Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 22 (26.5.1936)
- Date
- 1936-05-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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^^^^^s^^s^^^^^s^^^^^^^^^^w?^^^^^ flsriel lässt eine Thora schreiben Eine Geschichte zum Sehebuothfeste von Boris Kader. Als schon kurz nach dem Sehebuothfeste das Gerücht das Städtchen durcheilte, daß Asriel, der Schuster, eine Thora schreiben lassen wolle, hörte man allenthalben nur Spott: . „Na, was sagt ihr zu Asriel, dem Narr? So ein Habenichts läßt eine Thora * schreiben? Hat man sowas , schon mal gehört? Sicherlichschafft er es nicht zu Ende." Manche sagten es aus Neid, manche, weil sie ihn an sich nicht leiden mochten, manche nur, um mitzureden- Seit jenem Tage hieß Asriel jedenfalls im Städtchen ,,Asriel, der Narr" ... Wundert euch nicht darüber, liebe Freunde! U eberall und zu jeder Zeit Mannte man die Bahnbrecher der Menschheit Narren. Aber hat es sie in (ihrem Streben zurückgehalt eil? Gerade solche Leute erreichen das Ziel, das sie sich gesteckt haben, wie ihr es gleich am Beispiel von Asriel sehen werdet ... Wer war eigentlich Asriel? Asriel war ein einfacher Schuster und — wie alle Leute seines Berufes — ein armer Mann, der im Schweiße seines Angesichtes sein Stückchen Brot verdiente. In der „Schul" hatte er seinen Platz nicht an der begehrten Ost-, sondern an der Westseite, in einer dunklen Ecke. Er wäre sicher gestorben, ohne jemals des Genusses einer „Alijah", des Auf-, ruf ens zur Thora, teilhaftig geworden zu sein, wäre er nicht zufällig ein Kohen gewesen. Da aber nicht allzuviel „Köhanim" zu den regelmäßigen Schulbesuchern "gehörten, konnte man ihn öfters aufrufen hören: ■ i;,. _ > - ' ■ ■ . ■ •; „Jaamaud sReb Asriel ben Reb Schlöme Salmon Hakohen!" gere, dürre und stets etwas komisch wirkende Gestalt. ' Ich war damals ein kleiner Junge, und As- V5^ Das Städtchen jedoch gönnte ihm den Titel „Reb" nicht, sondern nannte ihn schlechtweg „Asriel, der Schuster". Das lag aber Sticht daran, daß Asriel, G'tt behüte, etwa kein würdiger Jude gewesen jwüre! Nein, ganz im Gegenteil; schuld hieran trug seine kleine, ma- Der Hauptturm der Levanteausstellung in Tel Awiw (Siehe Seite 3) fiel war einer meiner besten »Freunde. Stundenlang konnte ich in seiner Schusterwerkstatt auf einem niedrigen Schemel sitzen und zusehen, wie er kunstgerecht einen scheinbar hoffnungslos kranken Stiefel flickte. Asriel hatte, um mit Jakob Wassermann zu reden, „ein geniales Herz". Sein heißester Wunsch war, stets jedem Menschen gefällig zu sein. Für einen Juden aber war er immer bereit, durchs Feuer zu gehen. Seine Frau, Chawe-^Lisse, ein kleines zartes Persönchen, war seine Lebensgefährtin im wahrsten Sinne des Wortes —, gütig, bescheiden und fromm. Eines Tages sagte Asriel zu mir (ich will ihn der Kürze halber auch ohne den Titel „Reb", nennen, den er freilich mehr verdient hätte als mancher andere): , ' „Weißt du, ich und Chawe-Lisse haben ibeschlossen, eine Thora schreiben''zu lassen. Kinder sind uns-vervsagt geblieben, so wollen wir dem Ewigen wenigstens so für seine Gnade danken, wie in den heiligen Schriften steht: „Der Ewige straft den, den Er liebt.". Wie findest du mein Vorhaben?" Ich beglückwünschte die guten Leute, konnte aber mein Bedenken nicht zurückhalten, ob es ihnen, bei ihren Einkünften, auch gelingen werde, die Erfüllung ihres Wunsches zu erleben. , „Der liebe G'tt wird uns schon •helfen. Ich glaube fest daran, und hoffe, daß man am kommenden Schetmothfest, so G'tt will, aus meiner Thora . vorlesen wird. 0, Herr der Welt, o barmherziger Vater, daß ich es noch erleben möge, es mit meinen Augen sehen und mit meinen Ohren hören!" Während der langen, kalten und dunklen Wintermonate, in denen Reb Jecheskel, der Sofer (Thoraschreiber), mit großer Liebe eine Thorarolle für Asriel schrieb, strahlten meine Freunde, Asriel und seine Frau. Sie lebten ein eigenes inneres Leben, auch ihre Gesichter bekamen einen wunderbaren Glanz. Es schien, als habe der „Ruach Hakaudesch", der heilige Geist, seine Fittiche über sie ausgebreitet.