Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1936)
- Date
- 1936-05-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 20 1936 Der reiche Herr Kauer und der Prophet Elijahu» Eine Pessach-Legende von Ben-Chorin. I. Es war im Jahre 1923, in dem Semael, der Widersacher, von G'tt dem Herrn auf die Erde entsandt worden war, um dort die Menschen mit phantastisoh-anmutenden Zahlen zu versuchen. Semael saß als Trust-König an der Börse und tieb den Dollar in die Höhe, bis er schließlich vier Billionen Papiermank wert war, und er, der finstere Semael, lachte schrill, daß die Stadt Berlin davon widerhallte. Die Pessach-Woche kam. und die Juden Ber-< lins hatten kaum Zeit, ihr genügend Aufmerksamkeit zuzuwenden, so wirbelte sie Semael mit seinen teuflischen Zahlen um und um. Auch Sigmund Kauer war ihnen verfallen. Er saß in seinem Büro und rechnete und rechnete, es wurden zehn- und elfstellige Zahlen, die er in sein Hauptbuch eintrug. Er wuchs gleichsam selbst mit seinem ungeheuren Besitze — welcher in Wahrheit nichts war als ein Haufe buntbedruckten Papiers —, der aber in furchtbarer Weise die Verhältnisse auf den Kopf gestellt batte und nun Sigmund Kauer besaß,. statt daß es umgekehrt gewesen wäre. Die hochheilige Sedernacht begann ihre Schatten über die große Stadt Berlin auszubreiten wie riesige Flügel eines Adlers . . . Sigmund Kauer aber saß noch immer in seinem Büro und rechnete und rechnete. Erst als das Telefon auf dem Schreibtisch schrill klingelte, fuhr er auf. Mechanisch griff er nach dem Hörrohr und als ihm die vorwurfsvolle Stimme seiner Frau ausder Membrane entgegenschlug, wurde er erst der vorgerückten Stunde inne. Frau Erna Kauer beschwerte sich heftig. Ob er denn ganz vergessen hätte, daß heute Abend Pessach sei, fuhr sie ihn unwirsch an. Der Sedertisch sei gedeckt und die Kinder warteten ungeduldig auf den Vater. Sie habe ihn. Sigmund, nach dem G'ttesdienste vor der Synagoge erwartet, aber nun stelle sich heraus, daß er noch immer, so als ob heute ein beliebiger Werktag sei, im Büro säße. Kauer besänftigte seine Frau: die viele Arbeit, sagt eer, ja, das Geschäft ... es ließe ihn -zuweilen an alles andere vergessen, aber sie möge ihm nicht böse sein, sofort werde er ein Taxi besteigen und in 15 Minuten könnte mit dem Seder begonnen werden. „Das verfluchte Geschäft," sagte er ärgerlichvorwurfsvoll zu sich selbst und warf das Hörrohr in die Gabel zurück. Dann ergriff er Hut und Mantel, verließ sein Büro und fuhr eilig nach dem Westen, wo seine .Villa, die er vor einem halben Jahre erworben hatte, inmitten anderer vornehmer Wohnbauten stand. Im selben Augenblicke, da Sigmund Kauer sich erschöpft und abgespannt in das Taxi warf, trat der Prophet Elijahu vor den Thron des Allmächtigen und begann also zu sprechen: „Herr der Welt, lasse auch mich--gleich Semael, dem Finsteren — zur Erde herniedersteigen, auf daß ich Dein Volk Israel tröste, denn es ist heute die Nacht der Hut und des Trostes." Und G'tt, der Herr, entließ in seiner großen Güte den Propheten Elijahu, und jener fuhr herab zur Erde, mitten hinein in die große Stadt Berlin. Der Prophet hatte ein härenes Gewand umgetan und in seiner Rechten trug er den knorigen Stab der Hirten. So schritt er über den Kurfürstendamm und die Haare seines Hauptes und seines Bartes wehten im kühlen Nachtwind. Die orangefarbenen, grasgrünen und purpurblauen Lichtreklamen sah der Prophet und er wunderte sich, daß diese läppischen 'Lichter die ewigen Sterne G'ttes zu überstrahlen vermochten. Eine grellgeschminkte Dame, am Arme eines pomadisierten Eintänzers drehte sich mit papageienhaftem Gelächter nach dem Propheten um. „Kiek* man', den kessen Onkel vom Lande," stieß sie den Eintänzer an. Aber die Dame hatte ein gutes Herz. Sie griff in ihr Handtäschchen und reichte dem Propheten Elijahu ein paar Millionenscheine hin. Elijahu dankte lächelnd und ging weiter durch die große Stadt Berlin, und oft war das Hupen der Autos und das Blöken der Saxophone, das aus den erleuchteten Cafes drang, so laut, daß er den himmlischen Gesang der Cherubim, der ihn sonst auf seinen Erdenfahrten begleitete, kaum mehr vernahm. Als der Prophet in die Grenadierstraße kam, blieb er in einem dunklen Torbogen stehen. Die Straße, in der fast nur Juden wohnten, russische und polnische, die in Kaftanen und Schaftstiefeln, mit langen Schläfenlocken und Bärten umhergingen, war leer und wie ausgestorben. Aber in allen Fenstern brannte Licht und ein Singen und Summen drang durch die geschlossenen Scheiben und hier und dort ward die Haustüre aufgerissen und man lud den alten Mann, der träumend und unbeachtet in seinem Winkel stand, zu Gast. Man rief den Propheten