Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1936)
- Date
- 1936-05-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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20. Mai 1936. Oer Israelit Nr. 21 Seite 3 Unsere Interessen in Abessinien. (Fortsetzung von Seite 1.) neuerwachter echtjüdischer Tatkraft in jener großen Zeit des Kampfes und der Arbeit für die heilige jüdische Sache von größtem Interesse ist, ruft Hildesheimer in der ihm eigenen flammenden und herzbezwingenden Art alle jüdischen Kreise zur ffilfsarbeit „für die Htmderttausenden unserer Brüder (man sprach damals noch von einer Viertelmillion Falaschas}, denen im Verlaufe des vielhundertjährigen Golus fast die ganze jüdische Pflichtlehre abhanden gekommen und welche nur 'durch ihr eigenes fortwährendes Bekenntnis ein schwaches Dämmerlicht von ihrer Angehörigkeit zur jüdischen Nationalität manifestieren." Nachdem von H. mit Berufung auf die obenerwähnte Stelle des und die neueren Forschungen des Philologen Luzatto (veröffentlicht im „Archives Israelites" und in einer 1848 erschienenen Broschüre) die volle Angehörigkeit der Falaschas zur jüdischen Gemeinschaft festgestellt wird, werden praktische Vorschläge gemacht über die Art der auszurüstenden Fialaschaexpedition und der dem versprengten jüdischen Stamm zu reichenden Hilfe. Dieser Aufruf wird in einem späteren Artikel des ,,Jeschurun" von der Redaktion unter Wiedergabe interessanter Mitteilungen über die Falaschas aus den Jahrgängen 63 und 64 des „Globus" wärmstens unterstützt und „die Sendung von durch Charakter und Kenntnisse der Aufgabe gewachsenen Männern nach Abessinien gefordert, um aus jüdischem Munde authentische Nachrichten zu erhalten." Warum es nach diesem energischen Anlaufe fast eines halben Jahrhunderts bedurfte, um die erwünschten authentischen Nachrichten über die Juden in Abessinien aus jüdischem Munde zu erhalten, wissen wir nicht. Die Spuren der Aktion verlieren sich und spätere Zeitungsberichte wissen nichts mehr von dem Unternehmen zu erzählen. Die „Alliance Israelite Universelle", 'die, damals noch in der Maienblüte ihrer Jugendjahre, ebenfalls zur Mitarbeit aufgefordert wurde, versprach, alles in ihrer Kraft Stehende" zu tun, „aber — betonte sie — die Gefahren, die aus dem Fanatismus der abessinischen Bevölkerung der Expedition erwachsen würden,1 machen es zur Notwendigkeit, durch die Vermittlung der europäischen Regierungen der jüdischen Falaschamission den nötigen Schutz zu verschaffen." Wir vermuten, daß an diesem „Aber" das ganze Projekt über vier Jahrzehnte hindurch hängen blieb. Da es den Kreisen, die die Idee geboren und denen die Rettung ihrer versprengten Brüder wirklich am Herzen lag, an den nötigen Mitteln zur Ausführung ihres großzügigen Planes gebrach und die damals schon geldmächtige und einflußreiche Alliance ihre Verhandlungen mit den Regierungen scheinbar zu keinem günstigen Abschluß bringen konnte, mußte man die Sache vorerst fallen lassen . . . Unterdessen hatte die Zeit das ihrige getan. 50 "Jahre im Leben eines verstreuten, materiell niedergehaltenen und geistig wehr- und haltlosen Stammes inmitten einer Umgebung von fanatischen Eingeborenen und bekehrungswütigen Missionären sind eine lange Zeit. Und in diesen Jähren des Nichtstuns unsererseits hat die englische Judenmission reiche Ernte gehalten. Heute beläuft sich die Zahl der Falaschas nach der Schätzung Faitlowitchs nur noch auf ca. 5Ö.QÜÖ, Erst um 1910, als die Falaschafrage durch die Veröffentlichungen des Professor Halevy in Paris und die erste Reise seines Schülers, des Dr. F a i 11 o