Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 22 (26.5.1936)
- Date
- 1936-05-26
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 22 Der Israelit 26. Mai 1936 Die Königstochter in der Verbannung* Eine Legende nacherzählt von Dr. Bernhard Hirschberg-Schrader. (Schluß.) Reuben wanderte den ganzen Tag. Als es Nacht wunde, befand er sich auf einem freien Felde. Er beschloß, sich auszuruhen, um am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang den Weg fortzusetzen. Das Stückchen Brot, das er mitgenommen hatte, war bereits verzehrt. Hungrig legte er sich nieder, Alsbald erhob sich ein eiskalter Wind von der Wüste her und ließ ihn bis ins Innerste erzittern. Als er sich einen geschützten Platz suchen wollte, stieß er auf das Skelett eines Büffels, dessen Fell zum größten Teil noch unversehrt war. Da er fror, trennte er mit seinem Messer das Fell ab und hüllte sich darin ein. Dann versank er in tiefen Schlaf. Da schoß ein mächtiger Adler aus den 'Lüften herab, packte ihn mit seinen Fängen und flog übers Meer. Endlich ließ er sich auf dem Dachgarten des Turmes nieder, in dem die Prinzessin lebte. Er legte seine Beute «auf den Fußboden und flog dann zu ieinem Felsen, der aus dem Meer hervorragte. Am nächsten Morgen erschien Kezia auf dem Dachgarten, um ihren gewohnten Spaziergang zu machen. Aber wie erstaunt war sie, als sie das Fell eines Büffels vor sich liegen sah. Doch ihr Erstaunen verwandelte sich geradezu in Schrecken, als sie das Fell Öffnete und darin einen friedlich schlafenden Jüngling vorfand. Sie weckte ihn. „Wer bist Du?" Er rieb sich verwundert die Augen und sprang auf; '*••., .. ,,Ich bin Reuben, der Sohn des Abiam aus Akko." , ,,Sag', wie kommst Du hierher?" Er erzählte seine Geschichte'.bis zu dem Augenblick, da ihn der Schlaf übermannt ahtte. „Was sonst mit mir geschah, weiß ich nicht; Ich vermute aber, daß einer der großen Adler'mich hierher getragen hat." „Wunderliche Dinge geschehen auf Erden," ' sagte die Königstochter nachdenklich. Darauf führte sie Reuben in eines der Gemächer, wo er sich erfrischen konnte und reichte ihm dann auf dem Dachgarten erquickende Speisen und Trank. Seltsam berührt von allem, faßte er sich ein Herz und sprach: „Verzeiht, edle Herrin, daß ich mich vermesse, eine Frage an Euch zu richten. Wer seid Ihr, und^ wie kommt Ihr in diese furchtbare Einsamkeit?" Die Königstochter errötete. „Ich bin Kezia, die Tochter des mächtigen Königs Salomo." „Eine Königstochter?" „Ja. Auf Befehl meines Vaters wurde ich auf eine Reise geschickt und nach langer Zeit hierher auf den Turm gebracht." „Was habt Ihr denn verbrochen, daß man Euch hierher verbannt hat?" „Ich bin mir keiner Schuld bewußt und frage mich jeden Tag, weshalb mein Vater diese Straf e über mich verhängt hat. Aber er ist der König, und sein Wille ist Befehl/' Reuben versank in Nachsinnen. Nach - einer Weile meinte er: „Mich dünkt, daß hier ein großes Geheimnis waltet." „Ein Geheimnis?" fragte Kezia verwundert. „Ja, ein Geheimnis. Laßt uns zum Allmächtigen flehen, daß sich alles zum Guten wende." Es vergingen viele Tage. Kezia und Reuben verbrachten ihre Zeit in ernsthaften Gesprächen. Sie lernten einander immer mehr kennen, und eines Tages sägte Reuben zu Kezia: „Prinzessin, es ist heute ein so schöner Sonnentag und mein Herz ist erfüllt von Euch. Sagt mir, ob ich es wagen darf, meine Blicke zu Euch zu erheben und Euch zu 'bitten, mein Wei'b zu werden," „Reuben," erwiderte die Königstochter bewegt, ,,Du darfst es wagen, denn G'tt selbst hat Dich auf wunderbare Weise zu mir geschickt." Reuben antwortete; „G'tt und seine Engel Michael und Gabriel sind Zeugen, daß ich Dich heute zu meinem Weibe mache. Er möge uns beschützen und wieder in die Heimat zurückbringen/' * (S50^> ^05S>ÄC=3^O^) ^C*S> KINDERBRIEF ZUM SCHOWUAUSFEST. Wieder ist der Frühling da Und Schowuaus ist . ganz nah1 Lieber Freund, in diesem Jahr Wurde es mir so recht klar, Daßmit dem Fest ein Denkmal gegeben Fürs Höchste und Beste in Israels Leben. Am Pessach ward Israel befreit Von Aegyptens «Fron* und Leid, Am Schowuaus erhob der Allgerechte Juda vom Sklaven zum G'ttesknechte. Am Sinai stand unsrer Väter Schar Und nahm g'ttliche Stimmen wahr, Und hörte des'Schofars brausenden Schall. Und sah Rauch und Flammen überall. Und Moses schrieb die G'ttesworte auf, Das ganze Volk gelobte darauf, Stets zu befolgen die heiligen Lehren, Sie zu üben, zu lieben, zu ehren. Und nie von .G'ttes Wegen zu weichen, Um endlich das hohe Ziel zu erreichen: Ein heiliges Volk, ein Priesterreich zu