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Der Israelit · 1936-05-20 · Heft 21 (20.5.1936) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 21 (20.5.1936)
Date
1936-05-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Nr. 21 Der Israelit 20. Mai 1936 Eine heftige Diskussion entspann sich um die Frage, ob zugelassen werden solle, daß die Hinterviertel von Schlachtvieh getriebert und damit für den rituellen Genuß zugelassen werden sollen. Verschiedene Rabbiner haben sich gegen das an sich mögliche Triebern ausgesprochen, selbst auf die Gefahr hin, daß damit ein Fleischgenuß von Vieh überhaupt ausgeschlossen sei und nur der Verbrauch von GefJügel in Frage käme. Der größte Teil der Rabbiner hat sich jedoch auf den Standpunkt gestellt, daß Kurse zur Unterweisung im Triebern von Hintervierteln eingerichtet werden und daß die Schächter, die durch das Schächtgesetz ihren Beruf verlieren, insbesondere daran teilnehmen sollen. Schließlich ist noch die Frage erörtert worden, wie sich die Zukunft der Gemeinden gestalten soll, die bisher hauptsächlich ihre Einnahmen aus den Gebühren für die Schechita bezogen haben. Unter anderem ist in dieser Hinsicht auch der Vorschlag gemacht worden, an die Regierung mit der Bitte heranzutreten, die religiösen Einrichtungen der betreffenden Gemeinden zu subventionieren! Gemeindewahlen in ganz Polen. — Aufforderung zu Rabbinerwahlen- Warschau, 8. Mai. Im September sollen in ganz Polen neue Wahlen zu den jüdischen Gemeindeverwaltungen vorgenommen werden. Das Kultusministerium hat an alle Gemeinden, in denen der Posten eines Rabbiners nicht besetzt ist, die Aufforderung gerichtet, binnen vierzehn Tagen den Posten auszuschreiben. Nach dem entsprechenden Gesetz dürfe keine Gemeinde in Polen ohne Rabbiner sein. Das Kultusministerium hat der Warschauer Gemeindeverwaltung mitgeteilt, daß der Rücktritt des Vorsitzenden der Gemeinde, Masur, und des Vizepräsidenten der Gemeinde, Lerner, angenommen werde. Beide Vorsteher sind vor einiger Zeit im Zusammenhang mit inneren 'Differenzen in der Gemeindeverwaltung zurückgetreten. Der Führer der Huligans von Przytik freigesprochen. Warschau, 8. Mai. Vor dem Kreisgericht Radom ist in der Berufungsinstanz der Führer der Huligans von Przytik, Korczak, freigesprochen worden. Korczak war in erster Instanz zu acht Monaten Arrest verurteilt worden. Der Staatsanwalt will gegen das Urteil Revision einlegen. Litauen. Ministerielle Erklärung. K o w n o , 10. Mai. Die Erklärung des litauischen Innenministers Julius € a p 1 i k a s über die Politik der litauischen Regierung hat etwa folgenden Inhalt: In der litauischen Republik genießen alle Bürger ohne Unterschied der Nationalität oder des Glaubens volle Rechtsgleichheit und die Regierung ist entschlossen, jeden Versuch, Rassenhaß unter der Bevölkerung zu verbreiten, mit äußerster Energie zu bekämpfen. So wurden vor kurzem judenfeindliche Unruhen in der Provinz von der Regierung energisch unterdrückt; die jüdische Bevölkerung hat ihre Anerkennung für das Vorgehen der Regierung zum Ausdruck gebracht. Diese Unruhen, die sich in letzter Zeit in Litauen ereigneten, waren die einzigen ihrer Art; im übrigen ist die friedliche Zusammenarbeit von Litauern und Juden nicht gestört worden. Die im Ausland verbreiteten Befürchtungen — so heißt es in der Erklärung des Innenministers weiter — daß die Einführung des Prü fungszwanges für Handwerker die Lage der jüdischen Handwerker des Landes schwer beeinträchtigen könne, sind völlig unbegründet; die Regierung hat ihren Standpunkt in dieser Frage geändert, das Gesetzesprojekt hat keine wirkliche Bedeutung mehr. Das ganze komplizierte Problem des litauischen Handwerkerstandes wird endgültig von der demnächst zu gründenden Hand werkerkammer behandelt werden. Die Entscheidungen dieser Kammer werden auf die Interessen alier Handwerker des Landes abgestimmt sein. Auch die jüdischen Handwerker werden bei der Formulierung des Gesetzes von der Regierung zu Rate gezogen werden. Ich kann versichern, daß die Existenz der alten jüdischen Handwerker durch das neue Gesetz, falls es überhaupt zustande kommen sollte, nicht beeinträchtigt werden wird. Das Gesetz wird nur auf den Nachwuchs Anwendung finden, auf diejenigen, die sich nach seinem Inkrafttreten einem Gewerbe widmen wollen. Auch die jüdischen Lehrer haben keinen Grund zur Sorge. Wohl werden sie in Zukunft ihre allgemeine Ausbildung in litauischen Lehrerseminaren erhalten, doch hat die Regierung nicht die Absicht, Ausbildungskurse für die Spezialisierung jüdischer Lehrer in jüdischen Gegenständen zu verbieten. Selbstverständlich muß die Initiative in solchen Fällen von den Minderheiten selbst ergriffen werden; die Regierung wird ihr Möglichstes tun, um diesen berechtigten Wünschen der Minderheiten entgegenzukommen. Die Regierung habe ferner nicht die Absicht, ihre Autonomiepläne den Juden aufzuzwingen. Auf wirtschaftlichem Gebiete seien keine Beschränkungen für die Juden vorgesehen. England. Zur Frage der jüdischen Auswanderung aus Deutschland. London, 7. Mai. Im Unterhaus fragte der Abgeordnete M a n - der den Außenminister Eden, welche Aktion der Oberkommissar des Vö.kerbundes für Äuswandererfürsorge ergriffen hat, um den nichtarischen Auswanderern aus Deutschland zu helfen, sich in neuen Ländern seßhaft zu machen. Außenminister Eden erwiderte, nach einer Mitteilung des Generalsekretärs des Völkerbundes an die Regierungen habe Oberkommissar General Sir Neill Malcolm bereits die notwendigen Schritte zur Erfüllung der ihm vom Völkerbundsrat übertragenen Pflichten ergriffen; z. B. habe er Beratungen mit den verschiedenen Regierungen über die Möglichkeit der Niederlassung und der Beschäftigung der Auswanderer aufgenommen. Er stehe auch mit den privaten Gesellschaften, die sich mit Äuswandererhilfe, Arbeitsbeschaffung und Wandererschutz befassen, in Verbindung. In Birmingham fand eine Versammlung des Council for German Jewry unter dem Vorsitz von Oscar Deutsch statt. ' Es sprachen Lord Bearsted, der den bekannten Plan für eine Auswanderung von. 100 000 Juden aus Deutschland entwickelte, sowie der Unterhausabgeordnete Commander Locker- Lampson. Oscar Deutsch gab am Schluß der Versammlung bekannt, daß in Birmingham bisher 15 350 Pfund gezeichnet worden seien. Anfragen im Unterhaus über Palästina-Unruhen und jüdische Einwanderung. L o n d on , 13. Mai. In der Unterhaussitzung vom 13. Mai wurden an den Kolonienminister eine Anzahl von Fragen über die Unruhen in Palästina und die jüdische Einwanderung gerichtet. In der Beantwortung sagte Kolonienminister J. H. Thomas u. a.: Wie ich bereits erklärt habe, besteht die Möglichkeit weiterer Unruhen in Palästina; die Garnisonen wurden in den letzten Tagen verstärkt. Ich bin überzeugt, daß man darauf vertrauen kann, daß der High Commissioner alle Maßnahmen zum Schutze von Leben und Eigentum treffen wird. Es würde sehr schwierig sein festzustellen, wer an der Erregung von Streitigkeiten und Unruhen aller Art schuld sei. Es würde unklug sein, darüber Aussagen zu machen, solange ihm (dem Minister) nicht untrügliche Beweise für den vermuteten Ursprung zur Verfügung stünden. Er wolle aber dem Hause mit voller Deutlichkeit sagen, daß die Regierung entschlossen sei, Gesetz und Ordnung aufrecht zu erhalten, was immer oder wer immer an diesen Schwierigkeiten schuld sein möge. Es sei ihm bekannt, daß in Palästina eine Bewegung zur Förderung politischer Ziele durch unautorisierte Jugendorganisationen