v i t c h, nach Abessinien die jüdische Oeffentlichkeit mächtig zu interessieren begann, besann sich auch die Alliance wieder auf ihr Monopol* Juden zu entdecken, und rüstete eine eigene Falaschäexpedition aus. Sie kam mit 1 e e r e n H ä n d e n zurück, wie nach Zusammenstellung, Reiseroute und Arbeitsprogramm gar nicht anders zu erwarten war. Es war recht gut, daß die Alliance sich noch rechtzeitig von der Sache zurückgezogen und das Terrain anderen überlassen hat, die eher dazu prädestiniert waren, von der Gölusnot der Jahrhunderte abgebrochene jüdische Verbindungen wieder herzustellen. Wir meinen das unter der Oberleitung des Oberrabbiners Dr. Mar g u lies, Florenz gegründete P r o - F a 1 a s c h a - K o m i t e e , in dessen Auftrag; Faitlovitch seine zweite relativ recht erfolgreiche Reise nach Abessinien gemacht und sein äußerst lehrreiches Buch geschrieben hat.*) Was das Profalaschakomitee zu tun gedachte, war: Die Falaschas durch geeignete, in ihrer Sprache gehaltene Schriften über das Wesen der jüdischen Lehre aufzuklären, den nach jüdischem Wissen Schmachtenden die Lebensquellen des Judentums zu erschließen und ihnen das heilige Erbe, dessen sie zu ihrem Leidwesen in schicksalschweren Jahren verlustig gegangen, wiederzugeben, sie zu wappnen und zu stählen, auf daß sie nicht mehr geistig und religiös wehrlos den im Dienste der Mission stehenden frommen Seelenjägern ausgeliefert sind, Schulen unter den Falaschas zu gründen, die den Nachwuchs dem Judentum erhalten, junge Falaschas in jüdischen Zentren Europas so heranzubilden, daß sie später zu Trägem und Verbreitern des jüdischen Geistes unter ihren Stammesgenossen werden. Der Erfolg bis zum Kriege ist n%cht genau bekannt. Man wußte nur so viel, daß die Bewegung in Abessinien selbst einige jugendliche Gruppen unter dem Einflüsse ihrer aus Europa zurückgekehrten Freunde erfaßt hatte, während die Alten mißtrauisch und unzugänglich in ihren Bergen bei ihren alten Riten blieben. Viele sahen in der Profalaschabewegung nur eine Missionstätigkeit in anderer Form. Inzwischen kam der Weltkrieg, der die Völker auseinanderriß und wiederum durcheinanderwarf, der aber bis zum schwarzen Erdstrich am Nil nicht hinreichte. Dem Volke der Abessinier war beschieden, nach zwanzig Jahren ihren eigenen Krieg zu führen oder richtiger zu erdulden und an »hm zu Grunde zu gehen. Vielleicht ist, wenn man die Haltung der Welt und des Völkerbundes sieht, noch gar nicht das allerletzte Wort über Abessinien gesprochen worden. Allein die grundlegende Umwälzung im Leben und in der Rechtsstellung der Juden in den abessinischen iBergen um Gondar herum ist einfach unaufhaltsam. Sie werden) aus ihren dunklen Bergen ans Licht gelockt, auch wenn Abessinien sich ein Minimum von Souveränität unter italienischer Oberhoheit erhält, erst recht aber, wenn es bei der italienischen Annexion bleibt und sie vom italienischen Rechtsleben ganz erfaßt werden. Die italienische Sonrte wird sie so oder so aus ihren Bergverstecken an den Tag bringen. Ob sie gerade den Weg z u uns suchen und finden, das hängt mehr von uns ab, als von ihnen; es hängt von dem Maße ab, wie wir sie suchen und ihnenauf halbem Wege entgegenkommen. Und hier gilt es, historische Fehler nicht zu wiederholen und alte Sünden wieder gut zu machen. Als sich seinerzeit die Alliance Israelite Universelle der befreiten Juden in Nordafrika annahm, wurde dieses Befreiungswerk von der französischen Weltorganisation so gründlich durchgeführt, daß die junge Generation mittels der Schule und der französischen Kultur sich von allen alten jüdischen Traditionen vollkommen befreite. Die italienischen Juden, unter denen sich seit einigen Jahren so etwas wie leises Erwachen bemerkbar macht, haben, beispielsweise in 'Rhodos, besser und jüdischer „kolonisiert". Auch das kann uns noch nicht genügen, wollten wir unserer brüderlichen Pflicht ganz nachkommen. Gewiß, es gibt heute andere jüdische Sorgen, die uns näher liegen. Man muß heute nicht mehr in exotische Länder bis zum Lande „Chawiiah" hinwandern, um Juden in Not zu sehen, um geistig heimatlos gewordene jüdische Kinder zu retten. Einige Kilometer vom Wohnorte entfernt, und es bietet sich uns Arbeit in diesem Sinne genug, aber diese selbstverständliche Arbeit in unserer Umgebung entbindet uns nicht von der Pflicht, auch für die fernen Brüder zu sorgen, bevor es zu spät ist, bevor uns Andere, Unberufene, auf ihre Art dieser Sorge entheben. Wir haben allen Grund, uns zur Eile anzutreiben. Schon hat sich in Jerusalem ein Komitee unter dem Namen ^1*73 gebildet zur Erforschung exotischer Juden, insbesondere auch der Falaschas in Abessinien, mit Männern an der Spitze, die keineswegs dazu berufen sind. Seelengut dem Judentum zuzuführen. Neben dem bewährten Dr. F aitlovitch, der noch nicht einmal die Führung hat, finden wir an erster Stelle der Liste Namen, die uns leider kein Vertrauen in dieser Beziehung einflößen. Wir werden die Falaschas von diesen „'Befreiern" befreien müssen. Es muß ein neues Profalaschakomitee gebildet werden, aber nur unter Auswertung aller Erfahrungen und aller Erfolge des inzwischen organisierten orthodoxen Judentums. Es darf den verschollenen Brüdern durch die ausgeschickten Sendboten nicht die Lehre von Paris und nicht von Rom, auch nicht die nationale Lehre des neuen Palästina gebracht werden. Es muß die alte „Lehre von Zion und das Wort G'ttes von Jerusalem", an denen sie als Volljuden Anteil haben wie wir, an die Falaschas herangetragen werden; es muß ihnen ihr Anteil an der Lehre G'ttes, der ihnen im Wandel der Zeiten verloren ging, wieder gebracht werden, Es geht um einen Akt von HTIX natyn in seiner höchsten und tiefsten Bedeutung. Und haben sich einmal die Dinge so weit konsolidiert, hoffen wir zuversichtlich, daß es ein Leichtes sein wird, die italienische Regierung dafür zu gewinnen, daß alle Wege geebnet werden, auf denen die Juden Abess.iniens zum Judentum der Thora zurückkehren können. Wir meinen, die orthodoxen Instanzen, zu allernächst die Agudas Jisroel, sollen heute schon mit wachem Auge der Entwicklung der Dinge gegenüberstehen. - Woehenrundschau, Allenby. A 11 e n b y und B a 1 f o u r sind die zwei Namen, die mit goldenen Lettern in den Annalen der jüngsten jüdischen Geschichte eingetragen sind. Allenby, der am letzten Freitag im *) „Quer durch Abessinien." Meine zweite Reise zu den Falaschas. Von Dr. Jacques Faitlovitch. Verlag Poppelauer, Berlin- Alter von 75 Jahren gestorben ist, hat 1917 als Oberbefehlshaber der ägyptischen Expeditionsarmee nach langen schweren Kämpfen J e r u - salemfürdieEngländ ererobert?1 und B a 1 f o u r schrieb bald darauf den bekannten Brief an Lord Rothschild, der sozusagen als Urkunde in die Grundmauern des Jüdischen Nationälheimes versenkt wurde. Von Allenby bis Balfour führt ein gerader Weg. Der Jischüw, auch der neue, war schon lange vor dem Kriege da. Vor den Toren Palästinas und Jerusalems kämpften unter den Fahnen Allenbys zahlreiche Juden als Engländer. Darüber hinaus aber a 1 s Juden eine große Formation, genannt die Jüdische Legion. Der Lohn aus der Hand Balfours kam nicht unerwartet und nicht unverdient. Balfours Name wird mit dem Jü-