Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 22 (26.5.1936)
- Date
- 1936-05-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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26. Mai 1936 Der Israelit Nr. 22 Seite 3 Auf Adlersflügeln. (Fortsetzung von Seite i.) d a s tehenden, mit nichts vergleichbaren geschichtlichen Erscheinung, die eben -wegen ihrer völligen Analogielosigkeit jede Anwendung allgemeiner geschichtlicher und politischer Maßstäbe auf das jüdische Volle (von aller religiösen Tradition abgesehen) auch unter rein logisch-wissenschaftlichen Gesichtspunkten sinnlos erscheinen läßt. Drängt somit schon 'die Beobachtung der allgemeinen europäisch^amerikanischen Krise in ihrer Kombination höchster technisch-inteil ek tue 11 en Vollk o mm enhe i t mit eben solcher politischsittlich er Hilflosigkeit zu der Erkenntnis, daß hier metaphysische Kräfte am Werke sind, die unser logisches Verstehen übersteigen, so fordert das Schicksal des jüdischen Volkes vertausendfacht zu dieser Erkenntnis heraus. Der zionistische Einfall, das tausendjährige Judenproblem durch die Patentlösung einer auf diplomatischen Kunststücken aufgebauten „öffentlich-rechtlich gesicherten- Heimstätte" aus der Welt zu schaffen, bedeutete — wenn man ihn ernst nahm und nicht bloß als ein Vehikel in der Hand verborgener Geschichtskräfte ansah — geradezu eine Versimpelung der unergründlichen Tiefe des von 'G'tt geleiteten jüdischen Nationalgeschickes. Der logische Irrtum, auf dem der Herzliche Einfall aufgebaut war — „das Land ohne Volk für das Volk ohne Land" — war nur der äußere Ausdruck für den in der Tiefe wirkenden viel verhängnisvolleren geschiohtsphilosophischen .Irrtum, es könne wirklich gelingen, die Einzigartigkeit des jüdischen Geschichtsagnges durch politische Mittel zu normalisieren, den Weltgeist zur Ordnung zu rufen und durch Etablierung eines europäisierten Wald- und Wiesenvölkchens in Palästina der Judennot ein Ende zu machen. Wohlgemerkt: „wenn man ihn ernst nahm,",den zionistischen Einfall, wie es die Zionisten zumeist taten .und tun m u ß t e n, woll- , ten sie in den Massen ausreichenden Enthusiasmus zur Aufbringung materieller Mittel und opferfreudiger persönlicher Pionierarbeit wecken. Die originale jüdische Geschichtsbetrachtung — das sei in Parenthese bemerkt — durfte und b raucht e den Einfall, insofern er das Judenproblem lösen wollte, aber nicht ernst zu nehmen. Warum sie es nicht dürfte,* ist bereits gesagt. Sie br aucht e es aber auch nicht, weil für sie, auch ohne den sündhaften Glauben an eine palästinensische Normalisierung des jüdischen Volkes, die Gelegenheit zum Aufbau jüdischen Lebens in Erez Isroel, wie sie die Balfour- Erklärung schuf, den Weckruf zur h ö c h - s t e n P f 1 i ch t e r f ü 11 un'g, zur Verwirklichung uralten g'tt liehen Geheißes darstellte, ganz einerlei welche w e 11 g e - s c h i e h t liehen Konsequenzen sich aus dieser wunderbaren Auferstehung; einer Mizwat a t .aus;;tausendjährigem Schläfe ergeben würden. l! ' Die absolute Einzigkeit des jüdischen Vqlksgeschickes, der jüdischen Geschichte, ist, wie wir glauben, durch die Erlebnisse des letzten Jahrfünfts auch dem verknöchertsten Rationalisten wieder einmal mit unüberhörbarer Vehemenz eingehämmert worden, und der scheinbare Siegesztug des Normalisierungsprozesses in und um „Palästina" bildet keine Gegeninstahz mehr. Auch' in Erez Isroel existiert kein n o r - m a 1 e s jüdisches Volk, und die Metaphysik