besteht. Diese Organisationen hätten jedoch nichts mit der Baden-Powell Pfadfindervereinigung zu tun, in der der Leiter des Erziehungswesens als Kommissar für die Pfadfinder in Palästina fungiert. Die Frage der Kontrolle inoffizieller Scout - Bewegungen werde . vom High Commissioner bereits erwogen; zweifellos werde dieser den Minister zu Rate ziehen, ,wenn seiner Meinung nach die gegenwärtigen Befugnisse der Polizei sich als unzureichend erwiesen haben, um umstürzlerischer Handlungen, die von dieser Bewegung ausgehen, Herr zu werden. Auf weitere Anfragen antwortete der Minister, der High Commissioner habe berichtet, daß die Zahl der Verhaftungen über 600 betrage. Genaue Ziffern könne er nicht mitteilen, doch seien die Verhafteten in ihrer überwiegenden Mehrheit Araber. Abgeordneter Major Praetor richtete an den Kolonienminister die Frage, ob seine Aufmerksamkeit auf die Forderung des Verbandes der jüdischen Rechtsanwälte Palästinas nach Errichtung von Zweigstellen der wichtigeren Regierungsämter in Tel Awiw gelenkt worden sei, und ob der Minister mit Rücksicht auf die Tatsache, daß Tel Awiw jetzt 150 000 Einwohner hat und die größte Stadt Palästinas ist, diesen Vorschlag wohlwollend erwägen wolle. Minister Thomas antwortete, eine solche Forderung sei ihm nicht zur Kenntnis gebracht worden. Palästina. Die Lage in Palästina. Jerusalem, 18. Mai. Die Lage hat sich nicht wesentlich geändert. Der viel gefürchtete Freitag, diesmal noch viel gefürchteter, weil Stichtag für den Beginn des Steuerstreikes, ist in Jerusalem ohne Demonstration verlaufen, weil die arabischen Führer unter dem Druck der englischen Tanks vor Gewalttaten warnten. Aber bei einem Zwischenfall hat es doch drei jüdische Menschenleben gekostet. Darauf wurde der Ausnahmezustand zuerst über die Altstadt und dann auch über die ganze Stadt verhängt. Die Juden aus der Altstadt Jerusalems mußten in neue Quartiere überführt werden. In Safed versuchten wieder arabische Demonstranten in das jüdische Viertel einzudringen; konnten aber zurSck*gedrängt werden. Äehhliche Kundgebungen fanden zur Einleitung des Steuerstreikes in Haifa, Hebron, Nablus, Äkkum, und Tulkerem' statt, lauter Plätzen, wo heute kein einziger Jude wohnt. Es gab dort Tote und Verwundete. Juden waren dabei nicht beteiligt. In Jaffa wurde eine Bombe gegen die Polizeistation geschleudert, die ein jüdischer Polizist, namens Ärkin, noch im letzten Augenblick unschädlich machen konnte. Die jüdischen Kolonien zwischen Haifa und Sichroji Jakow werden von zwölf Tanks befahren. Die Allenbybrücke bei Jericho wird von Panzerwagen bewacht. Diese starken Maßnahmen haben dazu beigetragen, daß die Waldbrände und Vernichtung der Felder etwas nachgelassen haben. Im Hafen von Haifa wurden 15 Wagenladungen mit Uebersiedlungsgut jüdischer Familien aus Deutschland in Brand gesteckt und brannten vollkommen ab. Eine von der Histadruth angeboten© Wache von 100 Mann für diese Wagen, hatte die Behörde abgelehnt. Die in der vorigen Woche vernichteten Bäume zählen nach vielen Tausenden. Als die 15 Mitglieder des Kibbuz Tel-Äraal bei Beth Alfa, nachdem sie einige Tage geflüchtet ,/waren, in ihre Niederlassung zurückkehrten,- fanden sie alle Geräte und alle Kulturen auf dem Felde vollkommen vernichtet. Gemüse, Getreide und Pflanzen waren bis auf die Wurzeln niedergebrannt. Der Kibbuz hat sein gesamtes Vermögen verloren. Die jüdischen Kolonisten verlangen kategorisch von der Regierung Schadenersatz. Eine von ihnen gebildete Abordnung war in dieser Sache beim High Commissioner vorstellig, der sagte, es sei zunächst seine Sorge, ähnliche Fälle für die Zukunft zu verhüten. Die Frage des Schadenersatzes sei noch nicht spruchreif.

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