sich getragen ihat, da er ausrief: ma rabu maassecha haschem, kulam bechochma assitha. Das Dogma, von der strengen Kausalität hat weichm müssen, heute redet man von einer auf jeder St^fe der Entwicklung wirkenden " Spannung polarer Gegensätze. An die Stelle der zwingenden Ursache tritt das auch in der Natur mit einiger Freiheit sich verwirklichende Urbild, an die Stelle mechanischer Stoff gebundenheit im Bezirke des Lebens tritt eine auch im unendlich Kleinsten sich souverän auswirkende Lebenskraft, die im Menschlichen als höchste Sublimierung entgegentritt, nicht um sich auszugeben, sondern um sich zu höchster Aktivität zu steigern. *) H. Andre. A .Müller. E. Dacque, Deutsche Naturanschauung als Deutung des Lebendigen. Verlag Oldenbourg, München. 1935. Prs, 4.80. Mit Recht erblicken die Verfasser in der so gesehenen Natur nur ein tausendfältiges Vorbild für die Ueberwindbarkeit des Todes. Zwei gegensinnige Prozesse durchdringen sich in allem Lebendigen, für die nur dem Menschen Einblick gewährt ist. Im Fortpflanzungs- und Zeugungsraum bewegt sich die Pflanze, im Instinktiven das Tier, im Erkenntnisraum der Mensch. Je inniger sich die Pole durchdringen, desto sicherer offenbart sich das Urbild iin dadurch entstehenden wesensihöheren Dritten. Worin unterscheidet sich iMensch und Tier? Der Mensch erkennt und urteilt nicht nur wie das Tier, sondern er vermag auch zu erkennen, daß er erkennt, und kann sein Urteil selbst wieder beurteilen, ab es dem Wesen der Dinge entspreche. Unwillkürlich denken wir an die Sprache der Bibel: Wff« Hltl AK 3H* D*I«m Und Adam erkannte Chawa, seine Frau. Wesenserkenntnis, die den Menschen vom Tier unterscheidet, wird . geradezu der Name für menschliche Fortpflanzung, denn sie wird vom Erkenntnispol her bestimmt. Bezeichnenderweise geht dieser Wesenserkenntnis voraus die Suche des ersten Menschen nach einem Na*ien für die ihn umgebenden Geschöpfe, od»f vielmehr: die Namengebung hat die We^ehserkenntnis zur Voraussetzung. Die Suche'nach einem Namen bildet den Anfang aller Wesenserkenntnis, wie sie sich in Wissenschaft, Kunst und aller Kultur offenbart. Eine der tragenden Ideen der neuen deutschen Naturerkenntnis ist/die Idee der Polarität, wonach die Entstehung nur als schöpferischer Ur-Absprung im Abstand zweier polarer Maximen verstanden wird. Beim Tier stehen Sensihfilitätspol und Fortpflanzungspol einander gegenüber und schaffen ein eigentümliches .Spannungsverhältnis. Mit der steigenden Organisationshöhe erreicht die polare Spannung zwischen den Zeugungsorganen als eigentlichen Organen der Fortpflanzungstendenz und dem Organ /der Sensibilität oder der bewußten Empfindung, dem Zentralnervensystem, ihren Höhepunkt. Die Spannung kommt im Baustil zu vollendetem Ausdruck. Beobachtungen über die gesetzmäßige Auswirkung der Spätsyphilis bestätigen den Zusammenhang, wie einer der oben genannten Mitarbeiter nachweisen konnte. Der Stirnpol, das oberste Führungsfeld enthaltend, erkrankt regelmäßig am ausgesprochensten. Müller weist mit Recht auf das tiefe Sinngesetz hin, das sich hierin offenbart; liegt in der gebändigten, geleiteten, von tiefer Sinnerfüfflung durchleuchteten Sexualität der Jungbrunnen des Lebens eines ganzen Volkes, so muß die Unsittlichkeit als die eigentliche Gelegenheitsursache der Syphilis „zu einer geradezu zielstrebigen Vernichtung von Leben, zur Verneinung von Führung, Bindung und Ordnung führen." Aber diese Entzweiung der Pole ist nicht um der Entzweiung willen da, sondern, um sich in