Stein, Sich mit Herz und Seele dem Höchsten zu weih'n. Das. sind Gedanken, die nie soll'n vergeh'n, Mit jedem Schowuaus neu aufersteh'n, Denke Du heute mit mir daran, Künde sie weiter von Mann zu Mann, Auf daß jeder den Sinn des Festes versteht Und es mit Ehrfurcht und Würde begeht. Elly Ludwig/ (aOS) (SÖÖÖ)C23CS3(^Ö^> König Salpmo saß mit seinen Getreuen beim Mahle und schien wohlgemut und guter Dinge. Zu seiner Rechten saß, wie immer, der Hohepriester. Nach einer Weile erhob sich der König. Er nahm, ihn beiseite und sprach: „Priester, sieh hin, wie alle meine Getreuen sich froh am Mahle ergötzen. Auch ich scheine heiter und wohlgelaunt. Und doch ist mein Gemüt tief bedrückt," „Was betrübt meinen königlichen Herrn?" „Hör' mich an. Als Du mir damals die Weissagung überbracht hattest, beschloß ich, dem Spruch der Urim und der Tummim zu trotzen, und ich habe meine Tochter Kezia schweren Herzens nach einer einsamen Insel bringen lassen. Sie ahnt nicht, weshalb sie dort ist, und hält mich für hart^und grausam. Ich weiß, daß ich gegen den Allmächtigen gesündigt habe, aber ich tat es um meines Kindes willen. Ich vergehe vor Sehnsucht nach meiner Tochter. Auch istdie Frist, in der sich die Weissagung der Urim und der Tummim erfüllen sollte, bereits abgelaufen." „Mein König," sagte der Hohepriester ernst, „ein zwiefaches Unrecht lastet auf Deinem Gemüt. Du hast dem Spruch der heiligen Urim und der Tummim getrotzt und pudern Dein Kind in die Einsamkeit verbannt. Säume daher nicht länger, Deine Tochter wieder vor Dein Angesicht zu bringen und zum Allmächtigen um Vergebung Deiner Sünde zu flehen." „Weise ist Dein Rat, Priester," entgegnete der König. „Ich selbst werde meine Tochter aus der Verbannung zurückholen. Ich will auch zum Ewigen beteni daß er mir meine Auflehnung verzeihe. G'tt ist barmherzig und großmütig und mißt nicht mit menschlichen Maßen." „ Am nächsten Morgen ließ König Salomo den Hauptmann Josua zu sich kommen und befahl ihm, sofort ein Schiff zu rüsten und sich mit der bewährten Mannschaft für eine Reise nach der Insel bereit zu halten. Die Fahrt mit dem König an Bord verlief glücklich. Nach einundzwanzig Tagen legten sie an der Insel an. Als der König den Turm erblickte, in dem ,er seine Tochter gefangen hielt, wurde er sehr bewegt. Aber er verbarg sein© Erregung vor den anderen, Sie gingen an Land,, schlugen in. die Mauer eine tiefe (Bresche und bestiegen mit Hilfe einer mitgebrachten Leiter den Turm, * Prinzessin Kezia hatte das Schiff bereits von weitem kommen sehen, Sie erkannte ihren Vater, als .sich das Fahrzeug näherte, und .wartete pochenden Herzens auf sein Kommen, ■; Als König Salomo über die Brüstung, stieg, streckte sie ihm die Arme entgegen und. fiel ihm um den Hals. Der ganze Groll, den sie gegen ihn hegte, war vergessen, „Vater, Vater, ich bin so glücklich, daß Du endlich gekommen bist." „Auch ich bin glücklich, Dich wiederzusehen, mein Kind", erwiderte der König gerührt. Er machte dem Hauptmann ein Zeichen und zog sich mit seiner Tochter in eines der Gemächer zurück. König Salomo nahm zärtlich die Hand seiner Tochter und sprach: „Höre mich an, mein Kind. Vor längerer Zeit wurde mir geweissagt, daß ein armer Mensch, der kaum das tägliche Brot hat, Dich zu seinem Weibe machen werde. Ich wollte Dich vor einem, solchen Schicksal bewahren und ließ Dich auf|. diese Insel bringen. Nun ist die Zeit abgelaufen, und die Weissagung hat ihre Bedeutung ver- . loren. Ich bin gekommen, um Dich wieder nach Jerusalem zu bringen." Ueber Kezias Antlitz huschte ein leises Lächeln. Der König sah mit Wohlgefallen seinem Kinde in die Augen. > „Ich bin so glücklich, daß Du keinen Groll gegen mich hegst, denn ich war nur auf dein Bestes bedacht," In diesem Augenblick tat sich die Tür auL und Reuben erschien auf der Schwelle des Gemaches. •Der König sprang erstaunt auf, „Wer ist der Fremdling? Wie ikommt er hierher?" - Kezia trat zu Reuben hin, reichte ihm die Hand und führte ihn zum König, „Die Weissagung ist doch in 'Erfüllung gegangen, Vater. Dies ist Reufoen, mein Mann," sagte-, sie schelmisch. „Dein Mann?" fragte der König überrascht und sah sie prüfend an. •" „Ja." Und sie erzählte ihrem Vater alles, was sich zugetragen hatte.. König Salomo versank in tier. fes Sinnen. Nach einer Weile maß er beide mit ernsten 'Blicken und sagte: „Ich sehe, daß G'tt Euren Bund gewollt' und gesegnet hat. Es ist nicht weise, sich gegen seinen Willen aufzulehnen. Fürwahr, seltsam sind, die Wege des Ewigen." :; V Drei Tage später traten sie die Heimfahrt antl