braucht sich darum auch dort nicht beschämt vor Politik, Diplomatie und Keren Kajemeth in das Bes hamedrascih und an die Köthel Maarowi zu flüchten. Sehen wir uns tfyeute in der Kulturwelt um, so existiert kein Fleckchen Erde, auf dem die Söhne des jüdischen Volkes ihr Haüpt in Ruhe ■niederregen könnten. Mindestens un t e r i r - d i s c h grollen schon die Donner der Entrechtung, der dröhendejti Judenfeindshaft, soweit nicht bereits ü b er-der Erde, im hellen Lichte der Tagespolitik, wirtschaftliche Auspowerung, Boyr kott und offene Verfolgungsgesten den Lebens anspruöh des jüdischen Volkes auf dem Territorium der souveränen Nationen rundweg bestreiten./ 1 In Palästina aber zeigen sich in dem arabischen Nationalismus durchaus nur dieselben politischen Naturgesetze, die überall in der Welt wirksam sind, und die, wenn und solange n>ur diese Naturgesetze gelten, den Anspruch des jüdischen Volkes auf eine gesicherte nationale Heimstätte in dieser Zeit wogenden Kampfes zwischen Machtpolitik und Völkerfrieden zum Tode verurteilen. Zwischen Himmel und Erde schwebt das jüdische Volk — man gönnt ihm kein Plätzchen auf dieser Erde, und die Geschichte zwingt ihm den Flug zur Höhe auf, hinan zu den Adlerflügeln seines G'ttes, die es einst emporhoben aus seinem ersten Golus und in die Nähe erdentrückter Unendlichkeit hinauftrugen: üDfiK K'aKi oniw ^sr tona xwm Dieses Wohnen „auf Adlersflügeln" — auch wenn sich die jüdischen Heimstätten scheinbar auf festem irdischem Boden erheben — setzt aber die ganze erzieherische Disziplin eines vom ersten bis zum letzten Atemzug durch G'ttes: Thora gestalteten Einzel- und Gesamtheitslebens voraus. Nur der Geist absoluter Hingabe an G'tt und sein Wort, wie er aus einem solchen Leben in die Seele strömt und in einem solchen Leben sich verwirklicht, kann 'die Existenz des jüdischen Volkes verbürgen, die durch alle Quacksalbereien aus der Hexenküche des politischen Rationalismus rettungslos gefährdet wird. Die Die neue Schedule. Die 4500 Zertifikate, die London für das Sommerhalbjahr durch die Jerusalemer Mandatsregieruhg bewilligt hat, wären unter normalen Umständen gewiß nicht dazu angetan, die Führer des jüdischen Jischuw restlos zu befriedigen. Der Bedarf an jüdischen Menschen in Palästina ist weit größer. Wie immer bildet diese Bewilligung nur einen Bruchteil der angeforderten Zertifikate. Aber immerhin: die Zahl ist etwas, größer als im vergangenen Halbjahr und man möchte mit Hinblick auf die derzeitigen Verhältnisse in Palästina, auf die radikalen Forderungen der Araber, nicht um ein paar Zertifikate mehr oder weniger feilschen. Daß überhaupt 'eine Schedule verkündet wurde, ist das wesentliche. Das kleine Plus im Vergleiche zur vorletzten Zahl wiegt an sich nicht viel, ist aber als Antwort an diejenigen^ die die Tore Palästinas gänzlich vor den Juden verschließen möchten, von großer Bedeutung. In einer Zeit, da wir alle Grund hatten zu befürchten, daß die Quote „zunächst" überhaupt nicht veröffentlicht wird, erhalten wir sie ungefähr in gleicher Höhe. Das soll heißen: Es bleibt in der Haltung des Kolonialamtes dem Jischuw gegenüber alles beim Alt e h! Und was darüber (hinaus geht, ist eine Antwort und eine Warnung an die Araber, ihre nationalen Aspirationen nicht auf die. Spitze, nicht bis zur Beschmeidung der Lebensrechte des. jüdischen Nachbars zu treiben. England hat Tanks und Truppen genug, um seinem Willen, die übernommene Mandatspflicht zu erfüllen, die Autorität zu leihen. Es wird sie, hoffen wir, bei besserer Erkenntnis des Volkes, nicht gebrauchen.- gültigen und wirklichkeitsnahen Normen einer jüdischen Politik im echten Sinne des Wortes bleiben unerkannt, solange die hier aufgezeigte Einzigkeit des jüdischen Volkes und seines Geschickes nicht in Rechnung gestellt, sondern f risch-frei-f röhlich das Schema der allgemeinen Tagespolitik auf die jüdischen Probleme angewandt wird. Das gilt beispielsweise für die Idee des Jüdischen Weltkongresses, der letzten Endes dazu bestimmt ist, den gedanklichen Normalisierungsprozeß (das heißt sub specie aeterni Verfälschungsprozeß), den der zionistische Nationalismus begonnen und um Erez Isroel konzentriert hat, nun über die ganze Diaspora auszudehnen. Man will eine legitime, von allen Juden bevollmächtigte jüdische Regierung, die im Namen des jüdischen Volkes (spricht und handelt und damit die Souveränität der jüdischen Nation an die Stelle der sinnlich nicht wahrnehmbaren Souveränität G'ttes und seiner Thora setzt. Denn das Aeußerste, das sich die Matadore des Weltkongreßgedankens an „Konzessionen" zu Gunsten der Thora leisten dürfen, ist ja — das Totschweigen der Thora, ist die Leugnung der ö^HPJ '333 -Existenz des jüdischen Volkes. Niemals aber kann eine solche Umkehrung des offenbaren Sinnes der weltgeschichtlichen Entwicklung zum Heile führen. Der Strahlenglanz >höchster nationaler Weihe, wie er eine gewählte Repräsentanz der jüdischen Nation umgeben würde, darf nicht von thoralosen Instanzen usurpiert und die geschichtliche Einzigkeit der G'ttesnation vom Sinai nicht um das Linsengericht erträumter politischer Vorteile verkauft werden. J. R. Daß ein großer Teil der diesjährigen Zertifikatenernte den Juden aus Deutschland zugute kommt, ist wohl mit eine Folge der sogenannten Sammel-Aktion. Man wird bei dieser Gelegenheit an die Beschwerden der gutgesinnten ihebräischen Presse gegen die ungerechte Verteilung der Zertifikate in den letzten Perioden erinnern müssen, mit der Menschen der Weg nach Palästina geebnet wurde, die, in Mischehe lebend und aus anderen 'Gründen, als Element des jüdischen Aufbaues kaum in Betracht kamen, während zur gleichen Zeit fromme junge Menschen, idie, nach gründlicher Absolvierung einer thoratreuen Hachscharah, alle Qualifikationen für den materiellen und geistigen Aufbau aufwiesen, übergangen und von neuem in eine bange Wartezeit versetzt wurden. Hoffen wir, daß dieses Mal 'die Verteilung so vor sich geht, daß der Stärkung des jüdischen Jischuw, wie sie England mit dieser Bewilligung bestrebt, auch wirklich gedient ist. Steine und Menschen. Man kann es begreifen, wie weh es unseren Brüdern in Erez Israel tut, am (Freitagabend und' Sabbat, vielleicht auch noch an den kommenden Feiertagen, nicht an der Heiligen Mauer ihr Gebet verrichten zu können. Die Mauer liegt bekanntlich in der Altstadt und die Altstadt wurde evakuiert. Jerusalem ist wieder, wie Jesajas sagt, eine miX3 *T»y, eine „belagerte Stadt". Unser Letztes und Heiligstes in Stein, die Stelle, „von der die Schechinah nie gewichen ist," ist uns wieder einmal versperrt. Und just in dieser Stunde wurde in Jerusalem in einigen Blättern und Versammlungen die Parole ausgegeben: „Und jetzt erst recht!" Menschen, die sonst kein großes Interesse an der Mauer hatten und mit den -billigen Worten: „Bausteine und keine Ruinen" über sie hinwegsahen, propagieren jetzt den Gang zur Mauer, Angst und Gefahr zu trotzen zur Ehre der Trä- nenstätte. . ,