Elijahu, den Votboten des Messias — er komme bald •in unseren Tagen — als Gast zur Tafel. Der Prophet Elijahu war versucht, einer der zahlreichen Einladungen nachzukommen, aber da fiel ihm ein, daß G'tt — er sei gelobt — ihm aufgetragen hatte: „Gehe hin und sieh, was mein ungetreuer Knecht Sigmund Kauer treibt, und führe ihn zu mir zurück." So machte sich der Prophet Elijahu auf und ging nach dem Westen Berlins, bis er an die Villa Sigmund Kauers kam, des reichen Mannes und ungetreuen Knecht G'ttes. Er stand zaghaft vor der Gartentüre und wollte sie schon öffnen, da sah er ein weißes Email-Schildchen, auf dem zu lesen stand: Nur für Herrschaften. Aufgang für Bediente rückwärts. „Ach," sagte der Prophet Elijahu, „ich bin doch nichts als ein Diener des Messias, also muß ich wohl auf der rückwärtigen Treppe um Einlaß bitten." Und er ging um das Haus herum und betrat es von hinten durch den Eingang für Lieferanten und Dienerschaft, denn er war sehr demütig. Sigmund Kauer saß mit seiner Frau und den drei Kindern an dem mit köstlichem Silber und Porzellan bestellten Tisch und sang die Psalmen aus der Hagada. Der Wein funkelte in den Bechern, die Wachskerzen brannten in den getriebenen Leuchtern und der süße Duft der Speisen durchzog den luxuriös ausgestatteten Raum (das Werk eines der ersten Innenarchitekten Berlins). Sigmund iKauer hätte glücklich sein können: G'tt hatte seine Väter — und ihn selbst, wie man weiß — aus Aegypten, aus dem Hause der Knechte geführt — nach Berlin und hatte ihn bedacht mit einer schönen, klugen Frau, die ihn liebte, und mit gesunden, frischen Kindern, die ihn verehrten, und von allem Gute der Erde hatte ihm G'tt — er sei gelobt — gegeben, aber Sigmund Kauer war nicht glücklich. Er wollte mehr haben, immer mehr. Er wollte schon nicht mehr, „es" wollte in ihm. Das Vermögen — wir sagten es schon — besaß ihn, nicht er es. Und so tanzten in seinem Kopfe Zahlen und Aktien und Dividenden, indes seine Lippen Lobpreisungen G'ttes plapperten. „Papa," rief Hermann, Kauers ältester Sohn, der bald Bar-Mizwa werden sollte, „Du hast vergessen, einen Becher Wein für den Propheten Elijahu hinzustellen!" „Ja, wie zerstreut ich doch bin," entschuldigte sich Kauer bei seinem Sohne, goß den silbernen Pokal voll roten Weines und stellte ihn gesondert von den anderen Gläsern für den „symbolischen" Gast, wie er sehr gebildet sagte. Hermann eilte auf den Flur, um die Türe zu öffnen für die Ankunft des Propheten. „Aber Hermann," rief ihm der Vater nach, „was fällt Dir ein? Die Zimmertüre genügt. Was denken denn unsere christlichen Nachbarn, wenn wir mitten in der Nacht die Haustüre öffnen — und schließlich ist es doch auch nur ein Symbol. Also, wie gesagt, die Zimmertüre genügt, Hermann." Hermann aber — wie Kinder sind — beharrte darauf, daß die Haustüre geöffnet werden müsse, denn — wie er naiverweise meinte — müsse der Prophet doch zuerst ins Haus kommen, bevor er das Zimmer betreten könnte. Er war eben noch ein Kind und wußte nicht, was man unter einem Symbol verstand. Kauer lächelte nachsichtig. Er wollte dem •Kinde den Willen lassen. „Na, wenn Du meinst," scherzte er, „dann öffne die Hintertüre, der Prophet Elijahu wird auch «da her einfinden." So kam es, daß Elijahu den Lieferanteneingang zu Sigmund Kauers Villa offen fand. Er schritt die steilen Stufen empor, gelangte durch die Küche, in der Anna, das Dientsmädchen, am Tische eingenickt war, unbemerkt durch den Flur und stand plötzlich hochaufgerichtet im Rahmen der Türe. Er nahm sich sehr unpassend aus in seinem härenen Gewände, den Hirtenstab in der Rechten, und Bart und Haare vom Wind wild zerzaust. Frau Erna stieß einen spitzen Schrei aus, als sie den wunderlichen Fremden, von ihrer Hagada aufschauend, erblickte. Die Kinder starrten ihn mit weitaufgerissenen Augen und Mündern an, nur Kauer, in dessen bleichem, fleischigem Gesicht sein lippenloser Mund sich zu einem ironischen Lächeln kräuselte, hatte Haltung bewahrt. Er stand auf, vergaß nicht das Samtkäppchen abzunehmen, und schritt auf den Fremden im Türrahmen zu. Zwei Sciiritte vor Elijahu blieb er stehen, deutete eine Verbeugung an und sagte: „Kauer! Sie wünschen?" Der Prophet sah lange schweigend auf Herrn Kauer herab, dann begann er, ihn bei seinem hebräischen Namen nennend: „Kennst Du mich nicht, Schmuel Ben Elieser?" Kauer war bei dieser Anrede zurückgeprallt. Zornröte stieg auf in seinem massigen Gesicht. „Was fällt Ihnen ein, Herr? Ich verbitte mir derlei antisemitische Anpöbelungen! Verlassen Sie sofort meine Wohnung, oder ich werde Sie wegen Hausfriedensbruch verhaften lassen." Seine Stimme überschlug sich. Der Prophet Elijahu aber fuhr sehr gütig fort: