Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1936)
- Date
- 1936-05-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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14. Mai 1936 Der Israelit -Nr. 20 Seite 3 Erziehung der Eltern? (Fortsetzung von Seite 1.) Aber die Frage ist doch zugleich erlaubt: die Kinder dieser Ehen — welcher Einfluß wird am stärksten auf ihre Entwicklung einwirken, die etwaige Divergenz der Eltern oder nicht vielleicht doch das wuchtige Erlebnis ständigen geistigen Aufbaus in einem — so oder so — willensstarken Lande? Erzieherisch gesprochen:- werden von einer Gemeinschaft, stark im Glauben und im Willen, nicht viel stärkere erzieherische Kräfte, denen sich ja auch die Eltern einordnen werden, auf die Seelen der Kinder wirken, als solche von den Elternindividualitäten, ihren Charaktereigenheiten, ihren Erziehungsfehlern ausgehen? II. Sobald man diese Frage bejaht, wird mit Fug und Recht auf die Wesensqualitäten der Eltern geringerer pädagogischer Wert zu legen sein. Es würde also in diesem — soziologisch betrachtet — „Koloniallande" Palästina nictat so genau darauf ankommen, ob etwa der Vater nervös, die Mutter allzujung, die Eltern etwa leichtsinnig oder egoistisch wären, ob die Kinder zu Trotzreaktionen oder Minderwertigkeitsgefühlen erzogen werden, ob die Natürlichkeit des Verhältnisses zwischen den Familienmitgliedern durch Gewohnheit oder Zwang getrübt ist, welcher geistigen Schicht die Familie angehört usw.? Es würde also das Milieu erzieherisch stärker wirken als die Familie? Es würden also die Erziehungsfehler der Eltern sich nicht mehr in ihren Kindern auswirken? Man könnte sich weiterhin sogar vorstellen, daß dieselben Kinder derselben Eltern im kulturell unbewegteren Milieu der Judenheit Deutschlands viel stärker die Art ihrer Eltern widerspiegeln, als im gegenwärtigen (gegenWartigen!) dynamischen Getriebe Palästinas? Wie lange aber bleibt Palästina dynamisch, bleibt das Land der Väter für die Jugend — Erlebnis? Wie lange wird das Land und die Luft das Menschenmilieu formen? Die Zukunft der noch nicht geborenen Kinder jungpalästinensischer Ehen hängt letzten Endes also doch davon ab, ob die Eltern sich selber ihre pädagogischen Gefahrenmöglichkeiten rechtzeitig so bewußt machen, daß sie von vornherein ihre eigene Entwicklung kontrollieren, ihre Fehler erkennen und korrigieren. Gerade weil sie ihre Ehen unter dem Sterne der Volkszukunft und unter dem Himmel des Heiligen Landes geschlossen haben, müssen sie ihre eigenen Persönlichkeiten von der höchsten Warte nicht nur der Religion, sondern auch der pädagogis c h e n Praxis aus betrachten. Und nicht nur ihre Persönlichkeiten, sondern auch deren Wandlungen! Wird es nämlich einmal sein, daß die jetzige Dynamik Palästinas zu einer gefügten Statik sich konsolidiert und das erzieherisch „heilige" Milieu in den Alltag verfliegt, dann eben — wird es z ti spät dafür sein, daß die Erzieherpersönlichkeiten sich noch selber wandeln! Und daß eine neue Generation trotz der Fehler ihrer Eltern so gut, so gesund, natürlich und glücklich wird, wie es alle Eltern für ihre Kinder wünschen, wie es unser Land braucht! Europa ist nun einmal für uns abgelebt. Also doch — und gerade deswegen für Palästina schon jetzt: Erziehung der Eltern!; *<; -; ü; Wochenrundschau. Von Macdonald zu Malcolm. Der Nachfolger James Maodonalds in dem Amte eines Völkerbund-Hochkommissars für Flüchtlingsbetreuung, Sir Neill Malcolm, ist zur Zeit mit der Vorbereitung einer Konferenz der an der Flüchtlingsfrage interessierten Staaten beschäftigt, die sich mit der Rechtslage der Flüchtlinge und insbesondere ihrer Versorgung mit Ausweispapieren beschäftigen soll. Der neue Hochkommissar hat seine Arbeit insofern unter günstigeren Bedingungen begonnen*, als sein Vorgänger, als er offiziell enger mit dem Völkerbund und seinem Generalsekretariat verknüpft ist, auf der anderen Seite aber ist ihm seine Kompetenz und die Möglichkeit fruchtbarer, wirklich wertvoller Hilfsarbeit durch die ganz unverständliche Auflösung des „Beirats der Organisationen" und durch die Herausnahme aller konsularischen und materiellen Fürsorge für Einzelfälle — mögen es auch die dringendsten und verwikkeltsten sein — aus seinem Arbeitsbereiche bis auf ein Minimum eingeschränkt. Allmählich beginnt man, dies auch in weiteren Kreisen einzusehen und in der europäischen Presse wird auf die Mißlichkeit der Lage in der letzten Zeit mehrfach hingewiesen. Vorerst ist der Hochkommissar an seine Instruktionen gebunden; aber die bevorstehende Konferenz sollte Gelegenheit bieten, die Wirklichkeit und ihre Erfordernisse ins Auge zu fassen und vor allen Dingen, die notwendige Zusammenarbeit zwischen den Organisationen und der amtlichen Instanz wieder herzustellen. In der Isolierung, in der sich der Hochkommissar zur Zeit befindet, kann er unmöglich etwas Praktisches leisten, während andererseits auch die private .Hilfsarbeit des konzentrierenden Mittelpunktes und der Unterstützung des amtlichen Apparates entbehrt. Die Weltkongreß-Frage. Nachdem der englische Board of Deputies und die ihm nahestehenden Körperschaften wie Anglo Jewish Association, Alliance, American Jewish Committee die Teilnahme am Weltkongreß endgültig abgelehnt haben — neuerdings ist auch die ablehnende Haltung der Bne Brith bekannt geworden — wird der Kongreß, falls er im August zusammentritt, ein rein zionistisches Unternehmen sein und nichts weiter bedeuten, als den Versuch, auch dem jüdischen Volke in der ganzen Diaspora die zionistisch-national - jüdische politische Führung aufzuzwingen. Eine Sonderstellung nimmt in der ganzen Kongreßfrage „Agudas J i s r o e 1" ein. Sie Wenn einer unserer Feiertage uns Veranlassung gibt, der Aufgaben und der Leistungen des Keren Hatorah in Deutschland zu gedenken, so ist es das — Schowuausfest — das Fest der Gesetzgebung am Sinai. Denn das Aufgabengebiet des Keren Hatorah ist umschrieben mit den Worten: ,,Erhaltung unseres nationalen Gutes am Sinai". Diese wenigen Worte umschreiben einen Kreis von Aufgaben, der. sich ständig erweitert, gekann als einzige große Volksorganisation neben der zionistischen über die starken, der Kongreßidee naturgemäß günstigen Strömungen unter den Massen des Ostens nicht gleichgültig hinwegsehen. Sie nimmt vielmehr die instinktive, von rationalen Erwägungen unbeeinflußte Sehnsucht der schwer notleidenden Massen nach einem Sprachrohr ihres Leides und nach einer einheitlichen Repräsentanz ihrer wirtschaftlichen und politischen Interessen durchaus nicht leicht. Aber sie hat seit Jahren den Standpunkt vertreten und hält darum unbedingt fest, daß diesem Wunsche weiter Schichten des jüdischen Volkes nur durch eine freie Vereinbarung unter allen vorhandenen großen Organisationen Rechnung getragen werden kann, niemals durch den zwecklosen Lärm von Kongreßwahlen und rednerischen Demonstrationen, die nur neuen Streit und neue Mißverständnisse heraufbeschwören. Sie verwirft den demokratischen Weltkongreß allerdings auch aus — oft hier dargelegten — religiösen Gründen; aber die praktischen Bedenken genügen für sich vollkommen, um die Stellungnahme der „Agudas Jisroel" vorzuzeigen. Wir haben Grund, zu hoffen, daß die agudistischen Bemühungen um die Schaffung einer einheitlichen wirtschaftlich-politischen Interessenvertretung im Augenblick größere Aussicht auf Erfolg in sieh tragen, als es während der letzten Jahre der Fall war. Trügt diese Hoffnung nicht, dann wird der Weltkongreß auf alle Fälle überflüssig. Agudas Jisroel und Jewish Agency. In der östlichen Presse wird über eine Aeußerung des Führers der „Histadruth hoowdim" berichtet, die wie eine erneute Einladung an die Adresse der „Agudas Jisroel" klingt, in die Jewish Agency einzutreten. Ben Gurion sagte, wenn die Kulturarbeit der Jewish Agency das einzige Hindernis für den Eintritt der Agudo bilde, so glaube er, daß es Mittel und Wege gäbe, dieses Hindernis zu beseitigen. Wir sind vorerst wesentlich skeptischer als Ben Gurion. Für ihn persönlich mag die „Kulturarbeit", also Schulwesen und Universität, an Bedeutung hinter den wirtschaftlichen und politischen Aufgaben der Agency stark zurücktreten — führende und maßgebende zionistische Politiker denken darüber anders. Für sie ist die „e inh ei t Ii che, d. h .über die religiöse Wahrheit hinwegsehende nationale Erziehung ein oberstes Dogma und die Verknüpfung dieses Erziehungswerkes mit der Agency ein noli nie tangere. Das wird sich bei' etwaigen weiteren Verhandlungen rasch herausstellen. Die Zeit dürfte kaum schon reif dazu sein, die Jewish Agency zu einem rein wirtschaftlich-politischen Instrument zu machen und sie damit — bei Wahrung der Vorschriften des Thoragesetzes wie Sabbat usw. in der praktischen Arbeit — in der Tat zu befähigen, alle an Erez Jisroel interessierten jüdischen Volkskreise zu repräsentieren. rade in den letzten Jahren, die unsere Jugend gezwungen haben, andere, neue Wege zu suchen. Gerade diese Jahre haben gezeigt, wie lebenswichtig und segensreich der Keren Hatorah für die jüdische Jugend in Deutschland ist. In den ersten 10 Jahren seiner Wirksamkeit hatte sich der Keren Hatorah darauf beschränkt, jüdische Schulen zu gründen, da wo solche fehlten und bereits bestehende zu unterstützen, in ZurSchowuaus-Aktion5696des Keren Hatorah in Deutfchland.