Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 22 (26.5.1936)
- Date
- 1936-05-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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26. Mai 1936 : ■ i ■ ■ - - - - Der Israelit Nr. 22 Seite 9 Jerusalemer Brief. Und wieder Opfer. — Das belagerte Jerusalem. — Die Haltung der Behörden. — Die Räumung der Alistadt. — Leistungen der Agudas Jisroel. — Meah Schearim. Jerusalem, 20. Mai. Am Freitag wurden zwei Opfer zu Grabe getragen und am Sonntag, dein 17. Mai, wieder drei, die am Sabbat 'den Todesischuß im Kinotheater erhalten haben. Wir wollen in dieser kritischen Stunde nicht mit denen rechten, die am Sabbat keime andere Zerstreuung haben, als Kino und Theater, aber die Mordtat bleibt Mordtat und die Erregung im Jischuw ist einheitlich. Schuld an allem Unglück ist 'der Streik. Ist schon nach einem alten Talmudwort „Müßiggang Ausgangspunkt aller Laster", so gilt .das bei den halbwilden, verhetzten Menschen in doppeltem Sinne. Sie lungern beschäftigungslos in den Straßen hierum, sind um ihr Brot gebracht und wissen selber nicht, wer daran Schuld ist. Sie müssen irgendwo rund irgendwie ihr Mütchen kühlen. Sie wissien nur eines: Ohne Juden gäbe es keime Judenhetze, folglich seien die Juden Schuld am Streik . . . Das Gewehr ist stets geladen, allen strengen Verboten zum Trotz, und immer geht ein Schuß los, wenn es irgendwie so zu machen ist, daß man nicht entdeckt wird, wenn beispielsweise Helfershelfer mit einem Auto in der Nähe sind, um den Meuchelmörder in Sicherheit zu bringen. 27 Todesopfer macht bereits dieblutige Ernte. Der Schaden an" jüdischem Eigentum ist nicht in Zahlen zu fassen. Auch die Verwundeten wurden nicht gezählt, hüben so wenig wie drüben. Wenn früher einzelne Verbrechen vorkamen oder sich .die Wut des Volkes spontan entlud, so war es ein Gewitter, das bald vorüber war. Heute haben wir es mit einem Kleinkrieg zu tun, einem Berge, der in Bewegung, ■ins Stürzen geraten ist, den man nicht mit Bomben und Granaten zurückdrängen kann. Die Haltung der engEschen Behörde war, bis jetzt wenigstens, nachsichtig. Es scheint aber nun anders zu werden. In Jerusalem, das in den ersten Wochen der Ausschreitungen ruhig blieb, setzten 'die Unruhen später ein, aber dann doppelt intensiv. Heute ist die Altstadt Jerusalems der Herd dler Unruhen, wie es zu Anfang Jaffa war. Am 11. Ijar explodierte eine Bombe im Judenviertel der Altstadt. In einer anderen Straße wurde zur gleichen Zeit der angesehene Gelehrte Rabbi Reuben K 1 a p p h o 1 z erschossen. Wenige Minuten später fiel ein anderer Märtyrer, Rabbi Alter Cohen, einem Meuchelmörder 'zum Opfer, Die Schüsse bewirkten eine furchtbare Panik, die Läden wurden geschlossen und die Juden ergriffen die Flucht aus der Altstadt. Die beiden genannten Opfer gehörten zu den B e s t en und Ang es eh enaten de® alten Jerusalem, waren große Thoragelehrte und durch tiefe. Frömmigkeit ausgezeichnet. Rabbi Cohen war bereits über 70 Jahre alt. Beide kamen auf verschiedenen Wegen au® der Schul, wurden gewissermaßen mit dem Morgenjgebet auf den Lippen von Mörderhand niedergestreckt. Die Bestattung dieser beiden a'Bmp war keine Demonstration. Große Ansammlung war verboten und die Begleitung durfte überhaupt nur bis zu einem gewissen Stadtpunkte gehen. Aber wer 'die. tiefe Trauer, die niedergedrückte Stimmung Altjerusolems an der Bahre dieser seiner beiden vornehmen Vertreter nicht gesehen hat, hat eine Trauer in Jerusalem nicht -miterlebt, eine Trauer in Jerusalem und um Jermalean, denn nun spürte man, wie uns der ureigen© Boden unter den Füßen wankte. Man sah an «der Spitze Oberrabbiner Dus chinski iganz. in Tränen aufgelöst.; Trauerreden waren 'verboten. Die Söhne sagten das Kaddischgebet, es .wirkte mehr als die ergreifendsten Reden. . Esjist nur eine kleine Episode aus der Skala der Ereignisse und. wohl den Leserin aus "den Tages- und Wochenizeitungen, schon bekannt. Aber was besagen die dürren Zeitungsberichte im Vergleiche zum Erleben solcher Tragödien? Und diese Tragödien sind bereits durch neue über holt, .durch die Beerdigung der drei Opfer, die im Kino meuchlings niedergeschossen wurden, die am Sonntag, den 17. Mai, stattfand. Hier konnte man viele Zehntausende laut schluchzend hinter der Bahre hergehen sehen. ' Nach diesen Ereignissen wurde die Räumung der Altstadt von den Juden notwendig. Sogleich, als diese Maßnahmen bekannt wurden, begaben sich Rabbi Mosche Blau, Dr. B u x b a u m und Ben Z wi zum Distriktskoimmissar, um die Evakuierung zu organisieren und die Sicherungsmaßnahmen zu besprechen. Rabbi Mosche Blau ging darauf in Begleitung von Polizisten durch die Altstadt und besuchte sämtliche Höfe und Häuser, in denen Juden wohnten, sprach ihnen Trost zu und leitete ihre Ueberführung. Von der Versorgung 'dieser unglücklichen Menschen mit Proviant 'durch den gleichen Agudaführer wurde bereits im „Israelit" berichtet. Eine Delegation, die am folgenden Tage vom High C o m m i s s i o n e r empfangen wurde, bestand aus den Herren Bürgermeister Dizengoff, Rabbi Usiel, Rabbi Mosche Blau, Ben Zwi, Rokeach, Botkowski und Zisling. Dizengoff soll im Namen der 150 000 Juden in Tel Awiw, die seiner Hut anvertraut sind, sehr energische Worte geführt haben und gegen einige Araberführer, die .das Vertrauen der Regvirung dazu mißbrauchen, um die Menge zu verhetzen, Beschwerde eingelegt haben. Die anderen Herren sagten, wenn die Sicherheitsmaßnahmen ungenügend bleiben sollten, so würde keine Macht die Organisierung der jüdischen Selbstwehr verhindern können. In B e r S c h e b a wurde den Arabern der Zehnte erlassen, weil ihre Ernte schlecht ausfiel und zur gleichen Zeit brenne man im Emek die jüdische Ernte nieder, ohne daß die Brandstifter entdeckt werden. Rabbi Mosche Blau sagte ungefähr: „Das gesetzestreue Judentum sieht nun, besonders nach den letzten Mordtaten in Jerusalem, daß jüdisches Blut in der heiligen Stadt freigegeben sei. Die arabischen Hetzer nutzen die schwächliche Stellung der Regierung aus. Wie könnte sonst der Mufti öffentlich' verkünden, daß Juden arabische Kinder hinschlachten, wo doch jedes Kind auch unter den Arabern weiß, daß Mohammed aus der jüdischen Thora sein „Du sollst nicht morden" übernommen hat? Kann man dem unwissenden Wolke seine Untaten verübeln, wenn es auf diese Weise aufgehetzt wird?" Es sei doppelt ernst und bedenklich, schloß Rabbi Blau, daß solche Mordtaten auch noch nach dem Einzug des Militärs in Palästina vorkommen konnten. . Der High Commissioner wehrte sich gegen den Vorwurf der Schwäche. Es gehe nicht so rasch bei der Niederschlagung von Revolten, das habe sich auch in anderen Ländern gezeigt. Die Administration sei Herr der Lage und Polizei und Militär werden voll ihre Pflicht tun, man müsse nur noch ein wenig Geduld haben. — Was hier über die Audienz berichtet wird, erfährt man nur aus dritter und vierter Hand. Die Zeitunigen durften bis jetzt kein Wort darüber verlauten lassen. Es ist aber zu konstatieren, daß .diese Intervention nicht nutzlos war. Die Militärdemonstrationen durch die Straßen haben ihre Wirkung getan, und auch die müßig herumlungernden Araber sehen jetzt ein, daß sie ihre Haut zum Markte tragen, wenn sie Ungesetzlichkeiten begehen. Ob die Ueberfälle aus dem Hinterhalte nun endlich .aufhören? Meah Schearim, das neuere jüdische Viertel im alten Jisohuw, hat jetzt ein ganz anderes Gesicht wie sonst. Es ist angefüllt mit Flüchtlingen aus der alten Judenstadt. Junge Menschen aus der Agudas Jisroel gehen, von Haus zu Haus und sammeln Spenden zur Versorgung der Flüchtlinge, denn die Leute'konnten nicht einmal das Nötigste mitnehmen. Es. wurden für sie - gemeinsame Sabbattische, veranstaltet. Die - Chaaiedimgemeinde arbeitet weit über ihre Kräfte hinaus, um den Flüchtlingen alle Bruderhilfe zu reichen, ''' Wie nie zuvor bedürfen wir der Hilfe der Golah, der rnaterdellen und der geisitigen. Möge sich G'tt seines Volkes erbaonmen. Mn. G.