Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1936)
- Date
- 1936-05-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 21 1936 Der reiche Herr Kauer und der Prophet Elijahu. Eine Legende vom Ben-Chorin. (Schluß.) IL Zehn Jahre waren durchs Land gegangen: man schrieb 1933. Längst hatte der tückische Semael sein tolles Zahlenspiel beendet, längst hatte Herr Kauer die kostspielige Villa aufgegeben und war mit den Seinen in eine Etagenwohnung gezogen. Der Riesenbau seines Reichtums war zusammengebrochen, nun saß er wieder, wie vor zehn Jahren, mit den Seinen um den Sedertisch, aber die Tafel war einfacher bestellt und die Gedanken Sigmund Kauers frei von schwindelerregenden Zahlen. Hermann saß groß und braun unter seinen Geschwistern: er war in den letzten Monaten zu einem richtigen Arbeiter geworden. Er "hatte das Studium der Rechte einstellen müssen und war nach einem kurzen harten Kampf mit seinem Vater aufs Land als Bauernknecht gegangen, um seine Ausbildung für das schwere Leben drüben in Erez Israel zu erfahren. Nun war er nur auf kurzen Urlaub über das Fest heimgekehrt, um die Seder-Abende im Kreise der Familie zuzubringen. .Man hatte das Tischgebet beendet und Kauer schickte sich an, jenen zweiten Teil der Hagada ZU verlesen, zu dem man Eliajhu, den Propheten, lädt. „Erinnerst Du Dich noch, Hermann," sagte der Vater besinnlich, ,,— ich glaube, es mögen jetzt etwa zehn Jahre her sein, wir wohnten damals noch in unserer Villa — an jenen Sederabend, an dem der sonderbare Bettler bei uns erschien, den Du in kindlich-naiver Weise für den Propheten Elijahu hieltest?" ,,Ja, Papa," entgegnete Hermann, ,,ganz dunkel erinnere ich mich noch. Der Mann hatte mir damals mächtig imponiert, fast glaube ich heute noch daran, daß er der leibhaftige Elijahu war." Da ging die Türe auf und herein trat in seinem härenen Gewände, den Hirtenstab in der Rechten — er selbst — Rlijahu, der Prophet. Er ging sehr sachte auf Kauer zu. Keiner außer dem Hausherrn schien ihn zu sehen. Kauer wollte aufspringen, aber Elijahu hieß ihn sitzen bleiben. ,,Du bist alt und grau geworden, Sobmuel Ben Elieser," sagte der Prophet sehr leise und gütig, „an den Schläfen bist Du ja schon ganz weiß." „Ach, mein Herr und Prophet," antwortete Kauer und es war nichts mehr von dem Hochmut der früheren Jahre in seiner Stimme, und sieh! Diesmal erkannte er den Gesandten des Messias, ohne daß dieser sich irgendwie hätte zu erkennen gegeben — „die Zeiten sind bitter. Ich habe mein Geld verloren und meine geachtete Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft, mein Sohn darf nicht mehr studieren und muß außer Landes gehen, um sein Brot zu finden. Es sind bittere Zeiten für Deine Juden, mein Herr und Prophet." „Bittere Zeiten, sagst Du?", antwortete der Prophet. „Ja, Du magst recht haben. Aber weißt. Du auch, wer die Schuld daran trägt, daß die Zeiten (hart sind und schwer für die Juden in diesem Lande?" - „Ich weiß es nicht, mein Herr," sagte Kauer sehr langsam, aber es klang so, als wüßte er es doch, und wagte es nur nicht, es einzugestehen. „Dann will ich es Dir sagen, Schmuel Ben Elieser," fuhr Elijahu fort, und der Ton seiner Stimme war noch gütiger als ehedem. ,^Du selbst bist schuld, Du selbst. Siehe: da G'tt — er sei gelobt — Dir von allem Gute gegeben hatte, da vergaßest Du Ihn und da Er mich zu Dir sandte, wolltest Du mich nicht kennen. Als ich damals hintrat vor den Thron des Allmächtigen und erzählte, wie mir in Deinem Hause geschah, beschloß G'tt, der Herr, Dir den Reichtum zu nehmen und die Ehren, die wie eine Wand standen zwischen Dir und Ihm. Und nun, da Du wieder arm bist und ein einfacher Jude, sind die Augen Deiner Seele wiederum sehend geworden, wie es die Augen Deiner Väter und Ahnen waren." „Ja," sagte Kauer, „die Augen meiner Seele waren blind gewesen . . ." Da stand der Prophet Elijahu auf und segnete den ungetreuen Knecht G'ttes Sigmund Kauer irit dem Segen der. Armut und der Erniedrigung und Sigmund Kauer dankte ihm sehr. --- „Aber, Sigmund", mahnte Frau Erna, „wer wird denn mitten im Seder einnicken? So alt bist Du denn doch noch nicht . . ." Kauer fuhr auf. Hatte er tatsächlich ein paar Sekunden geträumt?! „Der Wein," entschuldigte er sich, „ich bin es nicht mehr gewöhnt, am Abend Wein zu trinken." Dann bemerkte er plötzlich zu Hermann gewandt (höchst unvermittelt, wie diesem schien), das abgebrochene Gespräch aufgreifend: „Wer weiß, vielleicht hattest Du damals recht . . . am Ende war jener Fremde in Wahrheit der Prophet Elijahu gewesen . „Sigmund," meinte die Frau Erna streng, „Du bist aber heute höchst sonderbar, ich glaube, Du hast ein wenig erhöhte Temperatur." „Ach nein, Erna, es ist nichts!", sagte er kleinlaut. „Die Zeit und die veränderten Verhältnisse machen einen manchmal etwas verwirrt." „Ja, ja, die Zeit!" nickte Frau Erna, und dann begann man den letzten Teil der Hagada zu lesen. Sigmund Kau er aber wußte nun ganz bestimmt, wer jener Fremde vor zähm. Jahren gewesen war, und er schämte sich sehr wegen seines verstockten Harzens. Der Reumütige aber, sagen unsere Weisen — ihr Andenken gereiche uns zum Segen — steht vor G'tt dort, wo es nicht einmal dem vollendeten Gerechten gewährt ist zu stehen. Der von Erschrecken Sie bitte nicht über die unverständliche Ueberschrift, gleich wird sich alles gräßlich klar erweisen. Es handelt sich nämlich um ein Fremdwort, und Fremdwörter, das wissen Sie ja, sind ein gefahrvolles Gebiet voller Schlingen und Fallen. Allabendlich wurde in unserer kleinen Schülersynagoge in Leipzig zwischen Mincha und Maariw gelernt. Dies© Synagoge war damals — vor etwa 35 Jahren — unser ganzer Stolz. Die Initiative unseres Rabbiners hatte es fertiggebracht, daß für uns Schüler der Talmud-Thora aus einer halben Parterrewohnung diese kleine gemütliche Schul gebaut wurde, die übrigens die Keimzelle zu einer der noch heute bestehenden großen orthodoxen Synagogen Leipzigs wurde. In dieser unserer Schülerzahl waren wir nicht nur die Balebattim, sondern wir stellten auch die „Kle kodesch" Ghasen, Balkore, sogar der Schofarbläser — alles rekrutierte sich aus unseren Reihen, und unser G'ttesdienst war von solch freudiger Hingabe getragen, daß wir bald Zuzug aus den Kreisen der Erwachsenen bekamen. Besonders zu den beliebten Lemabenden kamen in steigendem Maße Erwachsene, unter denen sich manches' jüdische Original befand. Es ■wurde also fleißig gelernt. Misclmajis, und bald wurde unter den Besuchern der Wunsch lebendig, auch einen Gemoro-Sehiua" zu haben. Der Gedanke wurde eifrig debattiert, und aus der Debatte erwuchs der Vorschlag — wie. konnte «s auch anders sein — einen Verein hierfür zu gründen. So ein Verein ist doch eine herrliche Sache; da igibts Posten und. Pöstchen, und es muß organisiert weiden: kurz, die Begeisterung war groß, und, ehe man sichs versah, war der Gemoro-Verein konstituiert. Auch er erfreute sich regster Teilnahme, wir drängten uns wissenshungrig durch die Baba niezia, die mittlere Pforte, die Zeit verging im Fluge, und schon hielten wir auf den letzten Seiten. Daß der Abschluß des Traktates, der Ssijum, feierlich begangen werden mußte, das stand außer Frage; in einer ausgedehnten Sitzung wurde der Rahmen der sakralen Handlung festgelegt, der auch ein Festmahl, eine Ssude, einschließen sollte. Kritische Gemüter fanden zwar den Ausdruck „Festmahl" angesichts unseres Kassenbestandes für leicht übertrieben; aber für gefüllten Fisch würde es reichen, und die fehlenden Gänge sollten durch thoragewürzte Reden ersetzt werden. So wurde der Termin festgesetzt und bekanntgegeben, und alles war wohl vorbereitet. Am Morgen des bedeutsamen Tages standen wir nach dem Dawnen noch zusammen und sonnten uns im Glänze des Festgebers, nicht ohne sorgenvolle Blicke auf die durch eine völlig luftleere Kasse gekennzeichnete Wirtschaftslage des Gemoro-Vereins zu werfen. Da kam einem von uns ein glänzender Gedanke. „Kinder", rief er, „Ihr wißt doch, daß in den Synagogen bei bestimmten Anlässen, wie Erew Jomkippur oder Purim, Teller auf den Almemor gestellt werden, in welche die an diesen Tagen besonder« mild gesinnten Beter ihre Gaben legen. .Nun, ich finde, ein Gemoro-Sijum ist das Anregenriöte, was es gibt. Wir stellen heute abend einen Teller auf, und Ihr sollt mal seihen, wie wohltuend das für unsere Kasse sein wird." Der Vorschlag wurde sofort angenommen, nur etwas abgeändert. Nämlich es wurde beschlossen, daß, um nicht allzu gefräßig zu erscheinen, nicht nur ein Teller, sondern deren drei aufgestellt werden sollten, für Erez Jisrael, für Gemilas-chessed und für den Gemoiro-Verein, daß aber der letztere, um Begriffstützigen bildlich einen deutlichen Wink zu geben, aus einer möglichst geräumigen Suppenterrine bestehen solle. So wards beschlossen, und schon machte sich einer eifrig daran, auf weißen Karton säuberlich die Aufschriften für die Geldgefäße zu malen. Er wurde aber rauh unterbrochen. „Nein, nicht malen! Wie sieht denn das aus? Die Aufschrift ein müssen gedruckt sein! Der alte Tenenbaum hat doch eine Druckerei, und er kommt doch immer zum Schiur: er wird uns die drei Kärtchen bis heute abend umsonst setzen und drucken. Lauf mal schnell einer hin und sag ihm Bescheid!" Das mußte nun allerdings sehr schnell gehen, denn wir mußten in die Schule. So rannte einer eiligst zum alten Tenenbaum, setzte ihm unseren Wunsch auseinander und schärfte ihm ncoh ein, die Karte für den Fond des Gemoro-Vereins ja recht groß und fett zu drucken. Tenenbaum, der Gute, fühlte sich hochgeehrt; er sah .es als eine Mizwo an, den lukrativen Auftrag hereinnehmen zu dürfen. Der Sijum-Abend verlief programmgemäß und war sehr stimmungsvoll. Ja, stimmungsvoll ist schon der richtige Ausdruck: alle waren voll bester Stimmung, und von dem Ernst und der Würde, die sonst solche Abende auszeichnen, war nicht viel zu spüren. Alle Teilnehmer lächelten, grienten, feixten und kicherten, je nach Temperament und Begabung, und die Quelle der Heiterkeit lag in Gestalt einer weißen Karte auf der Terrine des Gemoro-Vereins, und so sah VON DES GEMORO-VEREIN Was war .geschehen? Nun, etwas ganz Einfaches. Der alte Tenenbaum, der erst vor einigen Jahren au« dem Osten zugewandert war und dessen Druckerzeugnisse im Bürstenabzug noch eine recht eigenwillige deutsche Orthographie zeigten, war über das Wort „Fond" gestolpert, als er sich daran machte, den hastigen Mizwe-Auftrag zu setzen. Was „Fond" bedeutet, war ihm klar, aber wie man da® schreibt, war ihm schleierhaft. So hatte er sich mit einem Kalwechaumer aus der Affäre gezogen: „von" ist doch ein sehr schönes Wort und paßt in den meisten Fällen, wird es hier auch passen! Und so hatte er seine fettesten Majuskeln herausgesucht, und nun stand es da und wirkte, wenn auch etwas rätselhaft, so doch sehr schön. Anfangs hatten wir getobt und geschworen, dem alten Tenenbaum es garündlich zu stecken. Aber die freudige Stimmung, die das kleine Wörtchen auslöste, versöhnte uns bald, versöhnte uns sogar mit nuserem schweren Reinfall, den wir erleben mußten, als der jüdische Restaurateur, der zu wenig Portionen gefüllten Fisch geliefert hatte, uns, den Jungens, ordinären Hering vorsetzte. Und das kleine Wörtchen erwies sich im Laufe des Abends als> überaus zauberkräftig, und es war ein Glück, daß wir für den ,,Von" die Terrine 'genommen hatten. Denn ihr Inhalt war so reichlich, daß beim nächsten Sijum der gefüllte Fisch zweimal herumgereicht werden konnte. Rabi.