Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1936-05-26 · Heft 22 (26.5.1936) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 22 (26.5.1936)
Date
1936-05-26
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450909-2450930--82137-2540073
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seit© 2 iNr. 22 Der Israelit 26. Mai 1936 Asriels Verhältnis zu Reb Jecheskel, dem Schriftkünstler, war einfach rührend, fast mütterlich, voll innerer Wärme und Herzlichkeit. An einem kalten, frostklaren Tag traf ich Reb Jecheskel, den Sofer, wie er, von Asriel geleitet, aus dem Badehaus kam, Reb Jecheskel hatte sich vorgenommen, jedesmal, bevor er den heiligen Namen auf das Pergament niederschrieb, in das Tauchbad zu gehen und dort dreimal einzutauchen. Und er führte diesen Vorsatz mit aller Festigkeit durch. Ich bemerkte dabei, daß Reb Jecheskel seinen dürren Körper in Asriels abgeschabten Pelz gehüllt hatte, und. er, Asriel, bei diesem »Frost ohne iMantel, vor Kälte ganz krumm, mit klappernden Zähnen, aber mit strahlendem Gesicht, neben ihm herlief. „Sieh mal, Chawe-Lisse," sagt Asriel zu seiner Frau, „ist das nicht ein Wunder G'ttes, direkt vom Himmel gesandt? Soeben hat jemand ein Paar Sohlen bestellt. Erstens hätten es doch nur Absätze sein können, und keine Sohlen. Zweitens, ausgerechnet zu mir kommt der Mann. Gibt es denn in der Stadt nur einen Asriel, den Schuster? Es gibt, G'tt sei Dank, noch mehr Schuster. Gerade zu mir mußte er kommen! Das geschieht alles nur für die Thora und wegen der Thora ..." Die paar sauer verdienten Kopeken verschwanden schnell in der „heiligen Büchse", wie sie ihre Sparbüchse zu nennen pflegten. Solche „Ersparnisse" machte das glückliche Paar bei jeder Gelegenheit. Die mit weißem Kalk gestrichenen Wände blitzten nur so; alles, ist spiegelblank, sieht, lustig und heiter aus, lädt gleichsam zum Verweilen ein. In allen Ecken blinkt und leuchtet: es. In der Mitte des Zimmers, an einemgroßen, viereckigen Tisch, niit einer seidenen Decke; darauf, sitzt Reb Jecheskel, der Sofer, über seine Arbeit gebeugt, vertieft in heiligem Tun; Er schreibt gerade die letzten Zeilen des heiligen Buches! - Das Zimmer ist voller Leute, die sich alle: bemühen, der Ehre teilhaftig zu werden, eigenhändig einen Buchstaben schreiben zudürfen.. Die Stimmung ist ernst und feierlich ... . Auf der Straße, vor Asriels Haus, ist viel. Volk zusammengelaufen: Männer; Frauen und Tel Awiwer Straßenkreuzung Und wie hielten Asriel und sein Weib ihre sauer verdienten Groschen für die kostbare Thora zusammen? So konnte man bei ihnen Unterhaltungen wie die folgende beobachten; „Weißt du, Chawe-Lisse, ich hätte heute Lust auf etwas Besonderes, was Gutes, einen schönen Braten oder so. Was meinst du dazu?" „Mit Freuden," sagte Chawe-Lisse, „sag mir nur, was du dir wünschst!" „Weißt du, vielleicht ein schönes Stück Hecht, einen saftigen Fleischbrooken und zum Nachtisch einen leckeren süßen „Kugel" mit gutem Eingemachten. So, wie bei reichen Leuten!" „Schön, ich lauf schnell auf den Markt!" „Und was wird das denn etwa kosten?" „Na, vielleicht an 60 Kopeken!" „60 Kopeken?! — Bist du denn, Chawe-Lisse, ganz von Sinnen?" „Was ist denn dabei? Du schuftest doch genug! Und warum, mein Miamn, willst du dir nicht mal eine Freude gönnen