-P. Personalien. Rabbiner Dr. Simonsohn ^»Sf. Breslau, 19. Mai. •Der große Verlust, den das jüdisch-religiöse Leben Breslaus durch den plötzlichen Heimgang Rabb. Dr. Simonsohns Vst, erlitten hat, kann nur annähernd durch eine Darstellung dieses seltenen Mannes deutlich gemacht werden. Ein Urenkel des großen Altonaer Oberrabbiners J. J. Ettlinger b'itydes „Oruch laner", zeichnete sich Max Simonsohn schon als Kind durch Begabung und tiefe Frömmigkeit aus. Der früh verwitwete Vater ließ ihn nicht von Breslau fort, und so besuchte er das Breslauer Seminar. In Gesinnung und Lebensführung hielt er treu zum orthodoxen Judentum. Die g'ttliche Verpflichtungskraft, die Einheit von schriftlicher und mündlicher Lehre war ihm selbstverständlich, „Tauroh min haschomajim" war für ihn oberster Lehrsatz, und er lehnte Bibelkritik in jeder Form ab. Wenn er auch kerne Zeit zu schriftstellerischen Arbeiten fand, zum Lernen hatte er immer und immer wieder sich die Zeit .genommen, und zwar zum intensiven Studium von nobm mm- Und wie er die Tauroh ehrte, so ehrte er deren Träger, die 'TnVn Dvasrw wo er sie nur traf. Wie Rabb, Dr, .Simonsohn als Sozialrabbiner wirkte, was er im Verein mit der edlen, gleichgesinnten Gemahlin, mit der ihn eine ideale Ehe verband, für Arme und Kranke, Witwen und Waisen, Einheimische und Auswärtige, getan, was er an Geld, Zeit und Arbeitskraft für Opfer gebracht hat, wissen nur wenige. Während man früher sich allgemein damit abfand, daß in religiöser Beziehung jede neue Generation hinter der vorangehenden zurückstand, man den Abfall und die Gleichgültigkeit gewähren ließ und entschuldigte, hat Rabb. Simonsohn sich mit aller Macht dieser Entwicklung entgegengestellt. Die Jugend mit jüdischem Lernen und jüdischem Leben wieder vertraut zu machen und sie dadurch der Thora zurückzugewinnen, war der Kern seines Wirkens. So lud er die Kinder an Schabbos und Feiertagen zu sich, so führte er in der Jugend das Lernen in der Schowuaus-Nacht durch, spielte mit den Kleinen am Chanucka, wanderte mit ihnen, gründete den Orthodoxen Jugend verein J e s c h u r u n (den späteren Esra) und ward einer der Gründer der orthodoxen „Vereinigung jüdischer Akademiker", Er wußte, wie wichtig das thoratreue Milieu für junge Menschen war und trotz mancher jüdisch-politischer Gegensätze blieb er unter Opfern dem B. J. A. treu. Gerade für die V. J. A. hat er Mühe, Arbeit und Zeitopfer nicht gescheut, um thoratreue Akademiker für Leben und Schule zu gewinnen. Angeregt vom Vorbild Rabbiner Hirschs, sah er, daß in der Neuzeit das Elternhaus zu wenig jüdische Erziehungsarbeit leisten konnte. Als nun vor 15 Jahren ein kleiner Kreis beherzter Männer zur Gründung eines frommen Schulwerks schritt, übernahm er die Führung und hat in aufreibendster Arbeit dieses Schulwerk, das gegen Widerstände aller Art viele Jahre hindurch nur von privaten Mitteln unterhalten wurde, zu seiner jetzigen Höhe geführt. Gesundheit, Ansehen und Stellung hat er hierbei aufs Spiel gesetzt, aber er 'Hatte die Genugtuung, daß „Sein Kind", die Schule, allmählich überall anerkannt und geliebt wurde, und daß die Früchte dieser jüdischen Schulerziehung segensreich wurden für Breslau, die Diaspora und das von ihm so besonders geliebte heTEge Land. Möge sein mar der schwergeprüften Lebensgefährtin, der Familie und allen Schülern beistehen. rraxm Biblis, 20. Mai. Frau Fanny Haimann geb. Ranis, wird am 1. Juni 8 8 Jahre alt. Frau H. ist körperlich und geistig sehr rüstig und läßt sich nicht nehmen, jeden Schabbos noch in die Synagoge zu gehen. V"™* Butzbach, 21. Mai. Unser langjähriger erster Vorsteher, Herr Isidor Krämer, feiert am 2, Juni seinen 7 0. Geburtstag. Unter seiner Amtszeit wurde unsere Synagoge gebaut. Auch sonst hat er sich große Verdienste um das religiöse Leben in der Gemeinde erworben. Wir wünschen ihm an der Seite seiner teuren Gattin m. G. H. noch einen gesegneten Lebensabend. 8?*Ttt»y Wenkheim, 21. Mai. Am 2. Juni feiert Herr Synagogemratsvorsteher Abraham Hubert sein 2 5jährige® Jubiläum als Synagogenrat. Herr Hubert hat sich in seiner bisherigen Amtsperiode um die Geschicke der Israelitischen Gemeinde Wenkheim sehr verdient gemacht. Die Instandsetzung des alten ehrwürdigen Friedhofs, sowie die Renovierung der Synagoge vor einigen Jahren, legen beredtes Zeugnis von seiner emsigen Tätigkeit in der Gß-- meinde ab. - Möge es Herrn Hubert vergönnt sein, noch recht lange Jahre für das Wohl der Gemeinde zu wirken. . vrta»