Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1936)
- Date
- 1936-05-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite. 6 Nr. 20 Der Israelit 14. Mai 1936 dentums. Es war ergreifend zu hören von der außergewöhnlichen Hingabe und Aufopferung des besten Teiles der jüdischen Jugend, desjenigen, der in den Jeschiwos lernt und dem leider seitens der jüdischen Oeffentlichkeit so wenig Verständnis' entgegengebracht wird. Der zweite Redner, Herr Spitzer, brachte im Namen der lernenden Jugend in erschütternder Weise ihre furchtbare Lage zum Ausdruck. Wenn das jüdische Volk, trotz des Golus und seiner Nöte, jüdisch geblieben ist, so dankt es dies dem ungeheuren Einfluß des Thoralernens in den Jeschiwos. Kein jüdischer Mensch kann tatenlos dabeistehen, wenn Jugend und Jüdischkeit in höchster Gefahr sind! Die verantwortlichen, geistigen Führer Wiens rufen daher alle jüdischen Kreise, ohne Unterschied der Partei, zu einer einheitlichen Aktion, zur Rettung der jüdischen Zukunft! Am naina rav wird bei Krias hathora in ganz Oesterreich geworben werden für jüdische Erziehung, gespendet werden für den jüdischen Rettungsfonds1.' Die Herren Rabbiner Fürst und Babad sprachen über die Bedeutung dieser Pflanzstätten jüdischen Geistes und Lebens. Die Herren Kultusvorsteher Dr. Leo Landau und Dr. Mendel Rosenberg brachten ihre;* olle Sympathie für die Sache zum Ausdruck. Herr Rabbiner Blech sprach von der hohen Verpflichtung des jüdischen Volkes seiner Vergangenheit gegenüber. Es bildete sich aus den erschienenen Vertretern ein großes Aktionskomitee, welches in den nächsten Tagen die Richtlinien für die praktische Arbeit ausarbeiten wird. Zum Schluß fand folgende Resolution einstimmige begeisterte Annahme: Die versammelten Rabbiner und Vertreter der Wiener Tempel- und Bethausvereine beschließen, die Hilfsaktion „Rettet die jüdische Jugend!" zur Unterstützung der thoralernenden Jugend Oesterreichs am Schabbos Parschas Bamidbor, bezw. am zweiten Tag Schwuos, mit ganzer Kraft zu fördern und zu unterstützen! Schweiz. Semestereröfinung in der Jeschiwoh in Montreux. Montreux, 8. Mai. Wiederum hatte sich eine stattliche Anzahl Bachurim des In- und Auslandes in Montreux eingefunden, und am Sonntag, den 26, April, wurde das 19, Semester in der Jeschiwoh feierlich eröffnet. Neben bekantnen Gesichtern sah man auch Neulinge, Jünglinge, die ihr Elternhaus, ihren Freundeskreis verließen, um in Montreux zu „lernen"! Nach dem traditionellen Jeschiwohlied uVtu d'sm nai lapVn Sit? na ili&K begrüßte der Rosch Jeschiwoh, Rabbi Elijahu Botschko, die Gäste und Bachurim mit gewohnter Herzlichkeit und führte sodann u. a. aus: „In dieser unheilverkündenden Zeit muß sich der junge Mensch Kraft und Mut, G'ttvertrauen und Stärke aus dem lebendigen Brunnen der Reinheit und Erhabenheit holen, aus dem schon unsere Ahnen Freude und Vertrauen schöpften. Aber mit dem „Lernen" muß die G'ttesfurcht Schritt halten. Was nützt es, wenn man den Schlüssel zu dem inneren Gemach besitzt, ohne einen solchen für das äußere Tor zu haben? Nur in der Harmonie von mwn iwb und nHT D'»E7. von Theorie und Praxis, von nvyi und vnvi kann man zu einer wahren jüdischen Persönlichkeit auswachsen. Halten wir fest und einig zusammen, stehen wir geschlossen hinter der Lehre unserer heiligen Tradition, damit wir die Schrittmacher und Künder der messianischen Zeit sein können." Der Rosch Jeschiwoh hielt sodann eine große halachische Abhandlung über den ersten Perek des Traktates SP'sa saa» Anschließend brachte Herr Dr. Siegfried Oppen heim er, Frankfurt a. M., seine uneingeschränkte Bewunderung über das Schweizer Thorawerk zum Ausdruck. Bei der darauffolgenden gemütlichen Unterhaltung kamen auch einige Dozenten und Schüler zu Wort, die ihre Verbundenheit zur Thora und Jeschiwoh kundtaten. Allvertraute, liebliche Gesänge klangen auf die Straße hinaus in die kühlklare Abendluft, und es strahlten damit auch in anderem Sinne bunte Lichter auf, die die Nacht erhellten ... Is. Hdf. Polen. Ausiührungsbestimmungen über Fleisch- und Milchgesetze. Warschau, 7. Mai. Wie bekannt wird, soll die Ausführungsverordnung zum S c h ä c h t g e s e t z , die im August ver^ öffentlicht werden wird, auch die Strafen für Ueb'ertretungen des Gesetzes enthalten. Es sollen Höchststrafen bis zu 3000 Zloty oder bis zu drei Moniten Gefängnis für Verletzung des Schächtvgrbotes bzew. Ueberschredtung des zum Schächten zugelassenen Kontingents angedroht werden. Im Amtsblatt der Polnischen Republik ist das seinerzeit mit dem Schächtgesetz gleichzeitig angenommene Milchgesetz veröffentlicht worden. Das Gesetz, das am 6. August in Kraft treten wird, ist nur ein Rahmengesetz, durch das der Landwirtschafts¬ und Handelsminister ermächtigt wird, die entsprechenden Durchführungsbestimmungen zu erlassen. Für jeden mit dem Milchhandel und der Milchverarbeitung zusammenhängenden Betrieb wird eine Anmeldepflicht bei der zuständigen Landwirtschaftskammer angeordnet, die zu prüfen hat, ob der betreffende Betrieb den Anforderungen des Gesetzes entspricht und bejahendenfalls ihn zuläßt, Bei Nichtzulassung muß der Betrieb geschlossen werden. Die Aufsicht über die Milchbetriebe hat ebenfalls die Landwirtschaftskammer. Durch das Milchgesetz wird die Existenz von tausenden jüdischen Familien, die vom Milchhandel leben, bedroht. Ueberfälle auf Juden in Polen. Warschau, 5. Mai. In der Stadt Minsk-Mazowiecki in der Nähe von Warschau wurde um Mitternacht eine Gruppe Juden, die mit dem Zuge aus Warschau eingetroffen waren, von etwa zwanzig Huligans überfallen und mit Eiseristäben und Messern bearbeitet. Drei Juden wurden mit lebensgefährlichen Stichwunden in das Krankenhaus eingeliefert. Einer von ihnen, namens Jankel Z i 1 i c h , wurde nach Warschau überführt, starb aber bald nach einer vorgenommenen Operation. Seine Bestattung fand in Minsk- Mazowiecki im Beisein der jüdischen Sejmabgeordneten Dr. Sommer stein und Rabbiner Rubinstein, statt. Die Polizei verhaftete siebzehn Nationaldemokraten, von denen vier bereits der Teilnahme an dem Ueberfall überführt worden sind. In Brody (Ostgalizien) drangen in der Nacht unerkannt gebliebene Täter in die Wohnung eines Juden ein, erschossen ihn und verwundeten seine Frau und seinen Sohn schwer. Der Woloszyner Jeschiwa-Leiter Jakob Schapiro gestorben. Wilna, 5. Mai. Im Alter von 62 Jahren verstarb in Warschau Rabbi Jakob Schapiro, der hochangesehene Leiter der berühmten Jeschiwa von W o 1 o s z y n , Sohn des alten Woloszyner „Rosch-Jeschiwa" Rabbi Raphael Schapiro V'ST und Enkel des Gaon Rabbi Chajim Woloszyner V"XT- Der Verstorbene galt als einer der größten Talmud-GelehrSbn der heutigen Zeit, Er hinterläßt zahlreiche talmudische Werke. Unter seinen tausenden Schülern bekleiden mehrere Rabbinerämter in verschiedenen Teilen der. Welt. Die Bestattung fand in Woloszyn bei Anwesenheit zahlreicher Rabbiner aus Nah und Fern statt. England. Zusammenschluß der jüdischen Frontsoldaten im British Empire. L o n d o n , 5. Mai. Die in London und in einer Reihe anderer Städte Englands bestehenden Vereinigungen früherer jüdischer Frontsoldaten haben sich unter dem Namen „Verband früherer jüdischer Soldaten des British Empire" zusammengeschlossen und gehen nun daran, alle früheren jüdischen Soldaten in England, den Dominions, den Kolonien und Mandatsländern im Rahmen des Verbandes zu organisieren. An der Spitze des Verbandes stehen Lord Melchett, Oberst J. Levey und Oberst Goldrich. Ziele des Verbandes sind: 1. Schutz der Interessen der früheren jüdischen Soldaten im British Empire; 2. konstruktive Hilfe für die Soldaten; 3. Errichtung eines Denkmails für die gefallenen jüdischen Soldaten; 4. Kampf geigen antijüdische Propaganda, In der jüdischen OeffentKchkeit erwartet man, daß der Verband sehr aktiv sein und eine wichtige Rolle spielen wird. (ITA.} Palästina. Zwischen Streik und Streik in Palästina. Abflauen der kleinen Unruhen. — Englische Truppen aus Aegypten, — Bewaffnung der jüdischen Siedler. — Kein Lag b'omer-Fackelzug. — Der Negus in I Jerusalem. Jerusalem, 10. Mai. I Die Zwischenfälle und Brandstiftungen haben zu Ende der vorletzten Woche so gut wie ganz aufgehört, doch hat der arabische Generalstreik eine I merkliche Verstärkung und Ausbreitung erfahren. Für I den 15. Mai ist der Steuer streik angekündigt. Das Arabische Ntaionalkomitee mutzt alle Propagandamittel aus, um weiter zu hetzen, obwohl seine zwei ersten Führer mitsamt anderen verhaftet sind. Man setzte sogar arabische Frauen in Bewegung, die man zu einer Vereinigung organisierte, welche sich an den König Eduard von England mit Anklagen gegen die Juden wandte. Auch der dritte F r e i t a g ist trotz aller Befürchtungen in voller Ruhe verlaufen. Sollten die Araber mit dem S t <e u e r s t r e i k ernst machen, so ist die Regierung entschlossen, mit allen Machtmitteln dieser Revolte entgegenzutreten, wofür bereits manche Vorzeichen sprechen. Zu ihnen gehört die Tatsache, daß zahlreiche Regierungsämter aus Jaffa nachTelAwiw verlegt wurden. Gewaltigen Eindruck machte die Kunde, daß sich englische Truppen aus Aegypten in Bewegung nach Palästina setzten, deren Einzug in Jerusalem und andere 'Städte Palästinas heute schon erwartet wird. Die Ansprache des High. Commissioner bei dem Empfang der arabischen Führer wird heute veröffentlicht. Sie enthält dringende Mahnungen gegen eine weitere Verschärfung des Streikes und besonders gegen den Plan des Steuerstreikes. Was man bis jetz^ in allen Connmuniques vermißte, nämlich die Ankündigung des Einsetzens der W a f f e.n igewalt, wird in dieser Ansprache ganz eindeutig ausgesprochen. Zu den getroffenen Vorsichtsmaßregeln gehörte wohl auch die Bewaffnungsaktion zum S e1b s t s c h u t z e für die jüdischen Siedlungen. Sowohl im Scharon wie im Emek wurden jüdisch© Siedler von der Polizei mit Waffen versehen. Auch im Grenzgebiete zwischen Jaffa und Tel Awiw wohnende Juden erhielten auf Wunsch Waffen zu ihrem Selbstschutz. Auch wurden verschiedene neue Polizeistationen in jüdischen Siedlungen eingerichtet. Daß die Juden auf der anderen Seite jede Art von Provokation möglichst vermeiden, beweist die Tatsache, daß der bereits traditionelle .Fackelz ug am Lag b'omer am letzten Sonntag auf Veranlassung von Waad leumi sowohl in Jerusalem wie in Tel Awiw und den anderen Städten mit Rücksicht auf die Lage abgesagt wurde. Es ist erfreulich, zu hören, daß bei all den Hemmungen sich die Zahl der jüdischen Einwanderung seit Januar ds. Js. auf über 1 1 000 erhöht hat. Im Monat April sind 3200 Juden in Palästina gelandet. Die Ankunft des Negus von A b e s s i n i e n wird auch im jüdischen Jischuw mit großem Interesse besprochen. Er wurde in Haifa mit königlichen Ehren empfangen, wobei sogar die abessinische Nationalhymne gespielt wurde. Freilich wurde zur gleichen Zeit auf dem daneben stehenden italienischen Dampfer „Carnaro", der aus Anlaß des italienischen Sieges reich beflaggt war, die italienische Hymne gespielt. In Jerusalem wurde der Negus vom Bürgermeister Dr. K h a 1 d d i empfangen. Er nahm Wohnung im König David-Höte 1. Von Juden und Arabern, die die Straßen umsäumten, wurden ihm Ovationen dargebracht. Das arabische Streikkomitee veranlaßte eine Unterbrechung des Streikes, um dem