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Der Israelit · 1936-05-20 · Heft 21 (20.5.1936) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 21 (20.5.1936)
Date
1936-05-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 21 Der Israelit 20. Mai 1936 dischen Nationalheini ewig verbunden bleiben, und Allenby, dem Eroberer Jerusalems, wurde in Tel Awiw mit einer Straße und im Lande mit einer Brücke ein Denkmal gesetzt, die heute die Wahrzeichen der wachsenden Stadt und des neuen Palästinas sind. Das . jüdische Volle ist nicht undankbar gegen die Wenigen in der Welt, die ihm Liebe erweisen und Gerechtigkeit widerfahren lassen. Aul des großen Feldmarschalls Kranken- und Sterbebett fielen düstere Schatten mit den Berichten aus dem von ihm für England eroberten und für das jüdische Volk erschlossenen Land. An den historischen Stätten, wo er die Türken geschlagen hat, um dem englischen Empire Siegesruhm zu verschaffen, wütet ein Bruderkampf, den er damals, als die Glocken von Jerusalem den großen englischen Sieg für alle Bewohner einläuteten, nicht ahnen konnte. Auch Balfour sah in seinen letzten Tagen nicht ohne Schmerz, wie sein großes Werk durch Treibereien der Araber und Interpretationen in London stark abbröckelte. Allenby geht aber in einer Zeit von uns, da die durch ihn von der Türkenherrschaft befreiten Araber mit Steuerstreik gegen den Befreier und mit Dolch und Schwert gegen den jüdischen Nachbar vorgehen. Vielleicht regt der Tod des Feldmarschalls die Araber Palästinas zur Besinnung an, in welcher Lage sie vor Allenby in der Türkenzeit gelebt haben und in welche wirtschaftliche Sphäre sie durch England und dank der jüdischen Einwanderung, der jüdischen Initiative und Arbeit hin auf gelangt sind. England wird sich aber an der Bahre Allenbys erinnern, welche Pflichten es mit der Eroberung Palästinas und der bald darauf verkündeten Balfourdeklaration.vor der Welt und der jüdischen Gemeinschaft übernommen hat. Wird dieser Tod in England und Palästina solche Erinnerungen wecken und dazu führen, daß die damalige Beute nicht vom entfesselten Dämon der Leidenschaft aufgezehrt wird, dann wird uns auch der Heimgang Allenbys, wie eines der D^1J?n ni»1K rT0n zum Segen gereichen, Eine altneue Art der jüdischen sozialen Hilfe. In dem Organ des Zentral Verbandes jüdischer Handwerker Deutschlands „Der jüdische Handwerker" erörtert Wilhelm .Marcus die Bedeutung der sozialen Hilfe, für die Wirtschaft. Wenn man viele Jahre hindurch die Aufgabe der Wohlfahrt nur in der charitativen Hilfe gesehen habe, so erkenne man erst in neuester Zeit, daß auch-in dieser rein charitativen Wirtschaft ein für den Wirtschaftsprozeß sehr beachtlicher Vorgang enthalten ist. Immer mehr wird die Notwendigkeit eingesehen, oharitative Wohlfahrt nicht nur durch Geldgeben an einzelne Menschen zu üben, sondern die zur Verfügung stehenden Mittel planmäßig einzusetzen. Im jüdischen Wohlfahrtswesen handele es sich auf diesem Gebiete um Neuland. Es seien aber die ersten Versuche in dieser Hinsicht gemacht worden. Etwa'zwei Drittel der Eingänge der Berliner Jüdischen Winterhilfe wurden in Form der Naturalunterstützung weitergegeben. Von dem Gesamtaufkömmen wurden nämlich verteilt: in Lebensmitteln 28 Proz., in Kartoffeln 3,7 Proz, in Kohlen 7 Proz. und in Kleidung 26 Proz., insgesamt 64,7 Proz. Welcher Bedeutung dieser Naturalunterstützung im Wirtschaftsprozeß zukommt, werde dadürch'gekennzeichnet, daß die Berliner Jüdische Winterhilfe im letzten Winter etwa ,5000 neue Herrenanzüge, etwa 3000 neue Pamenmäntel und' über 8000 Paar neue Schuhe verteilthat. Es sei selbstverständlich, daß die Auftragserteilung eingehender Ueberlegung bedarf. Es könne keineswegs als angängig angesehen werden, wenn nur ein eder einige Fabrikanten mit Aufträgen bedacht werden. Ein derartiges Vorgehen wäre kurzsichtig und müsse die soziale Krise wesentlich verschärfen. Die Aufträge seien möglichst organisch der Wirtschaft einzufügen. Eine Auftragserteilung an den Fabrikanten oder Grossisten komme höchstens in Frage, soweit es sich tatsächlich um zusätzliche, das normale Maß der Bedürfnisbefriedigung des Einzelnen übersteigende Bewilligungen handelt. Die „ Berliner Jüdische Winterhilfe hat dem weitgehendst Rechnung getragen. So erfolgten beispielsweise die Lebensmittellieferunigen nur zu 20 Proz. durch den Großhandel, zu 80 Proz. aber durch den Einzelhandel. Wesentlich werde auch sein, in Zukunft bei der Auswahl der Einzelhändler .und ebenso der Fabrikanten und Grossisten besonders dort mit Auftragserteilung zu helfen, wo durch zeitbedingte Krisen eine Geschäftsschrumpfung eingetreten ist oder die Einstellung neuen Personals herbeigeführt werden kann. — Die Abgabe von Viktualien ist im Sinne der jüdischen Bodengesetze, die uns gerade das Schwuausfest vor Augen führt, eine alte gute Art des jüdischen Wohltuns. Was die Vergebung von Aufträgen betrifft, so sei auf die besondere Berücksichtigung, die die sabbathaltenden Handwerker und Arbeitnehmer verdienen, aufmerksam gemacht. Zur Schewuaus-Aktion des Keren Hatorah! Als ,,Wochenfest" bezeichnet man in der Regel dieses Fest der „Zeit unserer Gesetzgebung". Weil es das Ziel der freudig und erwartungsvoll gezählten sieben Wochen ist, die von Pessach zu ihm hinführen. Vielleicht liegt aber in. dem Namen des Festes auch noch eine andere Wegweisung: Schowuaus bedeutet „Doppelschwur" und mag die Erinnerung wecken an jenes von den beiden Partnern beschworene Bündnis: G'tt hat beschworen, daß Er uns niemals mit einem anderen Volk vertauschen wird, wir haben beschwoten, daß wir niemals unseren G'tt lassen werden. Die „Zeit unserer Gesetzgebung", sie ist dazu ausersehen, diesen Doppelschwur ins helle Licht einer jeden 'Gegenwart zu stellen: solange das Gesetz in unseren Herzen und Hirnen lebt, solange wir es erfüllen, solange ist dieses Bündnis unversehrt, ist der Doppelschwur unverletzt! Man spricht davon, daß jedes jüdische Fest ein Symbol habe: Pessach die Mazzo, Sukkaus die Hütte und den Feststrauß, Chanukka die Menora, daß Schowuaus .aber deshalb kein Symbol j brauche, ja vertrage, weil das Symbol dieses Fesj tes die Tauroh selbst sei, die ja täglich, stündlich, bei uns und in uns lebt. Das ist gewiß richtig! Und dennoch hat Schowuaus sein Symbol! Im Mögen Awrohom (494, 5) heißt es: „Man pflegt am Schowuaus Bäume in den Synagogen und in den Häusern aufzustellen; mir scheint deshalb, weil am Schowuaus die Baumfrüchte gerichtet werden, so soll der Anblick der Bäume uns zum Gebet für das Gedeihen ihrer Früchte anregen!" Nehmen wir diese Bäume als ein S y m b o 1 unseres Schowuausfestes, der „Zeit unserer Gesetzgebung"! Denken wir daran, daß sie uns daran erinnern sollen, daß am. Schowuaus die Früchte gerichtet werden, vergegenwärtigen wir uns, daß „der Mensch dem Baum des Feldes gleicht" und die Kinder seine edelsten und kostbarsten Früchte sind — und wir verstehen, daß die Bäume in unseren Synagogen und Häusern mehr als dekorativen Sinn haben. Die „Zeit der Gesetzgebung" — das ist die Zeit, wo unsere Früchte gerichtet werden: im; m WgggßKM'W": ii§p«i % Thorastudium über alles. Schewuausbetrachtung von A. Mannheimer in Dettelbach. n^ia Tiia min na^n- Das ist die goldene Achs«, um die sich unser Judentum dreht, unser Volksdasein, jede Gegenwart und Zukunft, d^-d Ttfs nun maVn — das ist der Odem in unserer iNase, das Blut in unseren Adern, die Seele in unserem Körper, der Herzschlag des Judentums, D^i3 1333 m-n na5>n — das ist die Krone aller Pflichten, und mögen sie noch so schön zu einer glänzenden Kette -aneinander gereiht sein, wie im Abschnitt onan iVr unserer täglichen Morgenandaoht. oS>13 U33 min litten — das ist nicht nur Krone, es bildet zugleich die starke Wurzel, die unser gesamtjüdisches Leben mit den nötigen Säften und Kräften versorgt: nährendes 'Brot, Labender Trunk, stärkender