und das essen, wonach du Lust hast?" „Aber, Chawe-Lisse, du bist doch wirklich ein Weib, nimm es mir nicht übel! Hältst du mich denn für einen verfressenen Kerl, für einen Verschwender — G'tt behüte —, daß du mir zutraust, ich konnte mich mitten in der Woche, an einem gewöhnlichen Werktag, hinsetzen und Fisch und Fleisch essen? Es ist doch kein Sohabbos und kein Jaum-Tauw; Wirklich, das hätte ich dir gar nicht zugetraut, Chawe-Lisse, daß du das auch nur denken könntest! Wir lassen doch eine Thora schreiben, ein Geschenk an G'tt, gelobt sei Sein Name! Mache lieber einen Hering, weißt du, mein Weib, ein eingelegter Hering mit einer Gurke angerichtet ist doch eine Delikatesse! Und die 60 Kopeken, welche du, Dumme, schon bereit warst, für den sündigen Leib auszugeben, werfe in die Büchse!" — Ein anderes Bild! Ein Kunde kommt und läßt ein Paar Stiefel besohlen. An einer Litfaßsäule in Tel Awiw. Sie selbst gingen mit zerrissenen Schuhen und geflickten Kleidern, mager und blaß herum. Nur die Augenr, aus denen die Begeisterung leuchtete, leibten in ihren Gesichtern! * Schon von Peßach aar war das Städtchen in großer Aufregung. Ueberall, wo man hinhörte, wurde von nichts anderem gesprochen, als von Asriel, des Schusters Thorarolle, welche in feierlichem Aufzug unter einem Baldachin (Chuppe) in die große Schul geleitet werden sollte. Und der lang herbeigesehnte Tag kam heran! Asriels Wohnung, war tadellos sauber. Straßenbau in Tel Awiw Kinder, die voller Neugier der kommenden Dinge; harren. Mit angehaltenem Atem wartet das „Volk" auf die „Klesmer" (Musikanten), die sich: mit langsamen, gravitätischen und rhythmischen. Schritten, wie sie es den Militärfca,p«llens abgesehen haben, dem Hause Asriels nähern. Der Höhepunkt naht! Reb Jakow, der Schammes, mit seinen krummen, sich ständig bewegenden Beinen, bringt, die Chuppe,' den Brauthimmel. . Auf der Straße könnte man eine Stecknadel', fallen hören, so still ist es. In der Tür erscheint Asriel, leichenblaß. Erdrückt zärtlich die Sefer-Thora, das Kostbarste, das Heiligste, das er besitzt, an seine schmale: Brust. Die Thora ist geschmückt und hergerichtet, wie eine schöne Braut. Er stellt sich mitten unter die Chuppe, umgeben vom Rabbiner, Vorbeter, Vorstand und. anderen Würdenträgern, Alle schreiten langsam, in Richtung auf di& Schul, und Reb Schmarja, der Chasen, singt mit seiner honigsüßen Stimme einen schönen Psalm. Dröhnend beginnt die iMusik etwas Lustiges,. Fröhliches zu spielen. Alles singt, jubelt, freut sich. Sogar der riesengroße Gendarm, Nikolenko,. mit seinem langen, aufgezwirbelten Schnauzbart,- der zum erstenmal in seinem Leben eine jydische „Prozession" sieht, macht ein fröhliches Gesicht, (ich glaube, auch zum erstenmal im seinem Leben), steht stramm .wie vor einem Vorgesetzten und erweist die üblichen Ehren. Der Zug bewegt sich durch das ganze Städtchen, ungestört und angestaunt von den andereir Einwohnern. Fast ansteckend wirkt die feierliche Stimmung. Endlich ikommt er in der Schul an. Die Tihorarolle erhält ihren Platz mit ^-den anderen Thorarollen zusammen in der heiligen Lade, und dann hält der Raw eine Rede mit vielen schönen Bibel- und Talmudsprüchen. Und er schließt, indem er sidh an Asriel wendet:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.