Wein, süße Milch, heilendes OeL ein Universalmittel als Arznei, obn 1333 min naS>n — keinen Satz, keine Pflichtforderung halben unsere Weisen b"t so ernst und liebevoll zugleich, so genau und gründlich, so 'allseitig und erschöpfend, so wissenschaftlich und volkstümlich zugleich behandelt. Nicht weniger als 48 Regeln und Punkte trugen sie zusammen, wo es sich tun da« echte und rechte, erfolgreiche und zweckentsprechende Thorastudium handelt. Da wird psychologisch tief geschürft, alle Seelenregungen aufgespürt, die nur irgendwie in den Dienst von imbn mm zu stellen sind: Verstand, Gemüt, Willensvermögen, Auge, Ohr, Mund und Zunge, Lehrer und Schüler in ihrem engen Verhältnis zu einander, kurz alles, was nur in Beziehung zu setzen ist zum Thorastudium, ob fördernd oder störend, sogar Essen, Trinken, Familienleben, Schlaf. Ein Mosaik, das man mit dem liebevoll suchenden Mutterauge in Parallele bringen könnte, das für das zarte Kind immer nur das Beste und Zuträglichste unermüdlich herbeizuschaffen strebt, das tiefer schaut mit seinem durchbohrenden Blick als irgend wer. So hegten und pflegten die Weisen ihren Liebling, ihre Hoffnung, ihr Höchstes: dVis nais min TiaVn, Thorastudium über alles! Einmal klang der Satz wie ein neuer Sinaidonner, wie eine mächtige Fanfare in Israels düstersten Tagen. Die stolze Roma hatte mit brutaler Macht den jüdischen Staat zerschlagen, Jerusalem eingeschlossen, und war im Begriff, das Heiligtum zu zerstören, den Tempel in Schutt und Asche zu legen. Noch ehe •die Endkatasirophe hereingebrochen, stellte mit prophetischem Fernblick Rabbi Jochanan ben Sakkai die Parole auf: Nun gilt es, die Thora zu retten, sie vor allen Dingen und damit Israels fernste Zukunft dVd 1333 nun na^n- Er erbat sich von dem römischen Machthaber die Genehmigung, die Gelehrtenschule in Jabne erhalten zu dürfen. Weiter nichts. Der Römer ahnte nicht, daß die® den Fortbestand des jüdischen Volkes bedeute. Und wie herrlich wirkte sich die Parole aus, in den nächsten Jahrhunderten! Eine Glanzperiode jüdischer Geistesientfaltung zog herauf. Akademien in Palästina und Babylonien, in Tiberias, Sura, Nehardea, .Pumbadia und andern Orten, Tausende von Schülern, großen Meistern, alle unter der Fahne 0^13 T333 min naVn- Ob Palästinenser oder Babylonier, ob Anhänger der Schule Hilles oder des Schammai, ob Halachisten oder Agadisten, ob Tanaim oder Amoraim, unter der gleichen Fahne marschieren alle: Thorastudium über alles! Und die Frucht dieses geistigen Ringkampfes: Mischna und Talmud, Standardwerke, gewaltige Festungen, die bis heute jedem Sturm getrutzt. Doch noch in anderer Art faßt man die obige Parole auf: das Volk, die breiten Massen sind zu versorgen. Thorawissen für alle, Q^13' uaa« Und die Thora: *3» nani. ein Meer. Und das. Volk, durchaus keine homogene Masse. Weiß doch das Kind schon aus der Hagada, daß die Thora selbst vier verschiedene Menschentypen voraussetzt, die individuell zu behandeln sind. Ganz instinktiv suchte man nach Wegen und Methoden, die dem Bedürfnis des Durchschnittsmenschen entgegen kommen. „Mit fünf Jahren zum Bibelstudium, mit zehn'Jahren zur Mischna, mit fünfzehn Jahren zum Talmud" — das dürfte wohl der älteste Lehrplan sein, nach Stoff, Alters- und Schwierigkeitsstufen aufgestellt. Im weiteren Strebe» nach Popularisierung kamen die großen Systematiker, allen voran Rambam, der Tur, Joseph Karo, bis zum Chaje Odom und Kizzur. Nicht jeder kann das Meer des Talmud durchschwimmen, den Hammer des Pilpul schwingen.*) Fertige Bausteine sind zu bieten, ohne« dem Quellenstudium <zu nahe zu treten. Thorawissen für alle, üins 1333. — Wenn uns gesagt wird1, gerade am Wochenfest dieniinn na'ia mit besonderer Freude und besondere/ Andacht zu sprechen, so ist das die logische Parallelezu dem Satze dVis 7333 min ma^n Jeder Vater ■ ein Leh-, *) Man lese die Vorrede des dik «n-.

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